Bart und Bademantel

11./12. August: Erst verschlafe ich einmal gründlich, der gestrige Tag war wohl doch zu anstrengend. Dann aber packe ich zusammen und es geht endlich hinaus aus Helsinki.

So langsam beginnt mir die Fahrradtour ohne Fahrrad Spaß zu machen, ich bekomme schon wieder ein Metro-Ticket zugesteckt und finde mich einige Zeit später im Fernbus nach Lahti wieder. Laut Straßenkarte eine Stadt, die „eine Reise wert“ sein soll. Ich weiß ja nicht, in welchem Lahti die Macher der Shell Generalkarte waren, aber dieses hier kann es nicht gewesen sein. Betonklötze, Malls, Autohäuser, Leerstand. Offenbar war Lahti mal ein großes industrielles Zentrum – damals, vor dem Abschwung. Jetzt sieht es aus wie fast jede andere finnische Stadt, die ich bisher gesehen habe, wie eine Mischung aus Minsk, Chemnitz und irgendetwas frisch bombardierten, sagen wir mal Donezk. Okay, ich übertreibe, aber generell gilt in Finnland bisher: je schöner die Landschaft drumherum, desto hässlicher die Stadt.

Immerhin die beiden monströsen Skisprungschanzen prangen am Bergrücken über der Stadt, dafür ist Lahti ja auch berühmt. Mich hält aber nichts hier, liegt ja nicht mal Schnee, eher sind es an die dreißig Grad. Also weiter nach Osten, und da die Hauptstraße in meine Richtung gerade umgebaut wird und alles andere als tramperfreundlich aussieht, entschließe ich mich, lieber noch einmal zwei Stationen mit der Vorortbahn zu fahren.

Ich steige am Bahnhof von Nastola aus und reibe mir die Augen. Wo ist der Bahnhof? Wo ist die Stadt? Hat hier jemand nur zwei Wartehäuschen an die Bahnstrecke geklatscht? Nun ja, ganz so ist es nicht, aber Nastola ist schon eher ein Dörfchen als eine Stadt. Mir egal, ich will ja kein Nachtleben, ich will einen See, und der ist nur ein paar Straßen weiter. Kurz vor dem öffentlichen Strand begegnet mir ein älterer Herr mit weißem Bart und im Bademantel. Er war wohl gerade seine abendliche Runde im See drehen, macht ein paar Bemerkungen über mein schweres Gepäck und geht dann vergnügt im Bademantel nach Hause – und wer so nicht alt werden will, der soll mir mal was besseres zeigen!

Ich sehe mich jedenfalls in fünfzig Jahren im Bademantel durchs Dorf laufen, auf dem Rückweg vom See. Jetzt aber bin ich erst mal Mitte zwanzig, und statt gleich ins Wasser zu springen, baue ich mein Zelt auf, plantsche kurz eine Runde und mache mir dann ein paar Instantnudeln am Feuer. Die schmecken grauenhaft, wie eine Qualle, die zu lange in Zitronensaft und Chili geschwommen ist, aber das stört mich jetzt auch nicht, ich sitze ja am See.

Am nächsten Morgen regnet es erst einmal recht heftig, was meine Pläne durcheinander wirft. Macht aber nix, während das Zelt trocknet, gehe ich noch einmal eine Runde schwimmen. Nach dem Frühstück packe ich zusammen und stelle mich an die nächste Hauptstraße, um Richtung Kouvola zu trampen. Und warte.

Und warte.

Beim letzten Mal hatte ich offenbar großes Glück, nie lange zu warten. Diesmal ist dem nicht so.

Ich warte.

Tausend Autos kommen vorbei, die Sonne brennt in meinen Nacken, mein Arm mit dem ausgestreckten Daumen wird steif.

Ich warte.

Dann hält ein Auto, ich werde von einem Brasilianer (!) mitgenommen, dem ich klarmachen muss, dass ich nicht persönlich für das 7:1 seiner Mannschaft verantwortlich bin, trotz deutscher  Staatsbürgerschaft. Er erklärt mir, dass alle Finnen immer misstrauisch seien, niemals anhielten und erst recht nie selbst trampen würden. Na prima. Nach ein paar Kilometern lässt er mich an einer richtig beschissenen Stelle wieder raus.

Und ich? Ich warte.

Lieber ein alter Mann mit Bart und Bademantel als ein Tramper in Finnland, denke ich mir, kurz bevor ich doch wieder in den Zug* steige.

*Auf den ich übrigens auch noch eine Stunde warte. Ich hab „Holes“ von Sachar schon fast durch. Wenn es nach dem Urlaub jemand haben will – es ist ziemlich gut!

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2 Kommentare

  1. Vorausgesetzt, alle deine Einträge der letzten Tage sind mittlerweile in diesem Internet gelandet, gibts glaube ich einen klinzekleinen Continuityfehler: Wo ist denn dein Fahrrad?

    Gruß aus Sonnenmainz!

    • Nee, da fehlt noch der erste, den hab ich noch nicht getippt. Long story short, mein Fahrrad ist hoffentlich noch auf dem Hunsrück, wenn keiner es geklaut hat. Gruß aus Sankt Sonnenpetersburg!

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