Ein anderes Universum

14. und 15. August: Was eine Stadt! Fünf Millionen Menschen, Schiffe, Kanäle, Brücken, so viele Autos, Dreck, Busse, Straßenbahnen, so viel Kultur, Paläste, Kirchen, Parks, Museen, Statuen von Zaren und Revolutionären, Cafés, Geschäfte – so viel, so viel, so viel.

Wenn man aus den Wäldern kommt, kommt einem jede Stadt erst mal intensiv vor. Aber Petersburg überwältigt mich. Ein ganz anderes Universum liegt vor mir.

Ich nehme erst mal die Metro zum Hostel, das enorm zentral liegt, und nachdem ich eine Mohnschnecke gefrühstückt und im Hostel eingecheckt habe, muss ich erst ein kurzes Schläfchen halten und meinen Akku wieder aufladen. Dann ist mit die erste Anlaufstation das Haus der Bücher am Newski Prospekt, nur ein paar Meter vom Hostel entfernt. In diesem wunderschönen Jugendstilkaufhaus finde ich tatsächlich eine englische Ausgabe von Schuld und Sühne, die neben meiner Kamera nun mein ständiger Begleiter wird. Immer wieder halte ich in einem Park oder am Newa-Ufer inne und lese ein Kapitel, und so entdecke ich gleichzeitig das neue Petersburg des aufstrebenden Russlands und die alte Kulturstadt zu Zeiten Raskolnikows.

Und eine Kulturstadt ist Sankt Petersburg, auch wenn ich die berühmte Eremitage nur von außen sehe. Hier stehen keine Häuser, hier stehen Paläste! Ich lasse mich treiben, laufe und laufe und sitze im Park und laufe wieder, esse einen Blini am Ständchen, mache tausend Fotos und laufe und laufe. Ohne wirkliches Ziel, einfach meiner Eingebung folgend, und mache dabei meine Entdeckungen.

image

Zwischen Stuck und goldenen Kuppeln darf man natürlich nicht vergessen, dass die Petersburger Innenstadt nicht mit dem großen Rest Russlands zu vergleichen, sondern eben doch ihr eigenes Universum ist. Hier sind alle enorm schick gekleidet, Strechlimos und Geländewagen fahren herum, und Tourismus und Gazprom bringen Wohlstand, sodass man sich die Mondpreise der City leisten kann. Aber nicht weit von hier herrscht Armut. Die wenigen Bettler, die man hier in der Innenstadt sieht, dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass Russland doch in vielen Dingen noch ein rückständiges Land ist, und dass nicht nur Raskolnikow in seiner Dachstube hausen muss, sondern auch viele Petersburger im Jahr 2014 noch in kommunalkas mit Etagenklo leben müssen, weil es kaum bezahlbaren Wohnraum gibt. Ganz zu schweigen von Örtchen wie Primorsk, wo viele Häuser nicht einmal an die Wasserversorgung angeschlossen sind.

IMGP7521

IMGP7704

Abseits der Prachtstraßen sind viele Häuser noch  sanierungsbedürftig, das trägt aber auch den Charme der Stadt bei. So schlendere ich entlang der vielen Kanäle, verbringe viel Zeit auf den großen Prospekten (so nennt man hier die Boulevards) und sehe mir nur ein einziges Museum von innen an, die kunstkamer, in der nicht nur die Akademie der Wissenschaften tagte, sondern in der Peter der Große seine Sammlung an anthropologischen Kuriositäten zusammentrug. Neben allerlei Kleidung, Werkzeug und Waffen verschiedenster Völker sind das auch merk- und fragwürdigste medizinische Präparate. Sie stammen zum größten Teil aus dem Flandern des 18. Jahrhunderts und zeigen alle Abnormalitäten menschlichen Lebens, für die sich der Zar interessierte. In Formaldehyd schwimmen Föten mit zwei Köpfen oder drei Armen, Glieder mit Verwachsungen, siamesische Zwillinge, „Meerjungfrauenkinder“, deren Füße zu einem fischartigen Fortsatz zusammengewachsen sind, dazwischen steht auch mal das Skelett eines Riesenwüchsigen, das Horn eines Einhorns (bzw. natürlich eines Narwals) oder ein ausgestopftes Kalb mit zwei Köpfen. Alles einerseits interessant, andererseits erschütternd, und trotz meiner unwillkürlichen Faszination bin ich auch erleichtert, als ich die Ausstellung wieder verlasse.

Abends ein Bier mit den Leuten aus dem Hostel, und dann falle ich nach so einem Tag in der Großstadt auch wirklich todmüde ins Bett. Sankt Petersburg, du großartige Stadt. Zweieinhalb Tage sind wahrlich nicht genug, um hier alles zu entdecken, aber mich rufen wieder Landstraße und Wälder. До свидания bis zum nächsten Mal!

image

IMGP7572

Werbeanzeigen

1 Kommentar

  1. also, ich hätt dir da auch noch nen echten Klassiker der russischen Literatur empfehlen können, hab ich glaaaub ich mal auf kyrillisch gekauft ;) aber klingt toll, was du schreibst, liebe Grüße in die Wälder, wo du jetzt wahrscheinlich wieder bist!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s