Die Strecke

Die ungefähre Strecke meiner Ostsee-Tramptour. Flug nach Tampere, dann über Helsinki, Lahti, Wiborg, St. Petersburg, Tallinn, Riga, Daugavpils, Vilnius, Kaunas, Klaipeda, Nida, Kaliningrad, Gdansk, Sopot nach Poznan, von wo ich mit dem Bus zurück nach Karlsruhe gefahren bin.

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Summer’s End

Auf den Wiesen Lettgallens sammeln sich die Störche, um sich vor der Reise in den Süden noch einmal satt zu fressen.

Vom Dach der russischen Einreisekontrolle auf der kurischen Nehrung fliegen unzählige Schwalben auf, die sich hier zwischen Land und Meer tummelten.

In Gdańsk, zurück in der  mitteleuropäischen Zeitzone, geht die Sonne schon um kurz vor acht Uhr abends unter.

In Sopot reisen die Sommergäste allmählich ab, die Stadt genießt die letzten warmen Tage, bevor sie in Winterschlaf fällt.

Aber erst als ich in Poznań auf der Dominsel unter rötlich gefärbten Kastanienbäumen spaziere, kommt es mir plötzlich in den Sinn: es ist Herbst geworden. Der Sommer, die Reisezeit ist vorüber. Es wird Zeit, heimzukehren und sich um die Vorräte für den Winter zu kümmern – im übertragenen Sinne. Dieser Sommer endet, diese Reise endet, und ich hatte viel Gelegenheit, mir neue Eindrücke zu verschaffen und mir Gedanken zu machen. Jetzt geht es darum, zu Hause die Früchte des Sommers zu verwerten und einige der neuen Ideen in die Tat umzusetzen.

Im Regen besteige ich spät abends in Poznań den Bus zurück nach Karlsruhe. Kilometer fliegen vorbei, ich schlafe, lese, döse, denke. Berlin, Kassel, Frankfurt.

Die Fächerstadt empfängt mich mit herbstlichem grauem Nieseln. Aber schon als ich in der Straßenbahn die Fahrgäste höre, die sich auf badisch unterhalten, grinse ich wieder. Die letzten Meter bis zur Haustür gleichen dem Zieleinlauf eines Marathons. Gepäck abstellen, Tee aufsetzen, ab auf die Couch. Ich nehme mir noch einmal die ADAC-Straßenkarte Osteuropa/Baltikum vor. Werfe einen ersten Blick auf die über zweitausend Fotos, kümmere mich um die Wäsche, gehe einkaufen. Nach einer Stunde hat mich der Fluss des Alltags wieder, ich bin zurück in der Strömung.

Alles wie zuvor? Ich will es nicht hoffen. Und deshalb nehme ich mir die Gitarre zur Hand und singe noch ein Mal des Lied, welches die letzten Wochen mein ständiger Begleiter war, das ich beim Trampen gesummt und auf Hostel-Gitarren geschrammelt habe:

Ever since my childhood I’ve been scared, I’ve been afraid
Of being trapped by circumstance and staying in one place,
So I always keep a small bag full of clothes carefully stored,
Somewhere secret, somewhere safe and somewhere close to the door.

Manchmal ist, was ich denke, längst schon von anderen formuliert worden.

Der Ausklang

In Sopot beziehe ich ein Bett in einem netten kleinen Häuschen, laufe gleich zum Strand und bummle durch den Badeort. Ich befinde mich im polnischen Cannes, mit Promenaden, Parks und einer langen Mole, die wie eine Brücke weit ins Meer hinein reicht. Die restlichen beiden Tage verlaufen nicht besonders ereignisreich – durchaus von mir gewollt und begrüßt. Abends spielen wir Jenga im Wohnzimmer, wobei polnischer Wodka zum Einsatz kommen, eine spannende Paarung. Dann geht es in einen Club am Strand und später noch in die Stadt, die Nacht wird lang. Am nächsten Morgen frühstücke ich ungeahnte Mengen, danach findet man mich am Strand. Ich liege aber nur träge in der Sonne, lese ein bisschen und strecke ab und zu mal meine Füße ins Wasser. Um wirklich zu schwimmen, ist es mir nicht warm genug, und man sieht auch sonst niemanden im Wasser. Dann noch einmal ausgiebiges Essen, und ich sitze im Intercity Richtung Poznan.

Der Abend verläuft ebenso ereignislos, ich trinke noch ein Bier mit einem Jungen aus Ostpolen, der auf Wohnungssuche ist, um demnächst hier zu studieren, und dann bin ich recht früh im Bett. Die letzten zwei Dosen Bier heben wir uns für den Tag drauf auf.

Ich besehe ausgiebig die Stadt, mit Universität und kaiserlichem Schloss und Altstadt mit Kopfsteinpflastergassen. Alles sehr schön, aber ich habe allmählich genug schöne Städte mit Altstadt und Kopflsteinpflaster gesehen, sodass ein gewisser Overkill-Effekt einsetzt. Immerhin bin ich durch Zufall genau um zwölf Uhr am Marktplatz, sodass ich das berühmte Glockenspiel am Renaissance-Rathaus sowie ein Manöver einiger Ulanen verfolgen kann, die trompetend über den Platz hinauf zum Königsschloss reiten. Später besuche ich das sehenswerte archäologische Museum, das ehemalige jüdische Viertel, tags darauf noch die Zitadelle, die Dominsel, den stadtnahen Stausee sowie das Jugendstilviertel Jeżyce, und dann langt es mir endgültig. Nicht falsch verstehen, ich genieße die Tage in Posen, sehr sogar. Ich bin interessiert, die Stadt ist mir sympathisch, ich schieße unzählige Fotos. Aber ich bin zugleich froh, dass es meine letzte Station ist. Ich freue mich auf mein Bett, meine eigenen vier Wände und darauf, mal einen ganzen Tag lang nichts Neues zu entdecken. Es ist der Reiz des Gewohnten, der erst durch das Rastlose zutage tritt.

Am letzten Tag in Poznan ereignet sich noch, was mittlerweile fast zu einer Tradition meiner Reisen geworden ist – vermutlich hat das Schicksal hier seine Hände im Spiel. Ich habe mal wieder die Gelegenheit, kostenlos ein Konzert zu besuchen, diesmal ist es der Reggae-Musiker Ras Luta, der im Kulturzentrum des Kaiserschlosses mit seiner Band auftritt, und obwohl Texte und Moderationen auf polnisch sind, habe ich eine Menge Spaß. Und auf dem Heimweg durch die dunklen Straßen wird mir wieder bewusst, wie gerne ich doch in Polen bin, der Abschied fällt mir doch etwas schwer, und wenn ich schon nicht bleiben kann, so beschließe ich doch, wiederzukommen.

Antithese polonaise

Königsberg-Effekt, der: eine Form des Reihenfolgen-Effekts. Nach Besuch einer besonders hässlichen Stadt wird die darauffolgende, schöne Stadt überhöht und wirkt so außerordentlich schön wie eine Märchenfilm-Kulisse.

Danzig ist unglaublich schön. Un-glaublich, in dem Sinne, dass ich durch die Gassen der Altstadt laufe und nicht glauben kann, was ich sehe. Meine Güte, diese vielen backsteinernen Bürgerhäuser und Handelskontore, die Kirchen und Tore und das Mottlau-Ufer, die Nähe zum Hafen, zum Meer, die Möwen und der Bernstein. Die Stadt berührt mich, und zwar so fest, dass es beinahe einem Erschlagen gleichkommt.

Ich komme in der Abenddämmerung an, die durch den Wechsel der Zeitzone für mich überraschend früh eingesetzt hat. Nur noch die Spitzen der Türme sind in goldenes Sonnenlicht getaucht. Als ich mir meine Kamera schnappen und zum ersten Streifzug durch die Altstadt aufbrechen kann, ist die Sonne bereits untergegangen. Es folgt diese blaue Stunde zwischen Tag und Nacht mit ihren postkartenähnlichen Ansichten, in der die Lokale und die Straßen voll sind, das Riesenrad schon beleuchtet, in der überall Musik und Gelächter zu hören ist. Und ich finde mich in ihrer Mitte wieder, all das aufsaugend, was ich am Abend zuvor in Kaliningrad vermisst habe.

Es mag auch am soeben von mir erfundenen Königsberg-Effekt liegen, dass Danzig mich so überwältigt. Ich war aber auch nicht darauf vorbereitet, dass die Stadt so herrlich ist. Klar, den dominanten, merkwürdig stumpfen Turm der Marienkirche und das Krantor, die kennt man irgendwie, und nach der Lektüre der Blechtrommel kommen einem viele Bauwerke und topographische Namen seltsam vertraut vor – aber Danzigs Schönheit in Gänze war mir nicht bewusst. Dabei war auch diese Stadt im Krieg zu 80 Prozent zerstört worden, auf der Westerplatte hatte der deutsche Angriff auf Polen bekanntlich begonnen, und an einigen Stellen gerade in der Nordstadt wurde beim Wiederaufbau nicht mit Beton gegeizt. Aber die historische Hansestadt ist auf wunderbare Weise wiederhergestellt und ihr Flair hat den Krieg überlebt – hieran kann man sich in Kaliningrad durchaus mal ein Beispiel nehmen.

Ich stehe auf dem Turm der Marienkirche und atme das Panorama der Stadt ein. Hinter den Kränen beginnt das Meer, dazwischen liegt wie ein überdimensionierter vergoldeter Autoreifen das EM-Stadion. Mottlau und Weichsel schlängeln sich träge entlang der Backsteinbauten, dazwischen Kopfsteinpflaster, Souvenirstände, Touristen. Ab zehn Uhr morgens wird das Bummeln durch die Gassen immer unerträglicher, dann ballen sich die Reisegruppen der Kreuzfahrttouristen. Zeit, in die Vorstadt Oliwa zu fahren, wo ich die Abtei mit Dom und großem Park besichtige – und dann weiter nach Sopot, den Badeort gleich nebenan.

Wo bitte geht es hier nach Königsberg?

Auch wenn die Stadt seit bald siebzig Jahren Kaliningrad heißt und wie geschildert so russisch ist, wie man sie sich nur vorstellen kann – natürlich bin ich insbesondere dort gelandet, um das alte Königsberg zu suchen. Jene Stadt der Hanse und der Professoren, Hauptstadt von Ostpreußen, gegründet im Mittelalter durch den Deutschen Orden, die bis 1945 Deutschlands östlichste Großstadt war.

Und auch wenn die Sowjets die Stadt eher mit der Brechstange wiederaufgebaut haben, es gibt noch einige Überreste. Die geographische Form der Stadt ist noch wie vor fünfhundert Jahren, mit Schlossteich und Pregel und der Insel Kneiphof. Einige backsteinerne Stadttore stehen noch, einige alte Bastionen ebenso. Und auf dem Kneiphof haben sie in den neunziger Jahren den Dom mit dem Grab Immanuel Kants rekonstruiert. Das war es dann aber auch schon. Alles andere haben Krieg und Kreml gründlich beseitigt, die Überreste des Schlosses ließ Breschnew sprengen, um an seiner Stelle das hässlichste Gebäude der Welt zu erbauen. Das Haus des obersten Sowjets am Pregelufer sieht aus wie eine Mischung aus betonenen Jengasteinen und der sprechenden Puppe Furby, dominiert die Umgebung mit seiner brutalen Hässlichkeit und ist bis heute eine Bauruine, weil durch die Sprengung der Boden aufgelockert wurde und den vielen Beton nicht tragen kann. Spötter bezeichnen dies als Rache der Preußen.

Immerhin laufe ich einen Teil der alten Stadtbefestigung ab und besichtige den Dom mit einer Ausstellung über Kant (passt ja auch zu meiner Lektüre). Aber Begeisterung will nicht so recht aufkommen – die Ausstellung beschränkt sich auf einige Devotionalien, statt sich mit der bahnbrechenden Philosophie Kants auseinanderzusetzen, und unweit des Doms erhebt sich neuerdings das Fischerdorf, eine Touristenattraktion im Stil historisierenden Kitsches. Statt das echte Königsberg wiederaufzubauen, wird hier so ein Quatsch hingestellt, nicht originalgetreu rekonstruiert wie der Dom, sondern ein Phantasieprodukt ohne jede Substanz. Was für ein Unsinn.

Und so finde ich mich bald damit ab:  jenes alte Königsberg, die Hansestadt, die alte Stadt der Wissenschaften, des Handels und der Aufklärung ist verschwunden, existiert nicht mehr, ist auch nicht mehr wiederzubeleben. Der Festakt zum siebzigsten Jubiläum des Bombardements, für den Plakate auf dem Domplatz wegen, heißt passenderweise „Requiem“. Und in seiner Endgültigkeit ist dieser Begriff leider treffend.

Back In The USSR

Der Titel dieses Beitrags passt natürlich nur bedingt, ich bin gar nicht in der Sowjetunion. Eine Zeitmaschine ist immer noch nicht konstruiert worden, und so befinde ich mich natürlich im Russland des Jahres 2014, genauer gesagt in der Oblast Kaliningrad, einer russischen Exklave an der Ostsee zwischen Litauen und Polen.

Und doch wirkt mein Aufenthalt zumindest in Teilen wie eine Zeitreise. Einerseits wie eine Zeitreise zwei Wochen zurück, als ich schon einmal in Russland war. Hier bin ich zwar geographisch in Mitteleuropa, die Exklave fühlt sich aber an wie ihr weit entferntes Mutterland. Kein Zweifel, dieser Fleck Erde ist wieder voll und ganz russisch, auch wenn er wie eine Insel mitten in der EU liegt. Selbst mein Fahrer pflegt wieder den bekannten russischen Fahrstil, sobald wir die Grenzkontrolle hinter uns gelassen haben – zum Glück aber auch die bekannte Freundlichkeit gegenüber Trampern. Alle Aufschriften in kyrillischen Buchstaben, die Straßenbahnen in bemitleidenswertem Zustand, viele Geschäfte eher improvisiert wirkend, neben verrottenden Altbauten protzige Hochhäuser und tristeste Plattenbauten, alles ist wieder auf russisch gestellt. Dazu gehört aber auch die ungeheure Hilfsbereitschaft der Menschen, mein Fahrer lässt es sich zum Beispiel nicht nehmen, mich direkt vor dem Hostel abzusetzen.

Zweitens führt die Zeitreise etwa fünfzig Jahre zurück. Kaliningrad wurde im Weltkrieg völlig platt gemacht und dann in der Sowjetunion zu einer Art sozialistischer Musterstadt umgebaut. Breite Prospekte statt mittelalterlicher Gassen, viel viel Beton, oft sanierungsbedürftig, dazu gelegentlich ein roter Stern oder ein Heldendenkmal. Mitunter bin ich mir nicht sicher, welches Jahr wir schreiben. Beispielsweise brauche ich am zweiten Tag mit dem Obus fast eine Stunde, um die Innenstadt zu durchqueren, weil das Ding so unzuverlässig ist (weshalb ich beinahe meine Weiterreise verpasst hätte). Der Lunapark mit seinen in die Jahre gekommenen Fahrgeschäften wirkt dagegen eher rührend, wie aus der Zeit gefallen.

Und drittens übernachte ich in einem sehr netten Hostel, dem John Lennon Hostel. Auch deshalb ist der Titel dieses Beitrags angemessen, schon in den Tagen zuvor hatte ich öfter mal ein paar Beatles-Lieder gesummt, während ich mit ausgestrecktem Daumen an einer Landstraße stand. Hier fühle ich mich gleich wohl, die anderen Gäste sind sehr nett, die Sechzigerjahre wehen durch den Hostelflur, und wegen dieser Gesellschaft wäre ich möglicherweise sogar noch einen Tag länger geblieben, wäre die Stadt nicht so hässlich. Übrigens haben außer mir alle einen russischen Pass, Kaliningrad scheint kein Ziel für westliche Backpacker zu sein. Aber nach so vielen Tagen unter Deutschen, Italienern, Holländern und Australiern hat das durchaus auch seinen Reiz. Und auch wenn die deutsche Presse einen anderen Eindruck vermittelt: es gibt sie, die weltoffenen, etwas alternativ angehauchten Russen, die Peace-and-Love-Slawen, die russischen Epigonen der Beatniks. Denn ebenso wenig, wie alle Deutschen mit der Pickelhaube herum marschieren, sind alle Russen flegelhaft, schießwütig und großmannssüchtig. Bitte merken, Spiegel-online-Kommentatoren!

10 Dinge, die ich in Litauen gelernt habe

1. Die Sprachmelodie des Litauischen ähnelt ein wenig der deutschen – anders kann ich mir es jedenfalls nicht erklären, dass ich ständig glaube, auf der Straße deutsch zu hören.

2. Außer in Nida. Da sind tatsächlich eine Menge Deutsche unterwegs. Die wohnen da allerdings nicht, sondern sind Touristen. Ich hätte nicht gedacht, dass Litauen so ein beliebtes Urlaubsland ist.

3. Ich hätte aber auch nicht gedacht, dass Litauen so ein tolles Urlaubsland ist. Kultur, Geschichte, Nachtleben, Meer, hier gibt es eigentlich alles, außer vielleicht Bergen. Aber Urlaub in Litauen ist doch deutlich attraktiver als erwartet.

4. Das Bier wird von Norden nach Süden immer besser. Aber gut, bald bin ich in Polen, und das ist erfahrungsgemäß sowieso fast das Land mit dem leckersten Bier…

5. Das Internet in Litauen ist unglaublich schnell. 100 % Glasfasernetz, offenbar als einziges Land der Welt.

6. Mitten in Litauen liegt tatsächlich auch das Zentrum Europas, grad an der Landstraße von Utena nach Vilnius. Das haben französische Geographen jedenfalls so berechnet. Also nix mit Osteuropa hier, ich bin im Zentrum!

7. Ich kann mir einfach die Reihenfolge der Streifen in der litauischen Flagge nicht merken. Gelb-grün-rot oder gelb-rot-grün? Verdammt, schon wieder vergessen, die Paprika-Fahne.

8. Basketball ist der ganz ganz große Sport in Litauen, nix mit Fußball. Beim Freundschaftsspiel (!) gegen Slowenien sind alle voll dabei, und abends wird kein Lied lauter mitgesungen als die Eishockey-Hymne.

9. Die Nehrung ist unbeschreiblich schön, tatsächlich ein Wunder der Natur, von dem ich immer noch nicht zu hundert Prozent verstanden habe, wie es entstanden ist.

10. Ich muss wohl wiederkommen, es hat mir einfach zu gut gefallen.

Zum Meer, zum Meer!

An meinem letzten Tag in Kaunas besichtige ich noch das IX. Fort, eine Verteidigungsanlage, die ursprünglich von den Russen vor dem Ersten Weltkrieg erbaut wurde. In den Vierzigern richteten die Nazis hier nach der Eroberung Litauens ein Lager ein. Nicht nur die Juden aus Kaunas und Umgebung, sondern auch Berliner oder Münchner Juden wurden hierher deportiert und innerhalb weniger Tage erschossen. Ich betrachte das Mahnmal und bin fassungslos. Eine innere Stimmung, die sicher auch durch das Äußere dieses Nicht-Ortes hervorgerufen wird; es ist alles grau und regnerisch, ab und an benetzt ein leichter Nieselregen das graue Mahnmal und die zahlreichen Gedenktafeln, selbst die Felder und Bäume wirken merkwürdig grau, der Stacheldraht sowieso, und auf den Wiesen zanken sich die Raben.

Dann stelle ich mich wieder an die Straße, noch immer im Nieselregen, und am Abend bin ich in der Hafenstadt Klaipėda. Sie liegt an der Nordspitze des kurischen Haffs und hieß jahrhundertelang Memel, bevor sie litauisch wurde. Ein Mann, der mich in Kaunas aufliest, erzählt mir auf exzellentem Deutsch seine Geschichte, als er erfährt, woher ich komme. Er sei im Memelland geboren und von den Sowjets wegen seiner deutschen Abstammung als Neunjähriger nach Sibirien deportiert worden. Erst nach langer Zeit habe er zurückkehren können, lebt jetzt in Kaunas und ist auf die Russen noch immer nicht gut zu sprechen. Verständlich.

Klaipėda ist nicht hässlich, aber unspektakulär. Ein paar Boote auf einer Gracht, ein paar alte Straßenzüge, das Theater mit dem Ännchen von Tharau und viele, viele deutsche Inschriften. Aber ich bin nicht deswegen hier, deshalb ziehe ich meine Windjacke an und setze mit der Fähre auf die Kurische Nehrung über. Dieser schmale Streifen Land trennt das Kurische Haff von der Ostsee. Es ist eine unwirtliche Sandbank, fast hundert Kilometer lang und nur wenige Kilometer breit, voller Dünen und lichter Kiefernwälder. Hier beginnt sie und geht bis kurz vor Kaliningrad.

Ich laufe die Nehrung entlang und genieße nach all den Städten die Einsamkeit. Eine endlose Straße führt durch schier endlosen Kiefernwald, sollte man meinen, wüsste man nicht, dass auf beiden Seiten gleich hinter den Dünen das Meer liegt. Später fahre ich mit einem schweizer Pärchen nach Nida, den Hauptort der litauischen Hälfte der Nehrung. In diesem idyllischen Badeort hatte Thomas Mann sein Sommerhaus, auf den Grabsteinen stehen fast nur deutsche Namen, Agnes Miegel verfasste die bekannte Ballade über die Frauen von Nidden (die bis vor einigen Jahren in den meisten Schulbüchern zu finden war, ungeachtet der NS-Vergangenheit der Autorin) – kurzum, ich bin mitten im alten Ostpreußen. Das fühlt sich etwas merkwürdig an, ein bisschen nach lebendig gewordener Geschichte, ein bisschen aber auch wie ein Besuch in einem  untergegangenen Atlantis. Aber daran muss ich mich wohl gewöhnen, schließlich geht es morgen nach Kaliningrad, ins alte Königsberg.

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Zunächst erklimme ich aber den Leuchtturm und dann die zweithöchste Sanddüne Europas, die über fünfzig Meter hoch ist. Von hier aus sieht man auf der einen Seite das Haff und auf der anderen die Ostsee, und hinter dem Tal des Todes, das nur aus Sand besteht, erkennt man auch schon die erste russische Halbinsel. Dann steige ich wieder hinab ins Dorf, treffe im Hostel meinen alten Bekannten Ben aus Kaunas, der in den nächsten Monaten auf dem Landweg heim nach Australien fahren wird, und nach einem ausführlichen Abendessen plaudern wir über Reisepläne und -erfahrungen.

Am nächsten Morgen werde ich wieder einmal von einem Gewitter geweckt, aber nachdem ich gefrühstückt habe, scheint die Sonne wieder. Und so kann ich bei herrlichem Wetter zu Fuß die letzten Kilometer bis zur russischen Grenze zurücklegen. Wieder geht es durch Kiefernwald, und dann bin ich auch schon wieder draußen aus der EU. Die nette litauische Grenzerin hat Sorge, dass die Russen mich ohne Fahrzeug vielleicht nicht passieren lassen, und so organisiert sie mir schnell auf russisch eine Mitfahrgelegenheit bis Kaliningrad. Mein russischer Fahrer lässt es sich nicht nehmen, mich bis zum Hostel zu fahren. Und schneller als ich michs versehe, bin ich Back in the USSR…

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Nächte in Kaunas

Kaunas hat es mir angetan, so sehr sogar, dass ich spontan zwei Tage länger bleibe. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber hier fühle ich mich gleich zuhause. Liegt es am gemütlichen Hostel, an den Freunden, die ich hier gleich finde? An der schicken Altstadt mit Cafés und Parks, mit Burg und Rathaus und Marktplatz? Am großartigen Nachtleben der Studentenstadt? Oder spaziere ich einfach gerne träge am Ufer der Memel entlang, die ebenso träge Richtung Ostsee fließt?

Eigentlich ist die Stadt gar nicht besonders aufregend. Die Altstadt von Vilnius ist viel größer und hat deutlich mehr alte Kirchen, das Nachtleben von Riga war mindestens genauso spannend, in den Parks von Petersburg ließ sich auch gut herumlungern, und nicht einmal das Wetter ist besonders gut. Aber ich fühle mich wohl, mache unzählige Fotos, laufe herum, koche mal wieder richtig gut, verliere beim Tischkicker ständig gegen den Holländer, und abends geht es in die örtlichen Clubs. Nächstes Mal komme ich am besten gleich für zwei Wochen. Litauen, du unterschätztes Urlaubsland!

Gleich am ersten Tag höre ich beim Spaziergang plötzlich einen Kanonenschuss. Ich gehe leicht irritiert in Richtung des Lärms und erlebe dann eine Szene, die mich endgültig für Litauen begeistert (und die meine Erachtens sehr viel verrät). Auf dem Marktplatz, vor dem Rathaus findet eine Feierstunde zum 25. Jubiläum der Baltischen Kette statt. Noch zu Sowjetzeiten bildeten Menschen eine große Menschenkette von Tallinn über Riga bis Vilnius, um für Freiheit zu demonstrieren – die längste Menschenkette der Geschichte. Nun stehen drei Figuren in historischen Uniformen vor dem Rathaus und schießen mit ihrer Kanone Salut. Dann singt eine Sängerin ein Volkslied, und alle Zuseher nehmen sich an den Händen, wiegen sich im Takt und tanzen so langsam um das Rathaus herum. Manche haben die Augen geschlossen, die meisten wedeln mit Fähnchen, aber nicht nur mit der litauischen Trikolore, sondern gleich mit allen drei baltischen Flaggen. Und ich stehe da und staune und bin gerührt – und ich begreife, wie sehr sich die Bewohner dieser drei Staaten als zusammengehörig empfinden. Wie die gemeinsame Geschichte als Spielball der Großmächte sie prägt. Welches Glück sie angesichts der Unabhängigkeit und der Wiederkehr der Freiheit empfinden. Und warum gerade im Baltikum die Angst vor einem neuen Krieg in Europa so groß ist – weil er all das zerstören könnte, was diese tanzende Menschenkette gerade feiert.

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Eintausend Kirchen

21. und 22. August: Hinter der litauischen Grenze wird das trampen schwieriger. Die Stadt Zarasai ist zwar hübsch und zwischen mehreren großen Seen recht idyllisch gelegen, aber es macht trotzdem keinen Spaß, dort eine Stunde an der Landstraße zu stehen. Zumindest habe ich hundert Litas abheben können und summe gut gelaunt irgendwelche Beatles-Songs vor mich hin. Irgendwann komme ich dann auch endlich weiter, zum Glück, denn es ist plötzlich abgekühlt und regnet sogar ein wenig. Und das, nachdem ich beim Aufstehen endlich wieder einen Sommertag erwartet hatte!

Die Landschaft wird zunehmend hügeliger, dazwischen immer mal wieder ein See oder ein Kloster. Schwingt eine sehr fromme Gegend hier zu sein, die Dörfer wirken zwar ärmlich, die Kirchen aber sind groß und prächtig und wirken alle wie frisch gestrichen. So oder so, es handelt sich um eine sehr dünn besiedelte Gegend. Ich frage mich gerade, ob ich versehentlich Richtung Sibirien fahre, da taucht unvermittelt die Skyline von Vilnius vor mir auf. Ich hatte gar nicht erwartet, in eine Stadt zu fahren, die so viele Hochhäuser gen Himmel streckt. Um ehrlich zu sein, weiß ich sowieso nur wenig über Litauen und seine Hauptstadt. Von allen Orten, die ich auf dieser Reise anlaufe, ist dies vielleicht am stärksten terra incognita für mich. Ich hatte Litauisch bisher auch immer für eine slawische Sprache gehalten, habe keine Ahnung, wofür das Land bekannt ist, und mir war auch nicht bewusst, wie nah ich hier kulturell schon an Polen bin.

An Polen erinnert jedenfalls unter anderem die Frömmigkeit, die sich in der Altstadt von Vilnius darin niederschlägt, dass an jeder Ecke eine barocke Kirche steht. An jeder Ecke, ich übertreibe nicht. Ist es keine barocke, dann eben eine gotische oder klassizistische, und wenn schon keine Kirche, dann eben ein Kloster, eine Kapelle oder zumindest ein paar Kreuze. These: es gibt, trotz der engen mittelalterlich-kopfsteinpflasterigen Gassen, keine Stelle in der Altstadt, von der aus man nicht mindestens eine Kirche sieht. Wer mir das Gegenteil beweist, bekommt ein Hops!, das sind die merkwürdigen Quarkriegel, die es hier überall gibt.

Vilnius ist also eine historisch sehr wertvolle Stadt, gibt ja außer den Kirchen auch noch Paläste, Stadtmauer, viele Antiquariate und Cafés sowie den Burgberg mit dem fetten roten Turm, von dem man einen wunderbaren Ausblick hat. Die Stadt erstreckt sich über einen Talkessel und die umliegenden Berge, zwei Flüsse schlängeln sich hindurch, man sieht die Hochhäuser im modernen Finanzzentrum und natürlich Kirchtürme, Kuppeln, Kirchtürme, Kreuze, den Dom, Kirchtürme und Kirchtürme. Wahnsinn, diese Stadt. Selbst das Stadttor um die Ecke von meinem Hostel (das Tor der Morgenröte, was zugegeben etwas nach Fantasy klingt), ist nicht einfach nur ein Stadttor, sondern auch eine bedeutende Pilgerstätte. Und auf dem Weg vom Bahnhof zum Hostel sah ich zum ersten Mal mitten in einer Innenstadt die Ausstellung von Grabmalen eines Steinmetzen, ohne dass irgendwo in der Nähe ein Friedhof wäre.

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Ich bin ja durchaus kulturell und architekturgeschichtlich interessiert, aber das hier ist mir dann doch etwas zu viel. Mehr als zwei Klöster am Tag kann ich mir beim besten Willen nicht ansehen. Nur in die orthodoxe Kirche gehe ich am nächsten Morgen noch. Orthodoxe Kirchen beeindrucken mich immer wieder. Die Ausstattung, die Ikonen, die bärtigen Priester in den langen schwarzen Kutten, der Gesang, das ständige Verneigen und Sichbekreuzigen. Hat einen gewissen Style, wenn man mich fragt. Nach fünf Minuten muss ich aber auch hier wieder einen weihrauchfreien Ort aufsuchen.

Den finde ich schließlich auf dem Balkon meines Hostels, wo ich noch einen letzten Kaffee trinke, etwas lese und die Sonne genieße. So eisig und feucht es gestern auch war, hier in der Sonne ist es heute doch sehr angenehm. Ich blicke auf die große Markthalle, die eher wie ein alter Bahnhof aussieht, und in die Straße voller altehrwürdiger Stadthäuser, hinter denen sich erwartungsgemäß ein Kirchturm erhebt. Ich höre von einmal The Road von Frank Turner, das sich allmählich zum Soundtrack meiner Reise entwickelt – höre ich es doch fast immer, bevor es irgendwo hin weitergeht. In diesem Fall geht es gleich nach Kaunas, die heimliche Hauptstadt, denn ich will dieses merkwürdige Land noch etwas weiter erkunden. Über mir schwebt im blauen Himmel eine einzige weiße Wolke, und ich schwöre, sie hat die Form von Litauen.