Alte Mauern, alte Freunde

Nach dem kurzen Abstecher nach Macau ging es dann endlich weiter zum eigentlichen Ziel meiner Reise: Korea!

Nach einer kurzen und unruhigen Nacht landete ich verdammt früh auf dem gigantischen Flughafen von Incheon, von wo mich ein Schnellbus nach Suwon brachte. Und dort verbrachte ich dann auch den Tag, erst mal mit einem wachen und einem im Halbschlaf noch zuckenden Auge. Was mich antrieb und vom Bett abhielt: das Wiedersehen mit meinem alten Karlsruher Freund und Leidensgenossen Moritz. Zum ersten Mal seit August treffe ich jemanden wieder, mit dem ich schon vor dem Abenteuer China befreundet war – ein großartiges Gefühl!

Mein erster Eindruck von Korea: es ist dann doch viel asiatischer, als ich erwartet habe. Und das ist durchaus ein Lob, es ist keineswegs so steril und durchtechnisiert wie man denken würde, sondern vielmehr eine Art China mit Technik. Das Beste beider Welten, sozusagen. Wir ungebildeten Europäer nehmen Südkorea ja in erster Linie als Herkunftsort unserer Flachbildschirme, Familienvans und Smartphones wahr. Und tun ihm damit fürchterlich Unrecht, handelt es sich doch um eine alte Kulturnation mit langer Geschichte.

Und selbst auf den Straßen einer durchschnittlichen Großstadt wie Suwon wird einem das vor Augen geführt. In erster Linie ist es natürlich die Hwaseong-Festung, ehemaliger (temporärer) Sitz des koreanischen Königreichs, deren beeindruckende Bauwerke über große Teile des Stadtgebiets verteilt sind. Tore, Türme und Stadtmauern sind wiederaufgebaut, natürlich, die japanische Besatzung und der Koreakrieg haben hier leider keinen Stein auf dem anderen gelassen. Doch sie atmen die alte königliche Geschichte, und beim Spazieren auf der Krone der Stadtmauer, auf einem Wall hoch über den modernen Straßen, auf dem die schwarz-roten Banner im Winterwind wehen, fühlt man sich, als könne jederzeit eine Horde daher geritten kommen und mit Pfeil und Bogen attackieren. Man würde die Feuer in den Signaltürmen entzünden, und den weitläufigen königlichen Hof letztlich gegen die Barbaren verteidigen…

Überhaupt, die Gebäude des Palasthofes sind sehr schön, und ihr Stil unterscheidet sich noch einmal deutlich von allen Stilen, die ich in China bisher gesehen habe. Die Dächer sind flacher, die Verzierungen farbenfroher, wir vertrauen dem jahrhundertealten Wunschbaum unsere Wünsche an und spielen ein Spiel, bei dem man Pfeile in Ziele werfen muss, bis es irgendwann zu kalt wird. Zeit für meine erste richtige koreanische Mahlzeit, in einem leicht improvisiert wirkenden Büdchen, das in meiner Vorstellung so viel besser nach China denn ins hochmoderne Korea passen würde. Aber genau deshalb erliege ich dem Charme des Landes hier so schnell: es gibt viel herrlich Unperfektes, die kleinen Essensläden in den Seitengässchen etwa, doch wenn es darauf ankommt (beim Nahverkehr zum Beispiel) kann man sich auf die Perfektion der Koreaner aber durchaus verlassen.

Das Essen war dann übrigens entzückend, danach war ein Mittagsschläfchen fällig, und abends schlugen wir uns die Bäuche nochmal so voll. Aber das war ja alles eh zu erwarten.

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Lanzhou, Las Vegas, Lissabon

Ich habe es geschafft, meinen Flug nach Korea so zu buchen, dass ich einen ganzen Abend Aufenthalt in Macau habe. Yeah! Dieses Ziel stand eh schon lange auf meiner imaginären Liste – Zeit, der ehemaligen portugiesischen Kolonie und heutigen Kasino-Metropole mal einen Besuch abzustatten!

Der merkwürdige Beitragstitel rührt daher, dass mir Macau wie eine Mischung aus drei verschiedenen Städten vorkommt. Einerseits ähneln viele Aspekte einer x-beliebigen Stadt im chinesischen Hinterland. Aus Alliterationsgründen habe ich Lanzhou genannt, es hätte aber auch jede andere sein können. Es gibt chaotischen Verkehr (hier zudem auf der linken Straßenseite), kleine Altäre an den Straßenecken, funktional-hässliche graue Apartmentkästen, bunte improvisierte Märkte und Restaurants, und nicht zuletzt spricht die Bevölkerung ja Kantonesisch. So weit, so Hongkong.

Zugleich ist es aber eine wahnsinnig reiche Stadt, dem Glücksspiel sei dank. Das ist in Festlandchina offiziell nicht erlaubt, weshalb die Reichen und vor allem die Neureichen gerne mal nach Macau kommen, um in einem der vielen Kasinos ihr Geld zu verprassen. Der ikonische Turm des „Grand Lisboa“ erhebt sich wie eine gigantische Blüte über die Altstadt, dazu kommen zig andere Kasinos und Amusements vom Fünf-Sterne-Luxus-Tempel über den Moulin-Rouge-Verschnitt bis zur Kartenspiel-Klitsche. Die großen Namen aus dem echten Las Vegas dürfen natürlich auch nicht fehlen, das hiesige „Venetian“ komplett mit italienischer Gondellandschaft ist sogar dreimal größer als das Original in den Staaten.

Und schließlich empfängt mich schon der Flughafen mit dreisprachiger Beschilderung, chinesisch/kantonesisch, englisch, und – portugiesisch. Auch wenn die Halbinsel seit 1999 wieder zu China gehört und das Portugiesische aus dem täglichen Leben so gut wie verschwunden ist, bleiben doch viele Relikte. Die Gebäude im Kolonialstil, die typischen Kacheln der Altstadt, das Wahrzeichen der Sao-Paolo-Kathedrale, immer wieder fühle ich mich wie zu Hause im guten alten Europa. Besonders hoch oben auf der Festung glaubt man sich nicht in Asien, der Leuchtturm im portugiesischen Stil könnte seine Strahlen genauso gut auf den Atlantik hinaus schicken wie auf den Pazifik.

Und so erlebe ich Macau als eine wilde Mischung, eine laute hektische bunte glitzernde Halbinsel, die gerne ein wenig mit ihrem Reichtum und ihrer Vergangenheit angibt und dabei die perfekte Synthese darstellt zwischen Lanzhou, Las Vegas und Lissabon.

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Oh du fröhliche!

Mein allererstes Weihnachten in der Fremde!

Bisher hat es mich über die Feiertage immer ins gemütliche Elternhaus im Saarland verschlagen, diesmal ist das leider nicht drin. Weihnachten findet in China ausschließlich in Gestalt der Dekoration von Einkaufszentren statt – und da es in Pengshan nicht mal ein solches gibt, geht der Universitätsbetrieb natürlich erst recht weiter.

Wir haben es geschafft, an Heiligabend und dem ersten Weihnachtstag wenigstens nicht unterrichten zu müssen. Leider gibt es am Abend des 24. eine fröhliche „Show“ für alle Studenten, aber ich habe verweigert, dabei auf der Bühne mit einem Lied oder einer Tanzeinlage aufzutreten. Heiligabend ist und bleibt für mich Heiligabend, auch in China. Meinen amerikanischen Kollegen bleibt das nicht erspart. Ich gehe hingegen nur einmal kurz auf die Bühne, um dem Uni-Präsidenten säuerlich grinsend die Hand zu schütteln und mein Geschenk entgegen zu nehmen – eine Heizdecke. Mehr dazu später.

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Danach stürze ich schnell von der Bühne, vollende mein Weihnachtmenü, und wir machen es uns mit ein paar Flaschen Wein in meinem Wohnzimmer gemütlich. Später in der Nacht skype ich noch mit meiner Familie in Altforweiler und Jerusalem, und so ganz schlimm war es dann ja auch gar nicht, das Weihnachten in der Fremde.

Und hinreichend kalt war es auch. Im Gegensatz zu klassischen deutschen Weihnachten findet die Kälte hier nicht nur draußen, sondern auch in der Wohnung statt. Heizungen gibt es nicht. Eine wirklich unangenehme Wohnsituation, weshalb die geschenkte Heizdecke dankend angenommen wird. Ich habe mittlerweile sogar eine im Bett, die ich zum Einschlafen kurz zünde, damit ich nicht mit den Zähnen klappern muss. Hätte nie gedacht, dass mir das vor meinem siebzigsten Geburtstag passiert.

Zurück zu Weihnachten. Häufigste Frage: kommt den Weihnachtsstimmung auf?

Die Antwort: ja doch, tatsächlich. Ich hatte mir schon frühzeitig bei Ikea einen Plastikbaum zugelegt. Ich habe Plätzchen gebacken, sonntags vor Weihnachten die nette Weihnachtsfeier des deutschen Konsulats in Chengdu besucht, mit meinen Studenten Nikoläuse gebastelt, und dann sitzen wir gemütlich auf der Couch schauen Weihnachtsfilme, hören Weihnachtsmusik, schlagen uns den Bauch voll, und auch die Weihnachtsfeier mit meinen Deutschstudenten am 23. war wirklich schön und stimmungsvoll. Mir geht es also gut, darauf nen Bratapfel, und jetzt an alle: Frohe Weihnachten!

Eine Runde Projektarbeit für alle!

Ende November war ich wirklich enorm beschäftigt, das ist auch der Grund, warum ich so lange gebraucht habe, die Mongolei- und Russlanderlebnisse in Blogeinträge umzumünzen. Zu dem ganz normalen Wahnsinn an der Universität kam nämlich die Vorbereitung auf das Bildungsprojekt Anfang Dezember dazu, und so verbrachte ich meine Zeit nicht nur mit Unterrichtsvorbereitungen, sondern auch mit der Betreuung meiner Teilnehmerinnen, der Vorbereitung meines Workshops und so weiter.

Aber am ersten Wochenende im Dezember war es endlich so weit. Zu unglaublich früher Zeit bestieg ich mit fünf meiner Studentinnen in Chengdu einen Zug nach Wuhan, wo wir uns mit Delegationen von acht weiteren südchinesischen Universitäten trafen. Zusammen ging es dann zwei Tage lang um Arbeitsperspektiven nach dem Germanistik-Studium in China. Und all das unter dem vielversprechenden Titel „Mit Deutsch in die Zukunft“.

Ich erlebte dabei nicht nur, welche Herausforderungen die Projektarbeit in einem fremden Land darstellt, sondern vor allem, wie es gelingen kann, dass innerhalb einer großen und heterogenen Gruppe von Studierenden ein gemeinsamer Geist entsteht. Wir schafften es tatsächlich, mit unseren Workshops und durch den Kontakt mit den eingeladenen Alumni einen großen Austausch anzustoßen und die Teilnehmer enorm zu motivieren. Ich bin besonders stolz auf meine Fünfe, die nicht nur großartige Plakate hergestellt haben, sondern auch sonst Feuer und Flamme für das Projekt waren und wunderbare Ideen entwickelt haben. Und ich persönlich hatte auch einigen Spaß, vor allem auch mit den Bosch-Kollegen, die ich hier wiedergesehen habe, Stichwort „Nikolauskonferenz“.

Sonntags nachmittags hatten wir dann noch ein wenig Zeit, uns die Stadt anzusehen. Eine Freundin einer meiner Studentinnen führte uns durch die Gassen von Wuhan, in denen Allerlei Köstlichkeiten angeboten werden, in ein Restaurant mit den berühmten Nudeln und schließlich zum Ufer des Jangtse. Ich sah zum ersten Mal diesen riesigen Strom, der träge dahin floss und sich auch nicht davon irritieren ließ, dass man wegen des üblen Smogs das andere Ufer leider nur erahnen konnte.

Wuhan ist, nebenbei bemerkt, eine riesige und hektische Stadt, auf deren Plätzen und in deren U-Bahnen gigantische Menschenmassen unterwegs sind. Selten habe ich so ein permanentes Gedränge erlebt, und so war ich dann doch auch ein wenig froh, als ich endlich im Schlafwaggon lag, die Anspannung von mir abfiel, ich ein wenig Schlaf aufholen konnte, und wir uns langsam durch die Nacht zurück in unser Provinzstädtchen bewegten.

P.S.: Liebe Keni, danke für die tollen Bilder von der Konferenz!

Wie hundert Sterne

In Pengshan ist nichts los? Tjoah, vielleicht nicht so viel wie in anderen Städten. Aber ab und zu passiert hier auch schon mal was.

In diesem Fall ist es das Neujahrsfest der lokalen Minderheiten, die aus unerfindlichen Gründen weder den normalen Sonnen- noch den chinesischen Mondkalender verwenden, sondern ihren eigenen Kalender. So kommt es, dass hier auch Ende November schon einmal Neujahr gefeiert wird, auch wenn eigentlich kaum Angehörige nationaler Minderheiten wieder der Yi oder der Miao an unserer Uni studieren, wird hier ein großes Fest veranstaltet, mit allem was dazugehört (Fressstände, Verkauf von Krimskrams, Bühne mit tanzenden Studentengruppen).

Aber das Besondere an diesem Fest: es gibt einige große Feuer, um die sogar getanzt wird. Und es gibt die Himmelslaternen.

Sie bestehen aus Reispapier, wiegen nur ein bisschen mehr als nichts und werden mit einem kleinen Stück Esbit befeuert. Wir kaufen auch eine der fliegenden Brandgefahren, schreiben wie alle unsere Wünsche darauf, und zünden dann den Treibsatz. Es dauert nicht lange, und die Luft in der Laterne erwärmt sich so weit, dass sie wie ein Ballon nach oben strebt. Es dauert noch ein paar Minuten, dann hebt die Laterne ab. Langsam steigt sie nach oben, wird von einem leisen Windzug abgetrieben, bis sie unter den hunderten Laternen nicht mehr zu erkennen ist – und nimmt hoffentlich unsere Wünsche mit hinauf …

Kosaken he-he-hebet die Gläser!

Wie schon angedeutet, die Abreise aus Tschita war nicht ganz komplikationsfrei. Es gibt nicht nur keinen Direktflug von Tschita nach Chengdu (Überraschung!), auch einer mit einmal umsteigen ist nicht zu bekommen.

Nach durchfeierter Nacht macht mich Alex sehr früh morgens zum Glück darauf aufmerksam, dass das Taxi zum Flughafen schon auf uns wartet. Ewige Dankbarkeit sei dir gewiss! Ziemlich verballert und übernächtigt checke ich ein und versinke erst mal im Flugzeugsessel. Tu felix russia, wo ein Inlandsflug auch schon mal über sechs Stunden dauern und damit den Schlaf einer kompletten Nacht wettmachen kann!

Als ich wieder aufwache, bin ich in Europa. Zum ersten Mal seit Monaten, und auch nur für eine Stippvisite, aber immerhin. Vom Flughafen Domodedowo geht es in die Stadt, wo Flo schon eine alte Freundin organisiert hat, mit der wir uns treffen. Sie wohnt in Moskau und führt uns ein wenig durch die Stadt.

Moskau / Fremd und geheimnisvoll /
Türme aus rotem Gold / Kalt wie das Eis

Es ist immer wieder ein unwirkliches Gefühl, plötzlich persönlich vor Gebäuden und Landschaften zu stehen, die man schon hunderte Mal in Büchern, im Fernsehen und anderswo gesehen hat. Wir überqueren die Brücke der Moskwa, auf der noch immer Blumen und Fotos unter dem Schnee an den Politiker und Kreml-Kritiker Boris Nemzow erinnern, der hier vor acht Monaten erschossen wurde. Derweil tauchen sie vor uns auf: die Mauern des Kreml!

Moskau / Tor zur Vergangenheit /
Spiegel der Zarenzeit / Rot wie das Blut

Und es tatsächlich merkwürdig, das alles nun mit eigenen Augen zu sehen: der Rote Platz, der Kreml mit Palästen, Mauern und Türmen, die Basiliuskathedrale mit ihren berühmten bunten Kuppeln (die von nahem noch immer so irritierend und Disney-haft wirken wie auf Fotos), das Lenin-Mausoleum, dann schließlich das Kaufhaus GUM, in dem schon für Weihnachten dekoriert wird. Es ist, als hätte vor Jahren einmal ein Zar beschlossen „lasst doch mal alle bedeutenden Gebäude des Landes rund um einen Platz bauen, dann haben die Touristen der Zukunft weniger zu laufen in der Kälte“.

Wir aber laufen weiter, zunächst in ein gemütliches Restaurant im Hipster-Viertel Kitai Gorod, dann durch Parks und über Boulevards. Moskaus Innenstadt bedeckt, trotz der Konzentration der Hauptsehenswürdigkeiten, ein riesiges Gebiet, dessen größter Teil von altehrwürdigen Stadthäusern und netten Straßenzügen eingenommen wird.

Moskau, Moskau / Wirf die Gläser an die Wand /
Russland ist ein schönes Land / Ho ho ho ho ho, hey!

Irgendwann wird es spät, ich breche auf zum Flughafen Scheremetjewo, von wo mein später Flug nach China geht, zurück nach Asien. Aber ich habe den Tag in der größten Stadt Europas sehr genossen. Ab jetzt wieder Stäbchen!

 

Wer übrigens wissen möchte, wie sich Chinesen die russische Hauptstadt vorstellen, dem empfehle ich diesen Link zum Videoportal „Youku“, dessen Name völlig zufällig dem eines großen amerikanischen, in China leider gesperrten Videoportals ähnelt!

Das schöne Ende der Welt

Tschita ist wirklich schön, das muss ich zugeben. Gegenüber des Bahnhofs empfangen uns die goldenen Kuppeln einer orthodoxen Kathedrale. Ein freundlicher Schnee verhüllt die schlimmsten Bausünden der Sowjetzeit. Dagegen steht Lenin strahlend auf dem zentralen Leninplatz, als hätte es die Perestroika nie gegeben.

Auch sonst macht die Hauptstadt der transbaikalischen Region einen lebendigen Eindruck. Wir werden gleich von hilfreichen Studenten umsorgt, das Hotel ist gut und besticht vor allem durch den Saunabereich, die Universität ist gastfreundlich und so arg überheizt, dass die minus zehn Grad draußen beinahe willkommen sind.

Es gibt natürlich ein großes Wiedersehen mit den anderen Bosch-Lektoren, die von ihren zig Standorten hierher angereist sind, und nach dem riesigen Empfangsdinner beginnt die Arbeit. Ich habe ja nicht zum Spaß diese große Reise auf mich genommen, im Gegenteil. Es folgt eine gute Woche voll mit Projektwerkstatt, Schulungen, Austausch, gemeinsamer Planung (unter anderem bezüglich unseres Bildungsprojekts in Wuhan, mehr dazu später), ein spannendes Seminar zu Fundraising, und sehr viel anderer Kleinkram. Am Ende des ganzen bin ich ebenso euphorisch wie erschlagen, eine spannendes Gefühl. Es fühlt sich an, wie auf der Couch zu liegen und grinsen zu wollen, aber zu müde dazu zu sein…

Natürlich ist die Woche auch nicht ausschließlich Arbeit, abends ist auch mal Zeit für ein Bier oder zwei (bei dem wir uns aber meistens weiter über die Arbeit unterhalten), und es gibt auch den grandiosen Ausflugs-Nachmittag. Hier haben meine Tschitaer Kollegin Frieda und ihre Studierenden grandioses auf die Beine gestellt. Zunächst besuchen wir den örtlichen Datsan, also ein buddhistisches Heiligtum. Anschließend gibt es mehrere örtliche Workshops zur lokalen Kultur, und ich habe gigantischen Spaß daran, den burjatischen Kehlkopfgesang zu lernen. Irgendwann tut zwar mein Hals weh, aber ich schaffe es wirklich, die Mantras in dieser eigentümlichen Stimmlage zu brummeln – und mein Zimmerkollege Peter und ich unterhalten uns noch eine ganze Weile weiter im Kehlkopfstyle.

Man erinnere sich, ich bin dienstags gleich nach dem Unterricht aufgebrochen und sonntags nachmittags erst in Tschita angekommen, und die Abreise wird ähnlich kompliziert – aber Tschita ist tatsächlich das schöne Ende der Welt!

Kilometer 6.023

Im Zug 008HA befinden sich schon acht Freunde von mir, Boschlektoren aus anderen Städten in Zentralasien oder China. Sie sind schon gestern in Irkutsk oder noch früher in Nowosibirsk zugestiegen. Aber es ist vier Uhr in der Nacht, an ein großes Wiedersehen ist nicht zu denken. Im Gegenteil, ich verkrieche mich gleich in meine Koje, ohne überhaupt das Licht anzuschalten, und schlafe noch eine Runde.

Aber dann endlich beginnt das Abenteuer Transsib so wirklich. Wir treffen uns im Gang vor den Abteiltüren und bestaunen erst einmal gemeinsam die Landschaft, die draußen vorbeizieht. Hügel, Tundra, Schnee so weit das Auge reicht. Der Zug legt sich in eine sanfte Kurve, ein gefrorener Fluss zieht vorbei. Dann wieder Ebenen, Hügel, ein paar Bäume, Schnee. Es dauert 30 Minuten, bis wir den ersten Menschen entdecken.

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Dann erst mal eine Runde in den Speisewagen, der noch den wunderbaren Charme der Sowjetzeit versprüht. Immerhin bekommen wir von den hilfreichen Damen in Plastikmützen unseren Kasha und Tee und verbringen erst einmal viel Zeit in diesem Teil des Zuges. Zurück in den Abteilen erwartet uns gleich noch ein zweites Frühstück, und während wir Standort-Anekdoten und Reisegeschichten austauschen, zieht draußen weiter Sibirien an uns vorbei. Ich habe die Kamera weiterhin griffbereit, aber sonderlich spektakulär ist die Landschaft eigentlich nicht, das Panorama ist wunderschön, hat sich aber auch nach hundert Kilometern noch nicht so arg verändert. Anzahl der Menschen draußen bisher: zwei.

Wir sitzen übrigens drinnen im T-Shirt in den Stockbetten. Während draußen alles grau, weiß, hellblau ist, werden die Abteile beheizt wie anderswo die Saunen. Also eine sehr gemütliche Reise, deshalb bin ich schon fast etwas traurig, als sich nachmittags draußen Tschita am Horizont abzeichnet, unser endgültiges Ziel. Schnell die Sachen zusammen raffen und ab in unsere warme Kleidung, gleich stehen wir wieder in Sibirien. Anzahl der Menschen draußen bisher: fünf.

Der Bahnhof von Tschita ist beinahe die einzige Berechtigung für die Existenz der Stadt, außer der Tatsache, dass sie früher ein wunderbares Ziel für Verbannungen darstellte. Er liegt schließlich weit von Moskau entfernt. Auf Kilometer 6.023 der Transsibirischen Eisenbahn.

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Sooo einen Kopf!

Als ich in Ulan-Ude aus dem mongolischen Zug steige, ist es bitterkalt und noch dunkel. Morgens sieben Uhr, ich stehe mitten in Sibirien und habe in der Nacht kaum geschlafen. Das Rattern des Zuges, die stundenlange Grenzkontrolle, die ständige Angst, meinen Ausstieg zu nachtschlafender Zeit zu verpassen.

Also verbringe ich erst einmal zwei Stunden im halb-wachen, halb-schlafenden Zustand in der Empfangshalle des Bahnhofs, dann erst durchschreite ich die Tür, die „Richtung Stadt“ verkündet.

Ulan-Ude ist die Hauptstadt der Teilrepublik Burjatien und eines der wenigen Zentren der Region jenseits des Baikalsees. Bis Moskau sind es von hier aus noch 4.400 Kilometer. Außerdem ist die Stadt gerade völlig vereist, und bei jedem Schritt werden meine Füße kälter. Ich wärme mich bei ohrenbetäubender russischer Popmusik im einzigen Café, das schon geöffnet hat. Es wirkt eher wie die russische Variante eines Diners, aber dafür kostet der Kaffee nur dreißig Cent, und ich kann einfach mal ein paar Seiten lesen.

Irgendwann geht mir die laute Musik doch auf die Nerven, und ich mache mich wieder auf in die Kälte. Sie schneidet mir schon nach wenigen Schritten wieder ins Gesicht, wie angenehm erscheint mir schon jetzt im Rückblick Ulaanbaatar. Gleich gegenüber des Cafés befindet sich das Wahrzeichen der Stadt – ein sieben Meter hoher Lenin-Kopf.

Stumm überblickt die größte Portraitbüste der Welt den Platz, auf dem gerade nicht viel los ist. Irgendwer hat ein paar Stofftiere zum Gedenken an die Opfer des Metrojet-Absturzes vor ein paar Tagen zu den Füßen des Revolutionsführers drapiert. Lenin schweigt auch dazu. Der Eiswind pfeift darüber. Wer hier unterwegs ist, beeilt sich, wieder ins Warme zu kommen. Ich schließe mich an, ein paar Kraftklub-Songs summend.

Mein Hotel entpuppt sich als erstes Haus am Platze. Das Zimmer ist okay und angenehm warm, ich lasse mir ein Bad ein und schaue einen Film, bevor ich wieder bereit für Entdeckungstouren bin. Dann führt mich ein ausgedehnter Spaziergang zunächst zum Theaterplatz, dann hinunter zum Ufer der beiden Flüsse Selenga und Uda.

Beide sind natürlich zugefroren, Eisangler laufen darauf herum. An den Iglu-Zelten erkennt man, wo sie ein Loch in den Panzer gehackt haben. Ein paar Kormorane, dazu am Horizont die Schornsteine der Industriekomplexe, die ungesund dicke Rauchwolken ausstoßen. Mehr bewegt sich nicht. Die winterliche Szenerie vor meinen Augen scheint ganz erstarrt zu sein. Dafür bietet die früh untergehende Sonne mit ihrem goldenen Glanz großartige Fotomotive.

Nicht erstarrt, aber ebenso fotogen ist auch die Siedlung aus Holzhäusern, durch die ich als nächstes laufe. Kinder spielen mit ihrem Schlitten, ein Jugendlicher holt Wasser am Dorfbrunnen. Der Wohlstand ist hier noch nicht groß, in dieser unwirtlichen Gegend, daran ändern auch die wenigen Industriekomplexe nichts. Sie sorgen allerdings für enorm schlechte Luft hier. Es wird außerdem immer dunkler und damit auch wieder kälter und kälter. Ich laufe noch ein wenig durch die Innenstadt, esse eine miserable Pizza und trinke lesen einen Milchkaffee in einem netten kleinen Café. Dann gehe ich früh zu Bett. Dort ist es warm, und außerdem muss ich am nächsten Morgen zu einer sehr unchristlichen Zeit am Bahnhof sein. Aber wer ein Ticket für die Transsib hat, beklagt sich darüber wirklich nicht!

Dieser Blick aus dem Fenster

Pünktlich finde ich mich auf dem Bahnhof von Ulaanbaatar ein, der ganz schön weit von der Innenstadt entfernt liegt. Leider bemerke ich das erst, als ich schon eine Zeit lang zwischen Ausfallstraße und Schienen marschiert bin – aber was soll’s, ich bin ja hier, weil ich das Abenteuer suche.

Das Abenteuer hört in diesem Fall auf den Namen „Transmongolische Eisenbahn“. Wessen Fernwehdrüse beim Klang dieses Namens nicht eine Ladung Endorphin ausschüttet, der sollte sich untersuchen lassen.

Ich jedenfalls bin voller Fernweh und voller Endorphin, schon seit ich vor ein paar Tagen von zwei zwielichtigen Herren das Ticket erworben habe. Nun klettere ich endlich an Bord jenes rot-blauen Zuges mit der verheißungsvollen Aufschrift Улаанбаатар – Москва. Ganz recht, Nonstop bis Moskau geht die Reise dieses Zuges.

Innen ist er deutlich moderner, als ich gedachte hatte. Die provodniza (die für den Waggon zuständige Schaffnerin) heißt mich freundlich auf Mongolisch willkommen. Die Abteile sind hoffnungslos überheizt. Dafür sind die Betten gemütlich, die Fenster nach draußen groß, und im Abteil begrüßt mich die Psychologiestudentin Shirley aus Sydney. Sie hat gerade ein paar Wochen Freiwilligenarbeit in der Mongolei absolviert und fährt nun den ganzen Weg bis Moskau mit, um von dort weiter nach Deutschland zu reisen. Kurz darauf stoßen noch Tina und Matt aus Amerika zu uns, die gerade zwei Jahre lang als Englischlehrer in Japan gearbeitet haben und nun entschlossen sind, weitestgehend auf dem Landweg nach Hause zurückzukehren. Wir mutmaßen, dass die Schaffner uns bewusst zusammen in ein Abteil gesteckt haben, wir scheinen jedenfalls die einzigen westlichen Touristen im Zug zu sein. Kurze Konversation, dann geht ein Ruck durch den Zug.

Wir fahren!

Langsam zieht das Bahnhofsgebäude von Ulaanbaatar vorbei, dann Industriebrachen und Jurtenslums – und ehe wir es uns versehen, sind wir schon draußen in der Steppe. Die Landschaft leert sich in enormen Tempo, während der Zug gemütlich dahin zieht. Wo eben noch Zäune und Jurten waren, sind schnell nur noch Wiesen und Hügel, ein paar Schneeflecken und Telegrafenmasten.

Ab und zu sind ein paar Pferde zu sehen, dann und wann eine Jurte. Einen Bahnhof bekommen wir kaum zu Gesicht, dafür ist die Gegend zu dünn besiedelt. Aber wenn, dann steht eine propere Stationsvorsteherin in ihrer schicken Uniform stramm und achtet darauf, dass der Zug korrekt vorbeifährt. Gehalten wird nicht, für wen auch?

Ab und zu flackert ein Gespräch zwischen uns auf, der Form halber halte ich auch ein Buch in den Händen, doch die meiste Zeit schaue ich einfach aus dem Fenster. Die karge Landschaft zieht mich völlig in ihren Bann. Die Leere und Unberührtheit, die beinahe völlige Abwesenheit menschlichen Lebens. Die Schneeflecken und die zugefrorenen Bäche und Flüsse. Die seltenen Ansiedlungen mit ihren Jurten und Hallen, Geländewagen und Pferdekoppeln. Die sanft geschwungenen Hügel und Täler. Wenn der Zug um eine langgestreckte Kurve fährt, versuche ich einen Blick auf die Lokomotive zu erhaschen. Den Rest der Zeit blicke ich stur nach draußen, meine Augen spielen mit den Telegrafenmasten und der Horizontlinie.

Umso mehr bedaure ich es, dass diese Linie langsam verschwimmt und die Dunkelheit über der Steppe hereinbricht. Immer weniger Konturen sind zu sehen, und bald herrscht hinter dem Fenster schwärzeste Nacht. Keine Lichter sind zu sehen. Wir teilen uns unsere mitgebrachten Vorräte, und irgendwann liege ich dann tatsächlich lesend auf meiner Pritsche. Die Hitze im Abteil macht es mir fast unmöglich, zu schlafen. Die Räder rattern auf den Schienen. Ich verfalle in einen Dämmerzustand, den ich auch während der stundenlangen Kontrolle an der russischen Grenze kaum verlasse.

Erst als ich am nächsten Morgen um sieben in der Frühe am Bahnhof von Ulan-Ude in der Kälte stehe, komme ich wieder zu mir. Ich bin um einen Stempel im Pass und um ein Abenteuer reicher. Und mit der Transsibirischen Eisenbahn wartet gleich das nächste!

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