Lanzhou, Las Vegas, Lissabon

Ich habe es geschafft, meinen Flug nach Korea so zu buchen, dass ich einen ganzen Abend Aufenthalt in Macau habe. Yeah! Dieses Ziel stand eh schon lange auf meiner imaginären Liste – Zeit, der ehemaligen portugiesischen Kolonie und heutigen Kasino-Metropole mal einen Besuch abzustatten!

Der merkwürdige Beitragstitel rührt daher, dass mir Macau wie eine Mischung aus drei verschiedenen Städten vorkommt. Einerseits ähneln viele Aspekte einer x-beliebigen Stadt im chinesischen Hinterland. Aus Alliterationsgründen habe ich Lanzhou genannt, es hätte aber auch jede andere sein können. Es gibt chaotischen Verkehr (hier zudem auf der linken Straßenseite), kleine Altäre an den Straßenecken, funktional-hässliche graue Apartmentkästen, bunte improvisierte Märkte und Restaurants, und nicht zuletzt spricht die Bevölkerung ja Kantonesisch. So weit, so Hongkong.

Zugleich ist es aber eine wahnsinnig reiche Stadt, dem Glücksspiel sei dank. Das ist in Festlandchina offiziell nicht erlaubt, weshalb die Reichen und vor allem die Neureichen gerne mal nach Macau kommen, um in einem der vielen Kasinos ihr Geld zu verprassen. Der ikonische Turm des „Grand Lisboa“ erhebt sich wie eine gigantische Blüte über die Altstadt, dazu kommen zig andere Kasinos und Amusements vom Fünf-Sterne-Luxus-Tempel über den Moulin-Rouge-Verschnitt bis zur Kartenspiel-Klitsche. Die großen Namen aus dem echten Las Vegas dürfen natürlich auch nicht fehlen, das hiesige „Venetian“ komplett mit italienischer Gondellandschaft ist sogar dreimal größer als das Original in den Staaten.

Und schließlich empfängt mich schon der Flughafen mit dreisprachiger Beschilderung, chinesisch/kantonesisch, englisch, und – portugiesisch. Auch wenn die Halbinsel seit 1999 wieder zu China gehört und das Portugiesische aus dem täglichen Leben so gut wie verschwunden ist, bleiben doch viele Relikte. Die Gebäude im Kolonialstil, die typischen Kacheln der Altstadt, das Wahrzeichen der Sao-Paolo-Kathedrale, immer wieder fühle ich mich wie zu Hause im guten alten Europa. Besonders hoch oben auf der Festung glaubt man sich nicht in Asien, der Leuchtturm im portugiesischen Stil könnte seine Strahlen genauso gut auf den Atlantik hinaus schicken wie auf den Pazifik.

Und so erlebe ich Macau als eine wilde Mischung, eine laute hektische bunte glitzernde Halbinsel, die gerne ein wenig mit ihrem Reichtum und ihrer Vergangenheit angibt und dabei die perfekte Synthese darstellt zwischen Lanzhou, Las Vegas und Lissabon.

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Blumenkränze, Drachenschwänze

Zwei Studentinnen hatten mich aufgefordert, mit ihnen am Freitag Nachmittag nach Huanglongxi zu fahren. Von diesem Ort hatte ich sowieso schon gehört und willigte gleich ein.

Also quetschten wir uns für eine halbe Stunde in einen sehr klapprigen kleinen Bus und holperten über die Pisten des ländlichen Sichuan, bis wir schließlich in 黄龙溪 ankamen. Das heißt übersetzt „Gelber-Drachen-Bach“, und tatsächlich schwingt sich aus dem kleinen Bach, der durch das malerische Örtchen fließt, der Schwanz eines großen Flussdrachen. Zwar nur aus Sandstein, dennoch bringt es Glück, ihn zu berühren.

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Der Ort liegt an der Mündung besagten Baches in den großen Jin-Fluss. Es gibt Furten und Brücken und Brunnen und Bootsanleger und in der Ortsmitte sogar einen Wasserfall. Viele alte Häuser säumen die Straßen, in ihnen Restaurants, kleine Geschäfte und Boutiquen, Teehäuser, Souvenirläden und immer wieder Süßigkeiten. Wir probieren uns durch die örtlichen Kalorienbomben, darunter feines Gespinst aus Sojamilch und Zucker, eine Art hauchdünner weißer Nougat aus Walnüssen, buntes Eis mit darin eingefrorenen Früchten, zuckersüße Mandarinen aus dem Garten und kleine Muschelwaffeln, die ein alter Chinese an einem mechanischen Monstrum aus Gusseisen am Fließband bäckt.

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Außerdem gibt es getrockneten eingelegten Fisch und unfassbar scharfe Pilze und natürlich die lokale Spezialität: eine Nudel.

Ja, ganz richtig, ich esse eine (!) Nudel. Sie ist etwa so dick wie Makkaroni und so lang, dass in meiner Schüssel tatsächlich nur eine Nudel Platz findet. Das schmeckt durch die scharfe Sojasoße sehr lecker, soll natürlich zu einem langen Leben verhelfen und führt überdies zu lustigen Susi-und-Strolch-Szenen beim Nudelschlürfen. Man kann auch den Nudelziehern bei ihrer Arbeit zuschauen, wie sie einen Klumpen Nudelteig ruckzuck in einen Kilometer Nudel verwandeln und diese mit wellenförmigen Armbewegungen in einen Kessel kochendes Wasser bewegen.

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Und schließlich kaufen junge und ältere Frauen und auch einige Männer, die den Ort besuchen, den Straßenverkäufern ihre bunten Blumenkränze und -ketten ab. Wenn Menschen mit Blumenkränzen auf dem Kopf durch die Gassen streifen, bekommt jeder Ort ein gewisses San-Francisco-1968-Flair.

Überhaupt ist man hier sehr auf die Touristen eingestellt, aber zugleich sehr entspannt. Es gibt wirklich schöne Läden und auch eine Art Galerie, die mich sehr anspricht. Später lassen wir uns in einem Teehaus am Flussufer nieder, betrachten die Gleitschirmflieger, gießen immer wieder heißes Wasser auf unseren grünen Tee nach und spielen ein bisschen Karten.

Zwischendurch lässt sich Schanmomo von einem geschickten alten Mann für ein paar Yuan die Ohren putzen. Dieses alte Handwerk probiere ich lieber nicht aus, sondern schaue aus sicherem Abstand zu und esse lieber noch ein bisschen Süßkram.

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Und nicht zuletzt sind es die kleinen Beobachtungen, deretwegen ich so gerne durch chinesische Städte streife und die mich auch in Huanglongxi wieder faszinieren. Der Alte, der mit seinem Joch das frische Gemüse zum Markt bringt. Die Müllwerkerin, die sich unter dem Vordach einer Pagode ein Nickerchen gönnt. Die Kinder, die staunend dem Nudelkoch zuschauen. Die Katze, die irritiert eine Schildkröte begutachtet und sich nicht ganz sicher zu sein scheint, wie sie damit umzugehen hat. Die roten Lampions, die an Pagoden, Masten, Brücken und über dem Fluss schaukeln.

Und ich habe schon beschlossen: ich werde alle meine Besucher ins pittoreske Huanglongxi schleifen!

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Antithese polonaise

Königsberg-Effekt, der: eine Form des Reihenfolgen-Effekts. Nach Besuch einer besonders hässlichen Stadt wird die darauffolgende, schöne Stadt überhöht und wirkt so außerordentlich schön wie eine Märchenfilm-Kulisse.

Danzig ist unglaublich schön. Un-glaublich, in dem Sinne, dass ich durch die Gassen der Altstadt laufe und nicht glauben kann, was ich sehe. Meine Güte, diese vielen backsteinernen Bürgerhäuser und Handelskontore, die Kirchen und Tore und das Mottlau-Ufer, die Nähe zum Hafen, zum Meer, die Möwen und der Bernstein. Die Stadt berührt mich, und zwar so fest, dass es beinahe einem Erschlagen gleichkommt.

Ich komme in der Abenddämmerung an, die durch den Wechsel der Zeitzone für mich überraschend früh eingesetzt hat. Nur noch die Spitzen der Türme sind in goldenes Sonnenlicht getaucht. Als ich mir meine Kamera schnappen und zum ersten Streifzug durch die Altstadt aufbrechen kann, ist die Sonne bereits untergegangen. Es folgt diese blaue Stunde zwischen Tag und Nacht mit ihren postkartenähnlichen Ansichten, in der die Lokale und die Straßen voll sind, das Riesenrad schon beleuchtet, in der überall Musik und Gelächter zu hören ist. Und ich finde mich in ihrer Mitte wieder, all das aufsaugend, was ich am Abend zuvor in Kaliningrad vermisst habe.

Es mag auch am soeben von mir erfundenen Königsberg-Effekt liegen, dass Danzig mich so überwältigt. Ich war aber auch nicht darauf vorbereitet, dass die Stadt so herrlich ist. Klar, den dominanten, merkwürdig stumpfen Turm der Marienkirche und das Krantor, die kennt man irgendwie, und nach der Lektüre der Blechtrommel kommen einem viele Bauwerke und topographische Namen seltsam vertraut vor – aber Danzigs Schönheit in Gänze war mir nicht bewusst. Dabei war auch diese Stadt im Krieg zu 80 Prozent zerstört worden, auf der Westerplatte hatte der deutsche Angriff auf Polen bekanntlich begonnen, und an einigen Stellen gerade in der Nordstadt wurde beim Wiederaufbau nicht mit Beton gegeizt. Aber die historische Hansestadt ist auf wunderbare Weise wiederhergestellt und ihr Flair hat den Krieg überlebt – hieran kann man sich in Kaliningrad durchaus mal ein Beispiel nehmen.

Ich stehe auf dem Turm der Marienkirche und atme das Panorama der Stadt ein. Hinter den Kränen beginnt das Meer, dazwischen liegt wie ein überdimensionierter vergoldeter Autoreifen das EM-Stadion. Mottlau und Weichsel schlängeln sich träge entlang der Backsteinbauten, dazwischen Kopfsteinpflaster, Souvenirstände, Touristen. Ab zehn Uhr morgens wird das Bummeln durch die Gassen immer unerträglicher, dann ballen sich die Reisegruppen der Kreuzfahrttouristen. Zeit, in die Vorstadt Oliwa zu fahren, wo ich die Abtei mit Dom und großem Park besichtige – und dann weiter nach Sopot, den Badeort gleich nebenan.

Eintausend Kirchen

21. und 22. August: Hinter der litauischen Grenze wird das trampen schwieriger. Die Stadt Zarasai ist zwar hübsch und zwischen mehreren großen Seen recht idyllisch gelegen, aber es macht trotzdem keinen Spaß, dort eine Stunde an der Landstraße zu stehen. Zumindest habe ich hundert Litas abheben können und summe gut gelaunt irgendwelche Beatles-Songs vor mich hin. Irgendwann komme ich dann auch endlich weiter, zum Glück, denn es ist plötzlich abgekühlt und regnet sogar ein wenig. Und das, nachdem ich beim Aufstehen endlich wieder einen Sommertag erwartet hatte!

Die Landschaft wird zunehmend hügeliger, dazwischen immer mal wieder ein See oder ein Kloster. Schwingt eine sehr fromme Gegend hier zu sein, die Dörfer wirken zwar ärmlich, die Kirchen aber sind groß und prächtig und wirken alle wie frisch gestrichen. So oder so, es handelt sich um eine sehr dünn besiedelte Gegend. Ich frage mich gerade, ob ich versehentlich Richtung Sibirien fahre, da taucht unvermittelt die Skyline von Vilnius vor mir auf. Ich hatte gar nicht erwartet, in eine Stadt zu fahren, die so viele Hochhäuser gen Himmel streckt. Um ehrlich zu sein, weiß ich sowieso nur wenig über Litauen und seine Hauptstadt. Von allen Orten, die ich auf dieser Reise anlaufe, ist dies vielleicht am stärksten terra incognita für mich. Ich hatte Litauisch bisher auch immer für eine slawische Sprache gehalten, habe keine Ahnung, wofür das Land bekannt ist, und mir war auch nicht bewusst, wie nah ich hier kulturell schon an Polen bin.

An Polen erinnert jedenfalls unter anderem die Frömmigkeit, die sich in der Altstadt von Vilnius darin niederschlägt, dass an jeder Ecke eine barocke Kirche steht. An jeder Ecke, ich übertreibe nicht. Ist es keine barocke, dann eben eine gotische oder klassizistische, und wenn schon keine Kirche, dann eben ein Kloster, eine Kapelle oder zumindest ein paar Kreuze. These: es gibt, trotz der engen mittelalterlich-kopfsteinpflasterigen Gassen, keine Stelle in der Altstadt, von der aus man nicht mindestens eine Kirche sieht. Wer mir das Gegenteil beweist, bekommt ein Hops!, das sind die merkwürdigen Quarkriegel, die es hier überall gibt.

Vilnius ist also eine historisch sehr wertvolle Stadt, gibt ja außer den Kirchen auch noch Paläste, Stadtmauer, viele Antiquariate und Cafés sowie den Burgberg mit dem fetten roten Turm, von dem man einen wunderbaren Ausblick hat. Die Stadt erstreckt sich über einen Talkessel und die umliegenden Berge, zwei Flüsse schlängeln sich hindurch, man sieht die Hochhäuser im modernen Finanzzentrum und natürlich Kirchtürme, Kuppeln, Kirchtürme, Kreuze, den Dom, Kirchtürme und Kirchtürme. Wahnsinn, diese Stadt. Selbst das Stadttor um die Ecke von meinem Hostel (das Tor der Morgenröte, was zugegeben etwas nach Fantasy klingt), ist nicht einfach nur ein Stadttor, sondern auch eine bedeutende Pilgerstätte. Und auf dem Weg vom Bahnhof zum Hostel sah ich zum ersten Mal mitten in einer Innenstadt die Ausstellung von Grabmalen eines Steinmetzen, ohne dass irgendwo in der Nähe ein Friedhof wäre.

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Ich bin ja durchaus kulturell und architekturgeschichtlich interessiert, aber das hier ist mir dann doch etwas zu viel. Mehr als zwei Klöster am Tag kann ich mir beim besten Willen nicht ansehen. Nur in die orthodoxe Kirche gehe ich am nächsten Morgen noch. Orthodoxe Kirchen beeindrucken mich immer wieder. Die Ausstattung, die Ikonen, die bärtigen Priester in den langen schwarzen Kutten, der Gesang, das ständige Verneigen und Sichbekreuzigen. Hat einen gewissen Style, wenn man mich fragt. Nach fünf Minuten muss ich aber auch hier wieder einen weihrauchfreien Ort aufsuchen.

Den finde ich schließlich auf dem Balkon meines Hostels, wo ich noch einen letzten Kaffee trinke, etwas lese und die Sonne genieße. So eisig und feucht es gestern auch war, hier in der Sonne ist es heute doch sehr angenehm. Ich blicke auf die große Markthalle, die eher wie ein alter Bahnhof aussieht, und in die Straße voller altehrwürdiger Stadthäuser, hinter denen sich erwartungsgemäß ein Kirchturm erhebt. Ich höre von einmal The Road von Frank Turner, das sich allmählich zum Soundtrack meiner Reise entwickelt – höre ich es doch fast immer, bevor es irgendwo hin weitergeht. In diesem Fall geht es gleich nach Kaunas, die heimliche Hauptstadt, denn ich will dieses merkwürdige Land noch etwas weiter erkunden. Über mir schwebt im blauen Himmel eine einzige weiße Wolke, und ich schwöre, sie hat die Form von Litauen.

Sonnenbrille/Regenjacke

19. und 20. August: In meinem Bett im fragwürdigen Hostel in Pärnu werde ich früh morgens mal wieder durch Blitz und Donner geweckt. Hat sich dann wohl mit Strand. Ich dreh mich kurz noch mal um, schlafe aber nicht mehr so richtig ein. Ein Kaffee ist im leeren Speisesaal des Hostel wohl auch nicht zu bekommen, also bin ich früh schon in der Innenstadt unterwegs und nehme einen vergleichsweise frühen Bus nach Riga. Ich gehe zurecht davon aus, dass es dort eine Menge zu sehen gibt – je mehr Zeit ich für Riga habe, desto besser.

Im Bus versuche ich zu lesen, döse immer wieder kurz weg und verpasse sogar den Grenzübergang. Schengen, dich lobe ich mir. Völlig in mein Buch vertieft bemerke ich, dass wir plötzlich schon in den Busbahnhof von Riga einlaufen. Das ging schnell. Ich lade mir mein Gepäck auf und laufe die wenigen Meter bis zum Hostel, dem enorm netten Seagulls Garret. Offenbar bin ich aber noch etwas benommen von der Fahrt, jedenfalls gesteht die Rezeptionistin Kate mir später, dass sie mich zuerst für ziemlich begriffstutzig hielt. Durch eine kalte Dusche lässt sich aber auch in Griff bekommen, und kurz darauf mache ich mich auf Entdeckungstour in Riga.

Mit einem längeren Spaziergang erlaufe ich mir nicht nur die Altstadt, sondern decke auch fast schon alle wichtigen  Sehenswürdigkeiten der Stadt ab. Johanneskirche, Schwarzhäupterhaus, Dom, Rathausplatz, Schloss, Schwedentor, Pulverturm, Freiheitsdenkmal – als hätte ich die Route vorher von einem Touristenführer designen lassen. Ist aber alles spontan, und zwischendurch ist auch mal Zeit für einen Kaffee oder einen Klamottenladen. Ich hasse zwar das Einkaufen, habe aber beschlossen, dass ich nicht ausschließlich in Sporthosen herumlaufen möchte auf meiner Reise veränderten Zuschnitts. Also muss jetzt eine schwarze Jeans her. Es ist warm, aber auch nicht zu sehr, und ich muss den ganzen Tag lang immer wieder zwischen meiner Sonnenbrille und meiner Regenjacke wechseln. Teilweise habe ich auch beides an.

Später gibt es dann Lasagne im Hostel, in dem trotz der Größe eine sehr familiäre Atmosphäre herrscht. Wir hängen zusammen auf dem riesigen Balkon ab, sitzen später am großen Esstisch, und dann macht sich eine Gruppe von etwa zwölf Leuten aus ganz Europa auf, die vielen Kneipen der Stadt zu erkunden. Die sind sehr unterschiedlich, wir erwischen aber nur gute, haben eine Menge Spaß und eine Menge Mojitos. Zuletzt verschlägt es zwei Mädels aus Hamburg und mich ins Omas briljants, einen ziemlich hipstermäßiger Klub mit Stehlampen und Mustertapeten, der so auch in Berlin Mitte liegen könnte. Und es ist spät, als ich ins Bett finde.

Dementsprechend müde bin ich auch am nächsten Morgen, wobei ich zum Frühstück auf dem Balkon wieder eine von den guten Mohnschnecken habe – der Tag könnte deutlich schlechter starten. Dann bummle ich über den Markt und stehe gerade vor dem Kulturpalast, als es wieder zu gewittern beginnt. Schnell wieder die Sonnenbrille gegen die Regenjacke eingetauscht, und meinen Plan, zur Besucherplattform hinaufzufahren und Riga von oben zu betrachten, verwerfe ich auch gleich. Stattdessen stelle ich mich irgendwo unter und laufe noch ein wenig durch die Neustadt, esse einen Pankuka, aale mich während des nächsten Schauers ausgiebig auf dem Hostel-Sofa und muss dem Seagulls Garret und den Leuten darin doch irgendwann adieu sagen. Zum Glück haben sie kein Bett mehr frei für die nächste Nacht, ich wäre ehrlich versucht gewesen, noch etwas in Riga zu bleiben. Aber so nehme ich den Bus heraus aus dem Zentrum und stehe bald wieder an einer Landstraße. Mit sowohl Sonnenbrille als auch Regenjacke, man weiß ja nie.

Tallinn

16. und 17. August: Der Abschied von Russland dauert, ich habe etwas Kopfweh und genieße noch den ersten richtigen Sonnenschein in Sankt Petersburg und fotografiere die Eremitage noch einmal ohne Wolken. Erst weit nach Mittag fahre ich mit dem Vorortzug nach Krasnoje Selo, ins schöne Dorf, und stelle mich erst mal unter, weil es wie aus Gießkannen regnet. Dann aber doch wieder mit dem Daumen an die Straße, und bald verlasse ich auch diesen Ausläufer von Sankt Petersburg. Die Straße Richtung Westen ist keineswegs eine Autobahn, wie ich zunächst dachte, sondern eher eine Landstraße und dementsprechend starker Verkehr herrscht.

Für den Grenzübertritt nehme ich dann aber doch wieder einen Bus, es ist ja auch schon etwas später geworden. Die Warterei an der Grenze dauert ewig, aber dann kann ich doch die Augen schließen und bin am nächsten Morgen früh um sechs in Tallinn. Zeit, mich im Wartesaal des Busbahnhofs nochmal etwas hinzulegen.

Irgendwann mache ich mich aber doch auf den Weg in die Innenstadt, die Straßenbahn fährt gerade nicht. Ich komme am Hafen vorbei und muss mich gleich wieder vor einem heftigen Regenschauer unterstellen. Hoffentlich geht das jetzt nicht öfter so!

Vom Schirm eines Restaurants aus betrachte ich durch den dichten Regen hindurch die erhöht liegende Altstadt von Tallinn mit dem charakteristischen Turm der Olafskirche, der die Seefahrer begrüßt. Diese Altstadt ist tatsächlich eine Perle, eine gotische Hansestadt mit ihren Kirchen, Kaufmannsgilden und Patrizierhäusern, die es ins 21. Jahrhundert hinübergeschafft hat. Ich lade mein Gepäck im Hostel ab und beginne meine Streifzüge.

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Über das endlose Kopfsteinpflaster laufe ich den restlichen Tag ziellos durch die Stadt, schaue mir hier einen Platz und da ein Haus an, folge der Stadtmauer, höre laute Musik auf dem Rathausplatz, weiche unzähligen Flyerverteilern aus und lege mich zwischendurch auch mal noch für ein Nickerchen mit meinem Buch in den Park. Inzwischen knallt die Sonne wieder, das kann gerne so bleiben. Tallinn begeistert mich schnell, und seine weißen Türme blitzen in den Sonnenstrahlen. Ich ersteige den Domberg, auf estnisch toompea, mit den Regierungsgebäuden und Botschafterresidenzen, und später auch den Turm der Olafskirche. Der riskante Aufstieg über steile und enge Stufen wird durch einen großartigen Blick belohnt. Jenseits der mittelalterlichen Gassen wachsen die Hochhäuser des modernen Tallinns in die Höhe, auf der gegenüberliegenden Seite sieht man die Schiffe auf der Ostsee kreuzen.

Zwischendurch war ich mal im Hostel, weil ich eine Dusche brauchte, und weil der Blick in den Spiegel mir vor Augen geführt hatte, dass ich wohl doch etwas abgenommen habe unterwegs, gönne ich mir heute einmal ein richtiges Abendessen im Restaurant statt der üblichen Snacks. Das afrikanische Restaurant hatte ich auf meinen Rundgängen schon ausgemacht, und auf der Dachterrasse gibts nun leckeres Gemüse. Den Abend verbringe ich zunächst spazierend, dann im Hostel, das einen gemütlichen Keller hat.

Falschfarben, unsichtbar

Wem sage ich es: eine Stadt bei Nacht übt einen ganz anderen Zauber aus. Die Massen sind verschwunden, der Lärm sowieso, und auch die Farben sind fort. Vorherrschend sind schwarz, grau, braun und als kleine Kleckse die Farbe, in der die Straßenlaternen abstrahlen.

Nachts durch die älteste Altstadt Barcelonas zu streunen wie die Katzen, aufs Geratewohl in eine gepflasterte Gasse einzubiegen, kein Ziel zu verfolgen – herrlich. Dann einige Fotos mit Langzeitbelichtung geschossen, was ist das? Die Farben sind keineswegs gegangen, es braucht nur etwas länger, um sie aus dem Motiv hervor zu kitzeln. Der Himmel erstrahlt gerade in einem kräftigen Orange, die ehrwürdige Kathedrale hat sich in pastellgrün herausgeputzt, ein Eingang lockt in pflaumenrot, gelbe und bläuliche Wände schimmern.

Barcelona mit den Augen der streunenden Katzen, ein ebenso betörendes wie zerbrechliches Bild, nur auf den Langzeitaufnahmen zu sehen, und auch das nur bis am anderen Morgen die Massen zurückkehren, der Lärm und die gewöhnlichen Farben.

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