Eine Nordost-Passage

Als der französische Schriftsteller Sylvain Tesson schon einige Monate in einer sibirischen Blockhütte verbracht hat, notiert er in sein Tagebuch:

Jetzt entdecke ich den Schwindel des Einsiedlers, die Angst vor der leeren Zeit. Die gleiche Herzensbeklemmung wie auf einem hohen Grat – nicht wegen dem, was unter einem, sondern wegen dem, was vor einem liegt. In einer Welt, in der es nichts zu tun gibt, bin ich frei, alles zu tun.

In ebendiese Welt werde ich auch bald aufbrechen, in einer anderthalben Stunde geht mein Zug. Das Fahrrad ist fit, das Gepäck gepackt, die letzten Vorräte werde ich noch schnell verzehren. Und dann geht es los, hinein in die leere Zeit, hinein in dieses karge Nordland, hinein ins sagenumwobene Russland und seine Anrainerstaaten.

Hinein in meine ganz persönliche Nordostpassage durch eine Ecke Europas, die ich bislang noch nicht zu Gesicht bekommen habe, die aber in unzähligen Geschichten und Gedanken schon durch meinen Kopf gewabert ist – Geschichten, die ich vor Ort hoffentlich wiederfinden werde.

Hinein in diese Welt. Hinein ins Vergnügen!

 

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期望 – Erwartung

Nach circa 48 Stunden Packen, Dokumente ausdrucken, spaßige Vorbereitungstexte lesen, Abschiedsbiere trinken und was man sonst so macht an den letzten Tagen daheim, habe ich es nun immerhin schon bis Mainz-Mombach geschafft. Das sind ganze 180 Kilometer, damit habe ich für morgen und übermorgen nur noch ein bisschen mehr als 9.100 Kilometer vor mir.

Ein Klacks.

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Ich bin mir noch nicht sicher, worauf ich am gespanntesten bin. Ich bin ja einfach enorm gespannt. Gespannt, gespannt, gespannt. Bei allen fremdartigen Ländern, die ich bisher gesehen habe, ist China doch das fremdartigste. Sprache, Schrift, Essen, Kultur, Politik – ich habe mir ja schon einiges angelesen, aber grau ist bekanntlich alle Theorie.

Jetzt stürze ich mich endlich mit Haut und Haaren in das Fremdartige. Gespannt bin ich deshalb auch, wie fremdartig mir all das in ein paar Wochen und Monaten noch sein wird. Kann ich mich dort einleben, oder wird es immer fremdartig bleiben?

Vor meiner Donautour hatte ähnlich viele Fragen, wenn vielleicht auch andere. Der erste Beitrag in diesem Blog hieß „Donnerstag Nacht“, und handelt von einer durchrucksackpackten Nacht. Da ist mir die heutige Ausgabe des donnerstagnächtlichen Fragenkatalogs ja fast schon lieber. In ein paar Wochen werde ich die Antworten wissen.

Ich verspreche häufiges Bloggen aus dem Fernen Osten, wann immer es mir möglich ist, und schließe mit den gleichen Zeilen wie letztes Mal – weil ich sie mir gerade durchgelesen habe, meine damalige Situation gut verstehen kann, die Antworten auf die damaligen Fragen inzwischen gefunden habe und mich morgen aufmache, die nächsten Entdeckungen zu machen.

Lebet wohl, ihr glatten Säle, / Glatte Herren! Glatte Frauen! / Auf die Berge will ich steigen, / Lachend auf euch niederschauen.
– Heine, »Harzreise«

So sieht’s aus. Nichts weiter hinzuzufügen. Auf geht’s!

Donnerstag Nacht

Die Packliste ist lang, und die Nacht kurz.

Ich werfe den letzten Kram in meine Taschen, suche nach einer Flasche fürs Spülmittel und muss noch die Kamera-Akkus aufladen, frage mich ob drei Shirts wirklich reichen und ob ich wirklich ein Schlafsack-Inlett brauche. Die ganz normalen Fragen vor einer Tour.

Aber zugleich ist alles anders. Ich kann ab morgen abschalten. Und zwar nicht nur für ein paar Stunden oder Tage, sondern wirklich mal so richtig abschalten, den Kopf in den Gegenwarts-Modus versetzen und all dem Unfug davonradeln, mit dem ich die letzten Wochen und Monate gekämpft habe. Das Examen in der Tasche, die Welt vor mir.

Gibt es ein befreienderes Gefühl? Weiß ich nicht. Die Tür zur Freiheit steht jedenfalls weit offen, morgen früh wird sie die Gestalt einer roten Zugtür haben, und dann erst mal keine Türen mehr bis Belgrad. Oder noch weiter.

Lebet wohl, ihr glatten Säle, / Glatte Herren! Glatte Frauen! / Auf die Berge will ich steigen, / Lachend auf euch niederschauen.
– Heine, »Harzreise«

So sieht’s aus. Nichts weiter hinzuzufügen. Auf geht’s!