Im langsamen Zug nach Norden

Bangkoks Bahnhof wirkt wie etwas aus der Zeit gefallen. Die Eisenbahn ist hier schon lange nicht mehr das wichtigste Verkehrsmittel, dementsprechend rustikal ist alles. Investitionsstau erster Güte.

Aber für mich als Romantiker, Liebhaber von abgenutzten Edelhölzern und Extra-Wartebereichen für Mönche kommt diese Zugfahrt von Bangkok nach Norden wie gerufen.

Schon die Bahnhofshalle ist vielversprechend, mit überdimensionalem Königs-Portrait und kleinen Snackshops. Als ich endlich im Zug sitze, übermannt mich wieder einmal die Reiselust. Wie gut, dass es gleich losgeht!

Zuerst bewegt der Zug sich langsam aus dem Bahnhof raus. Dann wieder zurück. Dann wieder weiter vor. Nochmal ein Stück zurück. Und irgendwann zieht tatsächlich der abgestellte Waggonschrott an uns vorbei, dann kommen die Vororte Bangkoks mit kilometerlangen mehrstöckigen Autobahnen, dann der kleinere der beiden Flughäfen, und irgendwann fahren wir tatsächlich am ersten Reisfeld vorbei.

Es ist nach wie vor angenehm heiß, aber durch den Fahrtwind streicht eine kühle Brise durch meine Frisur. Die Spurweite hier beträgt nur einen Meter, dementsprechend stark schlingert der Zug hin und her und kann auch nicht allzu schnell fahren. Ich schaue mir die gemächlich vorbeiziehenden Dörfer an, die Reisfelder, die Flussarme, und bin gerade tausend Mal lieber hier als in einem ICE. Ab und an erschlägt jemand eine Mücke oder geht auf die offene Waggonplattform zum Rauchen, sonst passiert hier erst mal wenig.

Bis ich irgendwann mit einer blonden Backpackerin zwei Reihen weiter ins Gespräch komme. Nachdem wir uns eine Weile auf Englisch unterhalten haben, stellen wir schließlich fest, dass wir beide aus Deutschland kommen – und noch keinen Plan haben, was wir nach der Ankunft machen werden.

Und so kommt es, dass wir einige Zeit später zusammen in Ayutthaya am Bahnsteig stehen, die Fähre über den Chao Praya ins historische Zentrum nehmen, und schließlich auf einer Terrasse mit Billardtischen und eiskaltem Bier enden werden…

Werbeanzeigen

Sooo einen Kopf!

Als ich in Ulan-Ude aus dem mongolischen Zug steige, ist es bitterkalt und noch dunkel. Morgens sieben Uhr, ich stehe mitten in Sibirien und habe in der Nacht kaum geschlafen. Das Rattern des Zuges, die stundenlange Grenzkontrolle, die ständige Angst, meinen Ausstieg zu nachtschlafender Zeit zu verpassen.

Also verbringe ich erst einmal zwei Stunden im halb-wachen, halb-schlafenden Zustand in der Empfangshalle des Bahnhofs, dann erst durchschreite ich die Tür, die „Richtung Stadt“ verkündet.

Ulan-Ude ist die Hauptstadt der Teilrepublik Burjatien und eines der wenigen Zentren der Region jenseits des Baikalsees. Bis Moskau sind es von hier aus noch 4.400 Kilometer. Außerdem ist die Stadt gerade völlig vereist, und bei jedem Schritt werden meine Füße kälter. Ich wärme mich bei ohrenbetäubender russischer Popmusik im einzigen Café, das schon geöffnet hat. Es wirkt eher wie die russische Variante eines Diners, aber dafür kostet der Kaffee nur dreißig Cent, und ich kann einfach mal ein paar Seiten lesen.

Irgendwann geht mir die laute Musik doch auf die Nerven, und ich mache mich wieder auf in die Kälte. Sie schneidet mir schon nach wenigen Schritten wieder ins Gesicht, wie angenehm erscheint mir schon jetzt im Rückblick Ulaanbaatar. Gleich gegenüber des Cafés befindet sich das Wahrzeichen der Stadt – ein sieben Meter hoher Lenin-Kopf.

Stumm überblickt die größte Portraitbüste der Welt den Platz, auf dem gerade nicht viel los ist. Irgendwer hat ein paar Stofftiere zum Gedenken an die Opfer des Metrojet-Absturzes vor ein paar Tagen zu den Füßen des Revolutionsführers drapiert. Lenin schweigt auch dazu. Der Eiswind pfeift darüber. Wer hier unterwegs ist, beeilt sich, wieder ins Warme zu kommen. Ich schließe mich an, ein paar Kraftklub-Songs summend.

Mein Hotel entpuppt sich als erstes Haus am Platze. Das Zimmer ist okay und angenehm warm, ich lasse mir ein Bad ein und schaue einen Film, bevor ich wieder bereit für Entdeckungstouren bin. Dann führt mich ein ausgedehnter Spaziergang zunächst zum Theaterplatz, dann hinunter zum Ufer der beiden Flüsse Selenga und Uda.

Beide sind natürlich zugefroren, Eisangler laufen darauf herum. An den Iglu-Zelten erkennt man, wo sie ein Loch in den Panzer gehackt haben. Ein paar Kormorane, dazu am Horizont die Schornsteine der Industriekomplexe, die ungesund dicke Rauchwolken ausstoßen. Mehr bewegt sich nicht. Die winterliche Szenerie vor meinen Augen scheint ganz erstarrt zu sein. Dafür bietet die früh untergehende Sonne mit ihrem goldenen Glanz großartige Fotomotive.

Nicht erstarrt, aber ebenso fotogen ist auch die Siedlung aus Holzhäusern, durch die ich als nächstes laufe. Kinder spielen mit ihrem Schlitten, ein Jugendlicher holt Wasser am Dorfbrunnen. Der Wohlstand ist hier noch nicht groß, in dieser unwirtlichen Gegend, daran ändern auch die wenigen Industriekomplexe nichts. Sie sorgen allerdings für enorm schlechte Luft hier. Es wird außerdem immer dunkler und damit auch wieder kälter und kälter. Ich laufe noch ein wenig durch die Innenstadt, esse eine miserable Pizza und trinke lesen einen Milchkaffee in einem netten kleinen Café. Dann gehe ich früh zu Bett. Dort ist es warm, und außerdem muss ich am nächsten Morgen zu einer sehr unchristlichen Zeit am Bahnhof sein. Aber wer ein Ticket für die Transsib hat, beklagt sich darüber wirklich nicht!

Dieser Blick aus dem Fenster

Pünktlich finde ich mich auf dem Bahnhof von Ulaanbaatar ein, der ganz schön weit von der Innenstadt entfernt liegt. Leider bemerke ich das erst, als ich schon eine Zeit lang zwischen Ausfallstraße und Schienen marschiert bin – aber was soll’s, ich bin ja hier, weil ich das Abenteuer suche.

Das Abenteuer hört in diesem Fall auf den Namen „Transmongolische Eisenbahn“. Wessen Fernwehdrüse beim Klang dieses Namens nicht eine Ladung Endorphin ausschüttet, der sollte sich untersuchen lassen.

Ich jedenfalls bin voller Fernweh und voller Endorphin, schon seit ich vor ein paar Tagen von zwei zwielichtigen Herren das Ticket erworben habe. Nun klettere ich endlich an Bord jenes rot-blauen Zuges mit der verheißungsvollen Aufschrift Улаанбаатар – Москва. Ganz recht, Nonstop bis Moskau geht die Reise dieses Zuges.

Innen ist er deutlich moderner, als ich gedachte hatte. Die provodniza (die für den Waggon zuständige Schaffnerin) heißt mich freundlich auf Mongolisch willkommen. Die Abteile sind hoffnungslos überheizt. Dafür sind die Betten gemütlich, die Fenster nach draußen groß, und im Abteil begrüßt mich die Psychologiestudentin Shirley aus Sydney. Sie hat gerade ein paar Wochen Freiwilligenarbeit in der Mongolei absolviert und fährt nun den ganzen Weg bis Moskau mit, um von dort weiter nach Deutschland zu reisen. Kurz darauf stoßen noch Tina und Matt aus Amerika zu uns, die gerade zwei Jahre lang als Englischlehrer in Japan gearbeitet haben und nun entschlossen sind, weitestgehend auf dem Landweg nach Hause zurückzukehren. Wir mutmaßen, dass die Schaffner uns bewusst zusammen in ein Abteil gesteckt haben, wir scheinen jedenfalls die einzigen westlichen Touristen im Zug zu sein. Kurze Konversation, dann geht ein Ruck durch den Zug.

Wir fahren!

Langsam zieht das Bahnhofsgebäude von Ulaanbaatar vorbei, dann Industriebrachen und Jurtenslums – und ehe wir es uns versehen, sind wir schon draußen in der Steppe. Die Landschaft leert sich in enormen Tempo, während der Zug gemütlich dahin zieht. Wo eben noch Zäune und Jurten waren, sind schnell nur noch Wiesen und Hügel, ein paar Schneeflecken und Telegrafenmasten.

Ab und zu sind ein paar Pferde zu sehen, dann und wann eine Jurte. Einen Bahnhof bekommen wir kaum zu Gesicht, dafür ist die Gegend zu dünn besiedelt. Aber wenn, dann steht eine propere Stationsvorsteherin in ihrer schicken Uniform stramm und achtet darauf, dass der Zug korrekt vorbeifährt. Gehalten wird nicht, für wen auch?

Ab und zu flackert ein Gespräch zwischen uns auf, der Form halber halte ich auch ein Buch in den Händen, doch die meiste Zeit schaue ich einfach aus dem Fenster. Die karge Landschaft zieht mich völlig in ihren Bann. Die Leere und Unberührtheit, die beinahe völlige Abwesenheit menschlichen Lebens. Die Schneeflecken und die zugefrorenen Bäche und Flüsse. Die seltenen Ansiedlungen mit ihren Jurten und Hallen, Geländewagen und Pferdekoppeln. Die sanft geschwungenen Hügel und Täler. Wenn der Zug um eine langgestreckte Kurve fährt, versuche ich einen Blick auf die Lokomotive zu erhaschen. Den Rest der Zeit blicke ich stur nach draußen, meine Augen spielen mit den Telegrafenmasten und der Horizontlinie.

Umso mehr bedaure ich es, dass diese Linie langsam verschwimmt und die Dunkelheit über der Steppe hereinbricht. Immer weniger Konturen sind zu sehen, und bald herrscht hinter dem Fenster schwärzeste Nacht. Keine Lichter sind zu sehen. Wir teilen uns unsere mitgebrachten Vorräte, und irgendwann liege ich dann tatsächlich lesend auf meiner Pritsche. Die Hitze im Abteil macht es mir fast unmöglich, zu schlafen. Die Räder rattern auf den Schienen. Ich verfalle in einen Dämmerzustand, den ich auch während der stundenlangen Kontrolle an der russischen Grenze kaum verlasse.

Erst als ich am nächsten Morgen um sieben in der Frühe am Bahnhof von Ulan-Ude in der Kälte stehe, komme ich wieder zu mir. Ich bin um einen Stempel im Pass und um ein Abenteuer reicher. Und mit der Transsibirischen Eisenbahn wartet gleich das nächste!

IMGP3018

来 – Ankommen

Der Flug war unspektakulär, was ja eigentlich eine positive Nachricht ist. Die Sitze waren erwartungsgemäß nach einigen Stunden nicht mehr zu ertragen, das Essen im Flugzeug natürlich in zu kleinen Portionen für meinen Appetit (aber durchaus lecker), und ich habe viel gelesen, denn meine Sitznachbarn waren erst ein Russe und dann ein Weißrusse – mit keinem konnte ich ein Wort wechseln. Der Moskauer Flughafen ist irrsinnig groß (der von Guangzhou aber auch), außerdem gab es im russischen Flieger lecker Kascha zum Frühstück, und alles andere hab ich versucht, zu verpennen.

Dann werde ich wach, sehe unter mir das karge rote Bergland von Qinghai und weiß: ich bin über China. In meinem Bauch kribbelt es, und das ist nicht nur der Hunger (gibt ja gleich Kascha). Als wir langsam über der Provinz Guangdong ankommen, verändert sich die Landschaft unter mir radikal: die Berge sind nun plötzlich von Autobahnen zerfurcht, in allen Tälern haben sich die Städte ausgedehnt, und in Richtung des Perlflussdeltas wird das Land dann auch irgendwann flacher.

Guangzhou erschlägt mich gleich mehrere Mal. Der irrsinnig riesige Flughafen ist da noch das Geringste. Auch die Passkontrolle geht sehr schnell vonstatten, mein Rucksack fährt auch gleich vorbei, und zack! stehe ich draußen in der subtropischen Hitze. Zig „hilfreiche“ Menschen kommen gleich auf mich zugestürmt („Taxi!“, „Taxi!“), daran gewöhne ich mich aber schnell. Erst mal ein ruhiges Fleckchen suchen, meine beiden Rucksäcke zusammenwerfen, und dann mache ich mich im Einkaufspalast des Flughafens auf die Suche nach einem Geldautomaten. Der wirft dann aber nur 100-Yuan-Scheine aus, weshalb ich noch ein Eis essen muss, um mit dem Wechselgeld meine U-Bahn-Karte bezahlen zu können. Die Fahrt mit der U-Bahn in die Stadt geht recht flott, dafür dass der Flughafen 28 Kilometer außerhalb liegt, einmal umsteigen, alles auch schön in Englisch ausgeschildert, also null Problem. Guangzhou (dem einen oder anderen vielleicht noch als Kanton bekannt) ist eine wichtige Messestadt und daher auf internationales Publikum eingerichtet. Was nicht heißt, dass hier in der U-Bahn noch westliche Gesichter zu sehen wären.

Ich klettere die Stufen zum Bahnhofsplatz hinauf und bin schon wieder erschlagen. Nicht mehr nur von der Hitze, sondern von allem von dem Gedränge. Alles ist bunt, laut und blinkt, und ich stehe mittendrin mit meinem viel zu schweren Rucksack und weiß nicht, wohin ich schauen soll.

Eigentlich muss ich mein reserviertes Zugticket abholen gehen, aber dann sehe ich die Schlagen am Einlass für den Bahnhof. Ist hier gerade Rush-Hour oder sieht das immer so aus? Guangzhou hat wohl so 12 Millionen Einwohner, das Ballungsgebiet an die 30 Millionen, und wie es aussieht, wollen die gerade alle in den Bahnhof. Mir es es jedenfalls gerade erst mal zu viel, ich laufe weg vom Bahnhof, durch das Gedränge der mobilen Garküchen und der Schreihälse („Taxi!“, „To Airport?“) und will in den nächsten Park, um erst mal anzukommen.

Was hält mich auf? Der Verkehr! Die Straße, die ich überqueren muss, ist siebenspurig und hat noch ein zweites Stockwerk obendrauf. Ich laufe erst mal ein Stück daran entlang, bis ich endlich an der nächsten großen Kreuzung (dreistöckig) so eine Art Fußgängerampel entdecke. Der Verkehr ist aber ein einziges Chaos. Busse, Autos, Taxis, und dazwischen unzählige Motorbikes. Vor allem letztere fahren gerne mal kreuz und quer, ignorieren rote Ampel oder Spuren, fahren gerne auch mal gegen den Verkehr, wenn’s schneller geht – den Verkehrspolizisten scheint’s egal zu sein – und so dauert es einige Zeit, bis ich über die Straße geschafft habe.

Ich bin endgültig erschlagen. Ich wusste ja, dass in dieser Megastadt erst mal eine Flut von Eindrücken auf mich zu stürzen würde – Schilder, Gerüche, Menschenmassen, Lärm, Verkehr, Plakate, Geschrei, Hochhäuser, all das – aber auf so viel davon auf einmal war ich dann doch nicht vorbereitet. Wie denn auch, die letzte Stadt, in der ich gewesen bin, war Mainz (und so gern ich Mainz mag, mit Guangzhou ist es nicht vergleichbar). Also schnell in den Park, um dem ganzen kurz zu entkommen, und vielleicht erst mal anzukommen…

Nachtzug nach Belgrad

Längs der Donau, Tag 25, Vidin-Diitrovgrad.

Ich frühstücke irgendwo im bulgarischen Nichts zwischen Garagenhof und Umspannwerk, und trotzdem könnte es mir nicht besser gehen. Für den Morgen steht die Innenstadt von Vidin auf dem Programm, die doch einiges mehr zu bieten hat als nur sozialistischen Plattenbau-Chic, Shopping-Malls und Umspannwerke. Die alte Hauptstadt Bulgariens verfügt über eine hübsche Donaupromenade, viel alte Bausubstanz im Zentrum, über orthodoxe Kathedralen, eine Moschee und eine orientalische Konaka sowie über die mittelalterliche Donaufestung „Baba Vida“. All dies erkunde ich ausführlich, dann ist es Zeit, den Bahnhof zu suchen. Ich habe schon wieder Glück, in einer halben Stunde fährt ein Zug nach Sofia. Fünf Stunden Fahrt!

Also muss ich dringend noch Verpflegung besorgen, Fahrkarten für mich und mein Fahrrad kaufen, und dann sitze ich auch schon in einem alten Bundesbahn-Silberling, der holpernd und schaukelnd sich auf den Weg durch die Berge und Ebenen macht.

Und was für Berge das sind! Die Strecke führt nämlich zuerst durch hügelige Felder, dann durch steinigere und weniger fruchtbare Gegend, und von weiter entfernt sieht man die ganze Zeit schon das Balkan-Gebirge sich nähern. Dass diese Bergkette der ganzen Region ihren Namen gegeben hat, kommt nicht von ungefähr, dominant ragt sie über der Ebene auf und zieht meine Blicke auf sich. Diejenigen Blicke jedenfalls, die nicht von meiner Reiselektüre – immer noch Georg Forster – oder von der spektakulären bulgarischen Eisenbahn beansprucht werden. Immerhin ist der altertümliche Zug schon großartig, an jeder Station unterwegs steht ein Schaffner in schmucker Uniform, und auch die zusammengezimmerten Schranken werden selbstverständlich von keiner Automatik, sondern von Schrankenwärtern heruntergelassen. Bahnfahren wie vor fünfzig Jahren, oder sind es hundert?

IMGP2946

Egal, die Landschaft wird ohnehin immer beeindruckender, was kümmert mich die Eisenbahnromantik. Aufgrund seiner Topographie hat Bulgarien wenige Nord-Süd-Verbindungen, und die wenigen sind umso beeindruckender. Die Bahnstrecke Vidin-Sofia jedenfalls gräbt sich nun tief in das Balkan-Gebirge ein und nutzt dazu die Schlucht des Flusses Iskar, der im Rila-Gebirge entspringt, die Hauptstadt und das Balkan-Gebirge durchquert und irgendwo weiter nördlich in die Donau mündet. Er hat sich durch die Kalkstein-Felsen einen beeindruckenden Weg gesucht, dem nun auch meine Bahnstrecke folgt. Ein paar Dörfer, ein paar Stauwehre, sonst nur Felsen und Berge, nur steinige Täler und spärlich bewaldete Klippen. Auf meiner Reise habe ich schon einige grandiose Landschaften gesehen, aber dennoch hänge ich hier an der Scheibe, kann mich kaum sattsehen an den vorbeifliegenden Panoramen, und mein Zeigefinger entfernt sich kaum vom Auslöser meiner Kamera. Welch ein Glück, dass der Zug so langsam fährt, nun ärgere ich mich auch keineswegs mehr über die lange Fahrzeit, sondern bin dankbar, dass die Strecke so schlecht ausgebaut ist und ich die Landschaft umso länger genießen kann.

Aber alle guten Dinge finden einmal ihr Ende, und jenes der Bahnfahrt heißt Sofia. Der Hauptbahnhof empfängt mich als grauer Betonklotz, aber das kenne ich ja schon von Bulgarien. Auch der Leerstand in den ehemaligen Geschäften, die defekten Aufzüge und der beißende Geruch der Unterführung erschrecken mich nicht. Aber was mir gleich auffällt, ist die Dichte an Bettlern. In Vidin war mir das schon aufgefallen (zum ersten Mal auf der gesamten Reise, obwohl ich nun wirklich einige arme Ecken Kroatiens, Bosniens und Rumäniens gesehen habe) – aber hier ist die Bettelei omnipräsent, aufdringlich und unerträglich. Ist das schon wieder die Arroganz des westlichen Touristen, der ja schon weiß, dass er in zwei Tagen in seinen deutschen Wohlstand zurückkehren wird? Eine solche Arroganz entspricht eigentlich nicht meinem Naturell, ich wollte sie ja wirklich vermeiden, was mir auch bisher hoffentlich einigermaßen geglückt ist. Aber die hiesigen Bettler sind so aufdringlich, dass man sie nicht ignorieren und schon gar nicht bemitleiden kann. Einer wird mir später versuchen, den Fahrradhelm vom Kopf zu ziehen, um ein Trinkgeld dafür zu bekommen, und mit meinen portugiesischen Reisebekanntschaften mache ich später Witze über den „Gypsy luggage service“, dem zu entkommen schlechterdings unmöglich ist. Man muss sich also tatsächlich wehren, und das ständig.

In der Schalterhalle habe ich jedenfalls auch gleich einen Schatten, der mir permanent weiterhelfen möchte. Das gelingt zwar kaum, schließlich finde ich mich auch so gut zurecht, weiß besser was ich eigentlich möchte, und der Sprachkontakt beschränkt sich auf „no problem“ – aber als ich bald meine Fahrkarte in der Hand halte, komme ich doch nicht umhin, eine Lewa Trinkgeld zu geben. Danke für nichts auch.

Besagt Fahrkarte ist ein Liegeplatz im Nachtzug Sofia-Belgrad, das klingt schon einigermaßen abenteuerlich. Zuvor habe ich aber noch einige Stunden Zeit, die ich dazu nutze, auf einer Hauptverkehrsstraße (das kümmert mich mittlerweile nicht mehr) in die bulgarische Hauptstadt einzufahren. Die ist teils ganz ansehnlich, teils aber auch ein Freilichtmuseum für die schlimmsten Bausünden realsozialistischer Architektur. Nur die stets am Horizont präsente Bergkette versöhnt mich doch mit der Ansicht der Stadt. Dafür gestaltet sich das Fahren umso anstrengender, neben der rein kyrillischen Beschilderung und der völlig auf Autos ausgerichteten Straßen ist daran aber auch der bulgarische Autofahrer schuld. Hier fährt man nämlich nicht los, wenn die Ampel auf grün springt; auch nicht wenn die Ampel vorraussichtlich gleich auf grün springt; sondern man fährt, wenn man der Meinung ist, dass die Ampel für die eigene Fahrtrichtung nun aber wirklich mal auf grün zu springen hat. Das führt zu einem herrlichen Verkehrschaos, viel Gehupe und Geschreie, und dazu dass der Fahrradtourist mal wieder seine grelle Warnweste anzieht.

Wie reagiert man am Besten, wenn die Großstadt zu laut, zu viel, schlichtweg überfordernd ist? Man setzt sich auf einen zentralen Platz, isst ein Eis und beobachtet die Menschen. In meinem Fall ist das Eis ein grellgelbes Zitroneneis, meine Warnweste wirkt fast blass dagegen, dafür ist aber sehr lecker und zitronig, und wird statt in Kugeln pro hundert Gramm abgewogen und verkauft. Der örtliche Kulturpalast und das Arbeiterdenkmal passen schon sehr gut in mein Ostblock-Klischee, die Stadt aber ist wiederum lebhaft und mit Leuchtreklamen zutapeziert. Eine alte orthodoxe Kathedrale, eine Moschee, Einkaufsstraßen und eine stark am stalinistischen Architekturstil orientierte Meile von Regierungsgebäuden schaue ich mir später noch an, und hieran sieht man auch schon deutlich die Mischung, die dieses Land so spannend macht: Bulgarien erscheint mir immer wieder irgendwo am Berührungspunkt zwischen Balkan und Orient, zwischen Marktwirtschaft und altem Kommunismus gelegen. Gerne hätte ich diese Kombination noch weiter erkundet, doch als ich an einem Lebensmittelladen vorbeifahre, erinnere ich mich, dass mein Zug demnächst noch fährt und ich mir noch Proviant besorgen muss. Der Joghurtbecher platzt kurz darauf in meinem Rucksack, weshalb ich immerhin gezwungenermaßen Joghurt löffelnd auf einer Brücke noch einmal Bulgarien auf mich wirken lassen kann.

Im Bahnhof schaffe ich es mit Mühe, mein Rad zum richtigen Bahnsteig zu bugsieren. Besagter „Gypsy luggage service“ tritt gleich auf den Plan, ein Fahrradabteil oder auch nur einen Fahrradtarif gibt es nicht, und so muss ich doch mehr Bakschisch verteilen, als erwartet, um mein Fahrrad mit in den Zug nehmen zu dürfen. So werde ich zwar einerseits meine letzten Lewa los, andererseits muss ich aber doch irgendwann böse werden, um die dienstbaren Geister wieder zu vertreiben. Allen anderen Fahrgästen geht dies aber ebenso. Mit meinen Mitreisenden kann ich schnell wieder darüber lachen – und diese Mitreisenden sind auch schon ein buntes und interessantes Völkchen. Der Nachtzug quer über den Balkan, so erkenne ich bald, scheint bei Interrail-Reisenden sehr beliebt zu sein, und ich bin zwar alleine in meinem Sechser-Abteil, meine Nachbarn sind aber Portugiesen und Finnen, Türken und Belgier, eine bunte und lustige Mischung.

Für meinen Geschmack sogar etwas zu lustig, schließlich habe ich eine ernsthafte und anstrengende Tour hinter mir und bin auf wilde Saufereien auf dem Gang eigentlich gar nicht aus. Irgendwann schaffe ich es aber, mich der transeuropäischen Partygesellschaft zu entziehen – ich brauche einfach mal etwas Gelegenheit, alleine zu sein und nachzudenken. Das klingt komisch, war ich doch fast einen Monat alleine unterwegs. Aber nach all den Eindrücken und Begegnungen der letzten Wochen, nach den bezaubernden und erschütternden Erlebnissen, nach der Intensität, die eine solche Reise mit sich bringt, ist mir die Interrail-Party tatsächlich schon wieder zu oberflächlich, die Bierseligkeit zu platt, und der besoffene Spanier zu aufdringlich.

Also esse ich, lese ich, denke ich nach – die drei Dinge, die ich vielleicht am besten kann. Der Zug ist ohnehin eher laut als schnell, der serbische Schlafwagen hat sich als uralter französischer entpuppt. An der Grenze stehen wir nachts enorm lange, alle Winkel werden mit Taschenlampen ausgeleuchtet, dazu zweimalige Passkontrolle. Stundenlanger Stillstand, unfreundliche Grenzbeamte, wehende Flaggen, und dann bin ich wieder zurück in Serbien. Ein wenig Schlaf versuche ich noch zu erhaschen, gar nicht so leicht, und ich muss erkennen: der letzte Tag meiner Tour ist angebrochen. Das letzte Land, die letzte Stadt, die vorletzte Nacht, und ich bin mir noch nicht sicher – bin ich erst ganz kurz oder doch schon eine Ewigkeit unterwegs?