Der Weg nach Shangri-La

Now that you’ve found your paradise
This is your kingdom to command […]
Gone all the days when you dreamed of that car
You just want to sit in your shangri-la

The Kinks, „Shangri-La“, 1969

Unsere Fahrt nach Siguniangshan war ein Stück weit auch eine Weltflucht für ein paar Tage. Eine Flucht vor dem lärmenden, verstopften, schmutzigen China da unten. Vor der schwülen Hitze, dem grauen, ewig bewölkten Himmel. Vor der Arbeit am College, die zwar Spaß macht, aber auch kein ständiges Blumenpflücken ist. Vorm grauen, tristen Beton-Pengshan der Regentage und vorm überlaufenen Chengdu.

Hier oben haben wir nun unser Paradies gefunden. Bei klirrender Kälte stehen wir vor Sonnenaufgang auf, um uns auf die Wanderung ins Changping-Tal zu machen. Vom gestrigen Tag spüren wir schon ordentlichen Sonnenbrand und Muskelkater, aber heute soll es nochmal etwas anstrengender werden.

Der Weg beginnt ein gutes Stück oberhalb des Dorfes an einem tibetischen Mönchskloster. Bunte Gebetsfahnen weisen auf die heilige Stätte hin. Aus den Wolken dahinter schiebt sich der erste schneebedeckte Gipfel, die erste der vier Schwestern, nach denen der Nationalpark benannt ist.

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Wir bewundern die großen Buddhastatuen und die Gebetsmühlen. Vor dem Kloster stehen kleinere weiße Stupas aufgereiht. Ein Mönch in roter Kutte teilt kleine Bildchen mit einem Buddha aus, Glücksbringer für den Weg. Hinter dem geschwungenen Dach des Tempels erheben sich die majestätischen Gipfel. Buddhismus aus dem Bilderbuch. Wenn jetzt der Dalai Lama um die Ecke käme und eine Postkartenspruch zum Besten gäbe, es würde mich nicht wundern. Wie in China fühle ich mich hier sowieso nicht.

Aber weiter geht’s. Der Weg führt über hölzerne Stufen zunächst nach unten, bis wir an einem Gebirgsfluss ankommen. An dessen Ufer geht es nun immer weiter hinein in das Tal, über Brücken, zu einem Wasserfall hoch, dann zu einem See.

Auch hier sind Touristen unterwegs und schießen Selfies mit der Gebirgslandschaft, aber doch in deutlich geringerer Zahl als gestern im durchorganisierten Tal. Hier gibt es keinen Bus, nur den Holzweg – und auch der endet bald.

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Die Natur ist anders als gestern, ausgeglichener, majestätischer. Nicht hinter jeder Wegbiegung lauert mehr ein neues Highlight, ein neues unerwartetes Zuckerstück. Es ist ein normaler Gebirgswald, durch den wir laufen. Aber die Berge, schroff und spitz wie der Hut eines Zauberers, ragen umso beeindruckender auf. Der Himmel wird klarer und klarer, bis sich eine große dunkelblaue Kuppel über uns spannt.

Nun fallen auch die kleinen Besonderheiten auf, die roten Ablagerungen auf Felsen, die ersten gelben Blätter, die toten Baumstämme im Bach. Der Holzweg endet hinter einer Brücke über den Bach, ab jetzt geht es über Stock und Stein weiter. Im Wald ist der Pfad relativ matschig, denn manche Touristen lassen sich von Ponys den Rest des Weges entlang tragen – für uns ist das keine Option. Erstens lockt der sportliche Ehrgeiz, und zweitens machen weder die Ponys noch die Reiter einen allzu glücklichen Eindruck.

Wir genießen es, unseren Weg zu finden, am Flussufer, über den Trampelpfad, über Felsen. Mit jedem Schritt verändert sich das Bergpanorama ein kleines bisschen. Ein paar Mal tauchen Yaks direkt vor uns auf. Dann wieder eine Rast mit Mandarinen und Oreo-Keksen, und weiter gehts.

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Schließlich, nach 14 Kilometern, stehe ich am Endpunkt des Weges. Eine große Hochgebirgswiese, auf der Ponys und Yaks einträchtig grasen. Nach dem Pfad durch den Wald wird mein Blick nun wieder freigelassen. Ein hölzernes Tor, ein Unterstand für Viehhirten. Die Hänge zuerst mich dichtem Wald bedeckt, nach oben hin wieder schroffe Felsen in allen Grautönen. Die Gipfel weiß vor Schnee.

Und ganz da hinten, die höchste Spitze leider in der einzigen kleinen Wolke verborgen, kann ich sie erahnen: die vierte Schwester, der höchste Berg des Nationalparks, 6.200 Meter hoch.

Ich setze mich kurz auf einen Felsblock und staune. Und dann geht es auf den Rückweg, wieder gut 14 Kilometer zurück zu unserem Ausgangspunkt, wo wir ebenso müde wie glücklich in ein Restaurant fallen.

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Insgesamt sind wir in zwei Tagen über fünfzig Kilometer gewandert, und das in großer Höhe. Wir sind müde, sonnenverbrannt, muskelverkatert, aber zugleich auch unendlich beflügelt. Denn hier, ein paar Stunden Fahrt entfernt, haben wir ein kleines Paradies gefunden.

Ein kleines Shangri-La.

Put on your slippers and sit by the fire
You’ve reached your top and you just can’t get any higher
You’re in your place and you know where you are
In your Shangri-la

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Die Luft der Berge

Bevor wir uns in alle Himmelsrichtungen zerstreuen, haben meine Familie und ich es noch einmal geschafft, ein paar Tage zusammen zu verbringen. Ich liebe die Berge, und das Reiseziel Vorarlberg ruft bei allen anderen auch gleich Begeisterung hervor. Der Ort Damüls ist (laut lokaler Tourismusbehörde) der schneereichste überhaupt, mit neun Metern Neuschnee jeden Winter. Kann uns aber egal sein, es ist schließlich August. Während der Rest Europas unter Rekordhitze brütet, können wir bei milder Temperatur die Berge hinauf- und hinablaufen. Für zusätzliche Abkühlung sorgt ein malerischer Bergsee. Wer schafft es zuerst, zur Badeplattform in der Mitte zu schwimmen?

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Zudem verschlägt es uns auch noch nach Liechtenstein. Das ist zwar zugegeben nur ein Fliegenschiss auf der Landkarte – allerdings ein sehr reicher Fliegenschiss voller moderner Kunst und sehenswerter Architektur.

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Ein bisschen Kulturprogramm muss natürlich auch sein, und es sind die legendären Bregenzer Festspiele, zu denen wir uns Eintrittskarten sichern konnten. Aus dem Bodensee erhebt sich die Seebühne, die dieses Jahr ausgerechnet im Stil der chinesischen Mauer gestaltet ist, komplett mit Tonsoldaten, Wachtürmen und Lampions. Während auf der Bühne die grausame Prinzessin Turandot wütet, versinkt hinter Bühne und See die Sonne und zaubert alle Farben an den Himmel. Nessun‘ dorma? Nein, ich ganz sicher nicht – denn bald ist es soweit, und statt Pucchinis Opernwelt lande ich im richtigen China. Man darf gespannt sein…

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漓江 – Der Li-Fluss

Wikipedia hat ja bekanntlich zu allem was zu sagen, und über den Li Jiang heißt es dort:

„Er fließt durch die Karst-Landschaft bei Guilin, die in China der Inbegriff einer schönen Landschaft ist.“

Auch Guilin und Yangshuo liegen am Li-Fluss, aber besonders schön soll der Abschnitt zwischen Xingping und Yangdi sein. Deshalb machten wir uns letzten Samstag auf in diese Gegend, und das beinahe wie früher als Schulausflug. Das alleine ist schon mal nicht unwitzig, muss man sagen.

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Und wie so oft, hat Wikipedia ja auch recht. Wir wandern tatsächlich zwanzig Kilometer durch den Inbegriff einer schönen Landschaft. Der Fluss fließt grünlich und träge vor sich hin, ringsum türmen sich die Karstberge zu bizarren Formationen, und vom Himmel knallt die tropische Sonne. Nachvollziehbar, dass dieser Anblick auch auf der 20-Yuan-Banknote abgebildet ist, die hier natürlich von allen Besuchern vor die Objektive ihrer Kameras gehalten wird. Von Xingping aus geht es flussaufwärts hinein in die scenic area. Touristenschiffe und Bambusflöße schippern den breiten Li-Fluss entlang. An den Ufern wachsen Bananen, Orangen, Bambus, dazwischen Bauernhöfe. Ständig wollen einem ältere Frauen Früchte andrehen, oder sie folgen unserer Gruppe und spielen völlig ungewollt den Wegweiser, in der Hoffnung auf ein Trinkgeld.

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Immer wieder verengt sich das Tal, dann wird der Weg schmaler und führt eher als Pfad durch den Wald. Oder es weitet sich, dann kann man zum Fluss hinab steigen und die Berge von ganz unten bestaunen. Drei Mal müssen wir mit der Fähre übersetzen. Einmal besteigt aber nicht die ganze Gruppe das Boot – das Wasser hatte so einladend gewirkt, dass wir kurzerhand vom Anleger hinein springen und auf die andere Seite kraulen. Bei dreißig Grad eine erfrischende Sache, und auch wenn wir uns drüben ganz ordentlich im Seegras verfangen, macht es doch riesigen Spaß, schließlich plantschen wir hier im Inbegriff einer schönen Landschaft.

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In Yangdi angekommen, fahren wir mit dem Bus zurück, gehen noch zusammen essen und lassen einen wunderbaren Tag dann in Monkey Jane’s Roof Top Bar bei einem Drink mit Blick auf die angeleuchteten Berge von Yangshuo ausklingen.

Meine Hausaufgabe für Montag ist, mein Wochenende auf Chinesisch zu beschreiben. Kann ja nicht so schwer sein, nach diesem Ausflug…

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Nichts als Schluchten und Berge

Donautour, Tag 22, Golubac-Eisernes Tor.

Heute geht es also endlich durch das Eiserne Tor, jenes Durchbruchstal der Donau durch die Ausläufer der Karpaten, von dem immer wieder behauptet wird, es handle sich um den schönsten Teil der Strecke.

Aber zuvor habe ich in Golubac noch einige Besorgungen zu erledigen. Ich wechsle noch einmal Geld, ergatterte endlich eine Speicherkarte für meine Kamera, und packe meine Taschen voller Essen. So viele Bäckereien wie bisher wird es in den Schluchten des Balkans sicher nicht mehr geben.

Wenige Kilometer hinter Golubac passiert die Straße zunächst die gleichnamige mittelalterliche Festung, die dazu diente, den Schiffsverkehr auf der nun immer schmaler werdenden Donau zu kontrollieren. Ich hatte sie ja von weitem schon gesehen und kenne auch die Bilder, aber wenn man mitten drin steht, ist sie noch mal um einiges imposanter. Steil ragt der Berg auf, in den Gänge getrieben und dem Türme aufgesetzt wurden, wuchtige Außenmauern vermitteln einen wehrhaften Eindruck, nur zur Flussseite hin ist der Komplex offen – man wollte ja schließlich Zölle kassieren können.

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Dann wird das Tal immer schmaler, die Felsen ragen immer höher auf, die Straße gräbt sich immer wieder tief in den Berg ein oder muss durch Tunnel geführt werden. Alpen-Gefühle mitten auf dem Balkan. Dazu natürlich wieder die unvermeidliche Sonne, zahlreiche Steigungen und tausend Pausen, um die Szenerie zu fotografieren. Drüben auf der rumänischen Seite wirkt die Landschaft noch nicht ganz so schroff, es gibt kleine Dörfer und Weinberge. Rumänien – das klingt für mich immer noch so weit weg, dabei sehe ich dieses Land ja schon seit gestern jedes Mal, wenn ich über die linke Schulter nach hinten blicke. Wegen der Hitze gönne ich mir eineinhalb Stunden Pause am Museum des Steinzeit-Dorfes „Lepenski Vir“, döse in der Sonne, esse natürlich auch etwas, und nebenbei kann ich am öffentlichen Klo wenigstens ein bisschen mein Tablet wieder aufladen. Die in Stichworten auf Papier geschriebenen Reiseberichte der letzten Tage kann ich so vielleicht bald nachtragen.

Dann geht es hinab in die Schlucht des Flüsschens Boljetin, die tatsächlich beeindruckend ist. An einem heißen Sommertag wie heute ist zwar vom Fluss nichts zu sehen, aber offenbar hat er es doch geschafft, sich tief in die Felsen zu graben. Dabei treten die unterschiedlichen Schichten der Gesteine zu Tage, was die Formationen zu einer Art geologischem Freilichtmuseum macht.
Das Problem ist nur, dass ich jetzt fast auf Niveau der Donau herabgestiegen bin und als nächstes über eine Passstraße muss. Die nächsten Meter heißt es Serpentinen, Serpentinen, und ein gewaltiger Anstieg. Aber hilft ja alles nichts, kleinster Gang rein und ab gehts. Der Schweiß tropft nicht, er läuft. Noch dazu gibt es natürlich keinerlei Schatten, und die Sonne brennt nicht gerade schlecht. Das Thermometer der Apotheke im nächsten Ort behauptet, es seien runde 40 Grad, und ich bin gewillt, das zu glauben. Mein Fahrradtrikot habe ich natürlich längst ausgezogen, und somit trage ich nun, von unten nach oben, Sandalen, die Fahrradhosen, eine neonfarbene Warnweste und den Fahrradhelm. Die entgegenkommenden Fahrer vermuten wahrscheinlich, dass ich auf dem Weg zu einem Village-People-Konzert bin, aber mir soll es egal sein, ich kenne ja niemanden in den Karpaten.

Irgendwann ist der Pass erklommen, der Schweiß auf der folgenden Abfahrt wieder getrocknet, und ich kann mir im Tal ein Eis gönnen. Die Tunnel habe ich noch gar nicht erwähnt, aber nun treten sie gehäuft auf und werden immer länger – der Hauptgrund für meine Warnweste, denn beleuchtet sind sie natürlich nicht, und die Autos fahren hier keineswegs die erlaubten sechzig. Diejenigen, die am dichtesten an meinen Packtaschen vorbei zischen, haben alle italienische Nummernschilder, vermutlich handelt es sich aber eher um Auslands-Rumänen auf Heimatbesuch (durchaus korrekte Einschätzung, wie mir ein serbischer Grenzpolizist später bestätigt).

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Die rumänische Seite der Donau kommt mir ohnehin immer näher, denn der Strom wird immer schmaler, die Kalkfelsen immer höher, und irgendwann fahre ich schließlich in den Großen Kessel ein, vorne und hinten von einem Durchbruch flankiert, rechts und links steile Felswände. Bisher war die Landschaft hier schön – nun ist sie erhaben.

Die Donau hat sich hier tief ins Kalkgestein gefressen, auch die Straße hat kaum noch Platz, an der engsten Stelle ist der Fluss nur noch 90 Meter breit (vor der Schlucht waren es noch mehrere Kilometer). Sehr, sehr beeindruckend. Außerdem ändert sich die Landschaft alle hundert Meter, immer wieder bietet sich ein neues Bild, sodass man sich kaum sattsehen kann. Es folgt ein strammer Aufstieg, und während die Schatten bereits immer länger werden, sehe ich schon den Kleinen Kessel vor mir liegen, mit dem Kloster am anderen Ufer, wo gerade die Glocke die Gläubigen zum Abendgebet ruft.

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Während des folgenden Anstiegs fällt mir auf, dass mein vorderer Reifen schon wieder Luft verloren hat, also muss ich anhalten und ihn aufpumpen – eine schweißtreibende Angelegenheit. Am nächsten Parkplatz ein paar hundert Meter weiter oben halte ich an, um mich auszuruhen und noch etwas zu essen, und siehe da, er ist erneut platt. Also Planänderung: den Reifen bringe ich morgen früh in Ordnung. Die Sonne sinkt gerade hinter die Felswände des Kleinen Kessels, ich bleibe also für die Nacht hier auf dem Parkplatz hoch oben im Berg und fahre erst morgen im Hellen weiter. Alles andere wäre mir zu unsicher. Stattdessen gibt es Makkaroni mit Erbsen, und als eine nette rumänische Familie auf dem Weg nach Italien hier Station macht, bekomme ich noch Cola und Kaffee dazu geschenkt. Selbst die Grenzpolizei, die hier gelegentlich anhält, ist sehr nett und will nicht mal meinen Ausweis sehen.

Also liege ich auf dem kleinen Parkplatz hoch in der Felswand des Kleinen Kessels im Eisernen Tor. Es ist eine sternenklare Nacht, mal wieder, aber hier im Nichts der serbisch-rumänischen Grenze gibt es wirklich keinerlei störende Lichtquellen, und man sieht tausende kleine Lichtpunkte am Himmel, die sich zusammenballen zu Sternbildern, Galaxien, ganz deutlich auch zur Milchstraße, die sich quer über den ganzen Himmel zieht. Falls es da oben irgendwo Leben geben sollte – ich hoffe, denen geht es genauso gut wie mir gerade. Der einzige, der mich wirklich gerade beobachtet, ist das riesige Felsenbild des Königs Decebalus in der Felswand auf der anderen Seite des Kessels. Aber den wird meine Anwesenheit hier sicher nicht stören.

Die Ruhe nach dem Sturm

Am gestrigen Abend waren Wolken aufgezogen, die ich noch als hübsches Fotomotiv verwendet hatte.

In der Nacht toben sich nun die Gewitter aus, in einer Heftigkeit, die ich nicht vorausgesehen hatte. Um ein Uhr weckt mich das erste, dann rollen die Stürme im Stundentakt über mich hinweg, bis morgens um sechs dann endgültig der letzte Donner verklingt und ich mir noch zwei Stunden ruhigen Schlafes gönne. Zuvor war ich ständig wach gewesen, kein Wunder, denn es stürmte ganz enorm. Die Blitze zucken ständig von allen Seiten und erleuchten mein Feld taghell. So viele, dass ich das Zählen der Sekunden bis zum Donnern bald aufgeben muss – Blitz und Donner lassen sich einfach nicht mehr zuordnen. Alles dabei, vom Wetterleuchten bis zum Blitzschlag ins Nachbarfeld. Es schüttet, das Zelt bäumt sich auf im Wind, und selbst das zuvor ohrenbetäubende Zirpen der Grillen ist nicht mehr zu hören. Eigentlich alles kein Wunder, schließlich waren es die letzten Tage 40 Grad gewesen, und vor den Bergen der Fruška Gora drüben in Serbien regnet nun alles ab. Ich weiß auch theoretisch um die geringe Wahrscheinlichkeit, dass mir hier etwas passiert, aber zucke natürlich trotzdem bei jedem Blitz zusammen. Zittere ich gerade? An der Kälte liegt es sicherlich nicht.

Die schlimmsten Gewitter sind jene um eins und um vier. Da hocke ich in voller Montur, mit Regenjacke und natürlich den Schuhen mit den Gummi-Sohlen, im Eingang – Taschenlampe, Handy, Pass und Portemonnaie in der Hand, um fluchtbereit zu sein. Trotz des Unwetters ist es noch immer enorm schwül, ich schwitze wie ein Hund, aber das könnte auch Angstschweiß sein. Ich bin zwar alleine mit dem Fahrrad auf den Balkan gefahren, komme gerade aus Bosnien wieder, habe Minenfelder und Kriegsruinen gesehen, hatte unliebsame Begegnungen mit Straßenhunden – alles kein Problem. Aber nun habe ich wirklich Angst.

Doch auch die schlimmste Nacht geht einmal vorbei. Als ich aufwache, ist es noch immer unerträglich schwül. Die Wolken ballen sich noch immer am Himmel, aber ab und an kommt auch für einen Moment die Sonne durch – zu wenig, um meine nassen Sachen zu trocknen. Ich esse ein wenig Müsli, setze mich wieder auf das Fahrrad und schwöre mir, nie wieder mein Zelt auf irgendeinem Feld aufzuschlagen, wenn auch nur die leiseste Gefahr besteht, dass ein Gewitter aufziehen könnte. Unterstand ahoi.

Was auf der Karte gestern wie ein leichter Ritt hinüber zur Donau gewirkt hatte, entpuppt sich als äußerst kräftezehrende Angelegenheit. Nicht nur ist es immer noch schwül und das Fahren auf den durchweichten Feldwegen auch nicht gerade einfach, es geht vor allem Berg auf und Berg ab. Ich hatte noch kein richtiges Frühstück, bin übermüdet, aber muss nun schon die Steigungen hoch strampeln – kein Wunder eigentlich, dass ich gerade den ersten wirklichen Durchhänger habe. Ich schimpfe auf alles, auf das Wetter, die kroatischen Straßen, die Karte, die überholenden LKW, und auch das Radio in meinem Kopf, das sonst zuverlässig für gute Laune sorgt, spielt nun Lieder, die bestenfalls bizarr zu nennen sind.

Einmal auch der Alptraum aller Radfahrer: eine Steigung mit acht Prozent Gefälle, darin aber eine Baustelle mit Ampel, sodass ich im PKW-Tempo hinauf sprinten muss, wenn ich nicht an der blödesten Stelle auf Gegenverkehr stoßen will. Und das bei dem Klima, mit Gepäck, ohne Frühstück. Oben muss ich mich erst mal zehn Minuten an den Straßenrand legen.

Aber auch dieser Alptraum ist irgendwann vorbei, ein letzter Berg noch, dann bin ich in Ilok, der Stadt im äußersten östlichen Zipfel Kroatiens. Die Sonne scheint wieder, die fröhlichen Gedanken kommen zurück, und ich kann statt einer Pizza immerhin eine leckere warme Pita essen. Kurz schaue ich mir noch die Festung an, dann geht es den letzten Berg hinunter und über die Brücke nach Serbien.

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Backa Palanka ist eine lebhafte, aber nicht gerade hübsche Stadt. Ich besorge mir erst mal wieder serbische Dinar und stelle fest, dass ich mich wieder an größere Zahlen auf den Geldscheinen gewöhnen muss. Außerdem räume ich mein Portemonnaie auf, darin sind nämlich gerade 40 Euro, 5000 Forint, 180 Kuna und 3000 Dinar. Klingt, als wäre ich reich. Bin ich aber gar nicht. Jedenfalls nicht an Geld.

Mit den hübschen serbischen Geldscheinen kaufe ich mir erst mal einen Kaffee und eine Sesam-Käse-Pastete. Klingt als würde ich den ganzen Tag nur fressen oder an die nächste Mahlzeit denken, nicht wahr? In gewisser Weise stimmt das auch, irgendwie muss ich ja die vielen Kalorien wieder einnehmen, die das Radfahren verschlingt.

Die nächsten Kilometer an der Hauptstraße sind sowieso nicht so schön, da denke ich lieber weiter ans Essen. Aber dann kann ich and Ufer wechseln und fahre durch die wunderschönen und ruhigen Donauauen. Der Wind kitzelt sanft die uralten Ulmen, auf der anderen Seite des Flusses ragt der Nationalpark Fruška Gora auf, und meine Kette surrt und surrt, während ich mich gemächlich Novi Sad nähere. So habe ich mir das hier vorgestellt – die Ruhe nach dem Sturm.

Irgendwann wird mir der Dammweg zu schlecht und ich biege wieder auf die Hauptstraße ab, wo ich rasch Futog erreiche. Vor dem Laden, in dem ich mir Zeug für das Abendessen kaufen will, treffe ich auch Ryan wieder, mit dem ich in Backa Palanka schon kurz gesprochen hatte. Er ist Kanadier, und nicht wie ich Amateur nur ein paar Wochen, sondern nun schon seit sechs Jahren mit dem Fahrrad unterwegs. Dabei hat er schon alle Kontinente bereist, inklusive der Antarktis, und holt gerade noch ein paar europäische Länder nach, die ihm noch fehlen: die Schweiz, Liechtenstein, nun Serbien, dann noch Rumänien und Moldawien.

Sein Hobby unterwegs ist es, abends vor dem örtlichen Supermarkt zu sitzen, Bier zu trinken und die Menschen zu beobachten. Da steige ich doch gerne ein, zumal sich auch noch eine Art Dorforiginal zu uns gesellt: ein gefährlich aussehender Mann, ganzkörpertätowiert, muskulös, der sich uns als der Mafiaboss vorstellt und den Kunden merkwürdige Dinge zuruft. Ganz nüchtern scheint er nicht mehr zu sein, auch eher mit Vorsicht zu genießen, dafür aber durchaus unterhaltsam, auch wenn wir natürlich kein Wort verstehen. Ohnehin ist hier einiges komische Volk unterwegs, wie wir amüsiert feststellen.

Nachdem wir unsere Reisepläne für heute, die nächste Woche und die nächsten Jahre abgeglichen sowie unsere Erfahrungen mit Biking, Bier und Bosnien ausgetauscht haben, suchen Ryan und ich einen Schlafplatz, da es nun doch zu spät geworden ist, noch nach Novi Sad hineinzufahren. Aber nema problema, denn jenseits des Deiches von Futog liegt noch eine bewaldete Donauinsel, auf der sich schnell der perfekte Platz findet. Unter Bäumen, nah am Ufer, und für den Morgen Blick auf die Berge auf der anderen Seite. Während Ryan eine Runde schläft, steige ich erst mal ins kalte Donauwasser und wasche mir endlich den Staub der Straßen und den Schweiß des bosnischen Glutofens ab. Wie gut das tut!

Heute Abend kann ich nun also die Ruhe nach dem Sturm genießen. In Ruhe lesen, kochen (ungarische Nudeln mit kroatischen Erbsen), reden und mich von einem strapaziösen Tag und einer noch schlimmeren Nacht entspannen. Die Gespräche mit Ryan sind sowieso interessant, er hat schon eine Menge erlebt und ist natürlich sehr aufgeschlossen, wie von einem solchen Weltenbummler zu erwarten. Von der nahen Stadt tönt Party-Musik herüber, ein Schiff fährt auf der Donau, auch die Lichter von Novi Sad sieht man schon. Und natürlich die Sterne, die überall die selben sind, ob in Deutschland, Kanada oder Serbien.

In einer Kneipe dudelte gerade „Heaven is a place on earth“. Das ist er sicherlich, wenn man mit der richtigen Einstellung an die Sache heran geht. Dass der Himmel ausgerechnet ein Donaustrand in Serbien ist, war zwar nicht unbedingt zu erwarten, aber jetzt wo es nun einmal so gekommen ist, kann man ja ruhig auch mal dankbar dafür sein.

Beach, Berge, Babylon

Als ich heute morgen wach werde, ist es in Pėters Appartement schon fast wieder unerträglich heiß. Was liegt also näher, als ans Wasser zu flüchten? Wir schwingen uns also auf die Fahrräder, kaufen unterwegs noch etwas zum frühstücken (Kaffeestückchen für mich, Energydrink für Pėter, wie üblich), und ab gehts an den Strand. Und das ist kein Witz. Györ wird von zahlreichen Flüssen, Flussarmen, Altarmen und so weiter durchzogen, die oft von Parks gesäumt sind. Aber an einer Stelle an der Mosoni Duna gibt es tatsächlich auch einen traumhaften Sandstrand, den „Golden Beach“. Hier lassen wir uns auf Liegestühlen in der Sonne nieder und geben uns dem süßen Nichtstun hin. Das Wetter und der Strand könnten auch in Ibiza sein, aber nein, ich bin immer noch in Ungarn. Strand heißt übrigens „strand“ auf ungarisch, eine der wenigen Vokabeln, die ich mir merken kann. Aber es wird.
Hier an der Mosoni Duna hat übrigens die australische Drachenboot-Nationalmannschaft ihr Trainingslager und bereitet sich auf den World Cup nächste Woche in Szeged vor. Ich wusste nicht, dass es sowas gibt, aber jetzt springen hier dreihundert Leute in gelb-grünen Trikots herum und trommeln und paddeln. Die WM- Favoriten sind aber wohl die Kanadier, verrät einer der Paddler, aber der australische Nationaltrainer sei Ukrainer und eine ziemliche Größe der Szene. Jetzt fährt er jedenfalls im Motorboot herum und brüllt Anweisungen.
Irgendwann ist es in der Sonne auch nicht mehr auszuhalten, deshalb trinken wir erst eine Erdbeer-Limonade (irre!) und springen dann doch noch in den Fluss. Der ist vom Hochwasser noch sehr schlammig, aber wenigstens erfrischend.
Zurück gehts es durch die sehenswerte Altstadt von Györ, aber irgendwann muss Pėter sich doch wieder seiner Freundin widmen –  und ich mich meinem Radweg.
Der meint es erst mal nicht so gut mit mir. Den richtigen Ausgang aus Györ zu finden, ist gar nicht so einfach, und dann endet det ausgebaute Seitenstreifen auch einfach mal im nächsten Ort. Aber was hilft es, muss ich eben an Straßenrand weiterfahren, auch wenn das nicht erlaubt ist. Sicherheitshalber ziehe ich die Warnweste an, die ich für solche Zwecke mitgenommen hatte, denn überrollt am Rand einer ungarischen Überlandstraße liegen zu bleiben Watt ja nicht das Ziel der Reise. Die Donau zeigt sich erst mal nicht, stattdessen Felder, Haine, Industrie und sehr schnell überholende Autos. Außerdem ist es heiß, ich bin längst durchgeschwitzt, und zu allem Überfluss geht es auch noch bergauf. Berge? Naja, vielleicht eher Hügel. Aber jedenfalls die ersten seit Wien und an diesem heißen Tag genug, um mich außer Puste zu bringen. Singen hilft auch hier wieder, außerdem versuche ich immer wieder, laut auf ungarisch bis zehn zu zählen. Auch nicht gerade einfach.
Im einzigen Dorf unterwegs hätte ich mir gern eine Cola gekauft, aber leider ist der Dorfladen schon zu. Ein Mann hat gesehen, wie ich vor verschlossener Tür stehe, steigt aus seinem Auto aus und will mir Beistand leisten – auch wenn wir keine Sprache finden, die wir beide können. Nur mit Mühe kann ich ihn davon abhalten, mir sein belegtes Brötchen zu schenken, erst als er erfährt, dass ich noch nach Komárom will, gibt er sich zufrieden. Da gehe es immerhin einen „Nonstop-Tesco“. Überhaupt sind die Öffnungszeiten in Ungarn wohl sehr liberal, in Györ hatte jeder Laden Montag bis Sonntag von 7 bis 21 Uhr offen. Das ist schon bemerkenswert, noch bemerkenswerter ist aber die ungarische Gastfreundschaft, die berühmte. Hut ab!
Kurz vor Komárom treffe ich erst den ausgeschilderten Donauradweg und bald auch die Donau wieder. Die Stadt an sich ist gar nicht so schön wie erwartet, jedenfalls wenn man nicht auf betonierte Einkaufszeilen und Festungsbau steht, aber zum Glück handelt es sich ja um eine Doppelstadt. Die Schwester Komárno liegt auf der slowakischen Seite der Donau, wird aber hauptsächlich von Angehörigen der ungarischen Minderheit bewohnt und ist um einiges hübscher.
Einer Eingebung folgend überquere ich doch die Grenze, und bin ungeplant wieder in der Slowakei. Komárno ist wirklich hübsch, mit alten Kirchen, gut gelaunten Menschen in den Straßencafés und einem von Platanen umsäumten Platz. Dort lasse ich mich erst mal nieder. In irgendeiner Kneipe singt jemand „Halleluja“ von Leonard Cohen, und damit ist die friedliche Stimmung wohl auch schon am besten beschrieben.
Weiter geht es auf dem Dammweg, immer weiter ostwärts. Allmählich wird es dunkler und Wasser brauche ich auch noch. Also kein Trödeln mehr, in die Pedale gehauen. Im nächsten Dorf frage ich einen alten Mann, der auf einer Bank vor seinem Haus sitzt, nach Wasser. Seine Frau kommt auch noch dazu, und auch wenn ich nur drei Wörter Slowakisch und sie nur drei Wörter Deutsch spricht, schaffen wir es irgendwie noch, zu schnacken. Die babylonische Sprachverwirrung in meinen Kopf wird immer schlimmer, ich grüße ja wieder mit „dobry vecer“ und werfe auch sonst allerhand zusammen. Aber irgendwie verständigt man sich ja doch immer. Außerdem bekomme ich noch von den reifen Aprikosen geschenkt, die der Baum im Hof in Fülle trägt. Aber nicht nur ein paar, sondern gleich eine ganze Tüte voll, ich weiß noch nicht, wie ich die alle essen soll. Ist das nun die slowakische Gastfreundschaft? Ich weiß es nicht, aber fest steht, dass ich bisher nur enorm nette Menschen getroffen habe.
Die Fahrt über den Dammweg ist wunderschön. Die Berge im Hintergrund leuchten blau, der Sonnenuntergang auf der anderen Seite in kräftigem Rot. Die Donau plätschert dahin, ein Storch fliegt auf, und die Bäume blühen so weiß, dass es aussieht, als hätten sie ihr Hochzeitskleid angelegt.
An einem rekonstruiertem Römerlager finde ich nicht nur ein Plätzchen zum Schlafen, sondern unter dem perfekten Unterstand auch ein ungarisches Pärchen, das ebenfalls auf größerer Radtour ist. Sie haben tatsächlich Hängematten dabei, in denen sie sich nun von den Strapazen der ungarischen Berge erholen. Außerdem versorgen sie mich mit Mückenschutz, was hier überlebenswichtig ist, und dann plaudern wir noch recht lange, der Sprachverwirrung trotzend, über Gott und die Welt, über Europa und seine Geschichte, die schwierige deutsche Sprache und die alte ungarische Schrift und vieles weitere, und schließlich sehen wir uns noch die Sternbilder und den Vollmond an.
Als ich in Passau war, da stand der Mond erst halb am Firmament. Immer mehr habe ich erlebt, und der Mond hat jeden Abend etwas zugenommen. Aber ich hoffe, dass meine Reise ihren Zenit noch lange nicht überschritten hat, sondern ich noch viele Tage erlebe, die auch schön sind wie der heutige – und wenn ich wieder daheim bin, ist ein ganzer Monat vergangen und der Mond wieder so zunehmend wie in Passau.