Glas/Beton/Holz/Filz

Ulaanbaatar besteht offensichtlich aus vier Materialien. Sie stehen für unterschiedliche Baustile, unterschiedliche Epochen der mongolischen Geschichte, und nichtsdestoweniger existieren sie auch in der Gegenwart noch nebeneinander und bilden ein Gemisch, das einzigartig ist.

Südlich des zentralen Sukhbaatar-Platzes – auf dem das riesige Parlamentsgebäude und ein Freiheitsdenkmal daran erinnern, dass man sich in einer der wenigen Demokratien der Region befindet – schießen die gläsernen Hochhäuser aus dem Steppenboden. Ich spaziere gemeinsam mit Céline durch die Kälte, die normalerweise in der Pariser Banlieue Virensoftware programmiert, jetzt aber gerade von drei Wochen Urlaub in der westmongolischen Steppe zurückkehrt und ihren letzten Tag in Ulaanbaatar genießt. Die Kälte beißt immer noch in Hände und Gesicht, aber allmählich gewöhne ich mich daran. Außerdem ist es heute sonnig, und in diesem Licht sehen selbst die Hochhäuser schön aus.

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Weiter südlich und östlich, insbesondere jenseits des Flusses Tuul-gol, schließt sich der Beton an. Hier stehen noch Plattenbauten und Industriehallen aus sozialistischer Zeit, die jeglichen architektonischen Charme vermissen lassen. Noch ein Stück weiter führt der Weg allerdings einen Hügel hoch, und was hier oben aus Beton geschaffen wurde, sieht wie die Ruine einer Raketenabschussrampe aus. Von nahem betrachtet ist es ein Denkmal für die ruhmreichen kommunistischen Armeen im Zweiten Weltkrieg. In großformatigen Mosaiken wird die Freundschaft zwischen Mongolei und Sowjetunion dargestellt, komplett mit Hammer, Sichel, Landarbeitern, Kosmonauten und was noch so dazugehört. Besonders bemerkenswert ist aber eher die Aussicht, die man von hier oben vom Zaisan-Hügel auf die Stadt und die umliegenden Berge hat. Dabei fällt mir auch zum ersten Mal richtig deutlich die Smog-Glocke auf, die über dem Zentrum von Ulaanbaatar hängt und sich hier deutlich gegen den blauen Winterhimmel abzeichnet. Tausende Kohlefeuer in den Slums und der wilde Autoverkehr sorgen für konstanten Nachschub.

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Holz finde ich an vielen Orten der Stadt, besonders aber im Winterpalast des Bogd Khan. Er ist ein Meisterwerk der Holzschnitzerei und erinnert im Zuschnitt an die Verbotene Stadt in Peking, wenngleich viel kleiner und primitiver. Die Verbotene Stadt wirkte handwerklich doch deutlich perfekter, obwohl sie hunderte Jahre älter ist. Kaum zu glauben, dass einige der Gebäude und Ausstellungsstücke erst 120 Jahre alt sein sollen – sie wirken wie aus grauer Vorzeit. In den Nebengebäuden werden zahlreiche Stickereien, Kultstatuen und Gastgeschenke ausgestellt, außerdem Mobiliar der Khane, ihre gruselige Sammlung ausgestopfter Tiere und die Spielzeuge der Prinzen. Auch eine Jurte aus Leopardenfell befindet sich darunter, ein Kuriosum, das mir die Kehle zuschnürt. 150 Schneeleoparden wurden dafür geschlachtet.

Holz findet sich auch in den Lamatempeln wie dem Choijin, der schon von Hochhäusern umgeben ist. Er bewahrt mit seinen Pagoden, rituellen Masken und Bodhisattva-Statuen etwas Archaisches in der sich schnell wandelnden Stadt. An diesem Punkt meines Spaziergangs ist die Sonne allerdings schon hinter den Hochhäusern versunken, eisiger Wind pfeift durch die Höfe und schneidet mir in die Haut. Schnell mache ich mich auf die Suche nach einem Restaurant und bleibe dort, bis ich meine Füße wieder spüre.

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Dass ich so schnell ein sehr leckeres Restaurant gefunden habe, das statt der fleischlastigen mongolischen Küche ausschließlich vegan kocht (und dabei traditionelle Gerichte wunderbar neuinterpretiert), liegt am verbreiteten buddhistischen Glauben. Das vegane Restaurant, das ich mehrfach besuche, liegt in einem Meditationszentrum, nicht weit entfernt vom Tempelkomplex Gandan Khiid.

Dort begegne ich auch dem Filz, dem vierten und ursprünglichsten Material der Stadt. Gandan Khiid befindet sich auf einem Hügel westlich des Zentrums und liegt damit schon inmitten der Jurten-Slums. Das Gelände selbst ist eine Art mongolischer Vatikan, mit Tempeln und Datsanen, in denen Mönche studieren und beten. Ich erhasche einen Blick auf eines der Rituale und bin gleichzeitig angezogen vom monotonen Singsang der Mantras und abgestoßen davon, dass hier kleine Junge mit rasierten Köpfen und in Mönchskutten mitsingen müssen. Sie sehen nicht so aus, als hätten sie sich freiwillig dafür entschieden, Mönch zu werden, die Jüngsten schätze ich auf acht Jahre. Diese Kinder werden von ihren Familien in den Datsan geschickt, dabei gehören sie meiner Meinung nach erst mal in eine Schule.

Trotzdem packt mich eine Ehrfurcht vor dieser Mönchskultur, vor den Jurten und den Räucherstäbchen, vor der Mönchshochschule für traditionelle Medizin und der Statue der Göttin Janraisig im höchsten Tempel. Die goldene Statue ist 26 Meter hoch. Ihre Vorgängerin wurde von der Roten Armee eingeschmolzen, doch gleich nach der Demokratisierung brachten die Mongolen genug Spenden auf, um eine neue Statue zu errichten. Das zeigt, wie sehr die Tradition noch verwurzelt ist in diesem armen Land, das sich gerade in großer Geschwindigkeit in Richtung Moderne bewegt.

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Wohin genau die Reise geht, ist ungewiss. Die Nomaden ziehen in die Slums der Hauptstadt, zugleich entwickelt sich eine Mittelschicht. Westliche Konzerne fangen an, die Rohstoffe des Landes auszubeuten, zugleich wächst die lokale Wirtschaft rasch. Die Infrastruktur ist noch immer schlecht, wird aber rapide ausgebaut. Die traditionellen Clan- und Familienstrukturen lösen sich auf, der Buddhismus scheint weiterhin fest verwurzelt. Die Demokratie behauptet sich seit 1991, als eine der wenigen in dieser Region. Ich bin gespannt, wie sich die Mongolei weiter entwickelt, ob sie vielleicht bald stärker in unser Bewusstsein rückt als bisher. Aber ich wünsche ihr, dass sie sich das Miteinander von Glas, Beton, Holz und Filz bewahren kann.

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Der Weg nach Shangri-La

Now that you’ve found your paradise
This is your kingdom to command […]
Gone all the days when you dreamed of that car
You just want to sit in your shangri-la

The Kinks, „Shangri-La“, 1969

Unsere Fahrt nach Siguniangshan war ein Stück weit auch eine Weltflucht für ein paar Tage. Eine Flucht vor dem lärmenden, verstopften, schmutzigen China da unten. Vor der schwülen Hitze, dem grauen, ewig bewölkten Himmel. Vor der Arbeit am College, die zwar Spaß macht, aber auch kein ständiges Blumenpflücken ist. Vorm grauen, tristen Beton-Pengshan der Regentage und vorm überlaufenen Chengdu.

Hier oben haben wir nun unser Paradies gefunden. Bei klirrender Kälte stehen wir vor Sonnenaufgang auf, um uns auf die Wanderung ins Changping-Tal zu machen. Vom gestrigen Tag spüren wir schon ordentlichen Sonnenbrand und Muskelkater, aber heute soll es nochmal etwas anstrengender werden.

Der Weg beginnt ein gutes Stück oberhalb des Dorfes an einem tibetischen Mönchskloster. Bunte Gebetsfahnen weisen auf die heilige Stätte hin. Aus den Wolken dahinter schiebt sich der erste schneebedeckte Gipfel, die erste der vier Schwestern, nach denen der Nationalpark benannt ist.

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Wir bewundern die großen Buddhastatuen und die Gebetsmühlen. Vor dem Kloster stehen kleinere weiße Stupas aufgereiht. Ein Mönch in roter Kutte teilt kleine Bildchen mit einem Buddha aus, Glücksbringer für den Weg. Hinter dem geschwungenen Dach des Tempels erheben sich die majestätischen Gipfel. Buddhismus aus dem Bilderbuch. Wenn jetzt der Dalai Lama um die Ecke käme und eine Postkartenspruch zum Besten gäbe, es würde mich nicht wundern. Wie in China fühle ich mich hier sowieso nicht.

Aber weiter geht’s. Der Weg führt über hölzerne Stufen zunächst nach unten, bis wir an einem Gebirgsfluss ankommen. An dessen Ufer geht es nun immer weiter hinein in das Tal, über Brücken, zu einem Wasserfall hoch, dann zu einem See.

Auch hier sind Touristen unterwegs und schießen Selfies mit der Gebirgslandschaft, aber doch in deutlich geringerer Zahl als gestern im durchorganisierten Tal. Hier gibt es keinen Bus, nur den Holzweg – und auch der endet bald.

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Die Natur ist anders als gestern, ausgeglichener, majestätischer. Nicht hinter jeder Wegbiegung lauert mehr ein neues Highlight, ein neues unerwartetes Zuckerstück. Es ist ein normaler Gebirgswald, durch den wir laufen. Aber die Berge, schroff und spitz wie der Hut eines Zauberers, ragen umso beeindruckender auf. Der Himmel wird klarer und klarer, bis sich eine große dunkelblaue Kuppel über uns spannt.

Nun fallen auch die kleinen Besonderheiten auf, die roten Ablagerungen auf Felsen, die ersten gelben Blätter, die toten Baumstämme im Bach. Der Holzweg endet hinter einer Brücke über den Bach, ab jetzt geht es über Stock und Stein weiter. Im Wald ist der Pfad relativ matschig, denn manche Touristen lassen sich von Ponys den Rest des Weges entlang tragen – für uns ist das keine Option. Erstens lockt der sportliche Ehrgeiz, und zweitens machen weder die Ponys noch die Reiter einen allzu glücklichen Eindruck.

Wir genießen es, unseren Weg zu finden, am Flussufer, über den Trampelpfad, über Felsen. Mit jedem Schritt verändert sich das Bergpanorama ein kleines bisschen. Ein paar Mal tauchen Yaks direkt vor uns auf. Dann wieder eine Rast mit Mandarinen und Oreo-Keksen, und weiter gehts.

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Schließlich, nach 14 Kilometern, stehe ich am Endpunkt des Weges. Eine große Hochgebirgswiese, auf der Ponys und Yaks einträchtig grasen. Nach dem Pfad durch den Wald wird mein Blick nun wieder freigelassen. Ein hölzernes Tor, ein Unterstand für Viehhirten. Die Hänge zuerst mich dichtem Wald bedeckt, nach oben hin wieder schroffe Felsen in allen Grautönen. Die Gipfel weiß vor Schnee.

Und ganz da hinten, die höchste Spitze leider in der einzigen kleinen Wolke verborgen, kann ich sie erahnen: die vierte Schwester, der höchste Berg des Nationalparks, 6.200 Meter hoch.

Ich setze mich kurz auf einen Felsblock und staune. Und dann geht es auf den Rückweg, wieder gut 14 Kilometer zurück zu unserem Ausgangspunkt, wo wir ebenso müde wie glücklich in ein Restaurant fallen.

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Insgesamt sind wir in zwei Tagen über fünfzig Kilometer gewandert, und das in großer Höhe. Wir sind müde, sonnenverbrannt, muskelverkatert, aber zugleich auch unendlich beflügelt. Denn hier, ein paar Stunden Fahrt entfernt, haben wir ein kleines Paradies gefunden.

Ein kleines Shangri-La.

Put on your slippers and sit by the fire
You’ve reached your top and you just can’t get any higher
You’re in your place and you know where you are
In your Shangri-la

大佛 – Der große Buddha

Emei Shan teilt sich seinen UNESCO-Welterbetitel mit dem großen Buddha im nahegelegenen Leshan. Und das Ding heißt nicht umsonst Dà Fó, der große Buddha. Genauer gesagt gibt es nämlich keinen größeren seiner Art, von irgendwelchen neuzeitlichen Metall-Ungetümen will ich hier mal nicht sprechen. Dieser Herr hat immerhin schon über 1.200 Jahre auf dem riesigen sandsteinernen Buckel. Seine Maße sind beeindruckend: 71 Meter hoch, der Kopf misst 15 Meter, die Ohren immerhin noch 7 Meter, und auf dem Nagel des kleinen Zehs hat man immer noch bequem Platz.

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Um 800 n. Chr. wurde er aus einer Klippe geschlagen, weil hier am Zusammenfluss von Min- und Dadu-Fluss die Strömung so gefährlich war. Der Buddha sollte den Fluss besänftigen, was tatsächlich auch gelang – es sei einmal dahingestellt, ob daran der heilige Mann selbst schuld ist, oder die gigantischen Mengen Abraum, die während der Bildhauerei anfielen und in den Fluss geworfen wurden…

Man nähert sich dem Buddha von oben, sieht also erst mal eine Zeit lang nur Kopf, und kann dann einen steilen Klippenpfad hinabsteigen, um zu seinen Füßen erst recht von der schieren Größe der Statue erschlagen zu werden.

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Mindestens ebenso spannend ist aber auch die Umgebung der Statue. Hier finden sich zahlreiche Tempel, Mönche und Pagoden, aber auch eine wunderschöne hügelige Landschaft mit Bachläufen und Wald. In einem abgegrenzten Areal kann man eine große Menge weiterer Kunstschätze besichtigen, darunter über 3.000 weitere große und kleinere Buddha-Statuen aus ganz Asien. Das Spektrum reicht vom 170 Meter langen liegenden Buddha, der in eine Bergflanke graviert ist, bis zur Tausend-Buddha-Höhle, in der sich eine winzige Statue an die nächste reiht. Bodhisattvas mit hunderten Armen, Buddhas hoch wie ein Haus, goldene und steinerne Buddhas, Statuen und Bilder, indische Buddhas mit Kobras, thailändische schlanke und chinesische fette, und dazu noch tausend andere Dinge.

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Ungeheuer interessant das alles, Andy und ich versuchen stundenlang, irgendwelche Symbole zu interpretieren, und ich mache zig Fotos. Irgendwann stellt sich dann aber bei mir doch auch eine gewisse Buddha-Müdigkeit ein, nachdem wir in drei Tagen so viele Tempel besichtigt haben, buddhistische und daoistische, dazu tausend Statuen gesehen haben, und so freue ich mich am Ende fast genauso über die scharfe Tofu-Suppe, die ich an einem Stand an der Bushaltestelle kaufe, wie über das Wochenende der tausend großen Buddhas.

Aber gut war es schon, das Wochenende, das merkt man vielleicht an meinem euphorischen Geschreibe. Auch wenn ich der Erleuchtung noch nicht näher gekommen bin (ich bin ja auch nicht gerade meditativ veranlagt), kann ich so einen Abstecher nach Sichuan doch wärmstens empfehlen…

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