Update aus Belgrad

Habe gerade wieder Internet, also schon mal diejenigen Berichte nachgetragen, die ich noch auf dem Tablet tippen konnte. Der Rest ist auf Papier geschrieben, entweder digitalisiere ich das beim Warten morgen, oder eben daheim.
In Kurzform: nach dem Eisernen Tor hatte ich einen bösen Tag mit verdammten vier (!) Plattfüßen. Der nächste Tag in Rumänien war dann umso besser. Hab es mit dem Fahrrad dann noch bis Vidin in Bulgarien geschafft, dann mit dem Zug weiter nach Sofia und im Nachtzug über den Balkan zurück nach Belgrad. Klingt abenteuerlich, war es wohl auch. Jetzt schau ich mir noch ein wenig die serbische Hauptstadt an, und morgen gehts schon heim. Wie lange war ich insgesamt unterwegs? Eine Woche? Ein Jahr? Ich kann es nicht mehr sagen.

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Nachtzug nach Belgrad

Längs der Donau, Tag 25, Vidin-Diitrovgrad.

Ich frühstücke irgendwo im bulgarischen Nichts zwischen Garagenhof und Umspannwerk, und trotzdem könnte es mir nicht besser gehen. Für den Morgen steht die Innenstadt von Vidin auf dem Programm, die doch einiges mehr zu bieten hat als nur sozialistischen Plattenbau-Chic, Shopping-Malls und Umspannwerke. Die alte Hauptstadt Bulgariens verfügt über eine hübsche Donaupromenade, viel alte Bausubstanz im Zentrum, über orthodoxe Kathedralen, eine Moschee und eine orientalische Konaka sowie über die mittelalterliche Donaufestung „Baba Vida“. All dies erkunde ich ausführlich, dann ist es Zeit, den Bahnhof zu suchen. Ich habe schon wieder Glück, in einer halben Stunde fährt ein Zug nach Sofia. Fünf Stunden Fahrt!

Also muss ich dringend noch Verpflegung besorgen, Fahrkarten für mich und mein Fahrrad kaufen, und dann sitze ich auch schon in einem alten Bundesbahn-Silberling, der holpernd und schaukelnd sich auf den Weg durch die Berge und Ebenen macht.

Und was für Berge das sind! Die Strecke führt nämlich zuerst durch hügelige Felder, dann durch steinigere und weniger fruchtbare Gegend, und von weiter entfernt sieht man die ganze Zeit schon das Balkan-Gebirge sich nähern. Dass diese Bergkette der ganzen Region ihren Namen gegeben hat, kommt nicht von ungefähr, dominant ragt sie über der Ebene auf und zieht meine Blicke auf sich. Diejenigen Blicke jedenfalls, die nicht von meiner Reiselektüre – immer noch Georg Forster – oder von der spektakulären bulgarischen Eisenbahn beansprucht werden. Immerhin ist der altertümliche Zug schon großartig, an jeder Station unterwegs steht ein Schaffner in schmucker Uniform, und auch die zusammengezimmerten Schranken werden selbstverständlich von keiner Automatik, sondern von Schrankenwärtern heruntergelassen. Bahnfahren wie vor fünfzig Jahren, oder sind es hundert?

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Egal, die Landschaft wird ohnehin immer beeindruckender, was kümmert mich die Eisenbahnromantik. Aufgrund seiner Topographie hat Bulgarien wenige Nord-Süd-Verbindungen, und die wenigen sind umso beeindruckender. Die Bahnstrecke Vidin-Sofia jedenfalls gräbt sich nun tief in das Balkan-Gebirge ein und nutzt dazu die Schlucht des Flusses Iskar, der im Rila-Gebirge entspringt, die Hauptstadt und das Balkan-Gebirge durchquert und irgendwo weiter nördlich in die Donau mündet. Er hat sich durch die Kalkstein-Felsen einen beeindruckenden Weg gesucht, dem nun auch meine Bahnstrecke folgt. Ein paar Dörfer, ein paar Stauwehre, sonst nur Felsen und Berge, nur steinige Täler und spärlich bewaldete Klippen. Auf meiner Reise habe ich schon einige grandiose Landschaften gesehen, aber dennoch hänge ich hier an der Scheibe, kann mich kaum sattsehen an den vorbeifliegenden Panoramen, und mein Zeigefinger entfernt sich kaum vom Auslöser meiner Kamera. Welch ein Glück, dass der Zug so langsam fährt, nun ärgere ich mich auch keineswegs mehr über die lange Fahrzeit, sondern bin dankbar, dass die Strecke so schlecht ausgebaut ist und ich die Landschaft umso länger genießen kann.

Aber alle guten Dinge finden einmal ihr Ende, und jenes der Bahnfahrt heißt Sofia. Der Hauptbahnhof empfängt mich als grauer Betonklotz, aber das kenne ich ja schon von Bulgarien. Auch der Leerstand in den ehemaligen Geschäften, die defekten Aufzüge und der beißende Geruch der Unterführung erschrecken mich nicht. Aber was mir gleich auffällt, ist die Dichte an Bettlern. In Vidin war mir das schon aufgefallen (zum ersten Mal auf der gesamten Reise, obwohl ich nun wirklich einige arme Ecken Kroatiens, Bosniens und Rumäniens gesehen habe) – aber hier ist die Bettelei omnipräsent, aufdringlich und unerträglich. Ist das schon wieder die Arroganz des westlichen Touristen, der ja schon weiß, dass er in zwei Tagen in seinen deutschen Wohlstand zurückkehren wird? Eine solche Arroganz entspricht eigentlich nicht meinem Naturell, ich wollte sie ja wirklich vermeiden, was mir auch bisher hoffentlich einigermaßen geglückt ist. Aber die hiesigen Bettler sind so aufdringlich, dass man sie nicht ignorieren und schon gar nicht bemitleiden kann. Einer wird mir später versuchen, den Fahrradhelm vom Kopf zu ziehen, um ein Trinkgeld dafür zu bekommen, und mit meinen portugiesischen Reisebekanntschaften mache ich später Witze über den „Gypsy luggage service“, dem zu entkommen schlechterdings unmöglich ist. Man muss sich also tatsächlich wehren, und das ständig.

In der Schalterhalle habe ich jedenfalls auch gleich einen Schatten, der mir permanent weiterhelfen möchte. Das gelingt zwar kaum, schließlich finde ich mich auch so gut zurecht, weiß besser was ich eigentlich möchte, und der Sprachkontakt beschränkt sich auf „no problem“ – aber als ich bald meine Fahrkarte in der Hand halte, komme ich doch nicht umhin, eine Lewa Trinkgeld zu geben. Danke für nichts auch.

Besagt Fahrkarte ist ein Liegeplatz im Nachtzug Sofia-Belgrad, das klingt schon einigermaßen abenteuerlich. Zuvor habe ich aber noch einige Stunden Zeit, die ich dazu nutze, auf einer Hauptverkehrsstraße (das kümmert mich mittlerweile nicht mehr) in die bulgarische Hauptstadt einzufahren. Die ist teils ganz ansehnlich, teils aber auch ein Freilichtmuseum für die schlimmsten Bausünden realsozialistischer Architektur. Nur die stets am Horizont präsente Bergkette versöhnt mich doch mit der Ansicht der Stadt. Dafür gestaltet sich das Fahren umso anstrengender, neben der rein kyrillischen Beschilderung und der völlig auf Autos ausgerichteten Straßen ist daran aber auch der bulgarische Autofahrer schuld. Hier fährt man nämlich nicht los, wenn die Ampel auf grün springt; auch nicht wenn die Ampel vorraussichtlich gleich auf grün springt; sondern man fährt, wenn man der Meinung ist, dass die Ampel für die eigene Fahrtrichtung nun aber wirklich mal auf grün zu springen hat. Das führt zu einem herrlichen Verkehrschaos, viel Gehupe und Geschreie, und dazu dass der Fahrradtourist mal wieder seine grelle Warnweste anzieht.

Wie reagiert man am Besten, wenn die Großstadt zu laut, zu viel, schlichtweg überfordernd ist? Man setzt sich auf einen zentralen Platz, isst ein Eis und beobachtet die Menschen. In meinem Fall ist das Eis ein grellgelbes Zitroneneis, meine Warnweste wirkt fast blass dagegen, dafür ist aber sehr lecker und zitronig, und wird statt in Kugeln pro hundert Gramm abgewogen und verkauft. Der örtliche Kulturpalast und das Arbeiterdenkmal passen schon sehr gut in mein Ostblock-Klischee, die Stadt aber ist wiederum lebhaft und mit Leuchtreklamen zutapeziert. Eine alte orthodoxe Kathedrale, eine Moschee, Einkaufsstraßen und eine stark am stalinistischen Architekturstil orientierte Meile von Regierungsgebäuden schaue ich mir später noch an, und hieran sieht man auch schon deutlich die Mischung, die dieses Land so spannend macht: Bulgarien erscheint mir immer wieder irgendwo am Berührungspunkt zwischen Balkan und Orient, zwischen Marktwirtschaft und altem Kommunismus gelegen. Gerne hätte ich diese Kombination noch weiter erkundet, doch als ich an einem Lebensmittelladen vorbeifahre, erinnere ich mich, dass mein Zug demnächst noch fährt und ich mir noch Proviant besorgen muss. Der Joghurtbecher platzt kurz darauf in meinem Rucksack, weshalb ich immerhin gezwungenermaßen Joghurt löffelnd auf einer Brücke noch einmal Bulgarien auf mich wirken lassen kann.

Im Bahnhof schaffe ich es mit Mühe, mein Rad zum richtigen Bahnsteig zu bugsieren. Besagter „Gypsy luggage service“ tritt gleich auf den Plan, ein Fahrradabteil oder auch nur einen Fahrradtarif gibt es nicht, und so muss ich doch mehr Bakschisch verteilen, als erwartet, um mein Fahrrad mit in den Zug nehmen zu dürfen. So werde ich zwar einerseits meine letzten Lewa los, andererseits muss ich aber doch irgendwann böse werden, um die dienstbaren Geister wieder zu vertreiben. Allen anderen Fahrgästen geht dies aber ebenso. Mit meinen Mitreisenden kann ich schnell wieder darüber lachen – und diese Mitreisenden sind auch schon ein buntes und interessantes Völkchen. Der Nachtzug quer über den Balkan, so erkenne ich bald, scheint bei Interrail-Reisenden sehr beliebt zu sein, und ich bin zwar alleine in meinem Sechser-Abteil, meine Nachbarn sind aber Portugiesen und Finnen, Türken und Belgier, eine bunte und lustige Mischung.

Für meinen Geschmack sogar etwas zu lustig, schließlich habe ich eine ernsthafte und anstrengende Tour hinter mir und bin auf wilde Saufereien auf dem Gang eigentlich gar nicht aus. Irgendwann schaffe ich es aber, mich der transeuropäischen Partygesellschaft zu entziehen – ich brauche einfach mal etwas Gelegenheit, alleine zu sein und nachzudenken. Das klingt komisch, war ich doch fast einen Monat alleine unterwegs. Aber nach all den Eindrücken und Begegnungen der letzten Wochen, nach den bezaubernden und erschütternden Erlebnissen, nach der Intensität, die eine solche Reise mit sich bringt, ist mir die Interrail-Party tatsächlich schon wieder zu oberflächlich, die Bierseligkeit zu platt, und der besoffene Spanier zu aufdringlich.

Also esse ich, lese ich, denke ich nach – die drei Dinge, die ich vielleicht am besten kann. Der Zug ist ohnehin eher laut als schnell, der serbische Schlafwagen hat sich als uralter französischer entpuppt. An der Grenze stehen wir nachts enorm lange, alle Winkel werden mit Taschenlampen ausgeleuchtet, dazu zweimalige Passkontrolle. Stundenlanger Stillstand, unfreundliche Grenzbeamte, wehende Flaggen, und dann bin ich wieder zurück in Serbien. Ein wenig Schlaf versuche ich noch zu erhaschen, gar nicht so leicht, und ich muss erkennen: der letzte Tag meiner Tour ist angebrochen. Das letzte Land, die letzte Stadt, die vorletzte Nacht, und ich bin mir noch nicht sicher – bin ich erst ganz kurz oder doch schon eine Ewigkeit unterwegs?

Rumänische Stippvisite

Längs der Donau, Tag 24, Kupuzište-Vidin.

Schnell den Rest Müsli in mich hinein schaufeln, und dann gehts weiter, immerhin soll es gleich nach so vielen Tagen in Serbien wieder über die Grenze gehen. Im nächsten Ort betrete ich den Tante-Emma-Laden, um etwas Verpflegung für den Tag in Rumänien zu besorgen (ich hatte nämlich nicht vor, mir auch noch Lei anzuschaffen), bemerke aber gleich, dass die Tante kein Brot hat. Also frage ich nach der nächsten Bäckerei, kaufe noch eine Tomate, und weil mir 19 Dinar als Gesamtsumme doch recht wenig vorkommt, lege ich an der Kasse aus Nettigkeit noch ein eingeschweißtes, bärchenförmiges Kinder-Apfelteilchen dazu, bevor ich mich in der Bäckerei mit richtigem Essen eindecke.
Auf verwunschenen, halb zugewucherten Pfaden geht es an der Donau entlang, bis ich endlich den enormen Damm Djerdap II erreiche, und damit auch die Grenze nach Rumänien.

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Sofort nachdem ich den Grenzübergang passiert habe, werden die Straßen schlechter, der Verkehr wird weniger, nur die Dichte der Pferdefuhrwerke steigt wieder. Darauf werden Melonen, kaputte Mofas und Kühlschränke transportiert. Bucklige Mütterchen mit Kopftuch und spindeldürre Ziegenhirten begegnen mir. Auf der Dorfstraße laufen Schweine, Kühe und Ziegen herum. Offenbar hat mir die Grenze nicht nur die Umstellung der Uhr um eine Stunde nach vorne eingebracht, sondern zugleich auch einen Zeitsprung zurück, zumindest diese etwas abgelegeneren Dörfer wirken im Vergleich mit meinem Heimatdorf wie eine Reise um achtzig oder hundert Jahre in die Vergangenheit. Nur gelegentlich brettert ein Mercedes über die Piste und zeigt mir für einige Sekunden das andere Gesicht Rumäniens.

IMGP2866Die Straße steigt nun aus dem Donautal auf eine Hügelkette herauf. Unten kann ich die Sümpfe und Auen sehen. In der anderen Richtung kann ich einmal einen Buschbrand bei seinem zerstörerischen Werk beobachten. Einen orthodoxen Friedhof betrete ich auf der Suche nach Wasser, in Österreich hatte das locker funktioniert, aber hier scheint Grabpflege nun wirklich nicht die größte Sorge der Menschen zu sein. Wo keine gesprungenen Steinplatten liegen, laufen die Ziegen über die Gräber und knabbern die Grashalme ab. Ich laufe ein wenig herum und mache Fotos. Da fällt mir auf, dass an einem der Gräber die schwere Steinplatte verschoben ist. Darunter nichts als Schwärze. Die Öffnung ist gerade so breit, dass ich gut hindurch passen würde…
Mit einem Mal fällt mir wieder ein, wofür Rumänien eigentlich bekannt ist. Und ich habe keinen Holzpflock, keine geweihten Silberkugeln, ja nicht einmal Knoblauch dabei! Es ist zwar hellichter Mittag, aber trotzdem gehe ich lieber außen herum zu meinem Fahrrad zurück. Man weiß ja nie…IMGP2862An einer Quelle lasse ich mich nieder und wasche einige meiner Kleider, damit ich eine Chance habe, in Zug und Flieger vielleicht nicht alle Mitreisenden vollzustinken – ein paar Kilometer weiter sehe ich dann eine Gruppe von (offenbar Roma-) Frauen, die ebenfalls an einer Quelle waschen. Aber nicht nur ein verschwitztes Fahrradtrikot, sondern Bettzeug, Gardinen etc. Für sie ist die  Wäscherei an der Quelle nicht Teil eines Abenteuer-Urlaubs, sondern Alltag!
Dafür ist die Sprachbarriere hier viel geringer als in Serbien. Rumänisch ist ja eine romanische Sprache, weshalb die Menschen oft italienisch oder französisch können. Auch auf der Suche nach Arbeit orientieren sie sich an romanisch-sprachigen Ländern – der Eine erzählt mir, er arbeite auf dem Bau in Nantes, der andere hat sich sein Auto in Mailand erarbeitet, und die Jungs in meinem Alter, mit denen ich mich lange unterhalte, verbringen auch nur ein paar Sommerwochen im Heimatdorf. Wie die Schilder ihrer dicken Autos erkennen lassen, sind sie sonst über ganz Frankreich und Belgien verstreut.
Man sieht schon, die Menschen sind hier überaus herzlich und schwatzen gerne etwas mit dem deutschen Touristen (so viele Touristen kommen sicherlich auch nicht hier her). Wenn ich über die Dorfstraßen fahre, muss ich ständig links und rechts grüßen und fühle mich fast wie her majesty auf Staatsbesuch. Kleine Omis klatschen in die Hände, wenn sie mich sehen, überall höre ich „țao“ und „salut“, die Jungen auf der Straße kratzen ihr bisschen Schulenglisch zusammen und wollen im Vorbeifahren mit mir abklatschen. Ist der Gedanke nicht unerträglich, dass diese fröhlichen Kinder in ein paar Jahren hier im rumänischen Bauerndorf keine Perspektive finden werden, dass die Meisten unter ihnen ihr Heil auch in der Emigration werden suchen müssen, dass sie vielleicht in zehn Jahren in meiner Heimat, dem reichen Westeuropa, für einen Billiglohn all die Tätigkeiten verrichten werden, für die ich mir zu schade bin?Immerhin, je weiter ich mich Richtung Süden von Dorf- auf Nationalstraßen vorarbeite, je weniger abgelegen von den Verkehrsströmen und den Städten die Siedlungen sind, desto weniger sticht die Armut ins Auge, desto einfacher scheint es für die Menschen zu sein, ein Auskommen zu finden, auch wenn natürlich auch Calafat an der bulgarischen Grenze keine Oase des Wohlstands ist.
Die Landschaft ist nicht gerade abwechslungsreich hier, die Nationalstraße schon gar nicht. Nur die Kilometersteine zählen beharrlich die Entfernung nach Calafat herab. Ich bin froh, als ich irgendwann den dortigen Grenzposten erreiche – nur muss ich doch sehr lange warten, bis mich einer der Grenzer entdeckt und den „biciclist“ an der Autoschlange vorbei durch den Zoll lotst. Mulțumesc dafür!

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So kann ich doch bald die krachneue, fast leere Donaubrücke und die ebenso unberührte Umgehungsstraße nach Vidin in Bulgarien benutzen. Die Stadt empfängt mich fast so, wie im Bulgarien-Stereotyp von Ryan und mir festgehalten: eine Kollektion maroder Plattenbauten, viel grau, viel Beton, nur die stämmigen Hammerwerferinnen suche ich vergebens. Außerdem ist es gar nicht so leicht, sich zu orientieren. Das knatschige Apfelbärchen, dass ich der serbischen Tante Emma heute Morgen aus Verlegenheit abgekauft habe, rettet mir nun das Leben, denn natürlich habe ich noch keine blanke Lewa in der Tasche.
Während ich mich wiederholt auf der endlosen Ringstraße verfahre, summe ich „Vidin start the fire“ – na großartig, die unheilige Mischung aus den ungarischen Ortsnamen-merk-Liedern und den serbischen Billy-Joel-Ohrwürmern. Irgendwann gelingt es mir aber doch, einen Geldautomaten zu finden, der meine Visa-Karte akzeptiert, und kann mich endlich mit Essen versorgen. Und weil es schon dunkel und noch immer unerträglich heiß ist, fahre ich nun nur noch ein Stückchen aus der statt heraus und schlage mich auf eine kleine Wiese zwischen Garagenhof und Umspannwerk. Das Abendessen besteht größtenteils aus einer großen Portion Reste, und dann falle ich sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

In Serbien aufgewacht, den Tag in Rumänien verbracht, in Bulgarien eingeschlafen. Allerlei Geschichten erlebt und erzählt bekommen. Preise in drei Währungen studiert, in drei Sprachen gegrüßt, mich des Weiteren auf englisch, französisch, italienisch unterhalten, und den Bericht nun in deutsch abgefasst. Den ganzen Tag kein Plattfuß! Dazu immer etwas zu essen, und wenn es ein Kinder-Apfelkuchen in Bärchenform war. So stelle ich mir doch einen guten Reisetag vor.
Die rumänische Jungsclique hatte aber doch Unrecht, als sie mir zig Mal versicherten, wieviel „courage“ ich doch haben müsse, eine solche Reise zu unternehmen. Es braucht nur ein einziges Mal Mut, und das ist der Moment, in dem man die eigene Haustür hinter sich zuzieht. Ist man einmal draußen in der Welt, läuft alles wie von alleine. Wie oft habe ich Glück gehabt, wie viele Zufälle haben mit geholfen auf dieser Reise! Gute Menschen und interessante Begegnungen findet man eh überall. Ist dies das Fazit, nach dem letzten richtigen Reisetag? Es wäre jedenfalls nicht das Schlechteste.