Im langsamen Zug nach Norden

Bangkoks Bahnhof wirkt wie etwas aus der Zeit gefallen. Die Eisenbahn ist hier schon lange nicht mehr das wichtigste Verkehrsmittel, dementsprechend rustikal ist alles. Investitionsstau erster Güte.

Aber für mich als Romantiker, Liebhaber von abgenutzten Edelhölzern und Extra-Wartebereichen für Mönche kommt diese Zugfahrt von Bangkok nach Norden wie gerufen.

Schon die Bahnhofshalle ist vielversprechend, mit überdimensionalem Königs-Portrait und kleinen Snackshops. Als ich endlich im Zug sitze, übermannt mich wieder einmal die Reiselust. Wie gut, dass es gleich losgeht!

Zuerst bewegt der Zug sich langsam aus dem Bahnhof raus. Dann wieder zurück. Dann wieder weiter vor. Nochmal ein Stück zurück. Und irgendwann zieht tatsächlich der abgestellte Waggonschrott an uns vorbei, dann kommen die Vororte Bangkoks mit kilometerlangen mehrstöckigen Autobahnen, dann der kleinere der beiden Flughäfen, und irgendwann fahren wir tatsächlich am ersten Reisfeld vorbei.

Es ist nach wie vor angenehm heiß, aber durch den Fahrtwind streicht eine kühle Brise durch meine Frisur. Die Spurweite hier beträgt nur einen Meter, dementsprechend stark schlingert der Zug hin und her und kann auch nicht allzu schnell fahren. Ich schaue mir die gemächlich vorbeiziehenden Dörfer an, die Reisfelder, die Flussarme, und bin gerade tausend Mal lieber hier als in einem ICE. Ab und an erschlägt jemand eine Mücke oder geht auf die offene Waggonplattform zum Rauchen, sonst passiert hier erst mal wenig.

Bis ich irgendwann mit einer blonden Backpackerin zwei Reihen weiter ins Gespräch komme. Nachdem wir uns eine Weile auf Englisch unterhalten haben, stellen wir schließlich fest, dass wir beide aus Deutschland kommen – und noch keinen Plan haben, was wir nach der Ankunft machen werden.

Und so kommt es, dass wir einige Zeit später zusammen in Ayutthaya am Bahnsteig stehen, die Fähre über den Chao Praya ins historische Zentrum nehmen, und schließlich auf einer Terrasse mit Billardtischen und eiskaltem Bier enden werden…

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Dieser Blick aus dem Fenster

Pünktlich finde ich mich auf dem Bahnhof von Ulaanbaatar ein, der ganz schön weit von der Innenstadt entfernt liegt. Leider bemerke ich das erst, als ich schon eine Zeit lang zwischen Ausfallstraße und Schienen marschiert bin – aber was soll’s, ich bin ja hier, weil ich das Abenteuer suche.

Das Abenteuer hört in diesem Fall auf den Namen „Transmongolische Eisenbahn“. Wessen Fernwehdrüse beim Klang dieses Namens nicht eine Ladung Endorphin ausschüttet, der sollte sich untersuchen lassen.

Ich jedenfalls bin voller Fernweh und voller Endorphin, schon seit ich vor ein paar Tagen von zwei zwielichtigen Herren das Ticket erworben habe. Nun klettere ich endlich an Bord jenes rot-blauen Zuges mit der verheißungsvollen Aufschrift Улаанбаатар – Москва. Ganz recht, Nonstop bis Moskau geht die Reise dieses Zuges.

Innen ist er deutlich moderner, als ich gedachte hatte. Die provodniza (die für den Waggon zuständige Schaffnerin) heißt mich freundlich auf Mongolisch willkommen. Die Abteile sind hoffnungslos überheizt. Dafür sind die Betten gemütlich, die Fenster nach draußen groß, und im Abteil begrüßt mich die Psychologiestudentin Shirley aus Sydney. Sie hat gerade ein paar Wochen Freiwilligenarbeit in der Mongolei absolviert und fährt nun den ganzen Weg bis Moskau mit, um von dort weiter nach Deutschland zu reisen. Kurz darauf stoßen noch Tina und Matt aus Amerika zu uns, die gerade zwei Jahre lang als Englischlehrer in Japan gearbeitet haben und nun entschlossen sind, weitestgehend auf dem Landweg nach Hause zurückzukehren. Wir mutmaßen, dass die Schaffner uns bewusst zusammen in ein Abteil gesteckt haben, wir scheinen jedenfalls die einzigen westlichen Touristen im Zug zu sein. Kurze Konversation, dann geht ein Ruck durch den Zug.

Wir fahren!

Langsam zieht das Bahnhofsgebäude von Ulaanbaatar vorbei, dann Industriebrachen und Jurtenslums – und ehe wir es uns versehen, sind wir schon draußen in der Steppe. Die Landschaft leert sich in enormen Tempo, während der Zug gemütlich dahin zieht. Wo eben noch Zäune und Jurten waren, sind schnell nur noch Wiesen und Hügel, ein paar Schneeflecken und Telegrafenmasten.

Ab und zu sind ein paar Pferde zu sehen, dann und wann eine Jurte. Einen Bahnhof bekommen wir kaum zu Gesicht, dafür ist die Gegend zu dünn besiedelt. Aber wenn, dann steht eine propere Stationsvorsteherin in ihrer schicken Uniform stramm und achtet darauf, dass der Zug korrekt vorbeifährt. Gehalten wird nicht, für wen auch?

Ab und zu flackert ein Gespräch zwischen uns auf, der Form halber halte ich auch ein Buch in den Händen, doch die meiste Zeit schaue ich einfach aus dem Fenster. Die karge Landschaft zieht mich völlig in ihren Bann. Die Leere und Unberührtheit, die beinahe völlige Abwesenheit menschlichen Lebens. Die Schneeflecken und die zugefrorenen Bäche und Flüsse. Die seltenen Ansiedlungen mit ihren Jurten und Hallen, Geländewagen und Pferdekoppeln. Die sanft geschwungenen Hügel und Täler. Wenn der Zug um eine langgestreckte Kurve fährt, versuche ich einen Blick auf die Lokomotive zu erhaschen. Den Rest der Zeit blicke ich stur nach draußen, meine Augen spielen mit den Telegrafenmasten und der Horizontlinie.

Umso mehr bedaure ich es, dass diese Linie langsam verschwimmt und die Dunkelheit über der Steppe hereinbricht. Immer weniger Konturen sind zu sehen, und bald herrscht hinter dem Fenster schwärzeste Nacht. Keine Lichter sind zu sehen. Wir teilen uns unsere mitgebrachten Vorräte, und irgendwann liege ich dann tatsächlich lesend auf meiner Pritsche. Die Hitze im Abteil macht es mir fast unmöglich, zu schlafen. Die Räder rattern auf den Schienen. Ich verfalle in einen Dämmerzustand, den ich auch während der stundenlangen Kontrolle an der russischen Grenze kaum verlasse.

Erst als ich am nächsten Morgen um sieben in der Frühe am Bahnhof von Ulan-Ude in der Kälte stehe, komme ich wieder zu mir. Ich bin um einen Stempel im Pass und um ein Abenteuer reicher. Und mit der Transsibirischen Eisenbahn wartet gleich das nächste!

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Schwäb’sche Eise’bahne und Passau

So eine Zugfahrt ist zwar lustig, aber nur die ersten paar Stunden. Heut morgen in Saarlouis gestartet, dann Neustadt, Karlsruhe, Stuttgart, Ulm und schließlich München. Die ersten drei Fahrten habe ich sehr lustige Gesellschaft von drei heimischen Radlern, die dann aber leider zum Neckarradweg abbiegen, die schwäbische Alb verschlafe ich erst mal komplett. In Ulm kann ich einen Blick aufs Münster erhaschen, und das Gefühl, schon mal an der Donau zu sein, ist auch eher beruhigend. Rund um Augsburg lese ich noch schnell meine Zeitung (die heut morgen aus München geliefert wurde, haha) und bestaune das hübsche Alpenvorland vor dem Zugfenster.
Dann endlich München. Die erste Metropole auf dem Weg, es braucht wohl auch etwas Übung, hier Fahrrad zu fahren. Dafür ist alles sehr lebhaft, sehr voll und ich verfluche meine viel zu vollen Satteltaschen. Quer über den Stachus, dann ab in die Altstadt. Die ist hart an der Grenze zwischen Einkaufszentrum und Disney Land, der Kaffeepreis sprengt auch meinen Finanzplan, und ein urbayerischer Zitherspieler zithert für die spanischen und japanischen Touristen urbayerische Weisen von Frank Sinatrasberger und Sepp Clayderman. Ich umradle schnell noch einmal die Frauenkirche und suche den Zug nach Passau. Das war ja schließlich auch nicht, was ich mit von dieser Tour erhofft habe.

Dann endlich Passau. Endlich ist gar kein Ausdruck! Aber was für eine Stadt!!! Donau und Inn rahmen hier eine Altstadt ein, die von manchen Regisseuren als zu perfekt oder zu malerisch abgelehnt worden wäre. Die Gassen sind brechend voll, und ich habe Mühe, mich mit meinem bepackten Rad zur Ortsspitze durchzuschlagen. Dort an der Innmündung besuchen wir zwei Reisegefährten grad mal noch ein Konzert der Sportfreunde Stiller, und dann geht es durch Altstadtgassen über Kopfsteinpflaster zu meiner Couch, die diese Nacht bei Katharina steht. Die ist ziemlich cool, und war vor allem auch so spontan, mich so kurzfristig noch aufzunehmen.
Morgens schlendern wir noch zum Dom, und dann noch ein wenig durch die Gassen der Altstadt. Das Summen der Trocknungsgeräte ist zwar noch allgegenwärtig, aber ebenso das enorme Zusammengehörigkeitsgefühl der Passauer. Gerade sitze ich auf dem toskanisch anmutenden Rathausplatz, und nur die Klänge der Blaskapelle und der Dialekt der Passanten erinnert mich daran, dass ich noch in Bayern bin.
Jetzt noch schnell zurück zu Katharinas Wohnung, mein Fahrrad holen, und dann ab nach Österreich!