Alte Mauern, alte Freunde

Nach dem kurzen Abstecher nach Macau ging es dann endlich weiter zum eigentlichen Ziel meiner Reise: Korea!

Nach einer kurzen und unruhigen Nacht landete ich verdammt früh auf dem gigantischen Flughafen von Incheon, von wo mich ein Schnellbus nach Suwon brachte. Und dort verbrachte ich dann auch den Tag, erst mal mit einem wachen und einem im Halbschlaf noch zuckenden Auge. Was mich antrieb und vom Bett abhielt: das Wiedersehen mit meinem alten Karlsruher Freund und Leidensgenossen Moritz. Zum ersten Mal seit August treffe ich jemanden wieder, mit dem ich schon vor dem Abenteuer China befreundet war – ein großartiges Gefühl!

Mein erster Eindruck von Korea: es ist dann doch viel asiatischer, als ich erwartet habe. Und das ist durchaus ein Lob, es ist keineswegs so steril und durchtechnisiert wie man denken würde, sondern vielmehr eine Art China mit Technik. Das Beste beider Welten, sozusagen. Wir ungebildeten Europäer nehmen Südkorea ja in erster Linie als Herkunftsort unserer Flachbildschirme, Familienvans und Smartphones wahr. Und tun ihm damit fürchterlich Unrecht, handelt es sich doch um eine alte Kulturnation mit langer Geschichte.

Und selbst auf den Straßen einer durchschnittlichen Großstadt wie Suwon wird einem das vor Augen geführt. In erster Linie ist es natürlich die Hwaseong-Festung, ehemaliger (temporärer) Sitz des koreanischen Königreichs, deren beeindruckende Bauwerke über große Teile des Stadtgebiets verteilt sind. Tore, Türme und Stadtmauern sind wiederaufgebaut, natürlich, die japanische Besatzung und der Koreakrieg haben hier leider keinen Stein auf dem anderen gelassen. Doch sie atmen die alte königliche Geschichte, und beim Spazieren auf der Krone der Stadtmauer, auf einem Wall hoch über den modernen Straßen, auf dem die schwarz-roten Banner im Winterwind wehen, fühlt man sich, als könne jederzeit eine Horde daher geritten kommen und mit Pfeil und Bogen attackieren. Man würde die Feuer in den Signaltürmen entzünden, und den weitläufigen königlichen Hof letztlich gegen die Barbaren verteidigen…

Überhaupt, die Gebäude des Palasthofes sind sehr schön, und ihr Stil unterscheidet sich noch einmal deutlich von allen Stilen, die ich in China bisher gesehen habe. Die Dächer sind flacher, die Verzierungen farbenfroher, wir vertrauen dem jahrhundertealten Wunschbaum unsere Wünsche an und spielen ein Spiel, bei dem man Pfeile in Ziele werfen muss, bis es irgendwann zu kalt wird. Zeit für meine erste richtige koreanische Mahlzeit, in einem leicht improvisiert wirkenden Büdchen, das in meiner Vorstellung so viel besser nach China denn ins hochmoderne Korea passen würde. Aber genau deshalb erliege ich dem Charme des Landes hier so schnell: es gibt viel herrlich Unperfektes, die kleinen Essensläden in den Seitengässchen etwa, doch wenn es darauf ankommt (beim Nahverkehr zum Beispiel) kann man sich auf die Perfektion der Koreaner aber durchaus verlassen.

Das Essen war dann übrigens entzückend, danach war ein Mittagsschläfchen fällig, und abends schlugen wir uns die Bäuche nochmal so voll. Aber das war ja alles eh zu erwarten.

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火锅 – Feuertopf

Zwei Fragen bekam ich nach meiner Rückkehr aus Sichuan immer wieder zu hören: Hast du Pandas gesehen? und: Hast du den Hotpot probiert?

Der Pandabär bewohnt die Berghänge von Sichuan und Gansu, wobei er Unmengen wenig nahrhaften Grünzeugs verspeist, viel schläft, in Fortpflanzungsdingen ziemlich faul ist und deshalb (und wegen der Zerstörung seines natürlichen Lebensraums) immer seltener wird. Rund um Chengdu gibt es einige Zuchtstationen und Forschungszentrum, wo man den Panda besuchen gehen kann, was für viele Besucher Sichuans ganz oben auf der To-Do-Liste steht. Mir widerstreben solche als wissenschaftlich getarnten Vergnügungsparks enorm, nicht nur weil dort Tiere unter nicht immer artgerechten Bedingungen gehalten und ausgestellt werden, sondern weil man für einen astronomischen Geldbetrag auch mit ihren Jungtieren spielen darf, oder ein ausländischer Zoo sich für eine Million Dollar eines der Tiere ein Jahr lang ausborgen darf – das hat in meinen Augen wenig mit  Artenschutz zu tun. Deshalb lautet die Antwort auf die erste Frage: nein, habe ich nicht, wenn man von den tausend Maskottchen, Statuen, Bilden, Panda-Stofftieren, -Mützen, -Shirts etc. absieht, die es an jeder Straßenecke gibt.

Aber dafür kann ich die zweite Frage mit einem fröhlichen „Jawoll“ beantworten.

Der Chinese unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Arten von Schärfe. Im Osten und Süden ist das Essen , also auch in Guangxi, wo ich wohne. Da ich inzwischen schon eine Weile hier bin, habe ich mich an die Schärfe gewöhnt, esse gerne là jiào jiàng auf meinem Reis und vertrage ohne mit der Wimper zu zucken eine Schärfe, die mich vor zwei Monaten daheim noch zum Weinen gebracht hätte.

In der Sichuan-Küche lacht man über , denn hier ist das Essen . Das lässt sich am ehesten übersetzen mit „den Mund taub machend“. Die Schärfe fühlt sich nicht mal besonders heiß an, sie hinterlässt allerdings ein taubes Gefühl im Mundraum, das sich kaum beschreiben lässt und für manchen Sichuaner unbedingt zu einem gut gewürzten Essen dazugehört.

Wir bestellten unseren Feuertopf also vorsichtshalber so mild wie möglich, wobei dazu eine Soße gereicht wurde, die mir an Schärfe auch völlig ausreichte (und wie gesagt, ich ess ja gern scharf). Die Zubereitung des Essens ist allerdings das eigentlich spannende. In der Tischmitte ist ein Gaskocher installiert, auf dem ein Wok voller Brühe köchelt. Man sucht sich aus einer Vitrine verschiedene Platten mit Gemüse, Grünzeug, Pilzen, Fleischstückchen etc. aus und wirft das dann der Reihe nach in den Feuertopf. Wenn die Zutaten gar sind und den Geschmack der Brühe angenommen haben, beginnt man zu fischen, und wiederholt das Ganze so lange, bis man pappsatt ist.

Eine großartige und sehr gesellige Art zu Essen, ein bisschen wie beim europäischen Fondue, nur dass durch die in der Brühe schwimmenden Chili- und Ingwerstücke ein viel runderer Geschmack erzielt wird. Dazu Reis und grünen Tee, und man schwebt auf einer Wolke des Genusses, die über die verpassten Pandas mehr als hinweg tröstet.

聚餐 – Sich zum Essen treffen

Unter der Woche muss ich mir nicht viele Gedanken ums Essen machen, schließlich gab es mittags und abends immer reichlich in der Schulkantine. Darüber später mehr.

Am Wochenende aber ist das anders, und weil wir keine eigene Küche für die Schüler haben, gehen wir zum Essen immer in die Stadt. Es gibt reichlich Straßenverkäufer, Garküchen, Restaurants, denn sich mal schnell eine warme Mahlzeit zu kaufen, ist in China ganz alltäglich. Kostet ja auch nicht viel, macht satt und keine Mühe, und meist schmeckt es auch gut. Außerdem hatten wir mit Charlotte am Freitag, William am Samstag und Ben gestern eine Serie letzter Abende, die auch gefeiert werden wollten.

Also trifft man sich zum Essen, immer in einer größeren Runde, immer recht spontan, und dann wählt man gemeinsam ein Restaurant und eine Reihe verschiedener Gerichte aus. Die landen dann alle in der Mitte, und jeder bedient sich überall ein bisschen. Sehr angenehm, weil man eine riesige Vielfalt durchprobieren kann. Am Schluss wird die Rechnung durch alle geteilt, selten mehr als 50 Yuan pro Person, und den grünen Tee gibt’s in den meisten Restaurants gratis. Alles höchst angenehm und entspannt.

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Meine Highlights bisher: die Fake-Fleischbällchen im vegetarischen Restaurant, die aus irgendwelchem Weizenprotein bestanden und sich im Mund tatsächlich anfühlten wie Fleisch. Die gefüllten, gedämpften Teigtaschen sowieso. Das Gericht aus Auberginen, Kartoffeln und grünen Peperoni, dass es überall gibt. Und vor allem die Sichuan-Küche am Samstag. Die ist dafür bekannt, auch mal etwas schärfer zu sein (kann ich bestätigen), aber dafür auch extrem lecker (und hat mit dem süß-sauren Gematsche deutscher Chinarestaurants auch nicht mehr zu tun als Van Gogh mit einem Wasserfarbkasten in der Grundschule). Der heiße Doufu-Topf hat mir zwar die Tränen in die Augen getrieben vor Schärfe, aber er war perfekt komponiert, gut gewürzt, und unterm Strich so unfassbar großartig, dass man auch bereit ist, die Ratten in der Küche zu ignorieren. Die gibt es bestimmt eh überall.

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Danach noch ein paar Bier in der Runde, am liebsten draußen am Kanal, und ich bin völlig mit der Welt im Reinen. Hauptsach gudd gess, da hat der Saarländer schon recht. Und am nächsten Tag grad wieder.

Also alles in allem sehr entspannt und sehr lecker, so ein Wochenende. Und weil ich sowieso Vegetarier bin, brauche ich mir nicht mal den Kopf zu zerbrechen, ob ich vielleicht doch mal Hühnerfüße oder Wasserschlange probieren soll. Was die Sache noch entspannter macht…

Die Perle der Vojvodina

Donautour, Tag 19, Futog-Stari Banovci.

Wir waren früh schlafen gegangen, so wachen wir natürlich früh wieder auf. Fantastischer Blick auf die Donau und die gegenüberliegenden Berge, wie gestern Abend prophezeit. Während des Müsli-Frühstücks sind wir beide eher schweigsam, heute brauche ich einige Zeit, um wach zu werden.

Aber irgendwann besteigen Ryan und ich doch unsere Räder und fahren nach Novi Sad hinein. Unterwegs halten wir an einer Bäckerei, wo ich mir ein Stück Kirschkuchen kaufe. Dann geht es weiter durch die heruntergekommenen Plattenbau-Siedlungen, später durch die etwas besseren Plattenbau-Siedlungen, und schließlich am Fluss entlang Richtung Innenstadt. Die ist gar nicht so leicht zu finden, und in der Touristinformation warten wir eine gute Viertelstunde, Flyer und Bildbände studierend, bis wir endlich einen Stadtplan bekommen. Schuld ist ein Schweizer Pärchen, das am liebsten jeden ihrer Schritte von dem Mädchen hinterm Schalter erklärt haben möchte. Alles wird ausführlich diskutiert, tausend dümmliche Nachfragen inklusive. Drei Vorteile hat die Affäre: erstens können wir uns der vielen Schönheiten des neuen Landes bewusst werden – zweitens wird hier mal wieder deutlich, wie herrlich unkompliziert unsere Art zu Reisen ist – und drittens liefert es uns Stoff für die nächsten hundert Witze.

Aber irgendwann ziehen die Schweizer rundum versorgt ab, wir grinsen und bekommen auch unsere Karte, und die Stadt steht uns offen. Schon der erste Platz, den wir in der Altstadt erreichen, ist großartig. Orthodoxe Kirchen, teure Hotels, die Anwesen det Bourgeoisie – diese Stadt verbindet den Charme des Balkans auf das Vortrefflichste mit österreich-ungarischem Stil. Der Spitzname „Perle der Vojvodina“ ist in diesem Fall wohl doch mehr als nur ein Marketing-Trick, Novi Sad ist eine wirkliche Perle. Ein paar Plätze weiter setzen wir uns in ein Café und beobachten mal wieder die Passanten. Eine Menge hübscher Frauen, ein orthodoxer Pope, Marktfrauen, Touristen. Und dank des flächendeckenden städtischen WLAN kann ich auch endlich wieder mein Blog auf den neuesten Stand bringen.

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Dafür ist der Weg aus der Stadt hinaus weniger schön. Viel Verkehr, haarsträubende Überholmanöver, stinkende LKWs. Die vielen alten Yugos aus sozialistischen Zeiten machen auch nicht gerade den besten Eindruck, vom Geruch ganz zu schweigen. Erst in Sremski Karlovci können wir die Hauptstraße verlassen und kurven kurz durch den hübschen Stadtkern. Außerdem halten wir mal wieder ab einer Bäckerei, diesmal ist meine Wahl ein enorm fettiger Burek sowie ein Käsegebäck. Schließlich entscheiden wir uns, den anstehenden Berg sowie die Hauptstraße zu vermeiden und dem Weg am Ufer weiter zu folgen. Das ist zwar sehr anstrengend, denn es geht auf und ab auf dem schlechten Schotterweg, dafür wachsen hier reife Brombeeren, die uns ganz ordentlich unterstützen. In Cortanovci gibt es dazu noch Nektarinen und Schokoriegel, dann noch ein böser Anstieg und wir haben es auf das Plateau oberhalb der Donau geschafft – jetzt geht es erst mal nur noch geradeaus und dann irgendwann auf der guten Strecke weiter südwärts. Belgrad rückt näher. Sonst keine weiteren Vorkommnisse, außer dass ich beim nächsten Bäckerei-Stopp endlich meinen mit Kartoffeln gefüllten Burek bekomme, nach dem ich seit Tagen in jeder Bäckerei Ausschau halte. Köstlich.

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In Belegiš dann noch ein Eis und ein Bier auf der Hauptstraße, und wir beginnen, nach einem Schlafplatz zu suchen, denn noch nach Belgrad hinein zu fahren wäre sicherlich keine gute Idee. Aber schon im nächsten Dorf, Stari Banovci, findet sich der Weg hinab zum Strand, wo nur zwei Familien und eine handvoll Angler sind und wir ohne Probleme zelten dürfen. Was ist wohl das erste, das wir tun, noch bevor wir die Zelte aufbauen? Extra große Portionen Nudeln mit Tomatensauce kochen, meine noch mit einer ganzen Dose Baked Beans als Einlage. Wie kann man den so viel essen? Ich weiß es selbst nicht, aber ich bin hier permanent hungrig, bewege mich ja auch entsprechend viel, und so sind fünf größere Mahlzeiten am Tag keine Seltenheit. Das Essen ist ja auch entsprechend billig hier in Serbien, da kann man ruhig mal in die Vollen gehen.

Nebenbei reden Ryan und ich natürlich viel, tauschen weiter fleißig Reiseerfahrungen aus und entwickeln für Bulgarien, unser nächstes oder übernächstes Reiseland, ein paar neue Stereotype, weil es uns doch zu profillos vorkommt. Außerdem geht es um Billigflüge, die EU, das Essen unterwegs (natürlich!), um Rumänien, das Heiraten, Immigration nach Kanada, absurde Schlafplätze, Nächte in weißrussischen Gefängnissen und so weiter. Natürlich hat Ryan noch deutlich mehr Reisegeschichten auf Lager als ich, immerhin ist er seit zwanzig Jahren beinahe ohne Unterbrechung unterwegs, davon die letzten sechs mit dem Fahrrad um den Globus. Egal welches Land man ihm nennt, er hat eine Story parat. Das imponiert mir doch mehr, als ich zugeben mag. Wäre das etwas für mich, so ein Leben permanent auf Achse? Dessen bin ich mir noch nicht sicher. Ich habe mich natürlich in den letzten Wochen beobachtet, wie ich das Unterwegssein genossen habe. All die fremden Länder und Kulturen, die vielen merkwürdigen Begegnungen. Das Alleinsein war nie ein Problem, entweder ich kam gut ohne Gesellschaft klar, oder ich habe schnell welche gefunden. Und natürlich entstehen in meinem Kopf gerade schon wieder tausend neue Reisepläne, wie das immer so geht. Aber wäre ich bereit, mein Leben daheim so komplett aufzugeben und nur noch durch die Welt zu streifen? Die Hemmschwelle ist doch zu groß, wie es mir gerade erscheint.

Vielleicht ist das eine gute Denksportaufgabe für die nächste Woche: wie weit bin ich bereit zu gehen, um etwas von der Welt zu sehen?
Passend dazu lese ich gerade auch eine Georg-Forster-Biographie, Untertitel „Die Liebe zur Welt“. Ja, die ist es, die mich am Reisen hält – aber inwieweit bin ich dazu bereit, meine schönen gewohnten Standards aufzugeben?

Während ich darüber nachdenke, ist es vor dem Zelt Nacht geworden. Die Donau liegt glatt da wie ein Spiegel, die Angler aus verschwunden, bis auf einige Grillen und Hunde hört man nichts. Belgrad ist nicht mehr weit entfernt, aber nichts erinnert an die nahe Metropole, wir konnten genauso gut mitten im Nationalpark sein. Ryan schläft schon, ich werde vielleicht noch ein wenig lesen. Wirklich eine Perle hier, denke ich noch, und mache mich lang.