Eine Insel mit zwei Fehlern

Die Anreise auf die Trauminsel verlief erst einmal beschwerlich. Nach fast einem ganzen Tag im kambodschanischen Überlandbus muss ich in der wenig ansprechenden Grenzstadt Aranyaprathet übernachten – immerhin schon auf thailändischer Seite. Aber keine Sorge, ihr kambodschanisches Pendant ist laut Reiseführer und eigener Anschauung durch die Busfenster noch weniger ansprechend. „Ein Ort, in den man nur zur zügigen Weiterfahrt kommt“, das klingt nicht gerade einladend.

Auch die Weiterfahrt am nächsten Tag ist nicht so problemlos wie erhofft, wobei meine Verkehrsmittel beständig kleiner werden. Die erste Etappe lege ich in einem großen, komfortablen, klimatisierten Reisebus zurück. Nach dem Umstieg geht es mit einem Kleinbus, einer Art asiatischer Marschrutka, weiter bis in die Provinzhauptstadt Rayong. Vom dortigen Busbahnhof nehme ich ein „Taxi“, das sich als die überfüllte Ladefläche eines alten Nissan-Pickups entpuppt. Diese „Songthaeo“ genannten Sammeltaxen gehören hier ebenso zum Straßenbild wie die knallbunten Busse mit Phantasiemotiven, im Gegensatz zu letzteren ist die Fahrt auf der Pritsche durch den Staub und Smog aber nicht sonderlich bequem. Schließlich lande ich, deutlich später als erhofft und als von den Fahrern und Fahrplänen versprochen, am Pier von Ban Phe, von wo aus die Fähren auf die Insel Ko Samet starten, mein Reiseziel.

Die Fähren fahren bis Einbruch der Dunkelheit, allerhöchsten bis sieben Uhr abends, das hatte ich vorrecherchiert. Als ich vom Pickup klettere, ist es präzise 19.06 Uhr und bereits dunkel. Mist. Werde ich jetzt etwa an dieser Stelle scheitern, wo doch die Lichter Ko Samets schon draußen auf dem Meer sichtbar sind?

So schnell lasse ich mich natürlich nicht entmutigen und laufe den endlosen Pier entlang nach draußen auf den Ozean. Mist, kein Mensch ist mehr hier. Schon gar keine Fähre. Gedanklich stelle ich mich schon auf eine Nacht auf dem Pier ein. Halt, war das ein Blitz da drüben? Ach verdammt.

Aber zum Glück sieht man von der Spitze des Piers auch, dass es ein Stück weiter noch zwei oder drei andere Piers gibt. Und weil ich ja bekanntlich nicht so schnell aufgebe, laufe ich geschwind dort hin, mein schwerer Rucksack drückt ein bisschen, aber ich hetze trotzdem durch die salzige Luft. Mittlerweile ist es halb acht, und das Fahrkartenhäuschen ist zwar noch besetzt, man will mir aber eine Fährkarte für morgen früh verkaufen. Ob es denn wirklich keine andere Option gibt? Der Verkäufer lächelt, zieht das letzte Ticket aus seinem Block und deutet dann vage in eine Richtung. Als ich den Pier entlang laufe, glaube ich zunächst an einen Scherz – hier gibt es noch einen uralten Kahn, ganz sicher keine der Touristenfähren. Aber der Skipper nimmt mich tatsächlich mit an Bord, und sobald ich unter Deck geklettert bin, legen wir auch schon ab. Außer mir wird mit diesem lecken Pott offenkundig vor allem Nachschub für die Hotels und Restaurants der Insel transportiert: säckeweise Ananas, Kisten voller Reis, die Frühstückseier für den nächsten Morgen und ein paar Frauen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie nicht die Prostituierten für diese Nacht sind.

Der Kahn steuert hinaus auf das schwarze, unruhige Meer (aufgrund der Schwärze habe ich keine Fotos, stellt euch diese Aufnahmen von der Rückfahrt einfach in sehr sehr dunkel vor). Aber während wir durchgeschaukelt werden, tröste ich mich damit, dass so ein altes Schiff wie dieses die Passage bestimmt schon ein paar Mal bewältigt hat. Und ich fühle ein Hochgefühl in mir aufsteigen: die Lichter von Ko Samet werden immer größer, ich hab es tatsächlich geschafft.

Ko Samet am nächsten Morgen. Mein vorreserviertes Hostel war leider überbucht, deshalb habe ich die Nacht in einem kitschigen (und überteuerten) Doppelzimmer in der Nachbarschaft verbracht. Ich erwache um sieben Uhr morgens und fülle die nächsten Stunden mit konzentriertem Nichtstun. Ich lese ein bisschen, höre Musik, lasse vom riesigen Ventilator meinen Schweiß wegwehen und beschließe, nach den vollen Wochen in Pengshan und den vielen Eindrücken und Besichtigungen in Kambodscha nun den ganzen Tag dem Müßiggang zu widmen.

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Der vorherige Abend war übrigens gar nicht so schlecht gelaufen, ich war auf ein paar Bier in mein ursprünglich vorgesehenes Hostel eingekehrt, und dann mit einer großen deutsch-thailändischen Gruppe in einer Strandbar gelandet. Die beste Feierstimmung herrschte dort allerdings nicht. Vor einigen Wochen schon war die Armee auf Ko Samet gelandet mit dem erklärten Ziel, dort mal gründlich aufzuräumen. Deshalb schlossen fast alle Bars zwischen zehn und elf abends, nicht genehmigte Gebäude sind vom Abriss bedroht, und Musik wird auch in keiner der Bars gespielt. Eine etwas gespenstische Situation, die deutlich vor Augen führt, dass das Land seit dem Putsch von 2014 ja wieder eine Militärdiktatur ist. Auch am Grenzübergang und unterwegs waren mir die dazugehörigen Plakate aufgefallen, auch Kasernen und Soldaten sind allgegenwärtig. Angesichts der Bedeutung des Tourismus für die thailändische Wirtschaft glaube ich allerdings, dass die Maßnahmen auf Ko Samet – so sie denn auch anderswo bald stattfinden – dem Land eher einen Bärendienst erweisen.

Zur Zeit aber brummt der Tourismus offensichtlich noch, das stelle ich in den nächsten Tagen bei meinen Streifzügen über die Insel fest. Zwar gibt es in ihrem Inneren noch unberührten Dschungel, und wenn man ein gutes Stück läuft, kann man leere Strände wie aus dem Bilderbuch finden. Aber gerade der Hauptort, in dem sich alle Unterkünfte befinden, ist fürchterlich überlaufen. Die Backpacker wurden in den letzten Jahren durch Hotelresorts mit Privatstränden ersetzt, die Restaurants bieten statt Phat Thai lieber Spaghetti Bolognese an, und in den Resorts und Restaurants findet sich sehr häufig die Kombination aus dickem, älterem Russen/Deutschen/Kanadier mit einer jungen hübschen Thailänderin. Ich erspare es mir, weitere Details zu tippen, ich bin einfach nur bestürzt und angeekelt.

Und so sitze ich hier zwischen Palmen und weißen Sandstränden und fühle mich trotzdem nicht so richtig wohl. Nachdem ich auch nach drei Tagen noch nicht so richtig auf Ko Samet angekommen bin, beschließe ich meinen Aufenthalt hier zu verkürzen und lieber morgen schon in Richtung Bangkok aufzubrechen. Was in meiner Planung nach Trauminsel klang, entpuppte sich leider doch als eine Insel mit gehörigen Schönheitsfehlern, die vielleicht symptomatisch für die aktuelle Situation in diesem Teil Thailands sind.

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香港的特征 – Hongkonger Besonderheiten

Den Nahverkehr in Hongkong teilen sich rote Taxis, öffentliche Busse mit grünen und roten Dächern (je nachdem, ob es festgelegte Haltestellen gibt), normale Vorortbahnen und Hochgeschwindigkeitszüge, die exzellente U-Bahn und natürlich die schon mehrfach erwähnten doppelstöckigen Straßenbahnen auf. Dazu gibt es noch ein paar Besonderheiten wie die Star Ferries oder erwähnte Rolltreppe, sodass die Stadt auch für Freunde des öffentlichen Verkehrswesens ein Mekka ist. Dazu gehöre ich ja bekanntlich.

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Die Straßenbahnen haben es mir besonders angetan. Es gibt zwar strenggenommen nur eine einzige Linie, die führt aber parallel zum Meer durch die Wolkenkratzer und bietet damit schon mal einen reizvollen Kontrast. Die Fahrten sind unglaublich billig, und das in einer Stadt, in der man sich sonst damit brüstet, welche Mondpreise man sich leisten kann. Außerdem sind die Fenster immer offen, die Bänke noch schön altmodisch aus Holz, und so unternehme ich einige Fahrten mehr, als eigentlich notwendig gewesen wären. Was die Sache nur noch schöner macht.

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Auch die Fahrten mit der Star Ferry habe ich sehr genossen. Auch sie verströmt kolonialen Charme, vor allem macht sie dem Reisenden aber ganz klipp und klar deutlich, dass er am Pazifik angekommen ist. Die grün-weißen Schiffe verbinden alle paar Minuten Kowloon auf dem Festland mit dem eigentlichen Stadtkern auf Hongkong Island und ermöglichen einem damit einige Minuten des Abschaltens, der Pause von all dem Gewusel, des puren Staunens und Glotzens und sind dadurch tausend Mal angenehmer als die viel schnellere Fahrt durch den schnöden U-Bahn-Tunnel.

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Hongkong leistet sich nicht nur eine eigene Währung, den Hongkong-Dollar (sein noch absurderes Pendant auf der anderen Seite des Perlflusses ist der Macao-Pataca, kurz MOP). Man hat auch noch Geldscheine aus Kunststoff mit transparentem Fenster, die sich in der Hand zwar reichlich komisch anfühlen, aber krasse Effekte vollbringen können.

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Die große Angst vor Infektionen wurde durch SARS und die Vogelgrippe sicherlich noch verstärkt. Fakt ist, dass wie in allen asiatischen Großstädten einige Menschen mit Mundschutz unterwegs sind, und dass man überall „Sterilized regularly“-Schilder findet. Nicht nur wie hier auf dem Türgriff eines Einkaufszentrums, sondern gerne auch auf den Handbändern von Rolltreppen. Man solle sich doch um Himmels Willen festhalten, das Ding sei schon einigermaßen keimfrei, das ist die Botschaft, die man hier ständig übermittelt bekommt.

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Luxus, wen wundert’s. Wenn im nominell kommunistischen Teil Chinas schon so hemmungslos geprotzt und mit Geld um sich geworfen wird, wie soll es dann erst in der kapitalistischen Enklave Hongkong aussehen?

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Die Essgewohnheiten in Hongkong lehnen sich natürlich an die kantonesische Küche an, und die macht vor keinem Tier halt. Wer auf dieser Speisekarte eines vegetarischen Restaurants ein tierfreies Gericht findet, dem gebe ich ein Essen in jenem Lokal aus.

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Überhaupt sind Chinesen beim Essen nicht so pingelig wie die spießigen Europäer. Die Handgriffe der Rolltreppe werden zwar täglich desinfiziert, aber das heißt nicht, dass das Essen nicht trotzdem auf den tropischen Straßen in der Sonne hängen darf. Platte getrocknete Enten, Fische, zerlegtes Rind – gegessen wird, was sich nicht wehrt, was kümmert uns die Kühlkette.

Nur der etwas teurere Seafood wird lebend angepriesen, in großen Aquarien auf der Straßenseite des Restaurants. Obige Königskrabbe misst bestimmt einen knappen Meter im Durchmesser, und der Rochen sowieso. Wichtig ist, dass es schön teuer ist, damit man der Begleitung imponieren kann – das hat Hongkong mit dem kommunistischen Bruder gemeinsam.

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Und schließlich: die ganz eigenen Comic-Helden des Hongkong-Kinos. Dieser hier ist die lokale James-Bond-Interpretation, aber auch sonst kann ich Hongkong-Filme empfehlen, besseren Action-Trash findet man nirgends auf der Welt.

Ich könnte diese Aufzählung noch weiterführen. Man sieht, diese Stadt ist ein Kosmos für sich.

大都会 – Die Metropole

Hongkong, die Stadt, die ich die ganze Zeit schon einmal besuchen wollte. Hongkong, die Metropole. Die ehemalige britische Kronkolonie. Das andere, demokratischere, vielleicht sogar westlichere China.

Auf Mandarin nennt man die Stadt Xianggang, „wohlriechender Hafen“, das kantonesische Pendant dazu ist Heungkong – oder eben Hongkong.

Meer gibt es hier tatsächlich, ich bin am Pazifik! Aber wohlriechend ist mein erster Eindruck nun wirklich nicht. Viel mehr aufregend, immerhin sehe ich nun all die Dinge in Wirklichkeit, von denen ich als Zehnjähriger geträumt habe. Dass all dies plötzlich real ist! Die bunten Schilder in der Nathan Road, der alte britische Uhrenturm am Hafen, die Star Ferries auf dem Meeresarm, die Bahn hinauf zum Peak, die beeindruckenden Hochhäuser, der Verkehr, die Menschen, …

Ich bin einmal mehr überwältigt. So eine große, hohe, farbige, widersprüchliche, pulsierende Stadt. So viel Kolonialgeschichte neben so viel Modernität. So viel Britisches mitten in Asien. So viel zu sehen, zu riechen, zu hören. So viel zu besichtigen, zu bestaunen, zu fotografieren. So viele Geschäftsleute, so viele geschäftig tuende Einheimische. So viel Geld, so viele Luxusautos, so viele Prada- und Gucci-Läden. So viel Weihnachtsdekoration bei 25 Grad. So viel, so viel, so viel.

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Erst einmal lade ich mein schweres Gepäck im Hotel ab (dazu vielleicht später mehr), dann wandere ich zum Meer, zum Pier. Ich werfe einen Blick auf den Hafen, der alles andere als wohlriechend daher kommt, dann besteige ich die uralte grüne Star Ferry und lasse mich auf die andere Seite des Meeresarms bringen, nach Hongkong Island.

Hier stehen nicht nur die meisten modernen Wolkenkratzer, sondern auch noch die meisten Zeugnisse der Kolonialvergangenheit. Dauernd schießen mir Gedanken durch den Kopf. „Mit der doppelstöckigen Straßenbahn muss ich unbedingt fahren!“ „Wie das alles wohl vom Berggipfel aus wirkt?“ „Wie lustig, eine anglikanische Kathedrale zwischen all den Bankzentralen!“

Also lasse ich mich treiben, besehe dies und das, nehme kaum den Finger vom Auslöser, und eigne mir so nach und nach die Metropole an.

Dana hatte mich vor der Abfahrt gewarnt: „Watch out, boy! You’re about to see the most amazing city in the world!“ Möglicherweise hatte er recht.

Dem Strome folgend

Donautour, Tag 21, Kovin-Golubac.

Aufstehen, Zähne putzen, Zelt abbauen, Müsli. Kennt man ja zur Genüge. Auch den weiteren Morgen verbringe ich zunächst unspektakulär auf dem Dammweg, dann möchte ich eigentlich in Gaj mit der Fähre übersetzen. Drüben liegt nämlich Moesia Superior, und das ist kein rumänisches Bordell, sondern eine antike römische Provinz, deren Hauptstadt Viminacium hier ausgegraben wurde. Aber ich finde die Fähre nicht. Also frage ich eine handvoll junger Männer, die gerade an erinnert Art Party-Boot herumschweißen. Es stellt sich heraus, dass dies die Fähre ist, die erst morgen Abend wieder fahren soll. Definitiv ist dies die coolste Fähre, die ich je gesehen habe, aber mit Moesia Superior ist es natürlich Essig. Stattdessen geht es weiter endlos geradeaus, erst Dammweg, dann durch den Wald, über den Donau-Theiss-Donau-Kanal und dort entlang auf dem schlechtesten Dammweg aller Zeiten, und all das immer getrieben von der Notwendigkeit, in Stara Palanka die Zwölf-Uhr-Fähre zu bekommen. Ich habe auf der Karte nämlich gesehen, dass diese Überfahrt nur alle drei Stunden möglich ist, und ich möchte ja nicht den ganzen Tag hier verbringen.
Als ich den Anleger erreiche, breitet sich eine grandiose Landschaft vor meinem Auge aus: die Berge, teils schon in Rumänien, dazu der Strom, der hier breit wie ein See ist. Auf der überdachten Terrasse des Restaurants steigt eine Art Feier, jedenfalls spielen hier zwei Akkordeonspieler auf, hauen feste und nicht immer synchron in die Tasten, und dazu hört man an- und abschwellenden Gesang der Feiernden mit rhythmischem und teils auch eher arhythmischem Geklatsche. Jedenfalls bietet sich mir hier der Balkan wie aus dem Bilderbuch.

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Die Zwölf-Uhr-Fähre fährt im Sommer wohl doch erst um 13 Uhr, und so verbringe ich die nächste Zeit im Schatten eines Baumes am Anleger, studiere die nächsten Karten und halte ein Nickerchen. Als die Fähre dann anlegt, müssen zwei Männer erst aus Kies eine Rampe zum Land schaufeln. Es folgt eine Überfahrt von zwanzig Minuten, die herrlich zu nennen vielleicht noch untertrieben wäre. Auf der anderen Seite in Ram thront auch eine hübsche Burg auf dem Bergsporn, mehr noch interessiere ich mich aber für das kleine Geschäft des Ortes. Schließlich habe ich enormen Kohldampf, kaufe also rasch etwas ein und mache hinter dem Dorf endlich eine Essenspause, wobei ich erst mal ein Brot esse. Ganz recht, keine Scheibe, sondern ein ganzes Vollkornbrot esse ich. Unglaublich, was diese Radfahrerei aus mir macht.

So gestärkt gelange ich schnell an den touristisch voll erschlossenen Silbersee und weiter nach Veliki Gradište, wo gerade das Fest des heiligen Elias gefeiert wird. Die Stadt ist voller Menschen, es gibt Stände, einen Markt und Fahrgeschäfte. Ich schau mir lieber zwei Partien des Beachvolleyball-Turniers am Fluss an und lerne im Park Zoran kennen, der mich mit Tipps versorgt. Nur das Fotogeschäft hat leider tatsächlich keine Speicherkarten, meine ist bald voll.

Ein türkischer Mokka belebt mich wieder, und auf der Weiterfahrt esse ich abwechselnd Birnen und Pflaumen vom Wegrand und die Mini-Käseteilchen, die ich in einer Bäckerei entdeckt habe. 100 Gramm für 45 Dinar, nur geschenkt wäre billiger.

So erreiche ich bald mein Etappenziel Golubac, und wie von Zoran empfohlen frage ich am Seglerheim nach einem Platz für mein Zelt. Das kann aber nur der Trainer entscheiden, und der ist gerade noch, wo er hingehört – auf dem Wasser. Macht gar nichts, dann gehe ich auch zuerst noch in die Donau, die hier kurz vor dem Durchbruchstal mehrere Kilometer breit ist, und sorge mal wieder für ein bisschen Kultur. Der Trainer ist trotzdem nicht begeistert, teilt mir aber doch eine Ecke des Platzes zu, und die nette Frau, die mir bei all dem geholfen hat, bietet mir frischen Räucherfisch an, den ich natürlich nicht mag. Meine Nudeln mit Spargelsoße sind aber auch nicht verkehrt, ich bin beim Kochen zwar nicht so ehrgeizig wie daheim, aber unterwegs schmeckt es ja sowieso immer besser.

Außerdem kann ich direkt am Strom kochen, in dem sich die Uferpromenade und die angeleuchtete, sehr imposante Festung Golubac spiegeln. Drüben liegt schon Rumänien, hier tanzen die Bötchen auf den Wellen, aus der Stadt hört man Musik, und auch der Sternenhimmel ist enorm. Zwar habe ich weder eine SD-Karte für meine Kamera noch Strom für mein Tablet gefunden, aber das sind ja schließlich nur Nebensächlichkeiten bei all dem Glück, das ich hier empfinden darf.

Auf der Straße nach Palánk

Ich werde wach. Liege neben meinem Schlafsack und brauche ein paar Minuten, bis ich mich erinnere, wo ich bin, was ich hier mache und warum mein Bett nicht da ist.

Es ist sehr schwül, das Gewitter gestern Abend hat die Lage eher noch verschärft. Naiv, wie ich bin, öffne ich den Zelteingang. Welch ein Fehler! Draußen lauert nämlich das Überfall-Kommando, eine Hundertschaft Mücken aller Größen und Farben, bis auf die Zähne bewaffnet und gierig nach Blut. Meinem Blut.

Im Nu ist das Zelt gestürmt. Ich kann nichts dagegen ausrichten, dafür geht die Bande zu professionell vor, und auch das Mückenspray hilft hier nicht mehr. Mir bleibt nur der Rückzug. Hatte ich gestern mein Zelt schon in Rekordzeit aufgebaut, baue ich es nun in einem weiteren Rekordversuch wieder ab, und nichts wie weg hier.

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Ich leiste mir einen kleinen Umweg über Kalocsa, eine alte Bischofsstadt und so etwas wie die Welthauptstadt des Gewürzpaprika. Ich interessiere mich aber vor allem auch für das Angebot an Backwaren, denn ich bin gerade eher schwach unterwegs. Ob es an dem fehlenden Frühstück oder dem starken Blutverlust liegt, weiß ich aber nicht. Eine Kakaoschnecke und einen Krapfen später kann es mit egal sein, und im Aldi finde ich sogar meinen vegetarischen Brotaufstrich. Alles super, so gestärkt kann ich mich aufmachen zur Fähre, die mich auf die andere Seite Richtung Tolna und Szekszárd bringen soll. Es dauert noch ein wenig, bis die kommt, aber auch diese Zeit kann ich wieder zum essen nutzen. Heute bin ich wohl unersättlich.

Einmal zwischendurch fällt mit auf, dass mein Gepäck so viel Spiel hat. Ich habe offenbar eine Schraube verloren. Zum Glück habe ich Ersatz dabei. Aber auf einer ungarischen Landstraße mein Fahrrad reparieren zu müssen, gehört zu den Erfahrungen, mit denen ich zwar gerechnet hatte, auf die ich aber dennoch nicht gerade wild bin.

Auf der weiteren Fahrt durch die Dörfer, nun auf der anderen Seite der Donau, fällt mir wieder mal auf, dass das Repertoire an Straßennamen hier eher kleiner ist. Neben der Fö ut, der Hauptstraße, hat jedes Dorf noch eine Petöfi utca, eine Mátyás király utca, eine Bėke utca und so weiter. Das mag wieder dem starken Geschichtsbewusstsein der Ungarn geschuldet sein, hilft mir aber auch bei der Orientierung.

À propos Orientierung, wie muss ich denn jetzt weiter? Auf meiner Karte (Stand Mai 2013, angeblich) sind nur zwei Feldwege eingezeichnet, aber die fleißigen Ungarn haben offenbar über Nacht hier zwei Autobahnen, drei Schnellstraßen und diverse Kreisel und Zubringer errichtet. Warnweste an, und dann versuche ich mich zu orientieren und beim Weiterfahren die blauen Autobahn-Schilder zu meiden. Gar nicht so leicht, außerdem will ich weder nach Budapest noch nach Szėkesfehėrvár noch nach Baja, sondern nach Szekszárd, und das möglichst nicht über die Autobahn. Die einzige Straße, die mir passend erscheint, führt nach Palánk. Moment, wohin? Auf meiner Karte gibt es keinen Ort diesen Namens. Auch auf der anderen Karte ist Palánk nicht eingetragen. Aber egal, wird schon stimmen. An der nächsten Abzweigung das gleiche Spiel, im Kreisel auch. Immer überlege ich lange, stelle fest, dass mir keine Karte helfen kann, und fahre Richtung Palánk.

Ich muss ja auch eigentlich nur irgendwie im Korridor zwischen Schnellstraße 6 und Eisenbahnstrecke bleiben, dann komme ich schon nach Szekszárd. Oder auch nach Palánk.

Ob ich jemals durch Palánk gefahren bin, weiß ich leider nicht. Eigentlich lag kein Ort an meiner Strecke, aber irgendwann ist Palánk in die Richtung ausgeschildert, aus der ich komme.

Szekszárd ist aber auch nicht schlecht. Komitatssitz, klassizistischer Hauptplatz, Weingegend, außerdem Sitz des einzigen deutschen Theaters in Ungarn. Hübsches Städtchen, in dem ich mehr Zeit verbringe, als vorgesehen. Als ich wieder aus det Stadt heraus fahre, ändert sich sich endlich das Wetter. Den ganzen Tag über hatte es eine geschlossene Wolkendecke gehabt, dazu mit ungewöhnlich kalte 29 Grad. Jetzt reißt die Bewölkung auf, die Sonne knallt wieder. Ich will ein Eis. Praktischerweise gibt es wenige Kilometer weiter welches, ich nehme Toffee und Maronenpüree, hmjam, und stelle dann fest, dass der Eisverkäufer Österreicher und sein einziger Gast und Gesprächspartner aus dem Badischen ist. Sehr angenehm, wieder ein wenig deutsch zu sprechen, denn wenn mich jemand auf ungarisch anspricht, verstehe ich ja nicht mal den gröbsten Inhalt des Gesprächs, das mir gehalten wird. Will er mich grüßen, mich berauben, mich nach der nächsten Post fragen oder mich mit seiner Tochter verheiraten? Meistens errate ich das nicht.

Irgendwann endet der Weg, den ich nehmen wollte, an einer verschlossenen Schranke. Mal wieder typisch für das schlechte Zusammenspiel von oft falscher Karte und fehlender Beschilderung. Leider ist auch hier nichts ausgeschildert, nicht einmal Palánk, und so nehme ich einen gewissen Umweg in Kauf, überquere doch noch einmal die Donau und finde dafür auf der anderen Seite einen 1a-Radweg, geteert auf dem Damm, schattig, am Rande des Nationalparks, autofrei, mithin perfekt. Beinahe ein Fahrrad-Highway, und so lege ich dann doch noch einige Kilometer zurück. In Baja, auch wieder so ein unerwartet hübsches Städtchen, finde ich dann endlich auch wieder WLAN, und kurz dahinter eine sehr nette Wiese, auf der ich mein Zelt aufschlage und leckere Bohnen in Tomatensoße esse. Palánk habe ich noch nicht gefunden. Aber es ist wie so oft auf dieser Reise und vermutlich auch auf der anderen, der großen Reise: man will irgendwo hin, aber findet nicht den direkten Weg. Also macht man sich auf die erstbeste Straße nach Palánk, ohne zu wissen, wo das ist und was einen erwartet – und wo man am Ende herauskommt, ist weder das eigentliche Ziel, noch Palánk, aber schön ist es trotzdem.

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Mit diesen Gedanken krieche ich in den Schlafsack, lerne noch ein wenig Serbokroatisch, und freue mich, denn morgen geht es wohl schon wieder über die Grenze…

Das größte Knie der Welt

So richtig gut einschlafen konnte ich gestern abend nicht. Das lag einerseits an meinen geröteten Oberschenkeln, andererseits an det nahen Party. Irgendwo im Nachbardorf feiert nämlich jemand groß, es gab schon Feuerwerk, und zu später Stunde wird die Musik lauter und lauter. Während aus dem anderen Zelt schon Schnarchen dringt, hindert mich der Gangnam Style doch sehr daran.
Als ich erwache, ist das Pärchen schon aufbruchsbereit. Das macht aber nichts, sie wollen schließlich in Richtung Wien weiter, während ich mich erst mal mit ein Paar Aprikosen für die vorerst letzte Etappe ostwärts stärke. Meine ungarischen Einkaufsfähigkeiten hatte ich wohl doch überschätzt, das Müsli entpuppt sich jedenfalls als geschmacks- und gehaltlose Pappe aus Puffreis und Flakes. was ich auf der Schachtel im Geschäft für Trauben gehalten hatte, sollen wohl Erdnüsse sein. Aber egal, ich habe ja noch Aprikosen.
Über den Dammweg geht es weiter am Fluss entlang. Drüben auf der ungarischen Seite Berge und Industrie, hier ein idyllisches Fahren durch die Auen. Bei der Wahl des Weges habe ich offenbar ins Schwarze getroffen.
Oder auch ins Grüne, je nachdem. Radfahrer begegnen mir fast keine mehr, nur ab und zu sieht man mal einen Menschen, meist unten am Donaustrand. In Kravany lege ich die nächste Aprikosenpause ein, unter dem Kastanienbaum auf dem hübschen kleinen Dorfplatz mit Backofen, auf dem schon Stände für ein Fest aufgebaut sind. Nebenan in der kleinen Dorfkirche geht gerade der Gottesdienst los, es ist ja Sonntag morgen in der katholischen Slowakei. Ich halte kurz die Nase rein, die Kirche ist randvoll, aber bis auf ein gelegentliches „allelujah“ verstehe ich natürlich nichts, und das Vaterunser auf Slowakisch klingt auch eher abschreckend.
Dann schon lieber den Damm entlang durch eine Landschaft, die ich bei mir schnell die slowakische Toskana nenne. Sollte man dem hiesigen Tourismusamt vielleicht mal vorschlagen. Felder, Hügel, Baumreihen, das Wetter passt auch, nur das Öl wird hier offensichtlich nicht aus Oliven gewonnen, so viele Felder mit Sonnenblumen, wie es hier gibt. Heuschrecken auch nicht zu knapp, aber die fallen nur dann negativ auf, wenn sie gelegentlich auf meine sonnenverbrannten Oberschenkel einschlagen.
Šturovo ist dann endgültig meine letzte slowakische Stadt, ein nettes Nest, aber auch nicht sonderlich sehenswert, bis auf den Ausblick auf die berühmte Basilika von Esztergom am andren Ufer. Bevor ich aber wieder die Grenze nach Ungarn passiere, muss ich mir an einer Tankstelle noch schnell einen Liter eiskalte Kofola kaufen – das ist die super leckere tschechoslowakische Ersatzcola, die ich noch aus Prag kenne, in Bratislava wiederentdeckt habe und nun vermutlich wieder für eine Zeit lang das letzte Mal genießen kann.
Denn nun geht es wieder über die Donau, und damit nach Ungarn zurück. So glänzend ich hier als Grenzgänger unterwegs bin, sieht es bei der einheimischen Bevölkerung aber offenbar nicht aus. Ungarn und Slowaken igeln sich ein und wahren Distanz. Man spricht kaum die Sprache des Nachbarn, auch die in der Slowakei radelnden Ungarn erwidern meinen slowakischen Gruß alle auf ungarisch. Die historisch stark verwurzelten Ungarn machen sich über die geschichtslose Slowakei lustig, diese verweigert dagegen ihrer ungarischen Minderheit die doppelte Staatsbürgerschaft und ähnliche Sperenzchen. Die Kriege, der Kommunismus und vor allem das ungarische Nationalgespenst Trianon scheinen noch sehr präsent zu sein. Hoffentlich ändert sich das allmählich mit EU, Schengen-Grenze und auch mit der neuen Brücke zwischen Šturovo und Esztergom, schließlich sind beide Länder eigentlich wunderschön und von sehr herzlichen Menschen bevölkert, wie ich es erlebt habe. Möglicherweise wächst dann hier bald doch wieder zusammen, was zusammen gehört.
Esztergom erschien vom anderen Ufer aus majestätisch mit seinem Burgberg und der darauf aufragenden Basilika, aber eigentlich wirkt Ungarns alte Königsstadt von nahem eher possierlich. Wie eine herausgeputzte Provinzstadt, die endlich auch einmal in der ersten Liga spielen möchte. Deshalb verlegen sich die Kaffeehäuser auf Touristenfängerei, der gigantistische Dom aus dem 19. Jahrhundert ist auf traditionell getrimmt, und die größtenteils rekonstruierte Königsburg wirkt, als hätte jemand verzweifelt versucht, aus Obi-Klinkern Schießscharten zu formen. Alles nicht so ganz mein Fall, deshalb spare ich mir den Eintritt für den Dom, umlaufe die rumänischen Nippes-Verkäufer und esse lieber mit Panorama auf Stadt und Donau zu Mittag. Und natürlich ein paar Aprikosen, versteht sich ja von selber.
Der Radweg führt erst am Ufer vorbei und durch Auwälder, dann wird er oder was ich dafür halte schmaler und schmaler und endet schließlich an einem Tümpel mitten im Nirgendwo. Fluchend schiebe ich das Rad mit dem schweren Gepäck einen Hang hinauf zur nächsten Straße und finde dabei im Sandboden keinen hält für meine Füße. Ein Mann an der Bushaltestelle hat aber offenbar mein deutsches Fluchen gehört jedenfalls kommt er mir extra entgegen und hilft, ohne dass wir uns irgendwie verständigen können. Auch das ist typisch ungarisch.
Das nächste mal endet der Weg unvermittelt am Ufer. Nachdem ich mir ein Eis gegönnt und mit ein paar Franzosen geredet habe, wird klar: wir müssen die Fähre nehmen. Immerhin habe ich nun für die nächsten zehn Kilometer für Gesellschaft von Claude, der mit seiner Frau schon seit vier Monaten unterwegs ist und halb Europa mit dem Fahrrad bereist. Erst haben sie die iberische Halbinsel umrundet, dann die Loire hoch, die Donau wieder hinab bis Budapest, und als nächstes geht es über die Karpaten nach Polen und dann wieder runter ans Mittelmeer. Keine schlechte Tour, auch wenn Madame nicht den Eindruck macht, als würde sie ohne weiteres die Karpaten hoch stürmen. Aber Eindrücke können ja auch täuschen. Ich lerne aus der Begegnung jedenfalls, dass mein Französisch doch ganz vorzeigbar ist, immerhin reden wir recht lange, und dass ich nicht nur das Fahrrad, sondern auch mal die Mädchen reiten solle. Irgendwas in der Art gibt mir Claude jedenfalls zum Abschied mit, ist vielleicht gar nicht so schlimm, wenn ich doch mal nicht alles verstanden habe.
Das Tal wird nun immer enger, die Burg von Visegrad thront hoch oben am anderen Ufer, und ich nähere mich dem Donauknie. Hier macht der Fluss eine 90-Grad-Biegung im Mittelgebirge und fließt von nun an nicht mehr grob nach Osten, sondern erst mal nach Süden. Eine beeindruckende Landschaft, durch die sich der schon ziemlich breit gewordene Strom hier zwängen muss.
Ich stelle fest: die Städte, die einem groß vorab angekündigt werden, sind oft gar nicht so großartig, siehe Esztergom, Moson oder Krems. Dagegen entdeckt man manchmal auch Perlen, wenn man ungeplant durch Städte kommt, die man eigentlich gar nicht auf der Rechnung hatte. Was mir gestern schon mit Komárno so gegangen ist, wiederholt sich heute mit Vác. Eine lange Uferpromenade, Gassen mit Kopfsteinpflaster, Thermalbäder und insgesamt der melancholische Charme einer alten Stadt, deren beste Zeit vielleicht vorbei ist. So schön ist es hier, dass ich beinahe die letzte Fähre auf die Donauinsel Szentendrei Sziget verpasse.
Die schmiegt sich langgestreckt zwischen zwei Flussarme, liegt also quasi wie ein großer Meniskus im Donauknie. Hier ist viel Natur und kaum mehr jemand unterwegs, und ich fahre keine fünf Minuten mehr, da habe ich schon den perfekten Schlafplatz gefunden: eine freie Stelle mitten um Sonnenblumenfeld. Ich alter Romantiker aber auch wieder. Während ich das Zelt aufbaue, kann ich den Sonnenuntergang und dem Vollmond über den Sonnenblumen beobachten. Anschließend gebe ich dem Gaskocher noch eine Chance und koche sehr leckere Spinatnudeln. Nur die Moskitos nerven wieder arg, irgendwann muss ich mir zum Schutz von Ohren und Nacken das gemusterte Geschirrtuch unter das Band der Kopflampe klemmen. Wenn mich jetzt der Bauer erwischt, kann ich wenigstens so tun, als spräche ich nur Arabisch. Braun genug bin ich mittlerweile ja.
Es geht aber alles glatt, der Gaskocher produziert nur wenige Verpuffungen, die Nudeln schmecken wunderbar, kein Sonnenblumenbauer stört seinen morgenländischen Gast, und bald liege ich im Schlafsack und lausche den Grillen, die in den Sonnenblumen sitzen und den Vollmond anzirpen.

An der schönen blauen Donau

Bei Katharina darf ich erst noch ihrem Oboenquartett beim Proben zuhören, aber irgendwann musste ich mich doch losreißen. Mit Johann Christoph Bachs Oboenquartett in B-Dur in den Ohren fahre ich noch einmal quer durch Passau und schließlich aus der Stadt heraus, zum ersten Mal auf den Donauradweg.

IMGP1335Die Orte fliegen vorbei. Zwischendurch decke ich mich noch mit Brot und Bananen ein, und bald schon überquere ich die österreichische Grenze. Damit geht gefühlt das Abenteuer los, obwohl sich eigentlich nichts ändert. Die bergige Landschaft bleibt die gleiche, die Donau sowieso, und auch der Dialekt war noch ähnlich unverständlich. Hatte ich mir vor der Abreise wirklich Sorgen wegen des Ungarischen gemacht? Manchmal kommt mir Österreichisch genauso unverständlich vor. Was freu ich mich auf die Slowakei, da kann ich wenigstens guten Gewissens englisch reden.

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Erst mal mit der Radfähre übersetzen – der gut gelaunte Fährmann erzählt vom Hochwasser, wie viele hier, ich verstehe aber nicht viel. Dann ein paar Scheiben Brot am Ufer – hier sagt man wohl Jause dazu – und weiter gehts.
Hinter Aschach öffnet sich das enge Tal zu einer weiten Ebene, nur mit Schlafplätzen sieht es schlecht aus. Also fülle ich an einem Friedhof noch meine Flaschen auf und trete wohl oder übel noch etwas in die Pedale. Bis Linz wollte ich ja heute nun wirklich nicht mehr. Aber hey, warum verläuft mein Radweg eigentlich plötzlich neben einer fünfspurigen Ausfallstraße?
Gut, dann also doch Linz, denn neben der Bundesstraße möchte ich mein Zelt nun doch nicht aufschlagen. Einmal quer durch die Stadt, die abends bunt leuchtet, und kurz hinter Linz finde ich im letzten Tageslicht endlich doch noch einen Campingplatz. Schnell das Zelt aufgebaut, alle Sachen einmal kontrolliert (fast alles heil, nur das Rei in der Tube wollte nicht in selbiger bleiben), und dann Fälle ich gerade doch recht müde nach einem Nachmittag mit knapp hundert Kilometern in den Schlafsack. Nacht auch.

Das graue und das blaue Schweden

Tag 2 in Schweden: grau.

Die Wolken: grau. Der Himmel: grau. Die Straßen: grau. Die dünnen Wälder: grau. Die Felsen: grau. Selbst das Meer: grau.

Dazu passt unser schlechter Start in die Schweden-Tour. Keiner der Bankautomaten akzeptiert meine Karte, ohne eine einzige Krone in der Tasche müssen wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz begeben. Immerhin können wir ein bisschen Essen kaufen, ein netter Mann bezahlt für uns mit, wir geben ihm einige Euros im Tausch. Auf Dauer geht das aber nicht so…

Wir setzen über nach Hönö, eine der Schäreninseln, immerhin ist die Fähre kostenlos im sozialen Musterland Schweden. Auch hier, alles grau. Wir verkrümeln uns hinter ein graues Häuschen an einem grauen Meeresarm, wo wir hinter einem grauen Busch unser Zelt aufschlagen. Direkt auf dem nackten, selbstverständlich grauen Fels. Die ganze Nacht über pfeift der Wind, er zischt den Fels entlang, bringt das Zelt zum Wackeln. Es ist unvorstellbar kalt, deutlich zu kalt zum Schlafen.

Nach einer ungemütlichen Nacht kriege ich aus meinem Schlafsack, so gut es geht. Ich bin völlig steif gefroren. Ich klappe das ebenso steife Zelt auf – und was muss ich sehen?

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Die Sonne scheint. Ich blicke auf ein rotes Bootshäuschen, das direkt an einem tiefblauen Meeresarm liegt. Ein lichter blauer Himmel spannt sich darüber. Auf gelblich-bräunlichen Felsen wachsen grüne Sträucher und einige Nadelbäume sowie rote Flechten. Uns wird wärmer und wärmer. Wir kochen einen Pott ungemein starken schwarzen Tees, setzen uns in die Sonne und tauen auf. Unsere Blicke schweifen über das Meer, über den Hafen. Wir machen Fußabdrücke im Sand, schlürfen den Tee, klettern über die Felsen.

Tag 3 in Schweden: genau so, wie das Leben sein muss.