Auf der Primorsker Chaussee

13./14. August: Ich stehe an der Chaussee und halte den Daumen raus. Eine Chaussee, bzw. шоссе, ist in Russland jede Landstraße – unter anderem auch jene, die aus Wyborg hinaus in die Küstendörfer führt. Zuvor war ich mit dem Bus über die Grenze gefahren, markiert durch einen militärisch kontrollierten Posten irgendwo mitten im karelischen Wald. Ausgiebiger Blick auf mein Visum, Stempel in den Pass, und ich war in Russland. Wobei Wyborg noch nicht zum echten Russland zählt, es wurde von den Schweden gegründet und war bis 1944 die zweitgrößte Stadt Finnlands, ehe die Sowjets es eroberten. Diese Geschichte sieht man der Stadt auch an, die mit nordisch-mittelalterlicher Burg, finnischen Bürgerhäusern und Klosterruinen sowie dem großen Lenin-Platz mit Denkmal nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch einen Querschnitt durch die europäische Geschichte darstellt. Ich laufe mehr oder weniger ziellos durch die Innenstadt und fotografiere viel. Dabei werde ich hin und wieder etwas nass, das Wetter hat sich fundamental geändert und ist kalt und feucht und vor allem sehr wechselhaft geworden. Nun ja, ich habe schon Schlimmeres ausgehalten als etwas Nieselregen.

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Nachdem ich ausgiebig die Tauben am Lenin-Denkmal und die Enten im Burggraben besichtigt habe, möchte ich irgendwann weiter. Also raus aus der kleinen Innenstadt und an Wohnblocks und heruntergekommenen Industrieanlagen vorbei auf die Primorsker Chaussee. Sagte ich eben wechselhaft? Jetzt brät mich wieder die Sonne, während ich untersuche, ob das Trampen in Russland wirklich so viel verbreiteter ist als in Finnland. Ich mache автостоп, Autostopp. Und tatsächlich flitze ich kurz darauf in einem alten blauen Fiesta die Chaussee entlang. Dann, nach einer Essenspause, mit Sascha und seiner Enkelin im dunkelroten Lada. Sie wollen nächste Woche nach Spanien und Deutschland fahren und fragen mich nach Reisetipps. Schließlich rolle ich zu lauter elektronischer Musik mit Arik aus Armenien in Primorsk ein. Fazit: das Trampen funktioniert gut. Und russische Autofahrer sind Meister darin, in hohem Tempo Schlaglöchern auszuweichen, ein Talent, das durch den Zustand der hiesigen Landstraßen auch optimal gefördert wird.

In Primorsk setze ich mich erst mal ans Meer und lese mein zweites Buch zu Ende (ich muss unbedingt in Petersburg nach englischsprachigen Büchern Ausschau halten). Mitten in einem Park steht ein unheimliches Gebäude, das aussieht, als hätte das Militär eine Raketenabschussbasis als Kirche getarnt. Oder wie das Haus von Gru aus „Ich, einfach unverbesserlich“. Jedenfalls nicht besonders einladend, eher etwas unheimlich, auch wenn es sich offenbar um das städtische Kulturhaus handelt. Der Park ist schön, aber etwas verwahrlost, in den Dünen liegen Scherben – nach einem guten Schlafplatz sieht dies nicht aus. Außerdem ist es windig, und eine Menge Angler laufen herum. Nein, ich werde mir zunehmend sicher, dass ich hier nicht schlafen will. Also laufe ich noch ein Stück die Chaussee entlang. Herrje, ist dieses Dorf lang! Bestimmt drei oder vier Kilometer lege ich zurück, bis ich den Ortsrand erreiche. Und dann dauert es auch noch ein wenig, bis ich einen guten Schlafplatz ausfindig mache. Aber schließlich liege ich unter Kiefern direkt am Strand, beobachte den Sonnenuntergang über der Ostsee und die riesigen Schiffe, die sich dem Hafen nähern, offenbar dem größten Ölhafen Russlands.

In der Nacht werde ich durch Blitz und Donner geweckt. Verdammt, ich hasse Gewitter im Zelt! Aber zum Glück bekomme ich nur etwas Regen ab, der heftige Sturm tobt sich draußen auf dem Meer aus. Einschlafen ist natürlich trotzdem nicht drin, dafür geht es draußen zu sehr zur Sache, und so strecke ich noch etwas den Kopf aus dem Zelteingang und beobachte das Treiben.

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Am nächsten Morgen bin ich zwar nicht gerade ausgeschlafen, wie tags zuvor auch, baue aber trotzdem mein Zelt schon um sechs Uhr in Rekordzeit ab. Der Wind hat nämlich enorm zugenommen, weht mir fast mein Zelt fort, und das nächste Gewitter kündigt sich auch schon durch sein Grollen an. Also stehe ich bald wieder an der Straße, und auch wenn das Gewitter ausbleibt, es nimmt mich keiner mit. Es fährt aber auch kaum jemand zu dieser Uhrzeit die gottverdammte Landstraße entlang. Ich laufe also einige Kilometer, um zur nächsten größeren Abzweigung zu gelangen, und halte dabei immer wieder den Daumen raus, wenn sich ein Auto nähert.

Volltreffer! Sergej ist Ingenieur, war beruflich am Ölhafen und fährt nun wieder nach Petersburg zurück. Die Unterhaltung auf der Fahrt ist spannend, und das, obwohl ich nur ein paar Worte russisch und er nur ein paar Worte deutsch und keinerlei englisch kann. Aber wir radebrechen, er zeigt mir im angrenzenden Wald die Überreste des sowjetisch-finnischen Krieges, ich erzähle von meiner Tour, er bringt mir etwas russisch bei, und vor allem habe ich einen Lift in einem nagelneuen bequemen Toyota über hundert Kilometer bis in meine Zielstadt. Wie gesagt: Volltreffer! Und irgendwann ist aus der holprigen Schlaglochpiste der Primorsker Chaussee schleichend eine krachneue Autobahn geworden, die eher an eine Formel-1-Strecke erinnert; wir fahren am halbfertigen Stadion vorbei, das für die WM 2018 gebaut wird; der Verkehr wird dichter und dichter, Sergej lässt mich an einer Metrostation aussteigen – und ich bin in Sankt Petersburg!

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Die Ruhe nach dem Sturm

Am gestrigen Abend waren Wolken aufgezogen, die ich noch als hübsches Fotomotiv verwendet hatte.

In der Nacht toben sich nun die Gewitter aus, in einer Heftigkeit, die ich nicht vorausgesehen hatte. Um ein Uhr weckt mich das erste, dann rollen die Stürme im Stundentakt über mich hinweg, bis morgens um sechs dann endgültig der letzte Donner verklingt und ich mir noch zwei Stunden ruhigen Schlafes gönne. Zuvor war ich ständig wach gewesen, kein Wunder, denn es stürmte ganz enorm. Die Blitze zucken ständig von allen Seiten und erleuchten mein Feld taghell. So viele, dass ich das Zählen der Sekunden bis zum Donnern bald aufgeben muss – Blitz und Donner lassen sich einfach nicht mehr zuordnen. Alles dabei, vom Wetterleuchten bis zum Blitzschlag ins Nachbarfeld. Es schüttet, das Zelt bäumt sich auf im Wind, und selbst das zuvor ohrenbetäubende Zirpen der Grillen ist nicht mehr zu hören. Eigentlich alles kein Wunder, schließlich waren es die letzten Tage 40 Grad gewesen, und vor den Bergen der Fruška Gora drüben in Serbien regnet nun alles ab. Ich weiß auch theoretisch um die geringe Wahrscheinlichkeit, dass mir hier etwas passiert, aber zucke natürlich trotzdem bei jedem Blitz zusammen. Zittere ich gerade? An der Kälte liegt es sicherlich nicht.

Die schlimmsten Gewitter sind jene um eins und um vier. Da hocke ich in voller Montur, mit Regenjacke und natürlich den Schuhen mit den Gummi-Sohlen, im Eingang – Taschenlampe, Handy, Pass und Portemonnaie in der Hand, um fluchtbereit zu sein. Trotz des Unwetters ist es noch immer enorm schwül, ich schwitze wie ein Hund, aber das könnte auch Angstschweiß sein. Ich bin zwar alleine mit dem Fahrrad auf den Balkan gefahren, komme gerade aus Bosnien wieder, habe Minenfelder und Kriegsruinen gesehen, hatte unliebsame Begegnungen mit Straßenhunden – alles kein Problem. Aber nun habe ich wirklich Angst.

Doch auch die schlimmste Nacht geht einmal vorbei. Als ich aufwache, ist es noch immer unerträglich schwül. Die Wolken ballen sich noch immer am Himmel, aber ab und an kommt auch für einen Moment die Sonne durch – zu wenig, um meine nassen Sachen zu trocknen. Ich esse ein wenig Müsli, setze mich wieder auf das Fahrrad und schwöre mir, nie wieder mein Zelt auf irgendeinem Feld aufzuschlagen, wenn auch nur die leiseste Gefahr besteht, dass ein Gewitter aufziehen könnte. Unterstand ahoi.

Was auf der Karte gestern wie ein leichter Ritt hinüber zur Donau gewirkt hatte, entpuppt sich als äußerst kräftezehrende Angelegenheit. Nicht nur ist es immer noch schwül und das Fahren auf den durchweichten Feldwegen auch nicht gerade einfach, es geht vor allem Berg auf und Berg ab. Ich hatte noch kein richtiges Frühstück, bin übermüdet, aber muss nun schon die Steigungen hoch strampeln – kein Wunder eigentlich, dass ich gerade den ersten wirklichen Durchhänger habe. Ich schimpfe auf alles, auf das Wetter, die kroatischen Straßen, die Karte, die überholenden LKW, und auch das Radio in meinem Kopf, das sonst zuverlässig für gute Laune sorgt, spielt nun Lieder, die bestenfalls bizarr zu nennen sind.

Einmal auch der Alptraum aller Radfahrer: eine Steigung mit acht Prozent Gefälle, darin aber eine Baustelle mit Ampel, sodass ich im PKW-Tempo hinauf sprinten muss, wenn ich nicht an der blödesten Stelle auf Gegenverkehr stoßen will. Und das bei dem Klima, mit Gepäck, ohne Frühstück. Oben muss ich mich erst mal zehn Minuten an den Straßenrand legen.

Aber auch dieser Alptraum ist irgendwann vorbei, ein letzter Berg noch, dann bin ich in Ilok, der Stadt im äußersten östlichen Zipfel Kroatiens. Die Sonne scheint wieder, die fröhlichen Gedanken kommen zurück, und ich kann statt einer Pizza immerhin eine leckere warme Pita essen. Kurz schaue ich mir noch die Festung an, dann geht es den letzten Berg hinunter und über die Brücke nach Serbien.

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Backa Palanka ist eine lebhafte, aber nicht gerade hübsche Stadt. Ich besorge mir erst mal wieder serbische Dinar und stelle fest, dass ich mich wieder an größere Zahlen auf den Geldscheinen gewöhnen muss. Außerdem räume ich mein Portemonnaie auf, darin sind nämlich gerade 40 Euro, 5000 Forint, 180 Kuna und 3000 Dinar. Klingt, als wäre ich reich. Bin ich aber gar nicht. Jedenfalls nicht an Geld.

Mit den hübschen serbischen Geldscheinen kaufe ich mir erst mal einen Kaffee und eine Sesam-Käse-Pastete. Klingt als würde ich den ganzen Tag nur fressen oder an die nächste Mahlzeit denken, nicht wahr? In gewisser Weise stimmt das auch, irgendwie muss ich ja die vielen Kalorien wieder einnehmen, die das Radfahren verschlingt.

Die nächsten Kilometer an der Hauptstraße sind sowieso nicht so schön, da denke ich lieber weiter ans Essen. Aber dann kann ich and Ufer wechseln und fahre durch die wunderschönen und ruhigen Donauauen. Der Wind kitzelt sanft die uralten Ulmen, auf der anderen Seite des Flusses ragt der Nationalpark Fruška Gora auf, und meine Kette surrt und surrt, während ich mich gemächlich Novi Sad nähere. So habe ich mir das hier vorgestellt – die Ruhe nach dem Sturm.

Irgendwann wird mir der Dammweg zu schlecht und ich biege wieder auf die Hauptstraße ab, wo ich rasch Futog erreiche. Vor dem Laden, in dem ich mir Zeug für das Abendessen kaufen will, treffe ich auch Ryan wieder, mit dem ich in Backa Palanka schon kurz gesprochen hatte. Er ist Kanadier, und nicht wie ich Amateur nur ein paar Wochen, sondern nun schon seit sechs Jahren mit dem Fahrrad unterwegs. Dabei hat er schon alle Kontinente bereist, inklusive der Antarktis, und holt gerade noch ein paar europäische Länder nach, die ihm noch fehlen: die Schweiz, Liechtenstein, nun Serbien, dann noch Rumänien und Moldawien.

Sein Hobby unterwegs ist es, abends vor dem örtlichen Supermarkt zu sitzen, Bier zu trinken und die Menschen zu beobachten. Da steige ich doch gerne ein, zumal sich auch noch eine Art Dorforiginal zu uns gesellt: ein gefährlich aussehender Mann, ganzkörpertätowiert, muskulös, der sich uns als der Mafiaboss vorstellt und den Kunden merkwürdige Dinge zuruft. Ganz nüchtern scheint er nicht mehr zu sein, auch eher mit Vorsicht zu genießen, dafür aber durchaus unterhaltsam, auch wenn wir natürlich kein Wort verstehen. Ohnehin ist hier einiges komische Volk unterwegs, wie wir amüsiert feststellen.

Nachdem wir unsere Reisepläne für heute, die nächste Woche und die nächsten Jahre abgeglichen sowie unsere Erfahrungen mit Biking, Bier und Bosnien ausgetauscht haben, suchen Ryan und ich einen Schlafplatz, da es nun doch zu spät geworden ist, noch nach Novi Sad hineinzufahren. Aber nema problema, denn jenseits des Deiches von Futog liegt noch eine bewaldete Donauinsel, auf der sich schnell der perfekte Platz findet. Unter Bäumen, nah am Ufer, und für den Morgen Blick auf die Berge auf der anderen Seite. Während Ryan eine Runde schläft, steige ich erst mal ins kalte Donauwasser und wasche mir endlich den Staub der Straßen und den Schweiß des bosnischen Glutofens ab. Wie gut das tut!

Heute Abend kann ich nun also die Ruhe nach dem Sturm genießen. In Ruhe lesen, kochen (ungarische Nudeln mit kroatischen Erbsen), reden und mich von einem strapaziösen Tag und einer noch schlimmeren Nacht entspannen. Die Gespräche mit Ryan sind sowieso interessant, er hat schon eine Menge erlebt und ist natürlich sehr aufgeschlossen, wie von einem solchen Weltenbummler zu erwarten. Von der nahen Stadt tönt Party-Musik herüber, ein Schiff fährt auf der Donau, auch die Lichter von Novi Sad sieht man schon. Und natürlich die Sterne, die überall die selben sind, ob in Deutschland, Kanada oder Serbien.

In einer Kneipe dudelte gerade „Heaven is a place on earth“. Das ist er sicherlich, wenn man mit der richtigen Einstellung an die Sache heran geht. Dass der Himmel ausgerechnet ein Donaustrand in Serbien ist, war zwar nicht unbedingt zu erwarten, aber jetzt wo es nun einmal so gekommen ist, kann man ja ruhig auch mal dankbar dafür sein.

Heiß hier!

Heiß. Schon als ich heute morgen wach werde, ist es heiß, und das obwohl ich nur im luftigen Innenzelt geschlafen habe. Das wenige Wasser, das ich noch habe, geht fürs Frühstück drauf, aber das Donauwasser ist über Nacht ganz schön dreckig geworden, das trinke ich bestimmt nicht. Lieber fahre ich ohne Wasser weiter und suche wieder mal meinen Radweg.

Leichter gesagt als getan, erst den Damm entlang und dann bemerke ich einen dubiosen Waldweg später, dass ich mich schon wieder total verfratzt habe. Das ist mir hier in Ungarn ja schon ein paar mal passiert, aber noch nie so total wie jetzt. Zum Glück habe ich ja GPS-Unterstützung, die ich nun tatsächlich zum ersten Mal bemühen muss. Es geht über ein Wehr, ich verlasse dir Csepel-Sziget und gelange mit der Unterstützung eines zahnlosen Alten wieder auf den Hauptweg am linken Ufer.

Das Land ist hier menschenleer, nur gelegentlich begegnet man einem Traktor. Mein Fahrrad ist auch bald wieder so staubig wie vor dem Putzen. Pech gehabt. Schatten gibt es auch keinen, und die Sonne brät mich schon ganz ordentlich. Endlich ein Dorf, Dunavecse, wo ich meine Flaschen auffüllen und mir im Dorfladen noch eine Himbeerbrause kaufen kann. Und weiter gehts durch die sengende Sonne, bis ich in Solt einen Unterstand direkt neben dem Weg entdecke. Ich bin kaum vom Fahrrad gestiegen, da penne ich schon ein.
Als ich aufwache, ist es noch heißer. Jetzt weiterzufahren wäre Unfug, deshalb beschließe ich, noch ein Weilchen hier zu bleiben, meine müffelnden Kleider im plätschernden Brunnen etwas zu waschen und mich sonst möglichst wenig zu bewegen. Beides funktioniert hervorragend.

Als die Klamotten wieder trocken und verpackt sind, geht es doch noch weiter. Heiß. Jungejunge, ist das heiß. Keine Alleen? Schade aber auch!

In Dunapataj verfahre ich mich schon wieder, was ich aber sehr spät erst merke. Diesmal ist der Weg nämlich durchaus ausgeschildert, nur leider in die völlig falsche Richtung, was mir einen Umweg von mindestens fünf Kilometern einträgt. Auf der Suche nach einem Eis stolpere ich aber immerhin in einen kleinen Laden mit einer sehr hübschen Verkäuferin, die sogar englisch spricht. Meine Frage, ob einer der Brotaufstriche im Regal ohne Fleisch sei, überfordert sie zwar doch, andererseits lässt sie mich ihr Mitarbeiterklo benutzen. Aus Dank kaufe ich ihr neben dem Eis noch ein Brot und eine Dose Frischkäse (der sich später als Schmelzkäse entpuppt) ab, und das zum deutlich höheren Preis als in den meisten anderen Läden. Ich hoffe doch, dass sie diese Geste zu schätzen weiß.

Die Dörfer hinter Dunapataj liegen wie an einer Perlenkette aufgereiht, und von keinem kann ich mir den Ortsnamen länger als drei Sekunden merken. Außerdem wird es langsam Abend, es ist immer noch enorm heiß, und am Himmel brauen sich Gewitterwolken zusammen. Meine Taktik sieht daher in jedem Dorf wie folgt aus: rein fahren – Bushaltestelle o.ä. sichten, falls plötzlich ein Regenguss kommt – alle Straßen lang fahren auf der Suche nach einem regensicheren Schlafplatz – nichts finden – es Richtung Donauufer versuchen – mich von Heerscharen von Stechmücken jagen lassen – genervt aufgeben und es im nächsten Dorf probieren.

So geht das in Ordas, Gėderlak, Dunaszentbenedek, Uszód, … Stechen die Mücken nicht stärker, wenn ein Gewitter im Anmarsch ist? Die hier hauen jedenfalls voll rein, ob sie diese Regel kennen oder nicht. Da hilft auch nicht das neue Mückenspray, es wird keine Gnade gewährt und keine Gefangenen gemacht. Zudem bin ich ja so herrlich durchgeschwitzt, ein echter Leckerbissen, sodass ich gelegentlich nachsehen muss, ob noch alle Gliedmaßen dran sind.

Dabei wird die Suche nach dem Schlafplatz immer dringender, die Sonne geht unter, und die rötlich von ihr angeleuchteten Gewitterwolken wirken höchst dramatisch. Als ich in Foktö ankomme, hat es dort schon geregnet. Ich bin, wie immer in den letzten zwei Wochen, trocken geblieben. Im letzten Abendlicht gelingt es mir, mein Zelt hinter dem Sportplatz aufzustellen. Dann schwitze ich noch ein wenig auf meine Isomatte, das Klima im Zelt ist ja immer eher subtropisch, und heute Abend erst recht. Dabei esse ich das Brot und den Schmelzkäse der hübschen Verkäuferin, lasse mich vom Surren der Stechmücken auf der anderen Seite der Zeltwand in den Wahnsinn treiben, und falle wahrscheinlich gleich in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf, immerhin habe ich heute ja auch gut achtzig Kilometer in der Hitze gemacht, Umwege nicht eingerechnet. Wenn ich Glück habe, träume ich von Himbeerbrause und der hübschen Verkäuferin – wenn ich Pech habe von Hitze und Stechmücken.

 

PS: Meine Eselsbrücken, mit denen ich versuche, mir wenigstens die Ortsnamen zu merken, entladen sich zunehmend in merkwürdigen Ohrwürmern, die ich dann auf den nächsten Kilometern laut singe. Beispiele gefällig?Sólt war nur der Bossa Nova, was kann ich dafür“, „Uszód the sheriff, but I didn’t shoot the deputy“, „I see you drivin‘ downtown with the girl I love and I’m like Foktö, …