Nichts als Schluchten und Berge

Donautour, Tag 22, Golubac-Eisernes Tor.

Heute geht es also endlich durch das Eiserne Tor, jenes Durchbruchstal der Donau durch die Ausläufer der Karpaten, von dem immer wieder behauptet wird, es handle sich um den schönsten Teil der Strecke.

Aber zuvor habe ich in Golubac noch einige Besorgungen zu erledigen. Ich wechsle noch einmal Geld, ergatterte endlich eine Speicherkarte für meine Kamera, und packe meine Taschen voller Essen. So viele Bäckereien wie bisher wird es in den Schluchten des Balkans sicher nicht mehr geben.

Wenige Kilometer hinter Golubac passiert die Straße zunächst die gleichnamige mittelalterliche Festung, die dazu diente, den Schiffsverkehr auf der nun immer schmaler werdenden Donau zu kontrollieren. Ich hatte sie ja von weitem schon gesehen und kenne auch die Bilder, aber wenn man mitten drin steht, ist sie noch mal um einiges imposanter. Steil ragt der Berg auf, in den Gänge getrieben und dem Türme aufgesetzt wurden, wuchtige Außenmauern vermitteln einen wehrhaften Eindruck, nur zur Flussseite hin ist der Komplex offen – man wollte ja schließlich Zölle kassieren können.

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Dann wird das Tal immer schmaler, die Felsen ragen immer höher auf, die Straße gräbt sich immer wieder tief in den Berg ein oder muss durch Tunnel geführt werden. Alpen-Gefühle mitten auf dem Balkan. Dazu natürlich wieder die unvermeidliche Sonne, zahlreiche Steigungen und tausend Pausen, um die Szenerie zu fotografieren. Drüben auf der rumänischen Seite wirkt die Landschaft noch nicht ganz so schroff, es gibt kleine Dörfer und Weinberge. Rumänien – das klingt für mich immer noch so weit weg, dabei sehe ich dieses Land ja schon seit gestern jedes Mal, wenn ich über die linke Schulter nach hinten blicke. Wegen der Hitze gönne ich mir eineinhalb Stunden Pause am Museum des Steinzeit-Dorfes „Lepenski Vir“, döse in der Sonne, esse natürlich auch etwas, und nebenbei kann ich am öffentlichen Klo wenigstens ein bisschen mein Tablet wieder aufladen. Die in Stichworten auf Papier geschriebenen Reiseberichte der letzten Tage kann ich so vielleicht bald nachtragen.

Dann geht es hinab in die Schlucht des Flüsschens Boljetin, die tatsächlich beeindruckend ist. An einem heißen Sommertag wie heute ist zwar vom Fluss nichts zu sehen, aber offenbar hat er es doch geschafft, sich tief in die Felsen zu graben. Dabei treten die unterschiedlichen Schichten der Gesteine zu Tage, was die Formationen zu einer Art geologischem Freilichtmuseum macht.
Das Problem ist nur, dass ich jetzt fast auf Niveau der Donau herabgestiegen bin und als nächstes über eine Passstraße muss. Die nächsten Meter heißt es Serpentinen, Serpentinen, und ein gewaltiger Anstieg. Aber hilft ja alles nichts, kleinster Gang rein und ab gehts. Der Schweiß tropft nicht, er läuft. Noch dazu gibt es natürlich keinerlei Schatten, und die Sonne brennt nicht gerade schlecht. Das Thermometer der Apotheke im nächsten Ort behauptet, es seien runde 40 Grad, und ich bin gewillt, das zu glauben. Mein Fahrradtrikot habe ich natürlich längst ausgezogen, und somit trage ich nun, von unten nach oben, Sandalen, die Fahrradhosen, eine neonfarbene Warnweste und den Fahrradhelm. Die entgegenkommenden Fahrer vermuten wahrscheinlich, dass ich auf dem Weg zu einem Village-People-Konzert bin, aber mir soll es egal sein, ich kenne ja niemanden in den Karpaten.

Irgendwann ist der Pass erklommen, der Schweiß auf der folgenden Abfahrt wieder getrocknet, und ich kann mir im Tal ein Eis gönnen. Die Tunnel habe ich noch gar nicht erwähnt, aber nun treten sie gehäuft auf und werden immer länger – der Hauptgrund für meine Warnweste, denn beleuchtet sind sie natürlich nicht, und die Autos fahren hier keineswegs die erlaubten sechzig. Diejenigen, die am dichtesten an meinen Packtaschen vorbei zischen, haben alle italienische Nummernschilder, vermutlich handelt es sich aber eher um Auslands-Rumänen auf Heimatbesuch (durchaus korrekte Einschätzung, wie mir ein serbischer Grenzpolizist später bestätigt).

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Die rumänische Seite der Donau kommt mir ohnehin immer näher, denn der Strom wird immer schmaler, die Kalkfelsen immer höher, und irgendwann fahre ich schließlich in den Großen Kessel ein, vorne und hinten von einem Durchbruch flankiert, rechts und links steile Felswände. Bisher war die Landschaft hier schön – nun ist sie erhaben.

Die Donau hat sich hier tief ins Kalkgestein gefressen, auch die Straße hat kaum noch Platz, an der engsten Stelle ist der Fluss nur noch 90 Meter breit (vor der Schlucht waren es noch mehrere Kilometer). Sehr, sehr beeindruckend. Außerdem ändert sich die Landschaft alle hundert Meter, immer wieder bietet sich ein neues Bild, sodass man sich kaum sattsehen kann. Es folgt ein strammer Aufstieg, und während die Schatten bereits immer länger werden, sehe ich schon den Kleinen Kessel vor mir liegen, mit dem Kloster am anderen Ufer, wo gerade die Glocke die Gläubigen zum Abendgebet ruft.

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Während des folgenden Anstiegs fällt mir auf, dass mein vorderer Reifen schon wieder Luft verloren hat, also muss ich anhalten und ihn aufpumpen – eine schweißtreibende Angelegenheit. Am nächsten Parkplatz ein paar hundert Meter weiter oben halte ich an, um mich auszuruhen und noch etwas zu essen, und siehe da, er ist erneut platt. Also Planänderung: den Reifen bringe ich morgen früh in Ordnung. Die Sonne sinkt gerade hinter die Felswände des Kleinen Kessels, ich bleibe also für die Nacht hier auf dem Parkplatz hoch oben im Berg und fahre erst morgen im Hellen weiter. Alles andere wäre mir zu unsicher. Stattdessen gibt es Makkaroni mit Erbsen, und als eine nette rumänische Familie auf dem Weg nach Italien hier Station macht, bekomme ich noch Cola und Kaffee dazu geschenkt. Selbst die Grenzpolizei, die hier gelegentlich anhält, ist sehr nett und will nicht mal meinen Ausweis sehen.

Also liege ich auf dem kleinen Parkplatz hoch in der Felswand des Kleinen Kessels im Eisernen Tor. Es ist eine sternenklare Nacht, mal wieder, aber hier im Nichts der serbisch-rumänischen Grenze gibt es wirklich keinerlei störende Lichtquellen, und man sieht tausende kleine Lichtpunkte am Himmel, die sich zusammenballen zu Sternbildern, Galaxien, ganz deutlich auch zur Milchstraße, die sich quer über den ganzen Himmel zieht. Falls es da oben irgendwo Leben geben sollte – ich hoffe, denen geht es genauso gut wie mir gerade. Der einzige, der mich wirklich gerade beobachtet, ist das riesige Felsenbild des Königs Decebalus in der Felswand auf der anderen Seite des Kessels. Aber den wird meine Anwesenheit hier sicher nicht stören.

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Kurznachricht

telegraf

Mir gehts total super +stop+ bin gerade in Golubac, wunderschön hier +stop+ gleich gehts zum Eisernen Tor +stop+ Rest wird nachgereicht mangels Akku +stop+ Grüße aus Serbien

Dem Strome folgend

Donautour, Tag 21, Kovin-Golubac.

Aufstehen, Zähne putzen, Zelt abbauen, Müsli. Kennt man ja zur Genüge. Auch den weiteren Morgen verbringe ich zunächst unspektakulär auf dem Dammweg, dann möchte ich eigentlich in Gaj mit der Fähre übersetzen. Drüben liegt nämlich Moesia Superior, und das ist kein rumänisches Bordell, sondern eine antike römische Provinz, deren Hauptstadt Viminacium hier ausgegraben wurde. Aber ich finde die Fähre nicht. Also frage ich eine handvoll junger Männer, die gerade an erinnert Art Party-Boot herumschweißen. Es stellt sich heraus, dass dies die Fähre ist, die erst morgen Abend wieder fahren soll. Definitiv ist dies die coolste Fähre, die ich je gesehen habe, aber mit Moesia Superior ist es natürlich Essig. Stattdessen geht es weiter endlos geradeaus, erst Dammweg, dann durch den Wald, über den Donau-Theiss-Donau-Kanal und dort entlang auf dem schlechtesten Dammweg aller Zeiten, und all das immer getrieben von der Notwendigkeit, in Stara Palanka die Zwölf-Uhr-Fähre zu bekommen. Ich habe auf der Karte nämlich gesehen, dass diese Überfahrt nur alle drei Stunden möglich ist, und ich möchte ja nicht den ganzen Tag hier verbringen.
Als ich den Anleger erreiche, breitet sich eine grandiose Landschaft vor meinem Auge aus: die Berge, teils schon in Rumänien, dazu der Strom, der hier breit wie ein See ist. Auf der überdachten Terrasse des Restaurants steigt eine Art Feier, jedenfalls spielen hier zwei Akkordeonspieler auf, hauen feste und nicht immer synchron in die Tasten, und dazu hört man an- und abschwellenden Gesang der Feiernden mit rhythmischem und teils auch eher arhythmischem Geklatsche. Jedenfalls bietet sich mir hier der Balkan wie aus dem Bilderbuch.

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Die Zwölf-Uhr-Fähre fährt im Sommer wohl doch erst um 13 Uhr, und so verbringe ich die nächste Zeit im Schatten eines Baumes am Anleger, studiere die nächsten Karten und halte ein Nickerchen. Als die Fähre dann anlegt, müssen zwei Männer erst aus Kies eine Rampe zum Land schaufeln. Es folgt eine Überfahrt von zwanzig Minuten, die herrlich zu nennen vielleicht noch untertrieben wäre. Auf der anderen Seite in Ram thront auch eine hübsche Burg auf dem Bergsporn, mehr noch interessiere ich mich aber für das kleine Geschäft des Ortes. Schließlich habe ich enormen Kohldampf, kaufe also rasch etwas ein und mache hinter dem Dorf endlich eine Essenspause, wobei ich erst mal ein Brot esse. Ganz recht, keine Scheibe, sondern ein ganzes Vollkornbrot esse ich. Unglaublich, was diese Radfahrerei aus mir macht.

So gestärkt gelange ich schnell an den touristisch voll erschlossenen Silbersee und weiter nach Veliki Gradište, wo gerade das Fest des heiligen Elias gefeiert wird. Die Stadt ist voller Menschen, es gibt Stände, einen Markt und Fahrgeschäfte. Ich schau mir lieber zwei Partien des Beachvolleyball-Turniers am Fluss an und lerne im Park Zoran kennen, der mich mit Tipps versorgt. Nur das Fotogeschäft hat leider tatsächlich keine Speicherkarten, meine ist bald voll.

Ein türkischer Mokka belebt mich wieder, und auf der Weiterfahrt esse ich abwechselnd Birnen und Pflaumen vom Wegrand und die Mini-Käseteilchen, die ich in einer Bäckerei entdeckt habe. 100 Gramm für 45 Dinar, nur geschenkt wäre billiger.

So erreiche ich bald mein Etappenziel Golubac, und wie von Zoran empfohlen frage ich am Seglerheim nach einem Platz für mein Zelt. Das kann aber nur der Trainer entscheiden, und der ist gerade noch, wo er hingehört – auf dem Wasser. Macht gar nichts, dann gehe ich auch zuerst noch in die Donau, die hier kurz vor dem Durchbruchstal mehrere Kilometer breit ist, und sorge mal wieder für ein bisschen Kultur. Der Trainer ist trotzdem nicht begeistert, teilt mir aber doch eine Ecke des Platzes zu, und die nette Frau, die mir bei all dem geholfen hat, bietet mir frischen Räucherfisch an, den ich natürlich nicht mag. Meine Nudeln mit Spargelsoße sind aber auch nicht verkehrt, ich bin beim Kochen zwar nicht so ehrgeizig wie daheim, aber unterwegs schmeckt es ja sowieso immer besser.

Außerdem kann ich direkt am Strom kochen, in dem sich die Uferpromenade und die angeleuchtete, sehr imposante Festung Golubac spiegeln. Drüben liegt schon Rumänien, hier tanzen die Bötchen auf den Wellen, aus der Stadt hört man Musik, und auch der Sternenhimmel ist enorm. Zwar habe ich weder eine SD-Karte für meine Kamera noch Strom für mein Tablet gefunden, aber das sind ja schließlich nur Nebensächlichkeiten bei all dem Glück, das ich hier empfinden darf.