Tallinn

16. und 17. August: Der Abschied von Russland dauert, ich habe etwas Kopfweh und genieße noch den ersten richtigen Sonnenschein in Sankt Petersburg und fotografiere die Eremitage noch einmal ohne Wolken. Erst weit nach Mittag fahre ich mit dem Vorortzug nach Krasnoje Selo, ins schöne Dorf, und stelle mich erst mal unter, weil es wie aus Gießkannen regnet. Dann aber doch wieder mit dem Daumen an die Straße, und bald verlasse ich auch diesen Ausläufer von Sankt Petersburg. Die Straße Richtung Westen ist keineswegs eine Autobahn, wie ich zunächst dachte, sondern eher eine Landstraße und dementsprechend starker Verkehr herrscht.

Für den Grenzübertritt nehme ich dann aber doch wieder einen Bus, es ist ja auch schon etwas später geworden. Die Warterei an der Grenze dauert ewig, aber dann kann ich doch die Augen schließen und bin am nächsten Morgen früh um sechs in Tallinn. Zeit, mich im Wartesaal des Busbahnhofs nochmal etwas hinzulegen.

Irgendwann mache ich mich aber doch auf den Weg in die Innenstadt, die Straßenbahn fährt gerade nicht. Ich komme am Hafen vorbei und muss mich gleich wieder vor einem heftigen Regenschauer unterstellen. Hoffentlich geht das jetzt nicht öfter so!

Vom Schirm eines Restaurants aus betrachte ich durch den dichten Regen hindurch die erhöht liegende Altstadt von Tallinn mit dem charakteristischen Turm der Olafskirche, der die Seefahrer begrüßt. Diese Altstadt ist tatsächlich eine Perle, eine gotische Hansestadt mit ihren Kirchen, Kaufmannsgilden und Patrizierhäusern, die es ins 21. Jahrhundert hinübergeschafft hat. Ich lade mein Gepäck im Hostel ab und beginne meine Streifzüge.

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Über das endlose Kopfsteinpflaster laufe ich den restlichen Tag ziellos durch die Stadt, schaue mir hier einen Platz und da ein Haus an, folge der Stadtmauer, höre laute Musik auf dem Rathausplatz, weiche unzähligen Flyerverteilern aus und lege mich zwischendurch auch mal noch für ein Nickerchen mit meinem Buch in den Park. Inzwischen knallt die Sonne wieder, das kann gerne so bleiben. Tallinn begeistert mich schnell, und seine weißen Türme blitzen in den Sonnenstrahlen. Ich ersteige den Domberg, auf estnisch toompea, mit den Regierungsgebäuden und Botschafterresidenzen, und später auch den Turm der Olafskirche. Der riskante Aufstieg über steile und enge Stufen wird durch einen großartigen Blick belohnt. Jenseits der mittelalterlichen Gassen wachsen die Hochhäuser des modernen Tallinns in die Höhe, auf der gegenüberliegenden Seite sieht man die Schiffe auf der Ostsee kreuzen.

Zwischendurch war ich mal im Hostel, weil ich eine Dusche brauchte, und weil der Blick in den Spiegel mir vor Augen geführt hatte, dass ich wohl doch etwas abgenommen habe unterwegs, gönne ich mir heute einmal ein richtiges Abendessen im Restaurant statt der üblichen Snacks. Das afrikanische Restaurant hatte ich auf meinen Rundgängen schon ausgemacht, und auf der Dachterrasse gibts nun leckeres Gemüse. Den Abend verbringe ich zunächst spazierend, dann im Hostel, das einen gemütlichen Keller hat.

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Auf der Primorsker Chaussee

13./14. August: Ich stehe an der Chaussee und halte den Daumen raus. Eine Chaussee, bzw. шоссе, ist in Russland jede Landstraße – unter anderem auch jene, die aus Wyborg hinaus in die Küstendörfer führt. Zuvor war ich mit dem Bus über die Grenze gefahren, markiert durch einen militärisch kontrollierten Posten irgendwo mitten im karelischen Wald. Ausgiebiger Blick auf mein Visum, Stempel in den Pass, und ich war in Russland. Wobei Wyborg noch nicht zum echten Russland zählt, es wurde von den Schweden gegründet und war bis 1944 die zweitgrößte Stadt Finnlands, ehe die Sowjets es eroberten. Diese Geschichte sieht man der Stadt auch an, die mit nordisch-mittelalterlicher Burg, finnischen Bürgerhäusern und Klosterruinen sowie dem großen Lenin-Platz mit Denkmal nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch einen Querschnitt durch die europäische Geschichte darstellt. Ich laufe mehr oder weniger ziellos durch die Innenstadt und fotografiere viel. Dabei werde ich hin und wieder etwas nass, das Wetter hat sich fundamental geändert und ist kalt und feucht und vor allem sehr wechselhaft geworden. Nun ja, ich habe schon Schlimmeres ausgehalten als etwas Nieselregen.

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Nachdem ich ausgiebig die Tauben am Lenin-Denkmal und die Enten im Burggraben besichtigt habe, möchte ich irgendwann weiter. Also raus aus der kleinen Innenstadt und an Wohnblocks und heruntergekommenen Industrieanlagen vorbei auf die Primorsker Chaussee. Sagte ich eben wechselhaft? Jetzt brät mich wieder die Sonne, während ich untersuche, ob das Trampen in Russland wirklich so viel verbreiteter ist als in Finnland. Ich mache автостоп, Autostopp. Und tatsächlich flitze ich kurz darauf in einem alten blauen Fiesta die Chaussee entlang. Dann, nach einer Essenspause, mit Sascha und seiner Enkelin im dunkelroten Lada. Sie wollen nächste Woche nach Spanien und Deutschland fahren und fragen mich nach Reisetipps. Schließlich rolle ich zu lauter elektronischer Musik mit Arik aus Armenien in Primorsk ein. Fazit: das Trampen funktioniert gut. Und russische Autofahrer sind Meister darin, in hohem Tempo Schlaglöchern auszuweichen, ein Talent, das durch den Zustand der hiesigen Landstraßen auch optimal gefördert wird.

In Primorsk setze ich mich erst mal ans Meer und lese mein zweites Buch zu Ende (ich muss unbedingt in Petersburg nach englischsprachigen Büchern Ausschau halten). Mitten in einem Park steht ein unheimliches Gebäude, das aussieht, als hätte das Militär eine Raketenabschussbasis als Kirche getarnt. Oder wie das Haus von Gru aus „Ich, einfach unverbesserlich“. Jedenfalls nicht besonders einladend, eher etwas unheimlich, auch wenn es sich offenbar um das städtische Kulturhaus handelt. Der Park ist schön, aber etwas verwahrlost, in den Dünen liegen Scherben – nach einem guten Schlafplatz sieht dies nicht aus. Außerdem ist es windig, und eine Menge Angler laufen herum. Nein, ich werde mir zunehmend sicher, dass ich hier nicht schlafen will. Also laufe ich noch ein Stück die Chaussee entlang. Herrje, ist dieses Dorf lang! Bestimmt drei oder vier Kilometer lege ich zurück, bis ich den Ortsrand erreiche. Und dann dauert es auch noch ein wenig, bis ich einen guten Schlafplatz ausfindig mache. Aber schließlich liege ich unter Kiefern direkt am Strand, beobachte den Sonnenuntergang über der Ostsee und die riesigen Schiffe, die sich dem Hafen nähern, offenbar dem größten Ölhafen Russlands.

In der Nacht werde ich durch Blitz und Donner geweckt. Verdammt, ich hasse Gewitter im Zelt! Aber zum Glück bekomme ich nur etwas Regen ab, der heftige Sturm tobt sich draußen auf dem Meer aus. Einschlafen ist natürlich trotzdem nicht drin, dafür geht es draußen zu sehr zur Sache, und so strecke ich noch etwas den Kopf aus dem Zelteingang und beobachte das Treiben.

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Am nächsten Morgen bin ich zwar nicht gerade ausgeschlafen, wie tags zuvor auch, baue aber trotzdem mein Zelt schon um sechs Uhr in Rekordzeit ab. Der Wind hat nämlich enorm zugenommen, weht mir fast mein Zelt fort, und das nächste Gewitter kündigt sich auch schon durch sein Grollen an. Also stehe ich bald wieder an der Straße, und auch wenn das Gewitter ausbleibt, es nimmt mich keiner mit. Es fährt aber auch kaum jemand zu dieser Uhrzeit die gottverdammte Landstraße entlang. Ich laufe also einige Kilometer, um zur nächsten größeren Abzweigung zu gelangen, und halte dabei immer wieder den Daumen raus, wenn sich ein Auto nähert.

Volltreffer! Sergej ist Ingenieur, war beruflich am Ölhafen und fährt nun wieder nach Petersburg zurück. Die Unterhaltung auf der Fahrt ist spannend, und das, obwohl ich nur ein paar Worte russisch und er nur ein paar Worte deutsch und keinerlei englisch kann. Aber wir radebrechen, er zeigt mir im angrenzenden Wald die Überreste des sowjetisch-finnischen Krieges, ich erzähle von meiner Tour, er bringt mir etwas russisch bei, und vor allem habe ich einen Lift in einem nagelneuen bequemen Toyota über hundert Kilometer bis in meine Zielstadt. Wie gesagt: Volltreffer! Und irgendwann ist aus der holprigen Schlaglochpiste der Primorsker Chaussee schleichend eine krachneue Autobahn geworden, die eher an eine Formel-1-Strecke erinnert; wir fahren am halbfertigen Stadion vorbei, das für die WM 2018 gebaut wird; der Verkehr wird dichter und dichter, Sergej lässt mich an einer Metrostation aussteigen – und ich bin in Sankt Petersburg!

Rumänische Stippvisite

Längs der Donau, Tag 24, Kupuzište-Vidin.

Schnell den Rest Müsli in mich hinein schaufeln, und dann gehts weiter, immerhin soll es gleich nach so vielen Tagen in Serbien wieder über die Grenze gehen. Im nächsten Ort betrete ich den Tante-Emma-Laden, um etwas Verpflegung für den Tag in Rumänien zu besorgen (ich hatte nämlich nicht vor, mir auch noch Lei anzuschaffen), bemerke aber gleich, dass die Tante kein Brot hat. Also frage ich nach der nächsten Bäckerei, kaufe noch eine Tomate, und weil mir 19 Dinar als Gesamtsumme doch recht wenig vorkommt, lege ich an der Kasse aus Nettigkeit noch ein eingeschweißtes, bärchenförmiges Kinder-Apfelteilchen dazu, bevor ich mich in der Bäckerei mit richtigem Essen eindecke.
Auf verwunschenen, halb zugewucherten Pfaden geht es an der Donau entlang, bis ich endlich den enormen Damm Djerdap II erreiche, und damit auch die Grenze nach Rumänien.

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Sofort nachdem ich den Grenzübergang passiert habe, werden die Straßen schlechter, der Verkehr wird weniger, nur die Dichte der Pferdefuhrwerke steigt wieder. Darauf werden Melonen, kaputte Mofas und Kühlschränke transportiert. Bucklige Mütterchen mit Kopftuch und spindeldürre Ziegenhirten begegnen mir. Auf der Dorfstraße laufen Schweine, Kühe und Ziegen herum. Offenbar hat mir die Grenze nicht nur die Umstellung der Uhr um eine Stunde nach vorne eingebracht, sondern zugleich auch einen Zeitsprung zurück, zumindest diese etwas abgelegeneren Dörfer wirken im Vergleich mit meinem Heimatdorf wie eine Reise um achtzig oder hundert Jahre in die Vergangenheit. Nur gelegentlich brettert ein Mercedes über die Piste und zeigt mir für einige Sekunden das andere Gesicht Rumäniens.

IMGP2866Die Straße steigt nun aus dem Donautal auf eine Hügelkette herauf. Unten kann ich die Sümpfe und Auen sehen. In der anderen Richtung kann ich einmal einen Buschbrand bei seinem zerstörerischen Werk beobachten. Einen orthodoxen Friedhof betrete ich auf der Suche nach Wasser, in Österreich hatte das locker funktioniert, aber hier scheint Grabpflege nun wirklich nicht die größte Sorge der Menschen zu sein. Wo keine gesprungenen Steinplatten liegen, laufen die Ziegen über die Gräber und knabbern die Grashalme ab. Ich laufe ein wenig herum und mache Fotos. Da fällt mir auf, dass an einem der Gräber die schwere Steinplatte verschoben ist. Darunter nichts als Schwärze. Die Öffnung ist gerade so breit, dass ich gut hindurch passen würde…
Mit einem Mal fällt mir wieder ein, wofür Rumänien eigentlich bekannt ist. Und ich habe keinen Holzpflock, keine geweihten Silberkugeln, ja nicht einmal Knoblauch dabei! Es ist zwar hellichter Mittag, aber trotzdem gehe ich lieber außen herum zu meinem Fahrrad zurück. Man weiß ja nie…IMGP2862An einer Quelle lasse ich mich nieder und wasche einige meiner Kleider, damit ich eine Chance habe, in Zug und Flieger vielleicht nicht alle Mitreisenden vollzustinken – ein paar Kilometer weiter sehe ich dann eine Gruppe von (offenbar Roma-) Frauen, die ebenfalls an einer Quelle waschen. Aber nicht nur ein verschwitztes Fahrradtrikot, sondern Bettzeug, Gardinen etc. Für sie ist die  Wäscherei an der Quelle nicht Teil eines Abenteuer-Urlaubs, sondern Alltag!
Dafür ist die Sprachbarriere hier viel geringer als in Serbien. Rumänisch ist ja eine romanische Sprache, weshalb die Menschen oft italienisch oder französisch können. Auch auf der Suche nach Arbeit orientieren sie sich an romanisch-sprachigen Ländern – der Eine erzählt mir, er arbeite auf dem Bau in Nantes, der andere hat sich sein Auto in Mailand erarbeitet, und die Jungs in meinem Alter, mit denen ich mich lange unterhalte, verbringen auch nur ein paar Sommerwochen im Heimatdorf. Wie die Schilder ihrer dicken Autos erkennen lassen, sind sie sonst über ganz Frankreich und Belgien verstreut.
Man sieht schon, die Menschen sind hier überaus herzlich und schwatzen gerne etwas mit dem deutschen Touristen (so viele Touristen kommen sicherlich auch nicht hier her). Wenn ich über die Dorfstraßen fahre, muss ich ständig links und rechts grüßen und fühle mich fast wie her majesty auf Staatsbesuch. Kleine Omis klatschen in die Hände, wenn sie mich sehen, überall höre ich „țao“ und „salut“, die Jungen auf der Straße kratzen ihr bisschen Schulenglisch zusammen und wollen im Vorbeifahren mit mir abklatschen. Ist der Gedanke nicht unerträglich, dass diese fröhlichen Kinder in ein paar Jahren hier im rumänischen Bauerndorf keine Perspektive finden werden, dass die Meisten unter ihnen ihr Heil auch in der Emigration werden suchen müssen, dass sie vielleicht in zehn Jahren in meiner Heimat, dem reichen Westeuropa, für einen Billiglohn all die Tätigkeiten verrichten werden, für die ich mir zu schade bin?Immerhin, je weiter ich mich Richtung Süden von Dorf- auf Nationalstraßen vorarbeite, je weniger abgelegen von den Verkehrsströmen und den Städten die Siedlungen sind, desto weniger sticht die Armut ins Auge, desto einfacher scheint es für die Menschen zu sein, ein Auskommen zu finden, auch wenn natürlich auch Calafat an der bulgarischen Grenze keine Oase des Wohlstands ist.
Die Landschaft ist nicht gerade abwechslungsreich hier, die Nationalstraße schon gar nicht. Nur die Kilometersteine zählen beharrlich die Entfernung nach Calafat herab. Ich bin froh, als ich irgendwann den dortigen Grenzposten erreiche – nur muss ich doch sehr lange warten, bis mich einer der Grenzer entdeckt und den „biciclist“ an der Autoschlange vorbei durch den Zoll lotst. Mulțumesc dafür!

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So kann ich doch bald die krachneue, fast leere Donaubrücke und die ebenso unberührte Umgehungsstraße nach Vidin in Bulgarien benutzen. Die Stadt empfängt mich fast so, wie im Bulgarien-Stereotyp von Ryan und mir festgehalten: eine Kollektion maroder Plattenbauten, viel grau, viel Beton, nur die stämmigen Hammerwerferinnen suche ich vergebens. Außerdem ist es gar nicht so leicht, sich zu orientieren. Das knatschige Apfelbärchen, dass ich der serbischen Tante Emma heute Morgen aus Verlegenheit abgekauft habe, rettet mir nun das Leben, denn natürlich habe ich noch keine blanke Lewa in der Tasche.
Während ich mich wiederholt auf der endlosen Ringstraße verfahre, summe ich „Vidin start the fire“ – na großartig, die unheilige Mischung aus den ungarischen Ortsnamen-merk-Liedern und den serbischen Billy-Joel-Ohrwürmern. Irgendwann gelingt es mir aber doch, einen Geldautomaten zu finden, der meine Visa-Karte akzeptiert, und kann mich endlich mit Essen versorgen. Und weil es schon dunkel und noch immer unerträglich heiß ist, fahre ich nun nur noch ein Stückchen aus der statt heraus und schlage mich auf eine kleine Wiese zwischen Garagenhof und Umspannwerk. Das Abendessen besteht größtenteils aus einer großen Portion Reste, und dann falle ich sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

In Serbien aufgewacht, den Tag in Rumänien verbracht, in Bulgarien eingeschlafen. Allerlei Geschichten erlebt und erzählt bekommen. Preise in drei Währungen studiert, in drei Sprachen gegrüßt, mich des Weiteren auf englisch, französisch, italienisch unterhalten, und den Bericht nun in deutsch abgefasst. Den ganzen Tag kein Plattfuß! Dazu immer etwas zu essen, und wenn es ein Kinder-Apfelkuchen in Bärchenform war. So stelle ich mir doch einen guten Reisetag vor.
Die rumänische Jungsclique hatte aber doch Unrecht, als sie mir zig Mal versicherten, wieviel „courage“ ich doch haben müsse, eine solche Reise zu unternehmen. Es braucht nur ein einziges Mal Mut, und das ist der Moment, in dem man die eigene Haustür hinter sich zuzieht. Ist man einmal draußen in der Welt, läuft alles wie von alleine. Wie oft habe ich Glück gehabt, wie viele Zufälle haben mit geholfen auf dieser Reise! Gute Menschen und interessante Begegnungen findet man eh überall. Ist dies das Fazit, nach dem letzten richtigen Reisetag? Es wäre jedenfalls nicht das Schlechteste.

Die Ruhe nach dem Sturm

Am gestrigen Abend waren Wolken aufgezogen, die ich noch als hübsches Fotomotiv verwendet hatte.

In der Nacht toben sich nun die Gewitter aus, in einer Heftigkeit, die ich nicht vorausgesehen hatte. Um ein Uhr weckt mich das erste, dann rollen die Stürme im Stundentakt über mich hinweg, bis morgens um sechs dann endgültig der letzte Donner verklingt und ich mir noch zwei Stunden ruhigen Schlafes gönne. Zuvor war ich ständig wach gewesen, kein Wunder, denn es stürmte ganz enorm. Die Blitze zucken ständig von allen Seiten und erleuchten mein Feld taghell. So viele, dass ich das Zählen der Sekunden bis zum Donnern bald aufgeben muss – Blitz und Donner lassen sich einfach nicht mehr zuordnen. Alles dabei, vom Wetterleuchten bis zum Blitzschlag ins Nachbarfeld. Es schüttet, das Zelt bäumt sich auf im Wind, und selbst das zuvor ohrenbetäubende Zirpen der Grillen ist nicht mehr zu hören. Eigentlich alles kein Wunder, schließlich waren es die letzten Tage 40 Grad gewesen, und vor den Bergen der Fruška Gora drüben in Serbien regnet nun alles ab. Ich weiß auch theoretisch um die geringe Wahrscheinlichkeit, dass mir hier etwas passiert, aber zucke natürlich trotzdem bei jedem Blitz zusammen. Zittere ich gerade? An der Kälte liegt es sicherlich nicht.

Die schlimmsten Gewitter sind jene um eins und um vier. Da hocke ich in voller Montur, mit Regenjacke und natürlich den Schuhen mit den Gummi-Sohlen, im Eingang – Taschenlampe, Handy, Pass und Portemonnaie in der Hand, um fluchtbereit zu sein. Trotz des Unwetters ist es noch immer enorm schwül, ich schwitze wie ein Hund, aber das könnte auch Angstschweiß sein. Ich bin zwar alleine mit dem Fahrrad auf den Balkan gefahren, komme gerade aus Bosnien wieder, habe Minenfelder und Kriegsruinen gesehen, hatte unliebsame Begegnungen mit Straßenhunden – alles kein Problem. Aber nun habe ich wirklich Angst.

Doch auch die schlimmste Nacht geht einmal vorbei. Als ich aufwache, ist es noch immer unerträglich schwül. Die Wolken ballen sich noch immer am Himmel, aber ab und an kommt auch für einen Moment die Sonne durch – zu wenig, um meine nassen Sachen zu trocknen. Ich esse ein wenig Müsli, setze mich wieder auf das Fahrrad und schwöre mir, nie wieder mein Zelt auf irgendeinem Feld aufzuschlagen, wenn auch nur die leiseste Gefahr besteht, dass ein Gewitter aufziehen könnte. Unterstand ahoi.

Was auf der Karte gestern wie ein leichter Ritt hinüber zur Donau gewirkt hatte, entpuppt sich als äußerst kräftezehrende Angelegenheit. Nicht nur ist es immer noch schwül und das Fahren auf den durchweichten Feldwegen auch nicht gerade einfach, es geht vor allem Berg auf und Berg ab. Ich hatte noch kein richtiges Frühstück, bin übermüdet, aber muss nun schon die Steigungen hoch strampeln – kein Wunder eigentlich, dass ich gerade den ersten wirklichen Durchhänger habe. Ich schimpfe auf alles, auf das Wetter, die kroatischen Straßen, die Karte, die überholenden LKW, und auch das Radio in meinem Kopf, das sonst zuverlässig für gute Laune sorgt, spielt nun Lieder, die bestenfalls bizarr zu nennen sind.

Einmal auch der Alptraum aller Radfahrer: eine Steigung mit acht Prozent Gefälle, darin aber eine Baustelle mit Ampel, sodass ich im PKW-Tempo hinauf sprinten muss, wenn ich nicht an der blödesten Stelle auf Gegenverkehr stoßen will. Und das bei dem Klima, mit Gepäck, ohne Frühstück. Oben muss ich mich erst mal zehn Minuten an den Straßenrand legen.

Aber auch dieser Alptraum ist irgendwann vorbei, ein letzter Berg noch, dann bin ich in Ilok, der Stadt im äußersten östlichen Zipfel Kroatiens. Die Sonne scheint wieder, die fröhlichen Gedanken kommen zurück, und ich kann statt einer Pizza immerhin eine leckere warme Pita essen. Kurz schaue ich mir noch die Festung an, dann geht es den letzten Berg hinunter und über die Brücke nach Serbien.

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Backa Palanka ist eine lebhafte, aber nicht gerade hübsche Stadt. Ich besorge mir erst mal wieder serbische Dinar und stelle fest, dass ich mich wieder an größere Zahlen auf den Geldscheinen gewöhnen muss. Außerdem räume ich mein Portemonnaie auf, darin sind nämlich gerade 40 Euro, 5000 Forint, 180 Kuna und 3000 Dinar. Klingt, als wäre ich reich. Bin ich aber gar nicht. Jedenfalls nicht an Geld.

Mit den hübschen serbischen Geldscheinen kaufe ich mir erst mal einen Kaffee und eine Sesam-Käse-Pastete. Klingt als würde ich den ganzen Tag nur fressen oder an die nächste Mahlzeit denken, nicht wahr? In gewisser Weise stimmt das auch, irgendwie muss ich ja die vielen Kalorien wieder einnehmen, die das Radfahren verschlingt.

Die nächsten Kilometer an der Hauptstraße sind sowieso nicht so schön, da denke ich lieber weiter ans Essen. Aber dann kann ich and Ufer wechseln und fahre durch die wunderschönen und ruhigen Donauauen. Der Wind kitzelt sanft die uralten Ulmen, auf der anderen Seite des Flusses ragt der Nationalpark Fruška Gora auf, und meine Kette surrt und surrt, während ich mich gemächlich Novi Sad nähere. So habe ich mir das hier vorgestellt – die Ruhe nach dem Sturm.

Irgendwann wird mir der Dammweg zu schlecht und ich biege wieder auf die Hauptstraße ab, wo ich rasch Futog erreiche. Vor dem Laden, in dem ich mir Zeug für das Abendessen kaufen will, treffe ich auch Ryan wieder, mit dem ich in Backa Palanka schon kurz gesprochen hatte. Er ist Kanadier, und nicht wie ich Amateur nur ein paar Wochen, sondern nun schon seit sechs Jahren mit dem Fahrrad unterwegs. Dabei hat er schon alle Kontinente bereist, inklusive der Antarktis, und holt gerade noch ein paar europäische Länder nach, die ihm noch fehlen: die Schweiz, Liechtenstein, nun Serbien, dann noch Rumänien und Moldawien.

Sein Hobby unterwegs ist es, abends vor dem örtlichen Supermarkt zu sitzen, Bier zu trinken und die Menschen zu beobachten. Da steige ich doch gerne ein, zumal sich auch noch eine Art Dorforiginal zu uns gesellt: ein gefährlich aussehender Mann, ganzkörpertätowiert, muskulös, der sich uns als der Mafiaboss vorstellt und den Kunden merkwürdige Dinge zuruft. Ganz nüchtern scheint er nicht mehr zu sein, auch eher mit Vorsicht zu genießen, dafür aber durchaus unterhaltsam, auch wenn wir natürlich kein Wort verstehen. Ohnehin ist hier einiges komische Volk unterwegs, wie wir amüsiert feststellen.

Nachdem wir unsere Reisepläne für heute, die nächste Woche und die nächsten Jahre abgeglichen sowie unsere Erfahrungen mit Biking, Bier und Bosnien ausgetauscht haben, suchen Ryan und ich einen Schlafplatz, da es nun doch zu spät geworden ist, noch nach Novi Sad hineinzufahren. Aber nema problema, denn jenseits des Deiches von Futog liegt noch eine bewaldete Donauinsel, auf der sich schnell der perfekte Platz findet. Unter Bäumen, nah am Ufer, und für den Morgen Blick auf die Berge auf der anderen Seite. Während Ryan eine Runde schläft, steige ich erst mal ins kalte Donauwasser und wasche mir endlich den Staub der Straßen und den Schweiß des bosnischen Glutofens ab. Wie gut das tut!

Heute Abend kann ich nun also die Ruhe nach dem Sturm genießen. In Ruhe lesen, kochen (ungarische Nudeln mit kroatischen Erbsen), reden und mich von einem strapaziösen Tag und einer noch schlimmeren Nacht entspannen. Die Gespräche mit Ryan sind sowieso interessant, er hat schon eine Menge erlebt und ist natürlich sehr aufgeschlossen, wie von einem solchen Weltenbummler zu erwarten. Von der nahen Stadt tönt Party-Musik herüber, ein Schiff fährt auf der Donau, auch die Lichter von Novi Sad sieht man schon. Und natürlich die Sterne, die überall die selben sind, ob in Deutschland, Kanada oder Serbien.

In einer Kneipe dudelte gerade „Heaven is a place on earth“. Das ist er sicherlich, wenn man mit der richtigen Einstellung an die Sache heran geht. Dass der Himmel ausgerechnet ein Donaustrand in Serbien ist, war zwar nicht unbedingt zu erwarten, aber jetzt wo es nun einmal so gekommen ist, kann man ja ruhig auch mal dankbar dafür sein.

Im bosnischen Glutofen

Ich schlafe nicht besonders gut. Liegt es am ohrenbetäubenden Zirpen der Grillen, am Plumpsen der Äpfel oder am frühen Ruf der Muezzine zum Morgengebet? Ich weiß es nicht, aber ich erwache mehrmals und früh.
Nach einem kurzen Frühstück mache ich mich auf, meinen Hügel hinab und den benachbarten wieder hinauf. Die Burg von Gradacac ist absolut sehenswert, wie sie da so auf dem Sporn hoch über der Stadt thront. Ich schieße eine Menge Fotos, bevor ich mich wieder an den Abstieg mache.
Gradacac am Morgen erscheint völlig anders als am Sonntagabend. Wo gestern nur ein paar Spaziergänger unterwegs waren, muss man sich nun richtig durchkämpfen. Die Kaffeehäuser sitzen voll, eine Menge alter VW Golf sind unterwegs, es herrscht Trubel und Lärm. Ein geschäftiges Balkan-Nest wie aus dem Bilderbuch. Welch ein Kontrast zur stillen Sternenguckerei gestern abend.
Hier in der Stadt sieht man nicht so viel Armut und Verfall wie auf dem Land, auch wenn natürlich einige Bettler und Pferdefuhrwerke unterwegs sind. Dafür benutze ich kurz darauf die Toilette des „Hipermarket“, eines der gläsernen Einkaufstempel, die auch vor Bosnien-Herzegowina nicht halt machen. Auf der Weiterfahrt nach Brcko ändert sich das Bild aber natürlich. Ich bin nun in einer serbisch besiedelten Gegend unterwegs, in lateinischer Schrift sieht man hier fast nichts. Die Straße wird schlechter und schlechter, die Höfe an ihrem Rand immer ärmlicher und baufälliger. Nur die orthodoxen Kirchen sind überall herausgeputzt, darauf scheint man doch Wert zu legen.
Die bosnischen Berge habe ich nun wieder hinter mir gelassen, Brcko liegt wieder im flachen Sava-Tal. Die Außenbezirke wirken auch hier wieder abschreckend, die Innenstadt dagegen fast nach westlichen Muster, mit Fußgängerzone und Festival. Hier scheint es doch zumindest ein wenig Arbeit zu geben, vielleicht macht es die nahe Grenze, die ich auch bald überquere.
Noch ein letztes Beispiel bosnischer Gastfreundschaft: bisher hatte ich immer in Euro bezahlt, was immer funktioniert hatte. In der Bäckerei in Brcko vergesse ich aber leider, vor dem Einkauf nachzufragen, und ausgerechnet hier in der Grenzstadt will die Verkäuferin meine Cent-Münzen nicht. Ich habe aber leider keine müde Mark, jedenfalls keine konvertible, in der Tasche, mit der ich mein Muffin bezahlen könnte. Als der Mann, der neben mir ansteht, das mitbekommt, kauft er einfach mein Muffin und schenkt es mir. Der Bosnier dem reichen Mitteleuropäer.
Mein Fazit nach dem Abstecher nach Bosnien fällt somit doch recht eindeutig aus: ein faszinierendes Land, eine wilde Mischung verschiedener Kulturen, dazu enorm nette Menschen und atemberaubende Landschaften. Nicht nur sollte es als Reiseland populärer werden, dieses Land braucht auch dringend eine europäische Perspektive. Der reiche Mitteleuropäer sollte hier dringend mal ein wenig Anschub geben, damit dieses Armenhaus eine Chance hat, sich zu entwickeln. Vielleicht wird es dann irgendwann nicht mehr nur mit Krieg und Konflikt assoziiert, vielleicht hat Europas Landkarte irgendwann einen weißen Fleck weniger und Bosnien doch einmal die Möglichkeit, einfach nur ein ganz normales Land zu werden.

Jetzt aber wieder zurück in ein Land, mit dem gerade dies passiert. Auch in Kroatien fahre ich durch sehr arme Käffer, in denen die Straßen nicht geteert, die Hälfte der Häuser verfallen sind und man das Wasser am Brunnen holen muss. Aber hier ist offenbar einiges in Bewegung, es wird viel Kanalisation gelegt und Straßen ausgebaut, und das allzu oft mit EU-Plakette. Geht doch.
In Gunja mache ich wieder eine Stunde Mittagspause, um der schlimmsten Hitze zu entgehen, dann geht es immer Richtung Norden, Richtung Donau, mal über gute Nebenstraßen, mal über holprige Pisten. Ich unterquere die Autobahn Zagreb-Belgrad, wundere mich über die riesigen Mücken am Tümpel, fahre aus Mangel an Alternativen eine verbotene (aber enorm gute) Straße und gelange schließlich völlig durchgeschwitzt nach Otok.
Auf der Karte hatte es nach einer Art Stadt ausgesehen, aber von nahem betrachtet handelt es sich doch nur um ein besseres Nest. Eine Pizza, wie ich es mir erhofft hatte, bekomme ich hier natürlich nicht. Dafür kaufe ich mir im Lebensmittelladen zwei große Käsebrezeln, die ich mit einem Radler runterspüle. Dank der Hitze und der langen Tagesetappe merke ich dessen 2% Alkohol sofort. Irre.
So weit möchte ich aber heute sowieso nicht mehr fahren, zurück zur Donau schaffe ich es bestimmt nicht mehr. Ich durchquere noch ein paar Bauerndörfer, verpasse meine Abzweigung, werfe im letzten Moment noch GPS an, bevor ich versehentlich illegal die serbische Grenze übertreten kann, und irgendwann lasse ich mich erschöpft an einem Feldweg vom Rad fallen und beschließe, dass ich jetzt hier mein Nachtlager aufschlage und mich nicht mehr als irgendwie nötig bewege. Es sind Wolken aufgezogen, aber heiß ist es noch immer. Sehr heiß. Ich überschlage, dass ich heute über acht Liter Wasser zu mir genommen haben muss, kein Wunder, ich schwitze ja immer noch.
Mein Abendbrot fällt auch karger aus als erhofft, das Maisbrot, auf das ich mich schon gefreut hatte, entpuppt sich als nicht fertig gebacken. Die äußeren Zentimeter sind lecker, doch innen ist nur pappiger roher Hefeteig, der natürlich längst übergegangen ist.
Ist mir alles egal, ich bin ohnehin fast zu müde zum Essen. Auch den Blog-Eintrag verschiebe ich auf morgen und schlafe sofort ein.

Unter bosnischen Sternen

Als ich heute morgen aufwache, steht mein Entschluss schon fest: die nächste Nacht möchte ich unter bosnischen Sternen verbringen. Dieses faszinierend unbekannte Land ist schließlich gar nicht mehr so weit entfernt, und sich etwas abseits der ausgetretenen Wege zu halten, war immer schon gut. Auch Zoran pflichtet mir bei, es sei ein sehr schönes und interessantes Land, nur sehr arm; ich solle gut auf mein Fahrrad aufpassen, gibt er mir mit.

Der Abschied von Vuka und Zoran dauert lange, wir reden und reden vor der Haustür, aber irgendwann muss ich mich doch loseisen, wenn ich die nicht ganz so heiße Morgenluft noch nutzen möchte. Es geht also heraus aus Vukovar, über Felder und Hügel zunächst nach Vinkovci, wo ich in einer Bäckerei ein spätes Frühstück zu mir nehme und dann die Hans-Dietrich-Genscher-Straße („ulica Hansa Dietricha Genschera“) nach Süden einschlage. Der Weg ist zunächst völlig unspektakulär, in der Grenzstadt Županja komme ich um kurz nach eins an. Hier falle ich erst mal wie erschlagen vom Rad, es sind mittlerweile vierzig Grad. Unter dem Unterstand einer Verkehrsschule am Stadtrand verbringe ich die heißesten Mittagsstunden dösend bis schlafend, nebenbei verzehre ich größere Mengen Vollkorn-Stangen und Bohnen in Tomatensoße und habe auch endlich mal die Muße, ein wenig zu lesen.

Erst um vier traue ich mich wieder aus der Hütte, meine Wasserflaschen sind auch schon wieder leer. Im Zentrum von Županja trinke ich einen Espresso, um wieder zu mir zu kommen. Und dann mache ich mich auf Richtung Grenzübergang. Passkontrolle, schließlich reise ich gerade aus der EU aus, dann geht es ab über die Sava, nochmal Passkontrolle bei der Einreise, und dann prangt der erste Stempel in meinem jungfräulichen Pass, und ich bin in Bosnien-Herzegowina.

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Es folgt ein Schock! Während des langen Wartens am Grenzübergang hat der Reisende ja Gelegenheit, sich allerlei über das nächste Land auszumalen. Ich hatte durchaus ein mulmiges Gefühl gehabt. Immerhin hatte sich mir ja auch Kroatien schon bitterarm präsentiert, gerade in den ländlichen Gegenden und insbesondere, je weiter man nach Südosten kam.
Und nun Bosnien, die große Unbekannte. Ein Land, über das man in den mitteleuropäischen Medien ja wenig erfährt, das einem aber aber wenn, dann doch eher als eine Art bewaldeter Gazastreifen Europas präsentiert wird. Ein Freilichtmuseum ewiger Feindseligkeiten, ein großer weißer Fleck auf der Europakarte, die vergessene und kaum beachtete Ecke des Kontinents, hic sunt leones.

Aber der Schock: hier sieht es genauso aus wie jenseits der Grenze. Bosnien ist mitnichten ein Kriegsgebiet, kein zweiter Gazastreifen, sondern ein einigermaßen normalen Land. Ist das ein wirkliches Schockerlebnis für mich? Eigentlich gar nicht mal, aber deutlich größere Unterschiede hatte ich dann doch erwartet. Der Grenzort Orašje ist aber tatsächlich hübsch, weicht nicht viel vom Durchschnitt jener Ort ab, die ich bisher schon gesehe habe, die Neubauten sehen sogar etwas wertiger aus als drüben in Kroatien, die Spuren des jüngsten Krieges sind weniger deutlich sichtbar als in Vukovar und anderswo, und Lidl, Deichmann und Co sind sowieso präsent – die großen paneuropäischen Gleichmacher.

Ich fahre zum Hauptplatz von Orašje, der sich von anderen Hauptplätzen, die ich bisher gesehen habe, nur durch die angrenzende Moschee unterscheidet. Dort gönne ich mir ein bosnisches Eis, und kann dabei sogar endlich wieder in Euro bezahlen. Die Währung Bosniens ist zwar eigentlich die Konvertible Mark, die aber 1:1 an die alte D-Mark gebunden war. Nun kann man ohne weiteres einfach in Euro zahlen, der Wechselkurs hat sich nie geändert, ich kenne ihn noch aus meiner Kindheit und muss endlich keine utopischen Beträge auf den Preisschildern mehr umrechnen.

Ich schlecke also mein sehr leckeres Karamell-Eis, jemand gießt den Park, Bud Spencers jüngerer Bruder fährt auf einer roten Vespa vorbei. Ein unspektakulärer Sonntag Mittag, ganz normal alles. Aber dass man diese Normalität immer wieder betonen muss, zeigt ja schon, dass das Land dann eben doch immer noch kein x-beliebiges ist und noch immer an der jüngsten Vergangenheit und den ethnischen Spannungen zu knabbern hat. Auf meiner Weiterfahrt sehe ich wieder Minen-Warnschilder, teils auch ganze Tafeln, auf denen die umliegenden Sperrgebiete eingezeichnet sind – wildes Camping mitten im Wald ist hier sicherlich nicht zu empfehlen, und das nicht wegen der Bären. Der Mensch ist sich hier mal wieder der größte Feind.

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Manche Dörfer, durch die ich komme, haben kyrillische Ortsschilder – dann sind sie von Serben bewohnt. Andere haben Moscheen – dann sind sie von Bosniaken bewohnt. Außerdem gibt es natürlich eine ganze Menge ethnischer Kroaten, besonders hier im Grenzgebiet, und noch allerlei Minderheiten. Die Bevölkerungsverteilung ändert sich alle paar Kilometer, was an Oberflächlichkeiten wie der Beschilderung und den örtlichen Gotteshäusern gut nachzuvollziehen ist. Ich bin zwar nun wie erhofft unter bosnischen Sternen, doch die bosnisch-herzegowinische Sternenflagge sieht man kaum, nachdem in Ungarn und Kroatien noch überall die Nationalfarben zu sehen waren. Mit diesem fragilen und ungeliebten Staat, geschaffen vor hundert Jahren durch Österreich-Ungarn und 1995 im Dayton-Abkommen zementiert, mit diesem Kunstgebilde Bosnien-Herzegowina hat man sich wohl arrangiert, aber damit identifizieren möchte sich anscheinend doch kaum jemand. An einem Fußballplatz ist gerade Sportfest, vier Fahnen wehen da: die kroatische, die der EU sowie die von Bayern München und dem FC Barcelona. Das zeigt doch schon ganz deutich, wohin man sich hier orientiert.

Die Menschen, die ich treffe, sind alle enorm nett und hilfsbereit, geben mir Wasser und erklären mir den Weg, obwohl die Sprachbarriere hier natürlich hoch ist. Mit einer netten Oma kann ich aber deutsch reden, und als ich erzähle, dass ich alleine mit dem Zelt unterwegs bin, möchte sie es mir zunächst kaum glauben. Vermutlich kommt so etwas in diesem Landstrich auch nich allzu häufig vor. Auf den Autos, die teils doch recht halsbrecherisch über die nicht immer so guten Straßen fahren, sieht man allerdings viele deutsche und österreichische Nummernschilder, eher unerwartet. Vielleicht handelt es sich aber auch um emigrierte Bosner auf Heimaturlaub, gerade in Wien war der Einfluss der jugoslawischen Auswanderer deutlich zu sehen gewesen, und die dicken Autos passen auch nicht so recht in das Bild. Denn auch Pferdefuhrwerke sind hier noch unterwegs.

Gegen Abend erreiche ich dann endlich Gradačac, mein heutiges Etappenziel, das schon ganz ordentlich im Mittelgebirge liegt. Die Ebene von Donau, Drau und Save habe ich längst verlassen. Die Stadt ist deutlich größer als erwartet, aber auch deutlich hässlicher. Immer noch ganz okay, aber sicherlich keine Reise wert, denke ich, während ich durch verlassene Industriegebiete fahre. In der Innenstadt erwarten mich dann doch noch eine schicke Burg, eine Handvoll Kirchen und Moscheen, dazu das ganze Tal entlang Läden aller Art und ein Stadtpark mit Tito-Monument.

Um einen Schlafplatz zu finden, muss ich sowieso erst mal wieder in die Berge, was mit dem ganzen Gepäck nach einer 40-Grad-Tagesetappe auch keine leichte Übung ist. Der Stausee, den ich mir als Ziel auserkoren hatte, ist schon ordentlich hochgelegen, aber noch zu belebt. Also bleibt mir nichts anderes üblich, als auf kleinsten Straßen weiter durch die bosnischen Berge zu streifen. Zu viel Besiedlung darf nicht sein, ich möchte heute Nacht ja nicht gestört werden – zu wenig aber bitte auch nicht, die Minengefahr liegt mir weiter schwer auf dem Magen.

Aber irgendwann liege ich schließlich unter Apfelbäumen und sehe die Nacht heraufziehen. Im Kaufland in Vukovar hatte ich mich mit allerlei Lebensmitteln eindecken können, und so gibt es nun die Spaghetti mal nicht mit Tomaten-, sondern mit Broccolisoße.
Ringsum zirpen die Grillen, ab und zu fällt ein Apfel vom Baum. Von den Moscheen auf den umliegenden Bergen rufen nach und nach die Muezzine zum Abendgebet, der Schall trägt meilenweit. Allah ist groß, und das Land ist weit und wild. Welche enorme Vielfalt an Kulturen unser kleiner Kontinent doch hat! Es ist noch immer heiß, auch wenn die Nacht sternenklar ist. Dafür sind es nun tatsächlich die bosnischen Sterne, unter denen ich gerade liege.

Viszontlátásra und Dobro došli

Ich wache früh auf. Vielleicht ist es das Konzert der Grillen und der Hunde rund herum, vielleicht ist es das Reisefieber, vielleicht auch nur die Hitze. Also frühstücke ich in aller Ruhe, döse noch ein bisschen und fahre dann zurück nach Baja, von wo aus es auf dem Damm und auf Nebenstraßen weitergeht. Bis der Weg irgendwann mal wieder aufhört – man kennt es ja schon – und ich wieder einen ziemlichen Umweg fahren muss.

Es ist ziemlich heiß, aber wenigstens gibt es quasi keinen Verkehr. Auf den nächsten zehn Kilometern begegne ich exakt einem Auto, einem Traktor und einem Radfahrer. Bei letzterem handelt es sich um Jason, den blonden Rastamann aus London, der von dort schon einen ganzen Monat unterwegs ist und es noch bis nach Istanbul machen will. Kein schlechter Plan, und da er sowieso ein cooler Kerl ist, schließen wir uns erst mal zusammen. Ohnehin müssen wir erst auf die Fähre nach Mohács warten, wo wir dann in einer Bäckerei versuchen, zumindest unser ungarisches Kleingeld loszuwerden. Klappt ganz gut.

Dann weiter auf der Schnellstraße zur Grenze, der ersten „richtigen“ auf meinem Weg. Bisher waren die Grenzen eher nur Schilder am Feldweg, nun verlasse ich endgültig den Schengen-Raum und muss tatsächlich das erste Mal meinen Pass zeigen.

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Auf Wiedersehen Ungarn, du merkwürdiges Land, bei dem ich mir immer noch nicht so ganz sicher bin, ob ich einen Zugang gefunden habe. Meine Begegnungen waren alle sehr nett, die Landschaft ist schön, die Städte sowieso, und Budapest und Györ besonders. Aber die Mentalität habe ich manchmal nicht so ganz verstanden, von der Sprache mal ganz zu schweigen. Wahrscheinlich werde ich irgendwann mal wieder hier her kommen, es ist ja wirklich ein gutes Reiseland. Aber so ganz wusste ich nicht immer, woran ich hier bin. Das erste Wort im Titel dieses Eintrags ist übrigens das ungarische „auf Wiedersehen“, wer möchte kann ja mal versuchen, es sich zu merken. Selbst die Ungarn kürzen das Ungetüm meistens zu „Viszlát“ ab.

Ganz anders Kroatien. Das Land ist mir auf Anhieb sympathisch, und Jason geht es ebenso. Auch die Sprache geht mir bald recht leicht von der Hand, das Üben gestern im Schlafsack hat sich wohl ausgezahlt. Erst geht es durch kleine Dörfer und Weinberge, dann einen fiesen Hügel hinauf, und von oben hat man einen großartigen Panoramablick über die Donau, die hier schon die Grenze nach Serbien bildet. Wir können also schon mal ins nächste Reiseland hinüber winken.

Dann geht es wieder herab ins Donautal. Von Batina, der Stadt am Fuße des Berges, hatten wir erwartet, dass sie pulsierend und modern sein würde. Wir würden bestimmt einen Geldautomaten finden, um endlich am kroatische Kuna zu kommen, außerdem ein Café und einen WLAN-Hotspot. Aber was ist das? Statt durch ein beschauliches Städtchen radeln wir durch eine Art Geisterstadt. Kein Mensch auf der Straße, die meisten Gebäude verfallen. Ist daran die nahe Grenze zu Serbien schuld, der Krieg oder die Abwanderung aus wirtschaftlichen Gründen? Wir spekulierten, während wir über die leere Hauptstraße fahren. Immerhin ein kleines Geschäft gibt es, und die Verkäuferin kann uns tatsächlich doch ein paar Kunas geben. Dankbar kaufen wir ein, und weil sie nun kaum noch Wechselgeld hat, muss ich noch ein paar Nudeln und einen Pudding mehr nehmen als geplant, damit sie mir herausgeben kann.

Jason hat ein Ritual, das „three-o-clock-beer“, das wir nun zusammen am Ufer der Donau mit Blick auf Serbien trinken. Eine gute Sache, zumal es wieder an die vierzig Grad sind und man ohnehin alle Flüssigkeit, die man zu sich nimmt, gleich wieder ausschwitzt. Weiter geht es über Nebenstraßen, zwischendurch legen wir noch eine kurze Rast in einem Sonnenblumenfeld ein (Jason: „that was probably the best pee in my life“), und irgendwann taucht zwischen Fischteichen und Weinbergen das Örtchen Bilje auf, das wir für unser Nachtlager erkoren haben, weil es von hier nur noch ein paar Kilometer bis in die regionale Hauptstadt Osijek sind. Erst mal tun wir, was man eben so erwartet, wenn ein Brite und ein Deutscher sich begegnen: wir suchen die nächstgelegene Kneipe auf, testen das kroatische Bier und unterhalten uns über das Reisen an sich und unsere weiteren Reisepläne, über englisches Bier und deutsche Bundesländer, bevor wir anfangen, die politische Situation unserer Heimatländer sowie aller Staaten, die wir passiert haben und noch passieren werden, zu diskutieren. Politikstudenten unter sich, mal wieder.

Doch irgendwann ist es dunkel genug, dass wir uns in den angrenzenden Park zurückziehen können, wo hinter einem verfallenden Herrenhaus unser Schlafplatz sein soll. Obwohl wir recht abgekämpft sind von Strecke und Hitze, zwingen wir uns noch, zu kochen, und dann liegen wir einfach nur rücklings im Gras, reden weniger und weniger und lassen nur noch die Sternschnuppen am uns vorbei ziehen.