Ein Häusermeer

Schließlich unternehmen wir eine Bootstour auf dem Tonle-Sap-See – für mich ist das zunächst nicht unbedingt ein Muss. Aber weil wir noch einiges an Zeit haben und allmählich genug von immer neuen Tempeln im Urwald (ja, auch auch in der geilsten Sehenswürdigkeit der Welt setzt irgendwann der Überdruss ein), fahren wir mit dem Tuk-Tuk die paar Kilometer zum Tonle Sap, dem größten See des Landes.

Mich zu überzeugen war dann doch gar nicht so schwer. Dem erwachsenen Moritz muss man nur erklären, dass der Tonle Sap wie ein gigantisches Regenrückhaltebecken funktioniert. Während des Monsuns wird er vom gleichnamigen Fluss auf die doppelte Größe gefüllt, der Wasserstand steigt um zig Meter. Während der Trockenzeit kehrt sich die Fließrichtung des Flusses um (!) und die braune Brühe fließt langsam wieder ab in den Mekong. Faszinierend.

Ach ja, und dem Kind Moritz muss man bloß sagen, dass es hier Krokodile gibt.

IMGP4937

Bald haben wir die Stadt Siem Reap hinter uns gelassen, und die Häuser stehen bald nicht mehr nur einfach am Straßenrand, sondern auf Pfählen entlang des Damms. Dieses Gebiet, auf dem gerade noch Lotus angebaut wird, steht zu Hochphasen des Sees völlig unter Wasser, nein nein, es wird einfach ein Teil des Sees.

Wir steigen um auf ein etwas wackliges Boot, das erschreckend wenig aus dem Wasser ragt. Dann geht es erst durch kleinere Ausläufer, die sich um die Sandbänke schlängeln, es ist ja gerade Trockenzeit. Und schließlich erreichen wir das offene Wasser, in dem Fischer ihre Netze platziert haben. Das gegenüberliegende Ufer ist nicht zu sehen.

Wir fahren ein wenig über den See, diese schmutzige Brühe, das Boot hüpft lustig auf und ab, und ich halte eifrig nach Krokodilen Ausschau. Und schließlich halten wir auf eine Stadt zu. Auf eine Stadt?

Ja richtig, die Fischer wohnen nicht alle in den Pfahlbauten am Ufer, viele wohnen auch ganz traditionell auf Hausbooten. Je nach Wasserstand und Fischarten der Saison ziehen sie in einen anderen Teil des Sees, deshalb müssen sie mobil bleiben. Die Hausboote sind teilweise aneinander festgemacht oder in der Nähe verankert, sodass sich hier eine riesige Stadt auf dem See erstreckt. Zwischen den Hausbooten bewegt man sich eben mit kleineren Bötchen fort. Hier schwimmt noch ein Floß, auf dem in Kisten Gemüse gezüchtet wird, hier ist eines, das an vorbeikommende Bötchen Coladosen verkauft. Eine richtige, funktionierende Stadt, nur dass sie eben mobil ist, je nach Jahreszeit die Lage verändert, und von Stürmen gelegentlich durchgeschaukelt wird.

Schließlich kommen wir an einem größeren Boot an, das eine Art Touri-Restaurant ist. Aber mir ist nicht nach Essen zumute, ich klettere sofort auf das erhöhte Dach und genieße einen der unglaublichsten Ausblicke meines Lebens: hunderte, vielleicht sogar tausend Hausboote auf einem Haufen, die hier die bizarrste Stadt der Welt ergeben. Ein regelrechtes Häusermeer.

IMGP4942

Werbeanzeigen

25 Millionen und ich

Der Silvesterabend verlief angenehm unspektakulär. Wir schlugen uns in einem fancy Restaurant die Bäuche voll und verbrachten den weiteren Abend vor allem damit, die Silvestershow im koreanischen Fernsehen mitsamt aller Größen des K-Pop zu schauen. Nebenbei spielten wir mit dem Hund und probierten Biere. Um zwölf Uhr sah man im Fernsehen, wie die große Neujahrsglocke genau 33 Mal geschlagen wurde, wie es die Tradition will. Frag mich bitte keiner, woher die Zahl 33 kommt.

So oder so war es ein ruhiges Silvester, und demzufolge konnten wir uns gleich am Morgen des Neujahrstages aufmachen. Wir fuhren nach Seoul, meine Lieben!

IMGP3731-001

Und Seoul ist nicht nur der größte Ballungsraum eines ohnehin schon arg geballten Landes, es ist vermutlich auch die größte Stadt, in der ich jemals war. 25 Millionen Einwohner. Fünfundzwanzig!

Ich wohne immerhin in China, ich bin große Städte gewöhnt und habe schon so einige gesehen. Aber Seoul ist einfach mal so groß wie Peking und Hongkong zusammen, in anderen Worten: es ist unendlich groß. Zwischen der Küste und den Bergen ergießt sich ein Häusermeer von Pazifischer-Ozean-Ausmaßen, das mich schon durch das Zugfenster betrachtet fast erschlägt. Auch der Perspektivwechsel, der Blick von oben vom Fernsehturm hinunter auf die Stadt ändert dieses Bild nicht.

Das heißt aber nicht, dass hier nur Hochhaus an Hochhaus steht – es gibt den Han-Fluss, der sich sanft durch die Stadt schlängelt, es gibt das riesige Palastareal, es gibt große Plätze und einige Parks, es gibt nette kleine Straßen mit Esslokalen und Kunsthandwerk, und es gibt einige erstaunlich schroffe und grüne Berge auf dem Stadtgebiet. Der nächste grüne Fleck ist also von fast jedem Ort der Stadt aus in Sichtweite, auch das unterscheidet Seoul von manchen chinesischen Betonwüsten (und damit meine ich ausdrücklich nicht Peking oder Hongkong und auch nicht das gute alte Chengdu)…

Zugleich gibt es in Seoul auch so viel mehr gelebte Coolness als in chinesischen Städten, z.B. in Gangnam, dem Viertel der Neureichen, das dank eines molligen Rappers in bunten Sakkos nun weltbekannt ist. Auch hier beeindruckt mich die Mischung aus westlichen Einflüssen und ostasiatischer Kultur, die den Koreanern einfach sehr gelungen ist und Seoul definitiv zu einer lebenswerten Stadt macht, die Größe hin oder her.

Wir schlendern durch die kleineren Straßen und schauen uns ausgiebig den alten Kaiserpalast an, dann wieder sehen wir eine endlose Schlange von Menschen, die gerade für irgendein E-Sports-Event anstehen, auf dem Weg in einen mega coolen unterirdischen Buchladen. Wir besichtigen ein historisches Gefängnis, in dem während der japanischen Besatzung und der Zeit der Militärdikatur unvorstellbare Grausamkeiten begangen wurden, dann wieder sehen wir Leute auf der Straße, die zu angesagten K-Pop-Schlagern aus dem Ghettoblaster tanzen. Seoul wirft einen immer wieder zwischen Osten und Westen, zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her, zwischen althergebrachten Traditionen und den modernen Bussen, die alle bargeldlos bezahlt werden.

Könnte ich mir vorstellen, in Seoul zu leben? Durchaus. Ich würde vermutlich ein paar Kilo zunehmen und regelmäßig im hippen Keller-Café sitzen, wo der Kellner jedes Mal, wenn er etwas an den Tisch bringt, allen Gästen ein High-Five gibt. Klingt doch ganz gut…