Im bosnischen Glutofen

Ich schlafe nicht besonders gut. Liegt es am ohrenbetäubenden Zirpen der Grillen, am Plumpsen der Äpfel oder am frühen Ruf der Muezzine zum Morgengebet? Ich weiß es nicht, aber ich erwache mehrmals und früh.
Nach einem kurzen Frühstück mache ich mich auf, meinen Hügel hinab und den benachbarten wieder hinauf. Die Burg von Gradacac ist absolut sehenswert, wie sie da so auf dem Sporn hoch über der Stadt thront. Ich schieße eine Menge Fotos, bevor ich mich wieder an den Abstieg mache.
Gradacac am Morgen erscheint völlig anders als am Sonntagabend. Wo gestern nur ein paar Spaziergänger unterwegs waren, muss man sich nun richtig durchkämpfen. Die Kaffeehäuser sitzen voll, eine Menge alter VW Golf sind unterwegs, es herrscht Trubel und Lärm. Ein geschäftiges Balkan-Nest wie aus dem Bilderbuch. Welch ein Kontrast zur stillen Sternenguckerei gestern abend.
Hier in der Stadt sieht man nicht so viel Armut und Verfall wie auf dem Land, auch wenn natürlich einige Bettler und Pferdefuhrwerke unterwegs sind. Dafür benutze ich kurz darauf die Toilette des „Hipermarket“, eines der gläsernen Einkaufstempel, die auch vor Bosnien-Herzegowina nicht halt machen. Auf der Weiterfahrt nach Brcko ändert sich das Bild aber natürlich. Ich bin nun in einer serbisch besiedelten Gegend unterwegs, in lateinischer Schrift sieht man hier fast nichts. Die Straße wird schlechter und schlechter, die Höfe an ihrem Rand immer ärmlicher und baufälliger. Nur die orthodoxen Kirchen sind überall herausgeputzt, darauf scheint man doch Wert zu legen.
Die bosnischen Berge habe ich nun wieder hinter mir gelassen, Brcko liegt wieder im flachen Sava-Tal. Die Außenbezirke wirken auch hier wieder abschreckend, die Innenstadt dagegen fast nach westlichen Muster, mit Fußgängerzone und Festival. Hier scheint es doch zumindest ein wenig Arbeit zu geben, vielleicht macht es die nahe Grenze, die ich auch bald überquere.
Noch ein letztes Beispiel bosnischer Gastfreundschaft: bisher hatte ich immer in Euro bezahlt, was immer funktioniert hatte. In der Bäckerei in Brcko vergesse ich aber leider, vor dem Einkauf nachzufragen, und ausgerechnet hier in der Grenzstadt will die Verkäuferin meine Cent-Münzen nicht. Ich habe aber leider keine müde Mark, jedenfalls keine konvertible, in der Tasche, mit der ich mein Muffin bezahlen könnte. Als der Mann, der neben mir ansteht, das mitbekommt, kauft er einfach mein Muffin und schenkt es mir. Der Bosnier dem reichen Mitteleuropäer.
Mein Fazit nach dem Abstecher nach Bosnien fällt somit doch recht eindeutig aus: ein faszinierendes Land, eine wilde Mischung verschiedener Kulturen, dazu enorm nette Menschen und atemberaubende Landschaften. Nicht nur sollte es als Reiseland populärer werden, dieses Land braucht auch dringend eine europäische Perspektive. Der reiche Mitteleuropäer sollte hier dringend mal ein wenig Anschub geben, damit dieses Armenhaus eine Chance hat, sich zu entwickeln. Vielleicht wird es dann irgendwann nicht mehr nur mit Krieg und Konflikt assoziiert, vielleicht hat Europas Landkarte irgendwann einen weißen Fleck weniger und Bosnien doch einmal die Möglichkeit, einfach nur ein ganz normales Land zu werden.

Jetzt aber wieder zurück in ein Land, mit dem gerade dies passiert. Auch in Kroatien fahre ich durch sehr arme Käffer, in denen die Straßen nicht geteert, die Hälfte der Häuser verfallen sind und man das Wasser am Brunnen holen muss. Aber hier ist offenbar einiges in Bewegung, es wird viel Kanalisation gelegt und Straßen ausgebaut, und das allzu oft mit EU-Plakette. Geht doch.
In Gunja mache ich wieder eine Stunde Mittagspause, um der schlimmsten Hitze zu entgehen, dann geht es immer Richtung Norden, Richtung Donau, mal über gute Nebenstraßen, mal über holprige Pisten. Ich unterquere die Autobahn Zagreb-Belgrad, wundere mich über die riesigen Mücken am Tümpel, fahre aus Mangel an Alternativen eine verbotene (aber enorm gute) Straße und gelange schließlich völlig durchgeschwitzt nach Otok.
Auf der Karte hatte es nach einer Art Stadt ausgesehen, aber von nahem betrachtet handelt es sich doch nur um ein besseres Nest. Eine Pizza, wie ich es mir erhofft hatte, bekomme ich hier natürlich nicht. Dafür kaufe ich mir im Lebensmittelladen zwei große Käsebrezeln, die ich mit einem Radler runterspüle. Dank der Hitze und der langen Tagesetappe merke ich dessen 2% Alkohol sofort. Irre.
So weit möchte ich aber heute sowieso nicht mehr fahren, zurück zur Donau schaffe ich es bestimmt nicht mehr. Ich durchquere noch ein paar Bauerndörfer, verpasse meine Abzweigung, werfe im letzten Moment noch GPS an, bevor ich versehentlich illegal die serbische Grenze übertreten kann, und irgendwann lasse ich mich erschöpft an einem Feldweg vom Rad fallen und beschließe, dass ich jetzt hier mein Nachtlager aufschlage und mich nicht mehr als irgendwie nötig bewege. Es sind Wolken aufgezogen, aber heiß ist es noch immer. Sehr heiß. Ich überschlage, dass ich heute über acht Liter Wasser zu mir genommen haben muss, kein Wunder, ich schwitze ja immer noch.
Mein Abendbrot fällt auch karger aus als erhofft, das Maisbrot, auf das ich mich schon gefreut hatte, entpuppt sich als nicht fertig gebacken. Die äußeren Zentimeter sind lecker, doch innen ist nur pappiger roher Hefeteig, der natürlich längst übergegangen ist.
Ist mir alles egal, ich bin ohnehin fast zu müde zum Essen. Auch den Blog-Eintrag verschiebe ich auf morgen und schlafe sofort ein.

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Unter bosnischen Sternen

Als ich heute morgen aufwache, steht mein Entschluss schon fest: die nächste Nacht möchte ich unter bosnischen Sternen verbringen. Dieses faszinierend unbekannte Land ist schließlich gar nicht mehr so weit entfernt, und sich etwas abseits der ausgetretenen Wege zu halten, war immer schon gut. Auch Zoran pflichtet mir bei, es sei ein sehr schönes und interessantes Land, nur sehr arm; ich solle gut auf mein Fahrrad aufpassen, gibt er mir mit.

Der Abschied von Vuka und Zoran dauert lange, wir reden und reden vor der Haustür, aber irgendwann muss ich mich doch loseisen, wenn ich die nicht ganz so heiße Morgenluft noch nutzen möchte. Es geht also heraus aus Vukovar, über Felder und Hügel zunächst nach Vinkovci, wo ich in einer Bäckerei ein spätes Frühstück zu mir nehme und dann die Hans-Dietrich-Genscher-Straße („ulica Hansa Dietricha Genschera“) nach Süden einschlage. Der Weg ist zunächst völlig unspektakulär, in der Grenzstadt Županja komme ich um kurz nach eins an. Hier falle ich erst mal wie erschlagen vom Rad, es sind mittlerweile vierzig Grad. Unter dem Unterstand einer Verkehrsschule am Stadtrand verbringe ich die heißesten Mittagsstunden dösend bis schlafend, nebenbei verzehre ich größere Mengen Vollkorn-Stangen und Bohnen in Tomatensoße und habe auch endlich mal die Muße, ein wenig zu lesen.

Erst um vier traue ich mich wieder aus der Hütte, meine Wasserflaschen sind auch schon wieder leer. Im Zentrum von Županja trinke ich einen Espresso, um wieder zu mir zu kommen. Und dann mache ich mich auf Richtung Grenzübergang. Passkontrolle, schließlich reise ich gerade aus der EU aus, dann geht es ab über die Sava, nochmal Passkontrolle bei der Einreise, und dann prangt der erste Stempel in meinem jungfräulichen Pass, und ich bin in Bosnien-Herzegowina.

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Es folgt ein Schock! Während des langen Wartens am Grenzübergang hat der Reisende ja Gelegenheit, sich allerlei über das nächste Land auszumalen. Ich hatte durchaus ein mulmiges Gefühl gehabt. Immerhin hatte sich mir ja auch Kroatien schon bitterarm präsentiert, gerade in den ländlichen Gegenden und insbesondere, je weiter man nach Südosten kam.
Und nun Bosnien, die große Unbekannte. Ein Land, über das man in den mitteleuropäischen Medien ja wenig erfährt, das einem aber aber wenn, dann doch eher als eine Art bewaldeter Gazastreifen Europas präsentiert wird. Ein Freilichtmuseum ewiger Feindseligkeiten, ein großer weißer Fleck auf der Europakarte, die vergessene und kaum beachtete Ecke des Kontinents, hic sunt leones.

Aber der Schock: hier sieht es genauso aus wie jenseits der Grenze. Bosnien ist mitnichten ein Kriegsgebiet, kein zweiter Gazastreifen, sondern ein einigermaßen normalen Land. Ist das ein wirkliches Schockerlebnis für mich? Eigentlich gar nicht mal, aber deutlich größere Unterschiede hatte ich dann doch erwartet. Der Grenzort Orašje ist aber tatsächlich hübsch, weicht nicht viel vom Durchschnitt jener Ort ab, die ich bisher schon gesehe habe, die Neubauten sehen sogar etwas wertiger aus als drüben in Kroatien, die Spuren des jüngsten Krieges sind weniger deutlich sichtbar als in Vukovar und anderswo, und Lidl, Deichmann und Co sind sowieso präsent – die großen paneuropäischen Gleichmacher.

Ich fahre zum Hauptplatz von Orašje, der sich von anderen Hauptplätzen, die ich bisher gesehen habe, nur durch die angrenzende Moschee unterscheidet. Dort gönne ich mir ein bosnisches Eis, und kann dabei sogar endlich wieder in Euro bezahlen. Die Währung Bosniens ist zwar eigentlich die Konvertible Mark, die aber 1:1 an die alte D-Mark gebunden war. Nun kann man ohne weiteres einfach in Euro zahlen, der Wechselkurs hat sich nie geändert, ich kenne ihn noch aus meiner Kindheit und muss endlich keine utopischen Beträge auf den Preisschildern mehr umrechnen.

Ich schlecke also mein sehr leckeres Karamell-Eis, jemand gießt den Park, Bud Spencers jüngerer Bruder fährt auf einer roten Vespa vorbei. Ein unspektakulärer Sonntag Mittag, ganz normal alles. Aber dass man diese Normalität immer wieder betonen muss, zeigt ja schon, dass das Land dann eben doch immer noch kein x-beliebiges ist und noch immer an der jüngsten Vergangenheit und den ethnischen Spannungen zu knabbern hat. Auf meiner Weiterfahrt sehe ich wieder Minen-Warnschilder, teils auch ganze Tafeln, auf denen die umliegenden Sperrgebiete eingezeichnet sind – wildes Camping mitten im Wald ist hier sicherlich nicht zu empfehlen, und das nicht wegen der Bären. Der Mensch ist sich hier mal wieder der größte Feind.

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Manche Dörfer, durch die ich komme, haben kyrillische Ortsschilder – dann sind sie von Serben bewohnt. Andere haben Moscheen – dann sind sie von Bosniaken bewohnt. Außerdem gibt es natürlich eine ganze Menge ethnischer Kroaten, besonders hier im Grenzgebiet, und noch allerlei Minderheiten. Die Bevölkerungsverteilung ändert sich alle paar Kilometer, was an Oberflächlichkeiten wie der Beschilderung und den örtlichen Gotteshäusern gut nachzuvollziehen ist. Ich bin zwar nun wie erhofft unter bosnischen Sternen, doch die bosnisch-herzegowinische Sternenflagge sieht man kaum, nachdem in Ungarn und Kroatien noch überall die Nationalfarben zu sehen waren. Mit diesem fragilen und ungeliebten Staat, geschaffen vor hundert Jahren durch Österreich-Ungarn und 1995 im Dayton-Abkommen zementiert, mit diesem Kunstgebilde Bosnien-Herzegowina hat man sich wohl arrangiert, aber damit identifizieren möchte sich anscheinend doch kaum jemand. An einem Fußballplatz ist gerade Sportfest, vier Fahnen wehen da: die kroatische, die der EU sowie die von Bayern München und dem FC Barcelona. Das zeigt doch schon ganz deutich, wohin man sich hier orientiert.

Die Menschen, die ich treffe, sind alle enorm nett und hilfsbereit, geben mir Wasser und erklären mir den Weg, obwohl die Sprachbarriere hier natürlich hoch ist. Mit einer netten Oma kann ich aber deutsch reden, und als ich erzähle, dass ich alleine mit dem Zelt unterwegs bin, möchte sie es mir zunächst kaum glauben. Vermutlich kommt so etwas in diesem Landstrich auch nich allzu häufig vor. Auf den Autos, die teils doch recht halsbrecherisch über die nicht immer so guten Straßen fahren, sieht man allerdings viele deutsche und österreichische Nummernschilder, eher unerwartet. Vielleicht handelt es sich aber auch um emigrierte Bosner auf Heimaturlaub, gerade in Wien war der Einfluss der jugoslawischen Auswanderer deutlich zu sehen gewesen, und die dicken Autos passen auch nicht so recht in das Bild. Denn auch Pferdefuhrwerke sind hier noch unterwegs.

Gegen Abend erreiche ich dann endlich Gradačac, mein heutiges Etappenziel, das schon ganz ordentlich im Mittelgebirge liegt. Die Ebene von Donau, Drau und Save habe ich längst verlassen. Die Stadt ist deutlich größer als erwartet, aber auch deutlich hässlicher. Immer noch ganz okay, aber sicherlich keine Reise wert, denke ich, während ich durch verlassene Industriegebiete fahre. In der Innenstadt erwarten mich dann doch noch eine schicke Burg, eine Handvoll Kirchen und Moscheen, dazu das ganze Tal entlang Läden aller Art und ein Stadtpark mit Tito-Monument.

Um einen Schlafplatz zu finden, muss ich sowieso erst mal wieder in die Berge, was mit dem ganzen Gepäck nach einer 40-Grad-Tagesetappe auch keine leichte Übung ist. Der Stausee, den ich mir als Ziel auserkoren hatte, ist schon ordentlich hochgelegen, aber noch zu belebt. Also bleibt mir nichts anderes üblich, als auf kleinsten Straßen weiter durch die bosnischen Berge zu streifen. Zu viel Besiedlung darf nicht sein, ich möchte heute Nacht ja nicht gestört werden – zu wenig aber bitte auch nicht, die Minengefahr liegt mir weiter schwer auf dem Magen.

Aber irgendwann liege ich schließlich unter Apfelbäumen und sehe die Nacht heraufziehen. Im Kaufland in Vukovar hatte ich mich mit allerlei Lebensmitteln eindecken können, und so gibt es nun die Spaghetti mal nicht mit Tomaten-, sondern mit Broccolisoße.
Ringsum zirpen die Grillen, ab und zu fällt ein Apfel vom Baum. Von den Moscheen auf den umliegenden Bergen rufen nach und nach die Muezzine zum Abendgebet, der Schall trägt meilenweit. Allah ist groß, und das Land ist weit und wild. Welche enorme Vielfalt an Kulturen unser kleiner Kontinent doch hat! Es ist noch immer heiß, auch wenn die Nacht sternenklar ist. Dafür sind es nun tatsächlich die bosnischen Sterne, unter denen ich gerade liege.

Mit Jason und Jason durch Kroatien

Kroatien ist beinahe eine Art Schlaraffenland. Schon beim Frühstück unter enorm blauem Himmel bekommt man fröhliches Gespräch mit den Passanten. Die Straßen sind gut ausgebaut und wenig befahren. Lebensmittel und Getränke sind billig und gut. Die Menschen sind enorm fröhlich, die Julisonne sowieso. Am Wegesrand wachsen reife Pflaumen und Birnen, die einem fast in den Mund fallen. Bauern verkaufen riesige Melonen für zwei Kuna das Kilo. Selbst die lokale Volksmusik in den Pubs hat einen gewissen Charme. Es ist natürlich wieder unmenschlich heiß, aber auch daran gewöhnt man sich. Das einzige, was ich an Ungarn vermisse, sind die öffentlichen Trinkwasserbrunnen in jeder Straße – die wären bei dieser Hitze nötiger denn je. Aber eigentlich präsentiert sich Kroatien heute morgen als Summerwonderland.

Abruptes Erwachen aus dem kroatischen Wunderland: der Wegrand ist plötzlich gesäumt von Schildern, die vor dem Betreten des angrenzenden Waldes warnen. Minen-Gefahr. Wie traurig, dass es so etwas fast zwanzig Jahre nach Ende des Krieges, in einem Land, das mittlerweile zur EU gehört, immer noch gibt.

Erst mal geht es nach Osijek, der Hauptstadt der Gespanschaft, wo Jason und ich die Festung bewundern und dann auf dem klassizistischen Hauptplatz einen äußerst starken Kaffee trinken. In der Bäckerei gibt es noch Käseteilchen dazu, und dann trennen sich unsere Wege wieder. Jason möchte morgen schon in Novi Sad sein, ich habe möglicherweise für heute Abend einen Schlafplatz in Vukovar. Also noch eine herzliche Umarmung vor der Bäckerei, und an der nächsten Kreuzung biegt er links ab und ich rechts.
Merkwürdig, wir waren ja nur für 24 Stunden Reisegefährten, aber es fühlt sich gerade schon fast wieder komisch an, alleine weiterzufahren, so sehr hatte ich mich schon an seine Gesellschaft gewöhnt. Aber er hat einen strammen Plan und will bald in Istanbul sein, ich schaue mir erst noch in aller Ruhe Osijek an, trinke eine kalte Cockta (die allseits bekannte und beliebte Cola aus Slowenien, fast noch besser als ihr tschechoslowakisches Pendant Kofola) und bestaune die wunderschöne Stadt. Aber auch hier wieder zwei Gesichter – die meisten Häuser sind schmuck, ganze Straßenzüge sind herausgeputzt, aber die Nachbarstraße oder auch schon das angrenzende Haus kann am Verfallen oder mit Einschusslöchern versehen sein. Hier ist zwar vieles schon renoviert worden, aber Bedarf herrscht immer noch. Ich schüttle die traurigen Gedanken aus meinem Kopf, konzentriere mich auf das äußerst positive Hier und Jetzt und starte langsam in Richtung Vukovar.

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Es geht über die Landstraße, und weil ich in Osijek so lange getrödelt habe, brät mich nun schon die Mittagssonne. Verdammt, ich habe außerdem vergessen, meine Flaschen in der Stadt zu füllen. Bis zum nächsten Dorf werde ich nun wohl durchhalten müssen, aber da spreche ich gleich den erstbesten Alten an, der vor seinem Haus fegt, ob ich Wasser haben kann. Auf Kroatisch, wohlgemerkt, ich bin ich recht stolz darauf! Hastenichtgesehen stehe ich in der winzigen Küche, und die Dame des Hauses will unbedingt das Füllen der Flasche übernehmen. Ich sei ja bestimmt ganz geschafft vom Fahrradfahren in der Hitze. Damit haben die beiden wohl nicht ganz unrecht, unangenehm ist es mir aber trotzdem. Außerdem hatte man es sich ja sowieso schon denken können, aber hier in der Kate wird erst recht deutlich, dass der Lebensstandard eines Rentners in Slawonien nicht besonders hoch sein kann. Sicher eine der ärmsten Ecken der EU, durch die ich gerade radle.

Während ich in die Pedale trete, singe ich mal wieder aus vollen Kräften, in der Hitze am Berg hat das einen sehr motivierenden Effekt, und in dieser Landschaft hört mich ohnehin keiner. Heute ist Jason Mraz dran, ich träller seine Lieder auf und ab. „I guess what I’ll be saying is: there ain’t no better reason to rid yourselves of vanities and just go with the seasons…“ So sieht’s aus.

In Dalj verlasse ich die Hauptstraße, um nicht versehentlich doch noch nach Serbien zu fahren, und kaufe mir in der örtlichen Bäckerei ein weiteres Käseteilchen, für 2 Kuna, das sind knapp 25 Eurocent. Ich Trottel habe gestern 400 Kuna abgehoben, wie soll ich die denn jemals ausgeben? Unter einem Baum mache ich Mittag, studiere meine Karte, und dann geht es erst um halb vier weiter, auch wenn die Temperatur eigentlich noch kein bisschen besser geworden ist.

Die Straßenschilder sind hier alle schon in zwei Alphabeten geschrieben, lateinisch und kyrillisch, Serbien ist nicht weit. Störche gibt es an jeder Ecke, sonst bewegt sich nicht so viel. Selbst die Katzen dösen auf der offenen Straße. Ein paar Dörfer weiter fällt mir der Fäkalien-Geruch auf, den die Mittagshitze zu einem enormen Odeur ausbaut. Alle Häuser haben kleine Scheißhäuschen im Garten stehen – kann es wirklich sein, dass dieses Dorf von bestimmt zweitausend Einwohnern noch nicht an die Kanalisation angeschlossen ist?

Auch Vukovar empfängt mich eher mit einem Bild des Verfalls. Den zerschossenen Wasserturm hat man nach Kriegsende als Mahnmal stehen lassen, aber auch sonst finden sich noch viele Ruinen, Einschusslöcher, Leerstand. Im Krieg wurde die Stadt 87 Tage lang belagert und dabei natürlich völlig zerstört. Das ist nun 22 Jahre her, aber immer noch präsent. Hier am äußersten Rand des Landes scheint man ohnehin noch immer recht abgehängt zu sein, selbst von Osijek scheint Vukovar Welten entfernt zu sein. Auf der anderen, der Sonnenseite der Donau liegt Serbien, dort sind die Strände voll und belebt, man hört Plantschen und das Geschrei von Kindern. Vukovar auf der Schattenseite des Flusses erweckt eher den Eindruck, trotz weit über dreißig Grad noch im Winterschlaf zu liegen. Das Restaurant-Schiff hier heißt „Club Rich“, macht aber auch den gegenteiligen Eindruck.

Klingt jetzt alles sehr melancholisch, natürlich sitze ich nicht mitten im bürgerkriegsartigen Ruinenfeld, sondern esse meine Pflaumen in einer halbwegs normalen Kleinstadt, die auch durchaus hübsche Ecken hat. Es gibt auch ein paar Touristen, und ich sitze an der Donau und pfeife noch immer Lieder von Jason Mraz. Halb so wild also. Aber die Probleme und die nahe Vergangenheit sind kaum zu übersehen.

Zoran, mein heutiger Host, empfängt mich in einem Biergarten, wo er bis eben noch einem Schach-Turnier beigewohnt hat. Er erklärt mir, dass in der eigentlichen Innenstadt tatsächlich nichts los ist, wie uns nun aber im lebendigeren Viertel befinden, dass ich beim Reinfahren in die Stadt nicht wahrgenommen hatte. Aber tatsächlich sind hier viele Leute unterwegs, im Biergarten baut gerade die Band auf und beginnt, slawonische Volkslieder zu spielen, und erst die Moskitos treiben uns irgendwann nach drinnen. Zoran ist ein leicht verkopfter Informatiklehrer, seine energische Freundin Vuka das perfekte Gegenstück dazu. Irgendwann bin ich dann doch müde und gehe in mein Zimmer (jawohl, ich schlafe in einem eigenen Zimmer, mit echtem Bett und so weiter), vor dem Fenster spielt aber noch immer laut die Musik aus mehreren Quellen. Fröhlicher Balkan-Pop, im besten Sinne. So kann der erste Eindruck täuschen: das Zentrum von Vukovar ist trist, zerbombt, leblos, aber hier draußen in der Plattenbau-Siedlung steppt der Bär.

A propos Bär, morgen könnte ich mich vielleicht wirklich mal etwas von der Donau entfernen und ins Hügelland fahren, wenn ich noch nicht gleich nach Serbien will. Bären soll es da auch ein paar geben, da bin ich ja mal gespannt.

Viszontlátásra und Dobro došli

Ich wache früh auf. Vielleicht ist es das Konzert der Grillen und der Hunde rund herum, vielleicht ist es das Reisefieber, vielleicht auch nur die Hitze. Also frühstücke ich in aller Ruhe, döse noch ein bisschen und fahre dann zurück nach Baja, von wo aus es auf dem Damm und auf Nebenstraßen weitergeht. Bis der Weg irgendwann mal wieder aufhört – man kennt es ja schon – und ich wieder einen ziemlichen Umweg fahren muss.

Es ist ziemlich heiß, aber wenigstens gibt es quasi keinen Verkehr. Auf den nächsten zehn Kilometern begegne ich exakt einem Auto, einem Traktor und einem Radfahrer. Bei letzterem handelt es sich um Jason, den blonden Rastamann aus London, der von dort schon einen ganzen Monat unterwegs ist und es noch bis nach Istanbul machen will. Kein schlechter Plan, und da er sowieso ein cooler Kerl ist, schließen wir uns erst mal zusammen. Ohnehin müssen wir erst auf die Fähre nach Mohács warten, wo wir dann in einer Bäckerei versuchen, zumindest unser ungarisches Kleingeld loszuwerden. Klappt ganz gut.

Dann weiter auf der Schnellstraße zur Grenze, der ersten „richtigen“ auf meinem Weg. Bisher waren die Grenzen eher nur Schilder am Feldweg, nun verlasse ich endgültig den Schengen-Raum und muss tatsächlich das erste Mal meinen Pass zeigen.

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Auf Wiedersehen Ungarn, du merkwürdiges Land, bei dem ich mir immer noch nicht so ganz sicher bin, ob ich einen Zugang gefunden habe. Meine Begegnungen waren alle sehr nett, die Landschaft ist schön, die Städte sowieso, und Budapest und Györ besonders. Aber die Mentalität habe ich manchmal nicht so ganz verstanden, von der Sprache mal ganz zu schweigen. Wahrscheinlich werde ich irgendwann mal wieder hier her kommen, es ist ja wirklich ein gutes Reiseland. Aber so ganz wusste ich nicht immer, woran ich hier bin. Das erste Wort im Titel dieses Eintrags ist übrigens das ungarische „auf Wiedersehen“, wer möchte kann ja mal versuchen, es sich zu merken. Selbst die Ungarn kürzen das Ungetüm meistens zu „Viszlát“ ab.

Ganz anders Kroatien. Das Land ist mir auf Anhieb sympathisch, und Jason geht es ebenso. Auch die Sprache geht mir bald recht leicht von der Hand, das Üben gestern im Schlafsack hat sich wohl ausgezahlt. Erst geht es durch kleine Dörfer und Weinberge, dann einen fiesen Hügel hinauf, und von oben hat man einen großartigen Panoramablick über die Donau, die hier schon die Grenze nach Serbien bildet. Wir können also schon mal ins nächste Reiseland hinüber winken.

Dann geht es wieder herab ins Donautal. Von Batina, der Stadt am Fuße des Berges, hatten wir erwartet, dass sie pulsierend und modern sein würde. Wir würden bestimmt einen Geldautomaten finden, um endlich am kroatische Kuna zu kommen, außerdem ein Café und einen WLAN-Hotspot. Aber was ist das? Statt durch ein beschauliches Städtchen radeln wir durch eine Art Geisterstadt. Kein Mensch auf der Straße, die meisten Gebäude verfallen. Ist daran die nahe Grenze zu Serbien schuld, der Krieg oder die Abwanderung aus wirtschaftlichen Gründen? Wir spekulierten, während wir über die leere Hauptstraße fahren. Immerhin ein kleines Geschäft gibt es, und die Verkäuferin kann uns tatsächlich doch ein paar Kunas geben. Dankbar kaufen wir ein, und weil sie nun kaum noch Wechselgeld hat, muss ich noch ein paar Nudeln und einen Pudding mehr nehmen als geplant, damit sie mir herausgeben kann.

Jason hat ein Ritual, das „three-o-clock-beer“, das wir nun zusammen am Ufer der Donau mit Blick auf Serbien trinken. Eine gute Sache, zumal es wieder an die vierzig Grad sind und man ohnehin alle Flüssigkeit, die man zu sich nimmt, gleich wieder ausschwitzt. Weiter geht es über Nebenstraßen, zwischendurch legen wir noch eine kurze Rast in einem Sonnenblumenfeld ein (Jason: „that was probably the best pee in my life“), und irgendwann taucht zwischen Fischteichen und Weinbergen das Örtchen Bilje auf, das wir für unser Nachtlager erkoren haben, weil es von hier nur noch ein paar Kilometer bis in die regionale Hauptstadt Osijek sind. Erst mal tun wir, was man eben so erwartet, wenn ein Brite und ein Deutscher sich begegnen: wir suchen die nächstgelegene Kneipe auf, testen das kroatische Bier und unterhalten uns über das Reisen an sich und unsere weiteren Reisepläne, über englisches Bier und deutsche Bundesländer, bevor wir anfangen, die politische Situation unserer Heimatländer sowie aller Staaten, die wir passiert haben und noch passieren werden, zu diskutieren. Politikstudenten unter sich, mal wieder.

Doch irgendwann ist es dunkel genug, dass wir uns in den angrenzenden Park zurückziehen können, wo hinter einem verfallenden Herrenhaus unser Schlafplatz sein soll. Obwohl wir recht abgekämpft sind von Strecke und Hitze, zwingen wir uns noch, zu kochen, und dann liegen wir einfach nur rücklings im Gras, reden weniger und weniger und lassen nur noch die Sternschnuppen am uns vorbei ziehen.