Dieser Blick aus dem Fenster

Pünktlich finde ich mich auf dem Bahnhof von Ulaanbaatar ein, der ganz schön weit von der Innenstadt entfernt liegt. Leider bemerke ich das erst, als ich schon eine Zeit lang zwischen Ausfallstraße und Schienen marschiert bin – aber was soll’s, ich bin ja hier, weil ich das Abenteuer suche.

Das Abenteuer hört in diesem Fall auf den Namen „Transmongolische Eisenbahn“. Wessen Fernwehdrüse beim Klang dieses Namens nicht eine Ladung Endorphin ausschüttet, der sollte sich untersuchen lassen.

Ich jedenfalls bin voller Fernweh und voller Endorphin, schon seit ich vor ein paar Tagen von zwei zwielichtigen Herren das Ticket erworben habe. Nun klettere ich endlich an Bord jenes rot-blauen Zuges mit der verheißungsvollen Aufschrift Улаанбаатар – Москва. Ganz recht, Nonstop bis Moskau geht die Reise dieses Zuges.

Innen ist er deutlich moderner, als ich gedachte hatte. Die provodniza (die für den Waggon zuständige Schaffnerin) heißt mich freundlich auf Mongolisch willkommen. Die Abteile sind hoffnungslos überheizt. Dafür sind die Betten gemütlich, die Fenster nach draußen groß, und im Abteil begrüßt mich die Psychologiestudentin Shirley aus Sydney. Sie hat gerade ein paar Wochen Freiwilligenarbeit in der Mongolei absolviert und fährt nun den ganzen Weg bis Moskau mit, um von dort weiter nach Deutschland zu reisen. Kurz darauf stoßen noch Tina und Matt aus Amerika zu uns, die gerade zwei Jahre lang als Englischlehrer in Japan gearbeitet haben und nun entschlossen sind, weitestgehend auf dem Landweg nach Hause zurückzukehren. Wir mutmaßen, dass die Schaffner uns bewusst zusammen in ein Abteil gesteckt haben, wir scheinen jedenfalls die einzigen westlichen Touristen im Zug zu sein. Kurze Konversation, dann geht ein Ruck durch den Zug.

Wir fahren!

Langsam zieht das Bahnhofsgebäude von Ulaanbaatar vorbei, dann Industriebrachen und Jurtenslums – und ehe wir es uns versehen, sind wir schon draußen in der Steppe. Die Landschaft leert sich in enormen Tempo, während der Zug gemütlich dahin zieht. Wo eben noch Zäune und Jurten waren, sind schnell nur noch Wiesen und Hügel, ein paar Schneeflecken und Telegrafenmasten.

Ab und zu sind ein paar Pferde zu sehen, dann und wann eine Jurte. Einen Bahnhof bekommen wir kaum zu Gesicht, dafür ist die Gegend zu dünn besiedelt. Aber wenn, dann steht eine propere Stationsvorsteherin in ihrer schicken Uniform stramm und achtet darauf, dass der Zug korrekt vorbeifährt. Gehalten wird nicht, für wen auch?

Ab und zu flackert ein Gespräch zwischen uns auf, der Form halber halte ich auch ein Buch in den Händen, doch die meiste Zeit schaue ich einfach aus dem Fenster. Die karge Landschaft zieht mich völlig in ihren Bann. Die Leere und Unberührtheit, die beinahe völlige Abwesenheit menschlichen Lebens. Die Schneeflecken und die zugefrorenen Bäche und Flüsse. Die seltenen Ansiedlungen mit ihren Jurten und Hallen, Geländewagen und Pferdekoppeln. Die sanft geschwungenen Hügel und Täler. Wenn der Zug um eine langgestreckte Kurve fährt, versuche ich einen Blick auf die Lokomotive zu erhaschen. Den Rest der Zeit blicke ich stur nach draußen, meine Augen spielen mit den Telegrafenmasten und der Horizontlinie.

Umso mehr bedaure ich es, dass diese Linie langsam verschwimmt und die Dunkelheit über der Steppe hereinbricht. Immer weniger Konturen sind zu sehen, und bald herrscht hinter dem Fenster schwärzeste Nacht. Keine Lichter sind zu sehen. Wir teilen uns unsere mitgebrachten Vorräte, und irgendwann liege ich dann tatsächlich lesend auf meiner Pritsche. Die Hitze im Abteil macht es mir fast unmöglich, zu schlafen. Die Räder rattern auf den Schienen. Ich verfalle in einen Dämmerzustand, den ich auch während der stundenlangen Kontrolle an der russischen Grenze kaum verlasse.

Erst als ich am nächsten Morgen um sieben in der Frühe am Bahnhof von Ulan-Ude in der Kälte stehe, komme ich wieder zu mir. Ich bin um einen Stempel im Pass und um ein Abenteuer reicher. Und mit der Transsibirischen Eisenbahn wartet gleich das nächste!

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Stupa bleifrei

Tag zwei auf unserer Osttibet-Tour. Die Nacht war kalt hier oben, irgendwie um den Gefrierpunkt, und wie alle Zimmer in China ist auch unseres unbeheizt. Ich habe mich dick in die Decken eingekuschelt und möchte das Bett am liebsten überhaupt nicht verlassen. Warum ich trotzdem aufstehe? Weil das Bergpanorama hinter dem Fenster so verlockend ist. Und weil ich weiß, dass noch viel mehr davon auf uns wartet.

Der Nationalpark besteht aus drei Tälern, und für heute haben wir uns das 双桥沟, das Zwei-Brücken-Tal ausgewählt. Es soll das am wenigsten anspruchsvolle sein, vielleicht ist es ja keine schlechte Idee, auf dieser Höhe nicht sofort mit großem sportlichen Ehrgeiz zu beginnen.

In der Tat ist das Tal ideal für den üblichen chinesischen Tourismus aufgerüstet. Mit der Eintrittskarte muss man gleich auch eine Busfahrkarte kaufen. Durch die gesamte Länge des Tals zieht sich eine geteerte Straße, auf der Busse hinauf und hinunter fahren. Eine Führerin erzählt alles wissenswerte. Die meisten Besucher steigen aus, besuchen die Stände der tibetischen Andenken- und Teeverkäuferinnen, machen ein paar Selfies vor dem Bergpanorama und steigen wieder in den Bus ein.

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Nicht so wir. Auch wir bestaunen natürlich die unglaublichen Gipfel der umliegenden Fünftausender, die sich teilweise in Wölkchen hüllen, teilweise in den blauen Sommerhimmel pieksen. Wir kaufen den Verkäuferinnen ein paar Maiskolben ab und machen Selfies vor dem Bergpanorama. Aber dann begeben wir uns auf den Holzweg, der sich durch das ganze Tal zieht.

Ein spektakuläres Panorama folgt dem nächsten. Auf den Wiesen grasen die Yakherden. Wolken malen ihr Farbenspiel auf die Berghänge. Eine Vielzahl von Grüntönen erscheint. Uns unbekannte Pflanzen wachsen hier. Moose hängen von den Zweigen herab. Bäche murmeln durch die Wälder. Aus einem See ragen Baumskelette auf. In einem anderen spiegeln sich die Berge wie auf einer Postkarte. Die Luft ist so klar und so frisch, dass wir kaum glauben können, dass wir immer noch in China sind. Wir folgen dem Bretterweg und kommen aus den „Ohs“ und „Ahs“ nicht mehr heraus.

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Schließlich erreichen wir eine große Stupa, ein buddhistisches Heiligtum. Sie ist auf einer Anhöhe gebaut, die sich im Vergleich mit den umliegenden Gipfeln lächerlich vorkommen muss. Bunte Gebetsfahnen sind von ihrer Spitze gespannte und flattern im frischen Wind.

Hier hält auch wieder der Bus, aber die wenigen anderen Besucher stören uns nicht. Stattdessen kaufen wir an einem der Grillstände Spieße mit Kartoffeln, Pilzen und Yakfleisch, bestreut mit einem wahnsinnig intensiven Gewürz. Wir rasten, trinken Tee, sehen uns die Opfergaben vor der Stupa an und betrachten die Gebetsfahnen, die dem Wind die aufgedruckten Gebete in den Himmel mitgeben sollen.

Hier sind wir in einer anderen Welt, einer ganz anderen Seite Chinas, von der wir nur ahnten, dass sie existiert. Wir atmen durch. Diese Reise machen zu können, ist schon ein Luxus. Die Landschaft ist unfassbar schön. Aber der größte Luxus sind die unberührte Natur und die saubere Luft – Stupa bleifrei sozusagen.

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漓江 – Der Li-Fluss

Wikipedia hat ja bekanntlich zu allem was zu sagen, und über den Li Jiang heißt es dort:

„Er fließt durch die Karst-Landschaft bei Guilin, die in China der Inbegriff einer schönen Landschaft ist.“

Auch Guilin und Yangshuo liegen am Li-Fluss, aber besonders schön soll der Abschnitt zwischen Xingping und Yangdi sein. Deshalb machten wir uns letzten Samstag auf in diese Gegend, und das beinahe wie früher als Schulausflug. Das alleine ist schon mal nicht unwitzig, muss man sagen.

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Und wie so oft, hat Wikipedia ja auch recht. Wir wandern tatsächlich zwanzig Kilometer durch den Inbegriff einer schönen Landschaft. Der Fluss fließt grünlich und träge vor sich hin, ringsum türmen sich die Karstberge zu bizarren Formationen, und vom Himmel knallt die tropische Sonne. Nachvollziehbar, dass dieser Anblick auch auf der 20-Yuan-Banknote abgebildet ist, die hier natürlich von allen Besuchern vor die Objektive ihrer Kameras gehalten wird. Von Xingping aus geht es flussaufwärts hinein in die scenic area. Touristenschiffe und Bambusflöße schippern den breiten Li-Fluss entlang. An den Ufern wachsen Bananen, Orangen, Bambus, dazwischen Bauernhöfe. Ständig wollen einem ältere Frauen Früchte andrehen, oder sie folgen unserer Gruppe und spielen völlig ungewollt den Wegweiser, in der Hoffnung auf ein Trinkgeld.

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Immer wieder verengt sich das Tal, dann wird der Weg schmaler und führt eher als Pfad durch den Wald. Oder es weitet sich, dann kann man zum Fluss hinab steigen und die Berge von ganz unten bestaunen. Drei Mal müssen wir mit der Fähre übersetzen. Einmal besteigt aber nicht die ganze Gruppe das Boot – das Wasser hatte so einladend gewirkt, dass wir kurzerhand vom Anleger hinein springen und auf die andere Seite kraulen. Bei dreißig Grad eine erfrischende Sache, und auch wenn wir uns drüben ganz ordentlich im Seegras verfangen, macht es doch riesigen Spaß, schließlich plantschen wir hier im Inbegriff einer schönen Landschaft.

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In Yangdi angekommen, fahren wir mit dem Bus zurück, gehen noch zusammen essen und lassen einen wunderbaren Tag dann in Monkey Jane’s Roof Top Bar bei einem Drink mit Blick auf die angeleuchteten Berge von Yangshuo ausklingen.

Meine Hausaufgabe für Montag ist, mein Wochenende auf Chinesisch zu beschreiben. Kann ja nicht so schwer sein, nach diesem Ausflug…

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