Nach Phnom Penh und weiter

Dei Busfahrt nach Phnom Penh zieht sich, trotz des „luxury bus“. Es geht über endlose Landstraßen, durch tausende Schlaglöcher, vorbei an tausenden Hütten. Überall liegt sehr viel roter Staub auf den Landstraßen, der von den Bussen und LKWs aufgewirbelt wird – teilweise sieht man keine fünf Meter.

Um für etwas Kurzweil unter den Fahrgästen zu sorgen, werden auf dem kleinen Bildschirm über dem Fahrer kambodschanische Karaoke-Videos gespielt. Das bedeutet vor allem: wirre Handlungsstränge, wirres Herumgetanze auf Dorfplätzen, wirre Liebesgeschichten, unlesbare Texteinblendungen, wirre Armbewegungen und eine überraschende Menge Kunstblut. Großer Spaß also.

Nach all dem ländlichen Kambodscha begegnet uns Phnom Penh als eine echte Großstadt mit allem was dazugehört: mit Verkehrschaos, Bettlern, Slums, aber auch mit wunderschönen Tempeln, dem hübschen Ufer entlang der Flüsse Tonle Sap und Mekong, einigen interessanten Zeugnissen der französischen Kolonialgeschichte und viel Hitze und Lärm. Besonders unser Hotel mit Holzschnitzereien an allen Wänden und Ecken und wunderbarem Frühstücksbuffet mit Blick auf die Stadt hat es mir angetan – umso mehr, da es im 14. Stock eine Dachterrasse mit großem Pool gibt! Eigentlich möchte man diesen Ort gar nicht verlassen, gäbe es in Phnom Penh nicht so viel interessantes zu sehen.

Ich möchte nun nicht alle Sehenswürdigkeiten beschreiben, obwohl natürlich der Königspalast wunderschön, der zentrale Markt besonders exotisch, die Killing Fields und die damit verbundene Vergangenheit extrem bewegend und schmerzvoll sind.

Nein, ich möchte nur noch einmal in Gedanken durch die Straßenzüge der Stadt laufen, das Geknatter der Tuk-Tuks in den Ohren, die tropische Hitze spürend, den Geruch der Abgase und der Garküchen in der Nase – so eine lebendige Stadt, so lebendige Erfahrungen, die mich auch auf meinem weiteren Weg in Richtung Thailand und Europa weiter begleiten werden!

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Wildkräuter an der Landstraße

20. und 21. August: Letztlich war ich dann ja auch bis in den Nachmittag hinein in Riga, was auch daran lag, dass ich mich nicht recht entscheiden konnte. Ich wäre gerne in Riga geblieben, andererseits wollte und musste ich auch weiter. Den Strand von Jurmala würde ich mir wohl besser für eine sonnigere Gelegenheit aufheben. Ich entschied mich, in südöstlicher Richtung weiter zu reisen.

Also mit dem Bus an die Ausfallstraße, und den Daumen raus. Bald hält kurz vor mir ein Auto, und eine junge Frau steigt aus. Auch eine Tramperin? Nee, dafür sind die Schuhe zu hoch und der Rock zu kurz. Moment, wartet die jetzt hier auf Kundschaft und macht mir dabei mein Geschäft kaputt? Ach nee, da hält ja einer, und raus gehts aus Riga.

Die Straße führt die größte Zeit an der Daugava entlang, an deren Mündung auch Riga liegt. Hier arbeitet sich der breite Fluss durch ein idyllisches Hügelland, und die Bevölkerungsdichte wird spärlicher. Hier mal ein Bauernhof, da eine Weide, ansonsten erinnert nur die Telegrafenleitung daran, dass dieses Land von Menschen bewohnt ist. Gelegentlich liegt mal ein Dorf auf meiner Strecke, und einmal setze ich mich in die Sonne und esse einen offenbar frisch gebackenen Apfelstrudel mit Streuseln.

Einmal halte ich auch an der „besten Bäckerei Lettlands“, wie mein Fahrer mir versichert. Ich kaufe ein Kümmelbrot, das tatsächlich enorm gut schmeckt. Für Kümmel-Fans aus aller Welt ist Lettland ja sowieso ein Mekka.

Irgendwann wird es abend, und ich schlage mein Zelt gleich am Ufer der Daugava auf, nicht weit von Jekabpils. Ich hatte schon viele Zeltplätze, aber bisher hat keiner so gut gerochen wie dieser. Mein Nachtlager steht zwischen wilder Kamille, Minze und allerlei anderen Kräutern, die ich nicht bestimmen kann. Es riecht enorm, fast als wäre mein Zelt frisch gewaschen, und als auch noch das Kümmelbrot dazukommt, vermischen sich die Aromen zu einem bunten Wirbel, der mich bis in meinen Traum begleitet.

Ich schlafe früh und lange, nach der gestrigen kurzen Nacht. Kurzes Frühstück zwischen den Kräutern, solange mein Zelt noch trocknet, und bald bin ich schon in Daugavpils. Die Hauptstadt der Region Lettgallen war mir als „worst shithole of Latvia“ angekündigt worden, aber danach sieht die Innenstadt gar nicht aus. Eine blitzsaubere Fußgängerzone, ein Theater, eine Universität – Daugavpils (bzw auf deutsch Dünaburg) macht mir einen guten Eindruck. Erst als ich aus der Stadt wieder heraus laufe, um wieder an eine Landstraße zu gelangen, sehe ich auch die armen, die heruntergekommenen sowie die sehr armen und sehr heruntergekommenen Viertel. Kein Wunder, dies ist der ärmste Winkel eines ohnehin nicht reichen Landes. Weißrussland ist gleich um die Ecke, und hier wohnen neben einigen Letten und Polen vor allem Russen, in Lettland Bürger zweiter Klasse. Wobei ich in Lettgallen von zahlreichen Russen mitgenommen worden bin, die alle einen guten Eindruck hinterlassen haben, das muss an dieser Stelle auch gesagt sein!

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Bald bin ich an der litauischen Grenze, und damit beginnt das nächste Kapitel. Zum Abschluss möchte ich nur kurz noch einmal loben, was der Europäische Fonds für regionale Entwicklung leistet (wie auch schon letztes Jahr in Slawonien). Gerade im direkten Vergleich mit den russischen Dörfern, denen diese Strukturhilfe fehlt, bemerkt man, welchen Sprung die baltischen und andere osteuropäische Staaten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gemacht haben. Die großen Städte sind ohnehin auf westlichen Stand, aber hier haben auch die Dörfer Anschluss an Kanalisation, an vernünftige Straßen, und überall sieht man die blauen Schilder mit den Sternen, ohne die hier bald vermutlich kaum jemand mehr leben würde. Lettland und Litauen sind bei weitem keine wohlhabenden Länder, aber wenigstens haben sie eine Chance!