Eine Insel mit zwei Fehlern

Die Anreise auf die Trauminsel verlief erst einmal beschwerlich. Nach fast einem ganzen Tag im kambodschanischen Überlandbus muss ich in der wenig ansprechenden Grenzstadt Aranyaprathet übernachten – immerhin schon auf thailändischer Seite. Aber keine Sorge, ihr kambodschanisches Pendant ist laut Reiseführer und eigener Anschauung durch die Busfenster noch weniger ansprechend. „Ein Ort, in den man nur zur zügigen Weiterfahrt kommt“, das klingt nicht gerade einladend.

Auch die Weiterfahrt am nächsten Tag ist nicht so problemlos wie erhofft, wobei meine Verkehrsmittel beständig kleiner werden. Die erste Etappe lege ich in einem großen, komfortablen, klimatisierten Reisebus zurück. Nach dem Umstieg geht es mit einem Kleinbus, einer Art asiatischer Marschrutka, weiter bis in die Provinzhauptstadt Rayong. Vom dortigen Busbahnhof nehme ich ein „Taxi“, das sich als die überfüllte Ladefläche eines alten Nissan-Pickups entpuppt. Diese „Songthaeo“ genannten Sammeltaxen gehören hier ebenso zum Straßenbild wie die knallbunten Busse mit Phantasiemotiven, im Gegensatz zu letzteren ist die Fahrt auf der Pritsche durch den Staub und Smog aber nicht sonderlich bequem. Schließlich lande ich, deutlich später als erhofft und als von den Fahrern und Fahrplänen versprochen, am Pier von Ban Phe, von wo aus die Fähren auf die Insel Ko Samet starten, mein Reiseziel.

Die Fähren fahren bis Einbruch der Dunkelheit, allerhöchsten bis sieben Uhr abends, das hatte ich vorrecherchiert. Als ich vom Pickup klettere, ist es präzise 19.06 Uhr und bereits dunkel. Mist. Werde ich jetzt etwa an dieser Stelle scheitern, wo doch die Lichter Ko Samets schon draußen auf dem Meer sichtbar sind?

So schnell lasse ich mich natürlich nicht entmutigen und laufe den endlosen Pier entlang nach draußen auf den Ozean. Mist, kein Mensch ist mehr hier. Schon gar keine Fähre. Gedanklich stelle ich mich schon auf eine Nacht auf dem Pier ein. Halt, war das ein Blitz da drüben? Ach verdammt.

Aber zum Glück sieht man von der Spitze des Piers auch, dass es ein Stück weiter noch zwei oder drei andere Piers gibt. Und weil ich ja bekanntlich nicht so schnell aufgebe, laufe ich geschwind dort hin, mein schwerer Rucksack drückt ein bisschen, aber ich hetze trotzdem durch die salzige Luft. Mittlerweile ist es halb acht, und das Fahrkartenhäuschen ist zwar noch besetzt, man will mir aber eine Fährkarte für morgen früh verkaufen. Ob es denn wirklich keine andere Option gibt? Der Verkäufer lächelt, zieht das letzte Ticket aus seinem Block und deutet dann vage in eine Richtung. Als ich den Pier entlang laufe, glaube ich zunächst an einen Scherz – hier gibt es noch einen uralten Kahn, ganz sicher keine der Touristenfähren. Aber der Skipper nimmt mich tatsächlich mit an Bord, und sobald ich unter Deck geklettert bin, legen wir auch schon ab. Außer mir wird mit diesem lecken Pott offenkundig vor allem Nachschub für die Hotels und Restaurants der Insel transportiert: säckeweise Ananas, Kisten voller Reis, die Frühstückseier für den nächsten Morgen und ein paar Frauen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie nicht die Prostituierten für diese Nacht sind.

Der Kahn steuert hinaus auf das schwarze, unruhige Meer (aufgrund der Schwärze habe ich keine Fotos, stellt euch diese Aufnahmen von der Rückfahrt einfach in sehr sehr dunkel vor). Aber während wir durchgeschaukelt werden, tröste ich mich damit, dass so ein altes Schiff wie dieses die Passage bestimmt schon ein paar Mal bewältigt hat. Und ich fühle ein Hochgefühl in mir aufsteigen: die Lichter von Ko Samet werden immer größer, ich hab es tatsächlich geschafft.

Ko Samet am nächsten Morgen. Mein vorreserviertes Hostel war leider überbucht, deshalb habe ich die Nacht in einem kitschigen (und überteuerten) Doppelzimmer in der Nachbarschaft verbracht. Ich erwache um sieben Uhr morgens und fülle die nächsten Stunden mit konzentriertem Nichtstun. Ich lese ein bisschen, höre Musik, lasse vom riesigen Ventilator meinen Schweiß wegwehen und beschließe, nach den vollen Wochen in Pengshan und den vielen Eindrücken und Besichtigungen in Kambodscha nun den ganzen Tag dem Müßiggang zu widmen.

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Der vorherige Abend war übrigens gar nicht so schlecht gelaufen, ich war auf ein paar Bier in mein ursprünglich vorgesehenes Hostel eingekehrt, und dann mit einer großen deutsch-thailändischen Gruppe in einer Strandbar gelandet. Die beste Feierstimmung herrschte dort allerdings nicht. Vor einigen Wochen schon war die Armee auf Ko Samet gelandet mit dem erklärten Ziel, dort mal gründlich aufzuräumen. Deshalb schlossen fast alle Bars zwischen zehn und elf abends, nicht genehmigte Gebäude sind vom Abriss bedroht, und Musik wird auch in keiner der Bars gespielt. Eine etwas gespenstische Situation, die deutlich vor Augen führt, dass das Land seit dem Putsch von 2014 ja wieder eine Militärdiktatur ist. Auch am Grenzübergang und unterwegs waren mir die dazugehörigen Plakate aufgefallen, auch Kasernen und Soldaten sind allgegenwärtig. Angesichts der Bedeutung des Tourismus für die thailändische Wirtschaft glaube ich allerdings, dass die Maßnahmen auf Ko Samet – so sie denn auch anderswo bald stattfinden – dem Land eher einen Bärendienst erweisen.

Zur Zeit aber brummt der Tourismus offensichtlich noch, das stelle ich in den nächsten Tagen bei meinen Streifzügen über die Insel fest. Zwar gibt es in ihrem Inneren noch unberührten Dschungel, und wenn man ein gutes Stück läuft, kann man leere Strände wie aus dem Bilderbuch finden. Aber gerade der Hauptort, in dem sich alle Unterkünfte befinden, ist fürchterlich überlaufen. Die Backpacker wurden in den letzten Jahren durch Hotelresorts mit Privatstränden ersetzt, die Restaurants bieten statt Phat Thai lieber Spaghetti Bolognese an, und in den Resorts und Restaurants findet sich sehr häufig die Kombination aus dickem, älterem Russen/Deutschen/Kanadier mit einer jungen hübschen Thailänderin. Ich erspare es mir, weitere Details zu tippen, ich bin einfach nur bestürzt und angeekelt.

Und so sitze ich hier zwischen Palmen und weißen Sandstränden und fühle mich trotzdem nicht so richtig wohl. Nachdem ich auch nach drei Tagen noch nicht so richtig auf Ko Samet angekommen bin, beschließe ich meinen Aufenthalt hier zu verkürzen und lieber morgen schon in Richtung Bangkok aufzubrechen. Was in meiner Planung nach Trauminsel klang, entpuppte sich leider doch als eine Insel mit gehörigen Schönheitsfehlern, die vielleicht symptomatisch für die aktuelle Situation in diesem Teil Thailands sind.

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Der Ausklang

In Sopot beziehe ich ein Bett in einem netten kleinen Häuschen, laufe gleich zum Strand und bummle durch den Badeort. Ich befinde mich im polnischen Cannes, mit Promenaden, Parks und einer langen Mole, die wie eine Brücke weit ins Meer hinein reicht. Die restlichen beiden Tage verlaufen nicht besonders ereignisreich – durchaus von mir gewollt und begrüßt. Abends spielen wir Jenga im Wohnzimmer, wobei polnischer Wodka zum Einsatz kommen, eine spannende Paarung. Dann geht es in einen Club am Strand und später noch in die Stadt, die Nacht wird lang. Am nächsten Morgen frühstücke ich ungeahnte Mengen, danach findet man mich am Strand. Ich liege aber nur träge in der Sonne, lese ein bisschen und strecke ab und zu mal meine Füße ins Wasser. Um wirklich zu schwimmen, ist es mir nicht warm genug, und man sieht auch sonst niemanden im Wasser. Dann noch einmal ausgiebiges Essen, und ich sitze im Intercity Richtung Poznan.

Der Abend verläuft ebenso ereignislos, ich trinke noch ein Bier mit einem Jungen aus Ostpolen, der auf Wohnungssuche ist, um demnächst hier zu studieren, und dann bin ich recht früh im Bett. Die letzten zwei Dosen Bier heben wir uns für den Tag drauf auf.

Ich besehe ausgiebig die Stadt, mit Universität und kaiserlichem Schloss und Altstadt mit Kopfsteinpflastergassen. Alles sehr schön, aber ich habe allmählich genug schöne Städte mit Altstadt und Kopflsteinpflaster gesehen, sodass ein gewisser Overkill-Effekt einsetzt. Immerhin bin ich durch Zufall genau um zwölf Uhr am Marktplatz, sodass ich das berühmte Glockenspiel am Renaissance-Rathaus sowie ein Manöver einiger Ulanen verfolgen kann, die trompetend über den Platz hinauf zum Königsschloss reiten. Später besuche ich das sehenswerte archäologische Museum, das ehemalige jüdische Viertel, tags darauf noch die Zitadelle, die Dominsel, den stadtnahen Stausee sowie das Jugendstilviertel Jeżyce, und dann langt es mir endgültig. Nicht falsch verstehen, ich genieße die Tage in Posen, sehr sogar. Ich bin interessiert, die Stadt ist mir sympathisch, ich schieße unzählige Fotos. Aber ich bin zugleich froh, dass es meine letzte Station ist. Ich freue mich auf mein Bett, meine eigenen vier Wände und darauf, mal einen ganzen Tag lang nichts Neues zu entdecken. Es ist der Reiz des Gewohnten, der erst durch das Rastlose zutage tritt.

Am letzten Tag in Poznan ereignet sich noch, was mittlerweile fast zu einer Tradition meiner Reisen geworden ist – vermutlich hat das Schicksal hier seine Hände im Spiel. Ich habe mal wieder die Gelegenheit, kostenlos ein Konzert zu besuchen, diesmal ist es der Reggae-Musiker Ras Luta, der im Kulturzentrum des Kaiserschlosses mit seiner Band auftritt, und obwohl Texte und Moderationen auf polnisch sind, habe ich eine Menge Spaß. Und auf dem Heimweg durch die dunklen Straßen wird mir wieder bewusst, wie gerne ich doch in Polen bin, der Abschied fällt mir doch etwas schwer, und wenn ich schon nicht bleiben kann, so beschließe ich doch, wiederzukommen.

Auf der Primorsker Chaussee

13./14. August: Ich stehe an der Chaussee und halte den Daumen raus. Eine Chaussee, bzw. шоссе, ist in Russland jede Landstraße – unter anderem auch jene, die aus Wyborg hinaus in die Küstendörfer führt. Zuvor war ich mit dem Bus über die Grenze gefahren, markiert durch einen militärisch kontrollierten Posten irgendwo mitten im karelischen Wald. Ausgiebiger Blick auf mein Visum, Stempel in den Pass, und ich war in Russland. Wobei Wyborg noch nicht zum echten Russland zählt, es wurde von den Schweden gegründet und war bis 1944 die zweitgrößte Stadt Finnlands, ehe die Sowjets es eroberten. Diese Geschichte sieht man der Stadt auch an, die mit nordisch-mittelalterlicher Burg, finnischen Bürgerhäusern und Klosterruinen sowie dem großen Lenin-Platz mit Denkmal nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch einen Querschnitt durch die europäische Geschichte darstellt. Ich laufe mehr oder weniger ziellos durch die Innenstadt und fotografiere viel. Dabei werde ich hin und wieder etwas nass, das Wetter hat sich fundamental geändert und ist kalt und feucht und vor allem sehr wechselhaft geworden. Nun ja, ich habe schon Schlimmeres ausgehalten als etwas Nieselregen.

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Nachdem ich ausgiebig die Tauben am Lenin-Denkmal und die Enten im Burggraben besichtigt habe, möchte ich irgendwann weiter. Also raus aus der kleinen Innenstadt und an Wohnblocks und heruntergekommenen Industrieanlagen vorbei auf die Primorsker Chaussee. Sagte ich eben wechselhaft? Jetzt brät mich wieder die Sonne, während ich untersuche, ob das Trampen in Russland wirklich so viel verbreiteter ist als in Finnland. Ich mache автостоп, Autostopp. Und tatsächlich flitze ich kurz darauf in einem alten blauen Fiesta die Chaussee entlang. Dann, nach einer Essenspause, mit Sascha und seiner Enkelin im dunkelroten Lada. Sie wollen nächste Woche nach Spanien und Deutschland fahren und fragen mich nach Reisetipps. Schließlich rolle ich zu lauter elektronischer Musik mit Arik aus Armenien in Primorsk ein. Fazit: das Trampen funktioniert gut. Und russische Autofahrer sind Meister darin, in hohem Tempo Schlaglöchern auszuweichen, ein Talent, das durch den Zustand der hiesigen Landstraßen auch optimal gefördert wird.

In Primorsk setze ich mich erst mal ans Meer und lese mein zweites Buch zu Ende (ich muss unbedingt in Petersburg nach englischsprachigen Büchern Ausschau halten). Mitten in einem Park steht ein unheimliches Gebäude, das aussieht, als hätte das Militär eine Raketenabschussbasis als Kirche getarnt. Oder wie das Haus von Gru aus „Ich, einfach unverbesserlich“. Jedenfalls nicht besonders einladend, eher etwas unheimlich, auch wenn es sich offenbar um das städtische Kulturhaus handelt. Der Park ist schön, aber etwas verwahrlost, in den Dünen liegen Scherben – nach einem guten Schlafplatz sieht dies nicht aus. Außerdem ist es windig, und eine Menge Angler laufen herum. Nein, ich werde mir zunehmend sicher, dass ich hier nicht schlafen will. Also laufe ich noch ein Stück die Chaussee entlang. Herrje, ist dieses Dorf lang! Bestimmt drei oder vier Kilometer lege ich zurück, bis ich den Ortsrand erreiche. Und dann dauert es auch noch ein wenig, bis ich einen guten Schlafplatz ausfindig mache. Aber schließlich liege ich unter Kiefern direkt am Strand, beobachte den Sonnenuntergang über der Ostsee und die riesigen Schiffe, die sich dem Hafen nähern, offenbar dem größten Ölhafen Russlands.

In der Nacht werde ich durch Blitz und Donner geweckt. Verdammt, ich hasse Gewitter im Zelt! Aber zum Glück bekomme ich nur etwas Regen ab, der heftige Sturm tobt sich draußen auf dem Meer aus. Einschlafen ist natürlich trotzdem nicht drin, dafür geht es draußen zu sehr zur Sache, und so strecke ich noch etwas den Kopf aus dem Zelteingang und beobachte das Treiben.

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Am nächsten Morgen bin ich zwar nicht gerade ausgeschlafen, wie tags zuvor auch, baue aber trotzdem mein Zelt schon um sechs Uhr in Rekordzeit ab. Der Wind hat nämlich enorm zugenommen, weht mir fast mein Zelt fort, und das nächste Gewitter kündigt sich auch schon durch sein Grollen an. Also stehe ich bald wieder an der Straße, und auch wenn das Gewitter ausbleibt, es nimmt mich keiner mit. Es fährt aber auch kaum jemand zu dieser Uhrzeit die gottverdammte Landstraße entlang. Ich laufe also einige Kilometer, um zur nächsten größeren Abzweigung zu gelangen, und halte dabei immer wieder den Daumen raus, wenn sich ein Auto nähert.

Volltreffer! Sergej ist Ingenieur, war beruflich am Ölhafen und fährt nun wieder nach Petersburg zurück. Die Unterhaltung auf der Fahrt ist spannend, und das, obwohl ich nur ein paar Worte russisch und er nur ein paar Worte deutsch und keinerlei englisch kann. Aber wir radebrechen, er zeigt mir im angrenzenden Wald die Überreste des sowjetisch-finnischen Krieges, ich erzähle von meiner Tour, er bringt mir etwas russisch bei, und vor allem habe ich einen Lift in einem nagelneuen bequemen Toyota über hundert Kilometer bis in meine Zielstadt. Wie gesagt: Volltreffer! Und irgendwann ist aus der holprigen Schlaglochpiste der Primorsker Chaussee schleichend eine krachneue Autobahn geworden, die eher an eine Formel-1-Strecke erinnert; wir fahren am halbfertigen Stadion vorbei, das für die WM 2018 gebaut wird; der Verkehr wird dichter und dichter, Sergej lässt mich an einer Metrostation aussteigen – und ich bin in Sankt Petersburg!

Ein Tag Auszeit

10. August: Heute mal ausschlafen. Aufwachen im Zelt bei Helsinki. Ausgiebiges Nichtstun. Wieder eingeschlafen dabei.

Aufgewacht. Sonne steht schon hoch am Himmel. Ich schnappe mir mein Handtuch und sehe zu, dass ich hinunter zum Meeresarm komme. Mein heutiger Schlafplatz ist zwar idyllisch im Wald gelegen, zwischen runden Felsen und krummen Kiefern, dazu voller weichem Moos, sodass ich nicht einmal eine Isomatte gebraucht hätte – dafür sind es heute mindestens fünf Minuten zum Meer. Naja, muss man durch.

Nach einem belebenden Bad und einem kleinen bisschen Waschen unternehme ich einen Spaziergang nach Rastila, den örtlichen Stadtteil von Helsinki. Ich brauche schließlich Wasser, das ich schließlich am Campingplatz klaue. Da hatte ich abends zuvor schon einmal vorbeigeschaut, sie hatten aber keinen Platz mehr für mich – umso besser, sonst hätte es mich nie dort oben in den Wald verschlagen.

Dort bewege ich mich nun langsam wieder hin, esse zu Mittag und lege mich dann mit einem Buch in die Sonne. Ende des Berichts. Mehr mache ich heute nicht. Ich lese noch die alte Zeitung, die ich noch im Rucksack habe, dann weiter mein Buch, lasse mich von der Sonne bescheinen und als es abends langsam dunkel wird, bin ich sogar noch zu faul zum Kochen.

Bin ich im Urlaub angekommen? Offensichtlich. Hyvää yötä!

大都会 – Die Metropole

Hongkong, die Stadt, die ich die ganze Zeit schon einmal besuchen wollte. Hongkong, die Metropole. Die ehemalige britische Kronkolonie. Das andere, demokratischere, vielleicht sogar westlichere China.

Auf Mandarin nennt man die Stadt Xianggang, „wohlriechender Hafen“, das kantonesische Pendant dazu ist Heungkong – oder eben Hongkong.

Meer gibt es hier tatsächlich, ich bin am Pazifik! Aber wohlriechend ist mein erster Eindruck nun wirklich nicht. Viel mehr aufregend, immerhin sehe ich nun all die Dinge in Wirklichkeit, von denen ich als Zehnjähriger geträumt habe. Dass all dies plötzlich real ist! Die bunten Schilder in der Nathan Road, der alte britische Uhrenturm am Hafen, die Star Ferries auf dem Meeresarm, die Bahn hinauf zum Peak, die beeindruckenden Hochhäuser, der Verkehr, die Menschen, …

Ich bin einmal mehr überwältigt. So eine große, hohe, farbige, widersprüchliche, pulsierende Stadt. So viel Kolonialgeschichte neben so viel Modernität. So viel Britisches mitten in Asien. So viel zu sehen, zu riechen, zu hören. So viel zu besichtigen, zu bestaunen, zu fotografieren. So viele Geschäftsleute, so viele geschäftig tuende Einheimische. So viel Geld, so viele Luxusautos, so viele Prada- und Gucci-Läden. So viel Weihnachtsdekoration bei 25 Grad. So viel, so viel, so viel.

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Erst einmal lade ich mein schweres Gepäck im Hotel ab (dazu vielleicht später mehr), dann wandere ich zum Meer, zum Pier. Ich werfe einen Blick auf den Hafen, der alles andere als wohlriechend daher kommt, dann besteige ich die uralte grüne Star Ferry und lasse mich auf die andere Seite des Meeresarms bringen, nach Hongkong Island.

Hier stehen nicht nur die meisten modernen Wolkenkratzer, sondern auch noch die meisten Zeugnisse der Kolonialvergangenheit. Dauernd schießen mir Gedanken durch den Kopf. „Mit der doppelstöckigen Straßenbahn muss ich unbedingt fahren!“ „Wie das alles wohl vom Berggipfel aus wirkt?“ „Wie lustig, eine anglikanische Kathedrale zwischen all den Bankzentralen!“

Also lasse ich mich treiben, besehe dies und das, nehme kaum den Finger vom Auslöser, und eigne mir so nach und nach die Metropole an.

Dana hatte mich vor der Abfahrt gewarnt: „Watch out, boy! You’re about to see the most amazing city in the world!“ Möglicherweise hatte er recht.

Das westlichste Klo Europas

Der Himmel wird grauer und grauer. Die Wolken haben sich längst zugezogen. Es beginnt, zu tropfen.

Wir wandern eine Landstraße im Westen Irlands entlang, haben das letzte Dorf bereits hinter uns gelassen. Ein paar Häuser und Baracken, Schäferhunde, Telegrafenleitungen. Vor uns nur noch Hügel, Wiesen, das Meer.

Dann erst mal tausend Kilometer Wellen.

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Wir beschleunigen unsere Schritte. Einer der Berge hinter uns wird durch einen Regenvorhang verdeckt. Die Wiesen links und rechts der schmalen Teerstraße sind bereits mit Wasser vollgesogen. Die einzelnen Weiden werden durch niedrige Steinmauern und karge Hecken begrenzt. Es handelt sich um Salzwiesen. Das Meer ist nicht weit.

Der erste Tropfen fällt.

Wir beginnen zu laufen. Es kann nicht mehr lange dauern bis zum Wolkenbruch, und ringsum nichts, das uns Schutz geben könnte. Wir schlagen den Weg zum Meer ein, es bleibt auch keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, schließlich wollen wir nicht aufhören zu laufen.

Unsere Rettung, während um uns herum der Wolkenguss einsetzt: ein kleines weißes Toilettenhäuschen aus Waschbeton, gleich oberhalb des Strands. Wir verkriechen uns zu zweit auf der kleinen Herrentoilette, die Rucksäcke passen auch gerade noch mit hinein. Nicht gerade schön hier, auch nicht besonders sauber. Aber wir machen unsere Witze, während außerhalb des Toilettenhäuschens die Welt untergeht.

Schön, wenn man aus jeder Situation das Beste machen kann.

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Irgendwann endet der Regen, wir verstecken unsere Rucksäcke und springen erst mal eine Runde ins Meer. Natürlich ist es nicht besonders warm, dafür aber umso einladender.

Ob das Toilettenhäuschen wirklich das westlichste Europas ist oder ob es irgendwo in Portugal vielleicht noch eines gibt, das ein paar Meter weiter in den Atlantik hineinragt, kann mir dabei egal sein. Wichtig ist, dass unsere Schlafsäcke noch trocken sind, dass wir den Wolkenbruch gut überstanden haben, wir uns nun unglaublich lebendig fühlen, wie wir so nackt in die Brandung springen.

Und dass wir eine Anekdote ins Geschichtenbuch unseres Lebens hinzufügen können.

Die vom westlichsten Klo Europas.

Unersättlichkeit

Sonnenuntergänge – gibt es etwas abgedroscheneres?

Natürlich veredeln sie jedes Fotoalbum und jeden Reiseprospekt. Sie bringen Wanderer zum Innehalten und Pärchen zum Kuscheln. Sie werden in kitschigen Liedern ebenso behandelt wie in Blogartikeln wie diesem. Eigentlich ist alles dazu gesagt, denkt man.

Und dann steht man wieder am Strand, sieht zu, wie die Sonne sich auf den schmalen Fleck zwischen Wellen und Dünen stürzt – und ist zum hundertsten Mal sprachlos, hält zum hundertsten Mal die Kamera darauf, und kann nicht fassen, wie schön so etwas Abgedroschenes doch sein kann.