25 Millionen und ich

Der Silvesterabend verlief angenehm unspektakulär. Wir schlugen uns in einem fancy Restaurant die Bäuche voll und verbrachten den weiteren Abend vor allem damit, die Silvestershow im koreanischen Fernsehen mitsamt aller Größen des K-Pop zu schauen. Nebenbei spielten wir mit dem Hund und probierten Biere. Um zwölf Uhr sah man im Fernsehen, wie die große Neujahrsglocke genau 33 Mal geschlagen wurde, wie es die Tradition will. Frag mich bitte keiner, woher die Zahl 33 kommt.

So oder so war es ein ruhiges Silvester, und demzufolge konnten wir uns gleich am Morgen des Neujahrstages aufmachen. Wir fuhren nach Seoul, meine Lieben!

IMGP3731-001

Und Seoul ist nicht nur der größte Ballungsraum eines ohnehin schon arg geballten Landes, es ist vermutlich auch die größte Stadt, in der ich jemals war. 25 Millionen Einwohner. Fünfundzwanzig!

Ich wohne immerhin in China, ich bin große Städte gewöhnt und habe schon so einige gesehen. Aber Seoul ist einfach mal so groß wie Peking und Hongkong zusammen, in anderen Worten: es ist unendlich groß. Zwischen der Küste und den Bergen ergießt sich ein Häusermeer von Pazifischer-Ozean-Ausmaßen, das mich schon durch das Zugfenster betrachtet fast erschlägt. Auch der Perspektivwechsel, der Blick von oben vom Fernsehturm hinunter auf die Stadt ändert dieses Bild nicht.

Das heißt aber nicht, dass hier nur Hochhaus an Hochhaus steht – es gibt den Han-Fluss, der sich sanft durch die Stadt schlängelt, es gibt das riesige Palastareal, es gibt große Plätze und einige Parks, es gibt nette kleine Straßen mit Esslokalen und Kunsthandwerk, und es gibt einige erstaunlich schroffe und grüne Berge auf dem Stadtgebiet. Der nächste grüne Fleck ist also von fast jedem Ort der Stadt aus in Sichtweite, auch das unterscheidet Seoul von manchen chinesischen Betonwüsten (und damit meine ich ausdrücklich nicht Peking oder Hongkong und auch nicht das gute alte Chengdu)…

Zugleich gibt es in Seoul auch so viel mehr gelebte Coolness als in chinesischen Städten, z.B. in Gangnam, dem Viertel der Neureichen, das dank eines molligen Rappers in bunten Sakkos nun weltbekannt ist. Auch hier beeindruckt mich die Mischung aus westlichen Einflüssen und ostasiatischer Kultur, die den Koreanern einfach sehr gelungen ist und Seoul definitiv zu einer lebenswerten Stadt macht, die Größe hin oder her.

Wir schlendern durch die kleineren Straßen und schauen uns ausgiebig den alten Kaiserpalast an, dann wieder sehen wir eine endlose Schlange von Menschen, die gerade für irgendein E-Sports-Event anstehen, auf dem Weg in einen mega coolen unterirdischen Buchladen. Wir besichtigen ein historisches Gefängnis, in dem während der japanischen Besatzung und der Zeit der Militärdikatur unvorstellbare Grausamkeiten begangen wurden, dann wieder sehen wir Leute auf der Straße, die zu angesagten K-Pop-Schlagern aus dem Ghettoblaster tanzen. Seoul wirft einen immer wieder zwischen Osten und Westen, zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her, zwischen althergebrachten Traditionen und den modernen Bussen, die alle bargeldlos bezahlt werden.

Könnte ich mir vorstellen, in Seoul zu leben? Durchaus. Ich würde vermutlich ein paar Kilo zunehmen und regelmäßig im hippen Keller-Café sitzen, wo der Kellner jedes Mal, wenn er etwas an den Tisch bringt, allen Gästen ein High-Five gibt. Klingt doch ganz gut…

Werbeanzeigen

大都会 – Die Metropole

Hongkong, die Stadt, die ich die ganze Zeit schon einmal besuchen wollte. Hongkong, die Metropole. Die ehemalige britische Kronkolonie. Das andere, demokratischere, vielleicht sogar westlichere China.

Auf Mandarin nennt man die Stadt Xianggang, „wohlriechender Hafen“, das kantonesische Pendant dazu ist Heungkong – oder eben Hongkong.

Meer gibt es hier tatsächlich, ich bin am Pazifik! Aber wohlriechend ist mein erster Eindruck nun wirklich nicht. Viel mehr aufregend, immerhin sehe ich nun all die Dinge in Wirklichkeit, von denen ich als Zehnjähriger geträumt habe. Dass all dies plötzlich real ist! Die bunten Schilder in der Nathan Road, der alte britische Uhrenturm am Hafen, die Star Ferries auf dem Meeresarm, die Bahn hinauf zum Peak, die beeindruckenden Hochhäuser, der Verkehr, die Menschen, …

Ich bin einmal mehr überwältigt. So eine große, hohe, farbige, widersprüchliche, pulsierende Stadt. So viel Kolonialgeschichte neben so viel Modernität. So viel Britisches mitten in Asien. So viel zu sehen, zu riechen, zu hören. So viel zu besichtigen, zu bestaunen, zu fotografieren. So viele Geschäftsleute, so viele geschäftig tuende Einheimische. So viel Geld, so viele Luxusautos, so viele Prada- und Gucci-Läden. So viel Weihnachtsdekoration bei 25 Grad. So viel, so viel, so viel.

 IMGP5674

IMGP5665

IMGP5663

IMGP5659

IMGP5646

IMGP5621

IMGP5618

IMGP5613

IMGP5571

IMGP5553

IMGP5689

Erst einmal lade ich mein schweres Gepäck im Hotel ab (dazu vielleicht später mehr), dann wandere ich zum Meer, zum Pier. Ich werfe einen Blick auf den Hafen, der alles andere als wohlriechend daher kommt, dann besteige ich die uralte grüne Star Ferry und lasse mich auf die andere Seite des Meeresarms bringen, nach Hongkong Island.

Hier stehen nicht nur die meisten modernen Wolkenkratzer, sondern auch noch die meisten Zeugnisse der Kolonialvergangenheit. Dauernd schießen mir Gedanken durch den Kopf. „Mit der doppelstöckigen Straßenbahn muss ich unbedingt fahren!“ „Wie das alles wohl vom Berggipfel aus wirkt?“ „Wie lustig, eine anglikanische Kathedrale zwischen all den Bankzentralen!“

Also lasse ich mich treiben, besehe dies und das, nehme kaum den Finger vom Auslöser, und eigne mir so nach und nach die Metropole an.

Dana hatte mich vor der Abfahrt gewarnt: „Watch out, boy! You’re about to see the most amazing city in the world!“ Möglicherweise hatte er recht.

四川 – Sichuan

Das vergangene Wochenende habe ich mit meinen Kommilitonen Andy und Yann in der Provinz Sichuan im Südwesten Chinas verbracht. Was wir alles erlebt haben, kann ich nicht in einem einzigen Eintrag hier schildern, aber ich kann hier doch zumindest mal einen Anfang machen.

China ist ein großes Land, und die Verkehrsinfrastruktur wird zwar in wahnsinnigem Tempo ausgebaut, so richtig gut ist sie aber noch nicht überall. Deshalb sind Inlandsflüge ein ganz normales Transportmittel, und noch dazu sehr günstig. Wir buchten also spontan einen Trip nach Chengdu, die Hauptstadt Sichuans, meinen älteren Lesern oder den Brecht-Fans vielleicht auch noch unter der alten Transkription Sezuan bekannt.

IMGP4638

IMGP4669

Chengdu ist zunächst mal eine riesige Stadt, Wikipedia spricht von 14 Millionen Einwohnern, und reich dazu, sodass die Autobahn vom riesigen Flughafen in die Innenstadt bei Nacht fast wie die chinesische Ausgabe von Las Vegas wirkt. Zugleich finden sich aber im Zentrum, irgendwo zwischen den Hochhäusern, auch noch Flecken, an denen sich das alte China behaupten konnte, mit Märkten und Tempeln. Die eine sind brechend voll mit Waren, von Gewürzen über allerlei Obst und Gemüse bis hin zu Fleischwaren und lebenden Tieren (Fische, Frösche, Schlangen, wer weiß was noch).

IMGP4654

IMGP4648

IMGP4651

IMGP4650

IMGP4658

IMGP4659

Die anderen sind hingegen ruhige Oasen in einer lauten und schnellen Stadt. Hier stehen Pagoden mit den Statuen daoistischer Meister, hier werden Räucherstäbchen verbrannt und Gebete gesprochen. In den Wasserbecken sammeln sich die Geldspenden. Schnitzereien, Statuen, Symbole überall. Ein reiches kulturelles Erbe, dem auch sechzig Jahre Volksrepublik wenig anhaben konnten, und wo noch immer die aufgetakelten Töchter der Reichen sich vor jahrhundertealten Altären verneigen, Handtäschchen und iPhone in der Hand, bevor es wieder hinaus in die Business-Metropole geht.

IMGP4702

IMGP4766

IMGP4756

IMGP4728

IMGP4715

Im Herbst färben sich die Gingko-Bäume rund um die Tempel gelb, und die Blätter rieseln langsam zu Boden. Öllichter und Räucherstäbchen brennen. Ein Bachlauf, ein Bonsai-Garten, ein Grabmal. Hier gibt es allerhand zu bestaunen – und dann tritt man durch das Tor, wie durch ein Zeitportal, wieder ins moderne China, in das hektische Chengdu der Gegenwart.

IMGP4786

IMGP4707

来 – Ankommen

Der Flug war unspektakulär, was ja eigentlich eine positive Nachricht ist. Die Sitze waren erwartungsgemäß nach einigen Stunden nicht mehr zu ertragen, das Essen im Flugzeug natürlich in zu kleinen Portionen für meinen Appetit (aber durchaus lecker), und ich habe viel gelesen, denn meine Sitznachbarn waren erst ein Russe und dann ein Weißrusse – mit keinem konnte ich ein Wort wechseln. Der Moskauer Flughafen ist irrsinnig groß (der von Guangzhou aber auch), außerdem gab es im russischen Flieger lecker Kascha zum Frühstück, und alles andere hab ich versucht, zu verpennen.

Dann werde ich wach, sehe unter mir das karge rote Bergland von Qinghai und weiß: ich bin über China. In meinem Bauch kribbelt es, und das ist nicht nur der Hunger (gibt ja gleich Kascha). Als wir langsam über der Provinz Guangdong ankommen, verändert sich die Landschaft unter mir radikal: die Berge sind nun plötzlich von Autobahnen zerfurcht, in allen Tälern haben sich die Städte ausgedehnt, und in Richtung des Perlflussdeltas wird das Land dann auch irgendwann flacher.

Guangzhou erschlägt mich gleich mehrere Mal. Der irrsinnig riesige Flughafen ist da noch das Geringste. Auch die Passkontrolle geht sehr schnell vonstatten, mein Rucksack fährt auch gleich vorbei, und zack! stehe ich draußen in der subtropischen Hitze. Zig „hilfreiche“ Menschen kommen gleich auf mich zugestürmt („Taxi!“, „Taxi!“), daran gewöhne ich mich aber schnell. Erst mal ein ruhiges Fleckchen suchen, meine beiden Rucksäcke zusammenwerfen, und dann mache ich mich im Einkaufspalast des Flughafens auf die Suche nach einem Geldautomaten. Der wirft dann aber nur 100-Yuan-Scheine aus, weshalb ich noch ein Eis essen muss, um mit dem Wechselgeld meine U-Bahn-Karte bezahlen zu können. Die Fahrt mit der U-Bahn in die Stadt geht recht flott, dafür dass der Flughafen 28 Kilometer außerhalb liegt, einmal umsteigen, alles auch schön in Englisch ausgeschildert, also null Problem. Guangzhou (dem einen oder anderen vielleicht noch als Kanton bekannt) ist eine wichtige Messestadt und daher auf internationales Publikum eingerichtet. Was nicht heißt, dass hier in der U-Bahn noch westliche Gesichter zu sehen wären.

Ich klettere die Stufen zum Bahnhofsplatz hinauf und bin schon wieder erschlagen. Nicht mehr nur von der Hitze, sondern von allem von dem Gedränge. Alles ist bunt, laut und blinkt, und ich stehe mittendrin mit meinem viel zu schweren Rucksack und weiß nicht, wohin ich schauen soll.

Eigentlich muss ich mein reserviertes Zugticket abholen gehen, aber dann sehe ich die Schlagen am Einlass für den Bahnhof. Ist hier gerade Rush-Hour oder sieht das immer so aus? Guangzhou hat wohl so 12 Millionen Einwohner, das Ballungsgebiet an die 30 Millionen, und wie es aussieht, wollen die gerade alle in den Bahnhof. Mir es es jedenfalls gerade erst mal zu viel, ich laufe weg vom Bahnhof, durch das Gedränge der mobilen Garküchen und der Schreihälse („Taxi!“, „To Airport?“) und will in den nächsten Park, um erst mal anzukommen.

Was hält mich auf? Der Verkehr! Die Straße, die ich überqueren muss, ist siebenspurig und hat noch ein zweites Stockwerk obendrauf. Ich laufe erst mal ein Stück daran entlang, bis ich endlich an der nächsten großen Kreuzung (dreistöckig) so eine Art Fußgängerampel entdecke. Der Verkehr ist aber ein einziges Chaos. Busse, Autos, Taxis, und dazwischen unzählige Motorbikes. Vor allem letztere fahren gerne mal kreuz und quer, ignorieren rote Ampel oder Spuren, fahren gerne auch mal gegen den Verkehr, wenn’s schneller geht – den Verkehrspolizisten scheint’s egal zu sein – und so dauert es einige Zeit, bis ich über die Straße geschafft habe.

Ich bin endgültig erschlagen. Ich wusste ja, dass in dieser Megastadt erst mal eine Flut von Eindrücken auf mich zu stürzen würde – Schilder, Gerüche, Menschenmassen, Lärm, Verkehr, Plakate, Geschrei, Hochhäuser, all das – aber auf so viel davon auf einmal war ich dann doch nicht vorbereitet. Wie denn auch, die letzte Stadt, in der ich gewesen bin, war Mainz (und so gern ich Mainz mag, mit Guangzhou ist es nicht vergleichbar). Also schnell in den Park, um dem ganzen kurz zu entkommen, und vielleicht erst mal anzukommen…