灯海 – Ein Meer aus Licht

Ich wandere durch die Hochhausschluchten auf Hongkong Island. Eine, zwei, drei Stunden. Ich sehe alte Straßenbahnen, Gaslampen, Denkmäler, Kolonialbauten, Kirchen. Ich sehe aber auch Verkehrsstaus, Neonwerbung, Promotion, Baustellen und endlos Glas und Beton. Welche andere Stadt vereint in diesem Maße glorreiche Vergangenheit mit immer schnellerer Zukunft?

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Dann beginnt es zu dämmern, und ich erinnere mich, dass ich das Gewusel ja von oben betrachten wollte. Die historische Peak Tram wäre natürlich angemessen, aber die Warteschlange zieht sich um zwei Blocks. Unter keinen Umständen würde ich die Spitze noch bei Tageslicht erreichen.

Doch es gibt zum Glück eine weitere Möglichkeit, den Hausberg zu erklimmen, den die Engländer nach ihrer Monarchin Victoria Peak nannten: ich laufe ein paar Straßen weiter zum Hillside Escalator. Die längste Rolltreppe der Welt führt in mehreren Abschnitten von den Geschäftsvierteln auf Meereshöhe bis hinauf in die teureren Wohngegenden. Wann ist man schon mal 20 Minuten Rolltreppe gefahren, einen halben Berg hinauf?

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Als ich den Hillside Escalator verlasse, bin ich schon auf der Höhe einiger niedrigerer Hochhäuser angelangt. Von hier an geht es zu Fuß weiter – welch ein Glück, dass ich so ein trainierter Berg-auf-Läufer bin. So kämpfe ich mich den steilen Pfad bergauf, an den besseren Wohnblocks vorbei, während es langsam dunkler wird. Schon bin ich auf Höhe der Bank of China angelangt, wie mir ein schneller Blick über meine Schulter beweist. Der Mond geht auf. Ich keuche, ich schwitze, aber hey, nur noch ein paar Höhenmeter!

Schließlich stehe ich auf einer Aussichtsplattform, in schwindelnder Höhe über der Stadt. Die Tatsache, dass ich mir den Ausblick selbst erarbeitet habe, statt mit dem Bähnchen nach oben zu fahren, macht ihn noch einmal doppelt so wertvoll.

Und er hat es in sich, der Ausblick.

Schiffe kreuzen auf dem Meeresarm. Die Hitze des Tages und der schluchtenartigen Straßenzüge ist einer angenehmen Kälte gewichen. Wolkenkratzer leuchten, werden mit Weihnachtsbotschaften bestrahlt oder führen bizarre blinkende Shows auf. Flugzeuge nehmen Kurs auf die Landebahn. Riesige Leinwände verstreuen weiter ihre Werbebotschaften über die Stadt. Paare umarmen sich in der nachgebauten Pagode. Und steinerne Löwen wachen über Hongkong, über jene Stadt, welche die Geschichte von Jahrhunderten erzählen kann und sich doch in aller Hektik täglich neu erfindet.

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Wer weiß, wann ich wieder hier stehen werde? Wie viele der Hochhäuser werden dann neuen, höheren Bauten gewichen sein? Wie viel Land wird neu aufgeschüttet sein, wie viel größer und hektischer wird die Stadt wirken?

Ich weiß gerade nur zwei Dinge sicher: dass ich wiederkommen werde. Und dass die steinernen Löwen dann noch immer diesen beeindruckenden Ausblick genießen werden.

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阳朔的夜晚:山上 – Nacht in Yangshuo: von oben

Das Wochenende habe ich etwas verbummelt, muss ich gestehen. Freitags wurde Alex‘ Abschied groß gefeiert, ein riesiger Spaß, der mich aber auch Teile des Samstags gekostet hat. Dann etwas lesen, etwas lernen, einen Film schauen, noch mal lernen, noch mal lesen, die Wäsche machen, laufen gehen, einkaufen, das Bad putzen – und schwupps ist Sonntag Nachmittag! Verdammt!

Aber zum Glück schrieb mir Luke, ob wir nicht nachher zum Fernsehturm aufsteigen sollten, um den Sonnenuntergang und den Aufgang des Vollmonds zu beobachten. Da war ich gleich Feuer und Flamme, das hatte ich nämlich schon seit einem Monat auf dem Zettel.

„Fernsehturm“ ist die etwas hochtrabende Bezeichnung für einen kleinen Sendemast auf einem der höheren Felsen gleich neben Yangshuo. Dorthin führt eine halsbrecherische kleine Treppe, die recht improvisiert wirkt. Auf dem Gipfel, hunderte Meter oberhalb der Stadt, lebt tatsächlich eine Alte, der man eine Flasche Wasser für 5 Yuan abkaufen muss, um Zutritt zu erhalten.

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Die Sonne versinkt langsam hinter einem der höheren Berge. Die Sicht ist nicht ganz klar, aber das intensiviert das Erlebnis nur noch. Alles wird in das Rot des Sonnenuntergangs getaucht, die zahllosen Berge ragen aus dem Dunst auf und werden immer zarter, je weiter sie entfernt sind. Es scheint, als wären wir genau im Zentrum der Karstlandschaft, oder auch bloß in einer unendlich großen Landschaft aus kegelförmigen Bergen. Nur im Osten lässt sich am Horizont schemenhaft ein noch höheres Gebirge erkennen.

Der Li-Fluss verliert sich in Biegungen und im Dunst. In der Stadt werden langsam die ersten Lichter angeschaltet, sie liegt schon im Schatten. Aber bald ist auch für uns die Sonne versunken und die letzten roten Strahlen verlöschen.

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Und nun reißen die Wolken auf der gegenüberliegenden Seite auf, und offenbaren den roten Vollmond, der gerade über den Karstkegeln aufgeht. Welch ein magischer Anblick!

Tatsächlich ist heute genau Vollmond, morgen beginnt im chinesischen Mondkalender also ein neuer Monat. Und der Geselle steigt langsam nach oben und spielt dabei mit den vereinzelt vorüberziehenden Wolken. Unten in der Stadt treten nun die großen Straßen als deutlich erkennbare Lichtbänder aus der Dunkelheit heraus, Adern ähnelnd. Die Berge rings um Yangshuo werden angeleuchtet, der Rest der Landschaft versinkt nun endgültig in völliger Schwärze.

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Wir spielen noch ein wenig mit Belichtungen und Taschenlampen herum, dann machen wir uns an den schwierigen Abstieg über die unbeleuchtete Stiege und stürzen uns wieder in die leuchtende Stadt.

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UPDATE: Noch mehr Bilder von da oben gibt es auf Toms Tumblr und auf Omeidas Facebook-Seite!

阳朔的夜晚:街上 – Nacht in Yangshuo: von unten

Es wird schnell und früh dunkel in Yangshuo, die Nähe zu den Tropen macht’s möglich. Aber das bedeutet ja nicht, dass hier jeder schlafen gehen würde. Nein im Gegenteil, im Zentrum rund um die recht touristische Xi Jie (a.k.a. West Street) geht das Leben erst los, die Bars öffnen, die Marktschreier werden nur noch aufdringlicher, die Nachtclubs dröhnen um die Wette, und alles funkelt und blinkt.

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Nebenan, in der Parallelstraße Gui Hua Lu, ist alles etwas gemütlicher, dennoch ist eine Menge Volk unterwegs und hat die Auswahl zwischen zahllosen chinesischen Restaurants, aber auch indischem, isrealischem (hatte ich beides dieses Wochenende, sehr lecker jeweils!), spanischem, japanischem Essen in einer der zahlreichen Expat-Bars. Auch einen „German Beer Garden“ und mehrere Weißbier-Kneipen gibt es, irgendwie ist es aber nicht dasselbe wie daheim, sodass ich um diese Plätze eher einen Bogen mache.

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Und auch anderswo in der Stadt wird noch nicht geschlafen. Durch diese Viertel streife ich eigentlich noch lieber als durchs Little-China-Disneyland West Street.

Die Marktstände sind mindestens bis 22 Uhr besetzt und verkaufen Bananen und Orangen, aber auch seltsame Früchte, die ich noch nie gesehen habe. Dazu kommen auch noch die etwas exotischeren Delikatessen, etwa die getrockneten Entenköpfe (von denen ich immer noch nicht weiß, was genau man daran essen soll – den Schnabel?).

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Im Kissing Fish Spa lassen sich Leute noch schnell von Fischen die Füsse küssen.

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Der Verkehr ebbt etwas ab, was nicht bedeutet, dass man gefahrlos eine Straße überqueren könnte. Auch hier alles voller Lichter, blinkener Schriftzeichen und fremder Gerüche. Aber auch voller Lampions, spielenden Kindern bis spät in die Nacht, und die unglaublichen Berge rings um Yangshuo sieht man sowieso von überall, weil sie von Flutlichtern angestrahlt werden.

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Es hat eine ganz besondere Atmosphäre, durch die Stadt zu streifen, die nachts mindestens ebenso pulsiert wie am Tage. Nichts in der Welt würde ich gegen diese Streifzüge eintauschen wollen, da könnte man mir noch so viele getrocknete Entenköpfe dafür bieten.

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Donnerstag Nacht

Die Packliste ist lang, und die Nacht kurz.

Ich werfe den letzten Kram in meine Taschen, suche nach einer Flasche fürs Spülmittel und muss noch die Kamera-Akkus aufladen, frage mich ob drei Shirts wirklich reichen und ob ich wirklich ein Schlafsack-Inlett brauche. Die ganz normalen Fragen vor einer Tour.

Aber zugleich ist alles anders. Ich kann ab morgen abschalten. Und zwar nicht nur für ein paar Stunden oder Tage, sondern wirklich mal so richtig abschalten, den Kopf in den Gegenwarts-Modus versetzen und all dem Unfug davonradeln, mit dem ich die letzten Wochen und Monate gekämpft habe. Das Examen in der Tasche, die Welt vor mir.

Gibt es ein befreienderes Gefühl? Weiß ich nicht. Die Tür zur Freiheit steht jedenfalls weit offen, morgen früh wird sie die Gestalt einer roten Zugtür haben, und dann erst mal keine Türen mehr bis Belgrad. Oder noch weiter.

Lebet wohl, ihr glatten Säle, / Glatte Herren! Glatte Frauen! / Auf die Berge will ich steigen, / Lachend auf euch niederschauen.
– Heine, »Harzreise«

So sieht’s aus. Nichts weiter hinzuzufügen. Auf geht’s!

Falschfarben, unsichtbar

Wem sage ich es: eine Stadt bei Nacht übt einen ganz anderen Zauber aus. Die Massen sind verschwunden, der Lärm sowieso, und auch die Farben sind fort. Vorherrschend sind schwarz, grau, braun und als kleine Kleckse die Farbe, in der die Straßenlaternen abstrahlen.

Nachts durch die älteste Altstadt Barcelonas zu streunen wie die Katzen, aufs Geratewohl in eine gepflasterte Gasse einzubiegen, kein Ziel zu verfolgen – herrlich. Dann einige Fotos mit Langzeitbelichtung geschossen, was ist das? Die Farben sind keineswegs gegangen, es braucht nur etwas länger, um sie aus dem Motiv hervor zu kitzeln. Der Himmel erstrahlt gerade in einem kräftigen Orange, die ehrwürdige Kathedrale hat sich in pastellgrün herausgeputzt, ein Eingang lockt in pflaumenrot, gelbe und bläuliche Wände schimmern.

Barcelona mit den Augen der streunenden Katzen, ein ebenso betörendes wie zerbrechliches Bild, nur auf den Langzeitaufnahmen zu sehen, und auch das nur bis am anderen Morgen die Massen zurückkehren, der Lärm und die gewöhnlichen Farben.

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Das graue und das blaue Schweden

Tag 2 in Schweden: grau.

Die Wolken: grau. Der Himmel: grau. Die Straßen: grau. Die dünnen Wälder: grau. Die Felsen: grau. Selbst das Meer: grau.

Dazu passt unser schlechter Start in die Schweden-Tour. Keiner der Bankautomaten akzeptiert meine Karte, ohne eine einzige Krone in der Tasche müssen wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz begeben. Immerhin können wir ein bisschen Essen kaufen, ein netter Mann bezahlt für uns mit, wir geben ihm einige Euros im Tausch. Auf Dauer geht das aber nicht so…

Wir setzen über nach Hönö, eine der Schäreninseln, immerhin ist die Fähre kostenlos im sozialen Musterland Schweden. Auch hier, alles grau. Wir verkrümeln uns hinter ein graues Häuschen an einem grauen Meeresarm, wo wir hinter einem grauen Busch unser Zelt aufschlagen. Direkt auf dem nackten, selbstverständlich grauen Fels. Die ganze Nacht über pfeift der Wind, er zischt den Fels entlang, bringt das Zelt zum Wackeln. Es ist unvorstellbar kalt, deutlich zu kalt zum Schlafen.

Nach einer ungemütlichen Nacht kriege ich aus meinem Schlafsack, so gut es geht. Ich bin völlig steif gefroren. Ich klappe das ebenso steife Zelt auf – und was muss ich sehen?

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Die Sonne scheint. Ich blicke auf ein rotes Bootshäuschen, das direkt an einem tiefblauen Meeresarm liegt. Ein lichter blauer Himmel spannt sich darüber. Auf gelblich-bräunlichen Felsen wachsen grüne Sträucher und einige Nadelbäume sowie rote Flechten. Uns wird wärmer und wärmer. Wir kochen einen Pott ungemein starken schwarzen Tees, setzen uns in die Sonne und tauen auf. Unsere Blicke schweifen über das Meer, über den Hafen. Wir machen Fußabdrücke im Sand, schlürfen den Tee, klettern über die Felsen.

Tag 3 in Schweden: genau so, wie das Leben sein muss.