Eine Runde Projektarbeit für alle!

Ende November war ich wirklich enorm beschäftigt, das ist auch der Grund, warum ich so lange gebraucht habe, die Mongolei- und Russlanderlebnisse in Blogeinträge umzumünzen. Zu dem ganz normalen Wahnsinn an der Universität kam nämlich die Vorbereitung auf das Bildungsprojekt Anfang Dezember dazu, und so verbrachte ich meine Zeit nicht nur mit Unterrichtsvorbereitungen, sondern auch mit der Betreuung meiner Teilnehmerinnen, der Vorbereitung meines Workshops und so weiter.

Aber am ersten Wochenende im Dezember war es endlich so weit. Zu unglaublich früher Zeit bestieg ich mit fünf meiner Studentinnen in Chengdu einen Zug nach Wuhan, wo wir uns mit Delegationen von acht weiteren südchinesischen Universitäten trafen. Zusammen ging es dann zwei Tage lang um Arbeitsperspektiven nach dem Germanistik-Studium in China. Und all das unter dem vielversprechenden Titel „Mit Deutsch in die Zukunft“.

Ich erlebte dabei nicht nur, welche Herausforderungen die Projektarbeit in einem fremden Land darstellt, sondern vor allem, wie es gelingen kann, dass innerhalb einer großen und heterogenen Gruppe von Studierenden ein gemeinsamer Geist entsteht. Wir schafften es tatsächlich, mit unseren Workshops und durch den Kontakt mit den eingeladenen Alumni einen großen Austausch anzustoßen und die Teilnehmer enorm zu motivieren. Ich bin besonders stolz auf meine Fünfe, die nicht nur großartige Plakate hergestellt haben, sondern auch sonst Feuer und Flamme für das Projekt waren und wunderbare Ideen entwickelt haben. Und ich persönlich hatte auch einigen Spaß, vor allem auch mit den Bosch-Kollegen, die ich hier wiedergesehen habe, Stichwort „Nikolauskonferenz“.

Sonntags nachmittags hatten wir dann noch ein wenig Zeit, uns die Stadt anzusehen. Eine Freundin einer meiner Studentinnen führte uns durch die Gassen von Wuhan, in denen Allerlei Köstlichkeiten angeboten werden, in ein Restaurant mit den berühmten Nudeln und schließlich zum Ufer des Jangtse. Ich sah zum ersten Mal diesen riesigen Strom, der träge dahin floss und sich auch nicht davon irritieren ließ, dass man wegen des üblen Smogs das andere Ufer leider nur erahnen konnte.

Wuhan ist, nebenbei bemerkt, eine riesige und hektische Stadt, auf deren Plätzen und in deren U-Bahnen gigantische Menschenmassen unterwegs sind. Selten habe ich so ein permanentes Gedränge erlebt, und so war ich dann doch auch ein wenig froh, als ich endlich im Schlafwaggon lag, die Anspannung von mir abfiel, ich ein wenig Schlaf aufholen konnte, und wir uns langsam durch die Nacht zurück in unser Provinzstädtchen bewegten.

P.S.: Liebe Keni, danke für die tollen Bilder von der Konferenz!

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Update aus Belgrad

Habe gerade wieder Internet, also schon mal diejenigen Berichte nachgetragen, die ich noch auf dem Tablet tippen konnte. Der Rest ist auf Papier geschrieben, entweder digitalisiere ich das beim Warten morgen, oder eben daheim.
In Kurzform: nach dem Eisernen Tor hatte ich einen bösen Tag mit verdammten vier (!) Plattfüßen. Der nächste Tag in Rumänien war dann umso besser. Hab es mit dem Fahrrad dann noch bis Vidin in Bulgarien geschafft, dann mit dem Zug weiter nach Sofia und im Nachtzug über den Balkan zurück nach Belgrad. Klingt abenteuerlich, war es wohl auch. Jetzt schau ich mir noch ein wenig die serbische Hauptstadt an, und morgen gehts schon heim. Wie lange war ich insgesamt unterwegs? Eine Woche? Ein Jahr? Ich kann es nicht mehr sagen.

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Nachtzug nach Belgrad

Längs der Donau, Tag 25, Vidin-Diitrovgrad.

Ich frühstücke irgendwo im bulgarischen Nichts zwischen Garagenhof und Umspannwerk, und trotzdem könnte es mir nicht besser gehen. Für den Morgen steht die Innenstadt von Vidin auf dem Programm, die doch einiges mehr zu bieten hat als nur sozialistischen Plattenbau-Chic, Shopping-Malls und Umspannwerke. Die alte Hauptstadt Bulgariens verfügt über eine hübsche Donaupromenade, viel alte Bausubstanz im Zentrum, über orthodoxe Kathedralen, eine Moschee und eine orientalische Konaka sowie über die mittelalterliche Donaufestung „Baba Vida“. All dies erkunde ich ausführlich, dann ist es Zeit, den Bahnhof zu suchen. Ich habe schon wieder Glück, in einer halben Stunde fährt ein Zug nach Sofia. Fünf Stunden Fahrt!

Also muss ich dringend noch Verpflegung besorgen, Fahrkarten für mich und mein Fahrrad kaufen, und dann sitze ich auch schon in einem alten Bundesbahn-Silberling, der holpernd und schaukelnd sich auf den Weg durch die Berge und Ebenen macht.

Und was für Berge das sind! Die Strecke führt nämlich zuerst durch hügelige Felder, dann durch steinigere und weniger fruchtbare Gegend, und von weiter entfernt sieht man die ganze Zeit schon das Balkan-Gebirge sich nähern. Dass diese Bergkette der ganzen Region ihren Namen gegeben hat, kommt nicht von ungefähr, dominant ragt sie über der Ebene auf und zieht meine Blicke auf sich. Diejenigen Blicke jedenfalls, die nicht von meiner Reiselektüre – immer noch Georg Forster – oder von der spektakulären bulgarischen Eisenbahn beansprucht werden. Immerhin ist der altertümliche Zug schon großartig, an jeder Station unterwegs steht ein Schaffner in schmucker Uniform, und auch die zusammengezimmerten Schranken werden selbstverständlich von keiner Automatik, sondern von Schrankenwärtern heruntergelassen. Bahnfahren wie vor fünfzig Jahren, oder sind es hundert?

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Egal, die Landschaft wird ohnehin immer beeindruckender, was kümmert mich die Eisenbahnromantik. Aufgrund seiner Topographie hat Bulgarien wenige Nord-Süd-Verbindungen, und die wenigen sind umso beeindruckender. Die Bahnstrecke Vidin-Sofia jedenfalls gräbt sich nun tief in das Balkan-Gebirge ein und nutzt dazu die Schlucht des Flusses Iskar, der im Rila-Gebirge entspringt, die Hauptstadt und das Balkan-Gebirge durchquert und irgendwo weiter nördlich in die Donau mündet. Er hat sich durch die Kalkstein-Felsen einen beeindruckenden Weg gesucht, dem nun auch meine Bahnstrecke folgt. Ein paar Dörfer, ein paar Stauwehre, sonst nur Felsen und Berge, nur steinige Täler und spärlich bewaldete Klippen. Auf meiner Reise habe ich schon einige grandiose Landschaften gesehen, aber dennoch hänge ich hier an der Scheibe, kann mich kaum sattsehen an den vorbeifliegenden Panoramen, und mein Zeigefinger entfernt sich kaum vom Auslöser meiner Kamera. Welch ein Glück, dass der Zug so langsam fährt, nun ärgere ich mich auch keineswegs mehr über die lange Fahrzeit, sondern bin dankbar, dass die Strecke so schlecht ausgebaut ist und ich die Landschaft umso länger genießen kann.

Aber alle guten Dinge finden einmal ihr Ende, und jenes der Bahnfahrt heißt Sofia. Der Hauptbahnhof empfängt mich als grauer Betonklotz, aber das kenne ich ja schon von Bulgarien. Auch der Leerstand in den ehemaligen Geschäften, die defekten Aufzüge und der beißende Geruch der Unterführung erschrecken mich nicht. Aber was mir gleich auffällt, ist die Dichte an Bettlern. In Vidin war mir das schon aufgefallen (zum ersten Mal auf der gesamten Reise, obwohl ich nun wirklich einige arme Ecken Kroatiens, Bosniens und Rumäniens gesehen habe) – aber hier ist die Bettelei omnipräsent, aufdringlich und unerträglich. Ist das schon wieder die Arroganz des westlichen Touristen, der ja schon weiß, dass er in zwei Tagen in seinen deutschen Wohlstand zurückkehren wird? Eine solche Arroganz entspricht eigentlich nicht meinem Naturell, ich wollte sie ja wirklich vermeiden, was mir auch bisher hoffentlich einigermaßen geglückt ist. Aber die hiesigen Bettler sind so aufdringlich, dass man sie nicht ignorieren und schon gar nicht bemitleiden kann. Einer wird mir später versuchen, den Fahrradhelm vom Kopf zu ziehen, um ein Trinkgeld dafür zu bekommen, und mit meinen portugiesischen Reisebekanntschaften mache ich später Witze über den „Gypsy luggage service“, dem zu entkommen schlechterdings unmöglich ist. Man muss sich also tatsächlich wehren, und das ständig.

In der Schalterhalle habe ich jedenfalls auch gleich einen Schatten, der mir permanent weiterhelfen möchte. Das gelingt zwar kaum, schließlich finde ich mich auch so gut zurecht, weiß besser was ich eigentlich möchte, und der Sprachkontakt beschränkt sich auf „no problem“ – aber als ich bald meine Fahrkarte in der Hand halte, komme ich doch nicht umhin, eine Lewa Trinkgeld zu geben. Danke für nichts auch.

Besagt Fahrkarte ist ein Liegeplatz im Nachtzug Sofia-Belgrad, das klingt schon einigermaßen abenteuerlich. Zuvor habe ich aber noch einige Stunden Zeit, die ich dazu nutze, auf einer Hauptverkehrsstraße (das kümmert mich mittlerweile nicht mehr) in die bulgarische Hauptstadt einzufahren. Die ist teils ganz ansehnlich, teils aber auch ein Freilichtmuseum für die schlimmsten Bausünden realsozialistischer Architektur. Nur die stets am Horizont präsente Bergkette versöhnt mich doch mit der Ansicht der Stadt. Dafür gestaltet sich das Fahren umso anstrengender, neben der rein kyrillischen Beschilderung und der völlig auf Autos ausgerichteten Straßen ist daran aber auch der bulgarische Autofahrer schuld. Hier fährt man nämlich nicht los, wenn die Ampel auf grün springt; auch nicht wenn die Ampel vorraussichtlich gleich auf grün springt; sondern man fährt, wenn man der Meinung ist, dass die Ampel für die eigene Fahrtrichtung nun aber wirklich mal auf grün zu springen hat. Das führt zu einem herrlichen Verkehrschaos, viel Gehupe und Geschreie, und dazu dass der Fahrradtourist mal wieder seine grelle Warnweste anzieht.

Wie reagiert man am Besten, wenn die Großstadt zu laut, zu viel, schlichtweg überfordernd ist? Man setzt sich auf einen zentralen Platz, isst ein Eis und beobachtet die Menschen. In meinem Fall ist das Eis ein grellgelbes Zitroneneis, meine Warnweste wirkt fast blass dagegen, dafür ist aber sehr lecker und zitronig, und wird statt in Kugeln pro hundert Gramm abgewogen und verkauft. Der örtliche Kulturpalast und das Arbeiterdenkmal passen schon sehr gut in mein Ostblock-Klischee, die Stadt aber ist wiederum lebhaft und mit Leuchtreklamen zutapeziert. Eine alte orthodoxe Kathedrale, eine Moschee, Einkaufsstraßen und eine stark am stalinistischen Architekturstil orientierte Meile von Regierungsgebäuden schaue ich mir später noch an, und hieran sieht man auch schon deutlich die Mischung, die dieses Land so spannend macht: Bulgarien erscheint mir immer wieder irgendwo am Berührungspunkt zwischen Balkan und Orient, zwischen Marktwirtschaft und altem Kommunismus gelegen. Gerne hätte ich diese Kombination noch weiter erkundet, doch als ich an einem Lebensmittelladen vorbeifahre, erinnere ich mich, dass mein Zug demnächst noch fährt und ich mir noch Proviant besorgen muss. Der Joghurtbecher platzt kurz darauf in meinem Rucksack, weshalb ich immerhin gezwungenermaßen Joghurt löffelnd auf einer Brücke noch einmal Bulgarien auf mich wirken lassen kann.

Im Bahnhof schaffe ich es mit Mühe, mein Rad zum richtigen Bahnsteig zu bugsieren. Besagter „Gypsy luggage service“ tritt gleich auf den Plan, ein Fahrradabteil oder auch nur einen Fahrradtarif gibt es nicht, und so muss ich doch mehr Bakschisch verteilen, als erwartet, um mein Fahrrad mit in den Zug nehmen zu dürfen. So werde ich zwar einerseits meine letzten Lewa los, andererseits muss ich aber doch irgendwann böse werden, um die dienstbaren Geister wieder zu vertreiben. Allen anderen Fahrgästen geht dies aber ebenso. Mit meinen Mitreisenden kann ich schnell wieder darüber lachen – und diese Mitreisenden sind auch schon ein buntes und interessantes Völkchen. Der Nachtzug quer über den Balkan, so erkenne ich bald, scheint bei Interrail-Reisenden sehr beliebt zu sein, und ich bin zwar alleine in meinem Sechser-Abteil, meine Nachbarn sind aber Portugiesen und Finnen, Türken und Belgier, eine bunte und lustige Mischung.

Für meinen Geschmack sogar etwas zu lustig, schließlich habe ich eine ernsthafte und anstrengende Tour hinter mir und bin auf wilde Saufereien auf dem Gang eigentlich gar nicht aus. Irgendwann schaffe ich es aber, mich der transeuropäischen Partygesellschaft zu entziehen – ich brauche einfach mal etwas Gelegenheit, alleine zu sein und nachzudenken. Das klingt komisch, war ich doch fast einen Monat alleine unterwegs. Aber nach all den Eindrücken und Begegnungen der letzten Wochen, nach den bezaubernden und erschütternden Erlebnissen, nach der Intensität, die eine solche Reise mit sich bringt, ist mir die Interrail-Party tatsächlich schon wieder zu oberflächlich, die Bierseligkeit zu platt, und der besoffene Spanier zu aufdringlich.

Also esse ich, lese ich, denke ich nach – die drei Dinge, die ich vielleicht am besten kann. Der Zug ist ohnehin eher laut als schnell, der serbische Schlafwagen hat sich als uralter französischer entpuppt. An der Grenze stehen wir nachts enorm lange, alle Winkel werden mit Taschenlampen ausgeleuchtet, dazu zweimalige Passkontrolle. Stundenlanger Stillstand, unfreundliche Grenzbeamte, wehende Flaggen, und dann bin ich wieder zurück in Serbien. Ein wenig Schlaf versuche ich noch zu erhaschen, gar nicht so leicht, und ich muss erkennen: der letzte Tag meiner Tour ist angebrochen. Das letzte Land, die letzte Stadt, die vorletzte Nacht, und ich bin mir noch nicht sicher – bin ich erst ganz kurz oder doch schon eine Ewigkeit unterwegs?