Die Luft der Berge

Bevor wir uns in alle Himmelsrichtungen zerstreuen, haben meine Familie und ich es noch einmal geschafft, ein paar Tage zusammen zu verbringen. Ich liebe die Berge, und das Reiseziel Vorarlberg ruft bei allen anderen auch gleich Begeisterung hervor. Der Ort Damüls ist (laut lokaler Tourismusbehörde) der schneereichste überhaupt, mit neun Metern Neuschnee jeden Winter. Kann uns aber egal sein, es ist schließlich August. Während der Rest Europas unter Rekordhitze brütet, können wir bei milder Temperatur die Berge hinauf- und hinablaufen. Für zusätzliche Abkühlung sorgt ein malerischer Bergsee. Wer schafft es zuerst, zur Badeplattform in der Mitte zu schwimmen?

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Zudem verschlägt es uns auch noch nach Liechtenstein. Das ist zwar zugegeben nur ein Fliegenschiss auf der Landkarte – allerdings ein sehr reicher Fliegenschiss voller moderner Kunst und sehenswerter Architektur.

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Ein bisschen Kulturprogramm muss natürlich auch sein, und es sind die legendären Bregenzer Festspiele, zu denen wir uns Eintrittskarten sichern konnten. Aus dem Bodensee erhebt sich die Seebühne, die dieses Jahr ausgerechnet im Stil der chinesischen Mauer gestaltet ist, komplett mit Tonsoldaten, Wachtürmen und Lampions. Während auf der Bühne die grausame Prinzessin Turandot wütet, versinkt hinter Bühne und See die Sonne und zaubert alle Farben an den Himmel. Nessun‘ dorma? Nein, ich ganz sicher nicht – denn bald ist es soweit, und statt Pucchinis Opernwelt lande ich im richtigen China. Man darf gespannt sein…

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Bratislover

Wieder machen mich die Bauarbeiten enorm früh wach, wieder schaffe ich es, mich wieder umzudrehen und doch noch ein paar Stündchen dranzuhängen. Aber auch wenn die Nacht kurz war, irgendwann muss ich doch raus, bepacke wieder mein Fahrrad, verabschiede mich von meiner Kurzzeit-WG und radle wieder runter zur Donau.
Nein, strenggenommen erst mal nur zum Donaukanal, denn auf dem Weg aus Wien heraus muss ich mir natürlich erst den Prater ansehen. Die Fahrt mit dem Riesenrad spare ich mir aber doch, Fahrten mit Rädern habe ich hier ja genug. Noch einmal beim Ernst- Happel-Stadion vorbeigeschaut, und dann gehts am FKK-Strand entlang aus der Stadt heraus. Mein Frühstück unterwegs sind ein paar Marillen-Buchteln, erstaunlich, vor einer Woche hätte ich noch keins dieser Worte gekannt. Trotzdem lecker.
Weiter gehts. Erst fahre ich durch ein großes Industriegebiet mit zig Öltanks, dann gleich danach durch den Nationalpark Donauauen. Das klingt sehr idyllisch und ist es wohl auch, mit viel unberührter Natur und seltenen Tieren und Pflanzen – aber damit die unberührte Natur auch wirklich unberührt bleibt, werden wir Radler auf den Deich verbannt. Und das bedeutet dreißig Kilometer schnurgerade über Kies und schlechten Asphalt, und dazu brennt die Sonne vom Himmel. Es sind bestimmt ordentlich über dreißig Grad, Schatten gibt es keinen, und meine Wasserflaschen gehen dann auch irgendwann zur Neige. Was hilft gegen den drohenden Motivationsverlust? Singen, klar. Ich bin ja eh ziemlich alleine hier, also laut raus, natürlich erst „Fürstenfeld“, dann verschiedenes von Bastille, und schließlich immer wieder den „Bratislava Lover“ von Basta, denn genau diese Stadt ist schon ausgeschildert und rückt immer näher. Ich verlasse den verfluchten Deich erst bei Hainburg, wo ich die Donau überquere und mir noch die alte Stadt anschaue, die noch völlig von Stadtmauern umgeben ist, von einer beeindruckenden Festung überragt wird und auch noch einen Pranger hat. Außerdem ist sie die Geburtsstadt von Haydn, was einen die Hainburger an jeder Kreuzung wissen lassen. Im Billa gibt es zudem Bohnen in Tomatensoße, da kann ja fast nix mehr schiefgehen.
Mittlerweile ist die knallende Sonne verschwunden, der Himmel hat sich zugezogen. Weiter geht es, einen Berg hinauf, und da ist es schon fast ein erhabenes Gefühl, wie plötzlich hinter der Kuppe Bratislava in einem Sonnenstrahl zum Greifen nah vor mir liegt. Gut, es sind noch zehn Kilometer, aber die Burg, den Dom, die charakteristische neue Brücke und die Hochhäuser von Petrzalka kann man sehr deutlich im Sonnenlicht sehen. Erst mal noch ein paar Kilometer Landstraße, am Zoll vorbei, dann ein paar Kilometer Auen, und dann sitze ich plötzlich in einem Park, hau mir die Dose Bohnen rein und versuche, schon mal etwas von der fremden Sprache aufzuschnappen. Dann über die Novy Most in die Altstadt, die mal wieder sehr sehenswert ist. Auf dem Hauptmarkt tritt gerade eine norwegische Trachtengruppe auf, aber sonst wirkt die Architektur eher wie eine weitere österreichische Stadt. Viele Palais, viele Zwiebeltürmchen, nur vielleicht noch alles etwas lebhafter als die Wiener Innenstadt zum Teil ist.

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Nur der Couchsurfer, mit dem ich verabredet war, ist nicht zu erreichen. Irgendwann gebe ich es auf und muss mich nach alternativen Schlafplätzen umsehen. Jetzt liege ich im Zelt an einem Wegesrand oberhalb von Petrzalka, kämpfe einen vergeblichen Kampf mit den Stechmücken (da ist schon ganz schön viel von meinem Blut an den in Innenwänden des Zeltes, igitt), höre zwar doch noch ganz gut die Schnellstraße und die Eisenbahn, aber was soll’s, ich bin ja todmüde. Die Grillen zirpen, so ganz dunkel wird der Himmel so nahe an der Stadt auch eher nicht, es ist wieder ziemlich schwül geworden, aber ich hatte doch schon deutlich schlechtere Schlafplätze.
Was hat Lukas heut morgen gesagt? Jetzt gehts in den wilden Osten? Na dann mal auf, ich bin bereit.

Wien und noch mehr Wien

Ein Blick in den großen Spiegel gegenüber der Dusche zeigt, dass ich mich in die lebende österreichische Fahne verwandelt habe. Oben rot, in der Mitte weiß, unten rot. Ich muss dringend daran denken, Sonnenmilch zu kaufen.
Aber was solls, ich habe ja einen Tag Auszeit in Wien, muss heute nicht so viel im Sattel sitzen und setze mich nicht so sehr der Sinne aus, denke ich. Den Vormittag und auch einen enormen Teil des Nachmittags verbringen wir mit Schnacken, Essen und Trödeln, aber irgendwann raffen wir uns doch noch auf, unseren Kram zusammenzusuchen und uns auf die Fahrräder zu setzen. Es geht nach Schloss Schönbrunn, wo Iulia schon auf uns wartet und wo wir erst mal mehrere vergebliche Anläufe starten, unsere Fahrräder mit in den Park zu nehmen. Irgendwann müssen wir das aber doch aufgeben und steigen schließlich zu Fuß hoch zur Gloriette. Dort hat man nicht nur einen großartigen Blick über die Stadt, sondern kann sich auch einfach mal mit der Gitarre auf die Wiese setzen und ein bisschen singen. Dass natürlich auch das verboten ist, kann man sich ja schon fast denken, aber wo wir eh damit angefangen haben, sitzt bald der ganze Hang voller Leute. Für unser Gesinge ernten wir auch viele hochgereckte Daumen, am meisten für den alten Ösi-Schlager „Fürstenfeld“. Ein ziemlicher Knaller, auch wenn der Text eigentlich überhaupt nicht auf meine Situation passt. Ich will ja schließlich gar nicht „wieda hoam“, sondern würde mir am liebsten gleich morgen ein Zimmer hier suchen.
Irgendwann schließt der Park bei Schönbrunn, nur wir haben mal wieder so viel getrödelt, dass wir über ein Tor klettern müssen. Dann fahren wir erst mal auf den Rädern durch das abendliche Wien, einmal durch den Naschmarkt, über den Karlsplatz, wieder mal die Ringstraße entlang, grölen immer wieder „Fürstenfeld“, und lassen uns schließlich in einem Kärntner (!) Lokal nieder, wo es Kärntner Bier und Most gibt – das Schrittesser, merkwürdiger Name – und in dem unser Grieche gerade auf einem Stammtisch ist. Dann singen wir noch ein wenig auf der Straße, trinken noch ein Bier im wuk, im sehr alternativen Innenhof zu 1A-Reggae-Mukke, und schließlich kommt die Idee auf, noch schwimmen zu gehen. Also wieder hoch in den 18., wo ein altes Studentenheim ein grandioses Schwimmbecken im Innenhof hat, in das man nachts sehr gut heimlich reinspringen kann. Nach dem heißen Tag in der Stadt tut das eisige Wasser doch gut, und dass es schon wieder vier Uhr ist, als wir ins Bett gehen, verwundert ja eigentlich auch keinen. Dann muss ich eben etwas schneller schlafen, das soll ja meine letzte Nacht in Österreich sein.

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Austria at its best

Die Nacht im Pfarrgarten ist kurz. Die Kirchturmglocke bimmelt unbarmherzig und reißt mich aus angenehmen Träumen wieder ins kalte, klamme Österreich am Dienstagmorgen. die Kirchturmuhr zeigt kurz nach sieben. Zeit aufzustehen? Aber Moment, warum hat mein Handywecker noch nicht geklingelt? Und stand die Kirchturmuhr nicht gestern abend schon auf kurz vor sieben? Kontrollblick aufs Handy – es ist erst fünf Uhr. Die kaputte Turmuhr hat wohl gerade bloß die Sieben-Uhr-Marke übersprungen, sich kurz einen abgebimmelt und schläft jetzt weiter. Aber ich kann nicht mehr schlafen, sondern döse nur noch ein bisschen vor mich hin.
Um sieben packe ich dann doch zusammen, schau mir noch kurz die morgendliche Stadt Traisenmauer an, und dann hat der Radweg mich wieder.
Frühstück in Zwentendorf, wo das alte Atomkraftwerk über der Donau thront, das bekanntlich nach einer Volksabstimmung nie ans Netz gehen durfte. Heute halb Solarpark, halb Mahnmal für eine verfehlte Energiepolitik. Das Örtchen ist aber sehr proper, ich kaufe mir einen Donut und einen Cappuccino-Shake und frühstücke auf der Rathaustreppe in der Morgensonne. Weiter gehts nach Tulln, schon wieder so ein etwas zu hübsches Kleinstädtchen, das aber immerhin mit sehr interessanten römischen Ausgrabungen und kostenlosen Wlan auf dem Hauptplatz aufwarten kann.
Weiter gehts, und die Sonne brennt immer heißer. Und ich habe keine Sonnenmilch dabei. Kommt auf die Einkaufsliste!
In Klosterneuburg, das fast schon zum Wiener Ballungsraum gehört, verdrücke ich meine letzten Vorräte, vor allem die Dose Bohnen in Tomatensoße und muss an die Irland-Tour letztes Jahr denken. Den Stift schaue ich mit natürlich auch noch an, verfahre mich noch einmal an der vielspurigen Bundesstraße, und dann gehts auch schon die letzten Kilometer nach Wien herein.
Det Radweg wird immer schlechter, der Verkehr immer stärker, aber irgendwann habe ich es doch auf den Stephansplatz geschafft. Es folgt eine kurze Fahrradrundfahrt zu Hofburg, Burgtheater, Staatsoper und jeder Menge weiterer alter Kästen aus Stein, die einem die Frage aufdrängen, ob hier nicht doch noch der Kaiser irgendwo wohnt. Dann treffe ich auch schon Lukas im Volksgarten, und wir pflanzen uns erst mal mit einem Ottakringer ins Museumsquartier. Zwischendurch einmal auf einem klapprigen roten Damenrad über die nächtliche Ringstraße geheizt, die Wiener Bekloppten und die feiernden Jugendlichen beobachtet, und irgendwann lassen wir den Abend dann mit Rotwein auf dem Balkon hoch über Wien ausklingen. Zu diesem Zeitpunkt ist eh längst beschlossen, dass ich noch eine weitere Nacht in der Stadt bleibe, und so können wir ungestört über Gott und die Welt plaudern, bis irgendwann die ersten Sonnenstrahlen über Wien und doch sanft ermahnen, ins Bett zu gehen.

Rohe Felsen und Marillen

Ach je, soviel passiert an einem Tag. Also eher mal nur ein kurzer Abriss über meinen Montag.
Erst mal in Grein von der Morgensonne über der Donau geweckt worden. Schnell frühstücken, etwas Wasser ins Gesicht, und hoch in den Ort zum Fahrradladen, wo man mir einen neuen Gepäckträger verkauft. Grade erst mal noch eine Runde durch Grein gedreht, das auch wieder sehr hübsch ist, und dessen Burg und das bekannte alte Stadttheater gute Fotomotive abgeben. Dann zurück zum Zelt, den Gepäckträger austauschen, was eine größere Sache ist. Die mitgelieferten Schrauben sind mit das schlechteste, was eine chinesische Fabrik je verlassen hat, aber nach langem hin und her sitzt das Teil sich einigermaßen fest. Immerhin besser als der alte.
Noch das Zelt abbauen, packen und weiter gehts. Erst mal zurück zur Brücke, auf die andere Seite, und dann immer dem Fluss lang. Das Tal wird hier sehr eng und der Fluss sehr schmal, mit Strudeln, die gut zu erkennen sind. Früher müssen die Kapitäne sodass verflucht haben, zumal alle naslang eine Burg am Ufer steht, die vermutlich fett Zoll kassiert hat.
Die Stimmung wird irgendwann merkwürdig lethargisch. Der Fluss bewegt sich kaum noch, auch die Schiffe scheinen still zu stehen, der Weg ist eintönig, der Himmel grau und die Berge auch. Einer davon heißt „Schwarze Wand“, und genauso sieht er auch aus. Die ganzen Sonntagsradler sind verschwunden, über Kilometer begegnet mir keine Menschenseele. Erst ein paar Regentropfen wecken mich wieder etwas auf, und ich trete wieder schneller in die Pedale. Rasch bin ich in Ybbs, das mit seinen engen Gässchen zu begeistern weiß. Ich drehe ein paar Runden, unterhalte mich mit einer der vielen PBH-Fahrtengruppen, die hier unterwegs sind, bin aber noch nicht hungrig genug für eine Mittagspause. Also erst mal weiter.
In Krummnussbaum (guter Ortsname) muss ich mich noch mal kurz am Bahnhof unterstellen, aber im großen und ganzen treibe ich den heftigen Regen eher vor mir her und werde nicht nass. In Pöchlarn besuche ich das Nibelungendenkmal, die hier wohl mal Station gemacht haben, mehr hat der Ort aber nicht zu bieten. Ganz anders Melk. Schon von weitem sieht man den imposanten Stift über dem Donautal thronen, und auch die Altstadt ist zwar beim Hochwasser abgesoffen, kommt aber ganz hübsch daher. Hier stört mich aber doch das hohe Touristenaufkommen, Radwanderer aller Länder vereinigt euch. Jaja, ich weiß, ich bin ja selber einer, aber ich Hofe doch dass ich nicht so nervig bin.
Picknick vorm Rathaus, dann erklimme ich die Stiege zum Stift, wandere dort ein wenig umher und stecke mal kurz den Kopf in die Klosterkirche. Eine beeindruckende Anlage, sicher, aber Barock ist nicht so mein Ding. Alles ein bisschen zu protzig und herrschaftlich für meinen Geschmack, von wegen ora et labora.
Dann lieber weiter über einen Berg, hechel, und dir nächste Donaubrücke in die Wachau. Junge, ist das hier schön! Hohe Berge links und rechts, in der Mitte der freundliche Fluss, die Sonne lacht, und wo keine Weinberge oder Weindörfer sind, prangen die goldenen Marillen an der Bäumen. Millionen. Kein Kilometer ohne einen Stand, an dem man Früchte oder Erzeugnisse daraus kaufen kann – oder man klaut sie einfach unterwegs vom Baum.
Zwischendurch macht ich noch halt in Willendorf, um die Fundstelle der Venus zu besuchen, und in Spitz, wo ich noch eine Rast einlege. Schließlich geht es über Weissenkirchen und das mittelalterlich-pittoreske Dürnstein nach Krems. Allmählich habe ich genug von den immer gleich wunderbaren Innenstädten, muss ich sagen. Fast jedes Städtchen ist hier so hübsch, dass es kaum auszuhalten ist, da ist es mir fast eine Genugtuung, dass in Krems wenigstens die Beschilderung schlecht ist, ich mich verfahre und fluchend die dämliche Wegführung suche. Im Abendlicht noch einmal über die Donau, und wenn ich bislang eher halbherzig nach einem Schlafplatz gesucht habe, wird es allmählich etwas dringender. Aber in den Auen oder gar direkt am Fluss fressen einen die Mücken auf, und auch in den Weindörfern, in die ich abbiege, findet sich nichts. Im schwindenden Abendlicht suche ich alles ab und frage mich, warum ich wohl nicht in der Wachau geblieben bin. Naja, in Stollhofen finde ich doch noch ein nettes Fleckchen, im Pfarrgarten unter einem Baum, und lange bleibe ich auch nicht mehr wach. Ich esse noch zu Abend, rechne erstaunt aus, dass ich statt der anvisierten 70 über 120 Kilometer gefahren bin, und stärke mich dann im Schlaf für die morgige Etappe nach Wien.

Mit Überschall durch das Machland

Heute morgen habe ich mir erst mal – nach längerem Schlaf als gedacht, die Etappe gestern hat mich sich wohl sehr geplättet – mein Fahrrad ohne Taschen geschnappt und bin ein Stück zurück geradelt, um mir noch die Stadt Linz anzusehen. In der Dämmerung hatte die Stadt wegen der bunten Lichter und der modernen Gebäude am Donauufer noch krachneu gewirkt, heute sah ich mit dann mal Hauptplatz, altes Rathaus, Dom und so weiter an. Viel österreichischer kann eine Stadt ja fast nicht wirken, glaube ich. Stundenlang fuhr ich mit dem Radl durch die Gassen, doch irgendwann musste ich mich losreißen.
Die zweite Etappe wartete. Und obwohl ich schon wieder so spät aufbrach, erreichte ich mein Tagesziel locker. Ich hätte mir echt nicht so viele Sorgen um meine Kondition machen brauchen. Erst ging es am Ufer entlang, dann eine Weile durchs Hinterland. In Sachen Hochwasserschutz ist man hier nämlich offenbar sehr aktiv, überall wird gebaggert und Schlamm entfernt, große Auen werden angelegt und die Dämme nach hinten verlegt. Die Fahrt auf dem Deich ist zwar nett, aber dem Gegenwind ist man natürlich dort umso mehr ausgeliefert, deshalb freute ich mich auch über Abstecher ins hinter dem Deich gelegenen Machland. Ein Hinweis auf die Grenze nach Niederösterreich entlockt mir ein kurzes Jubeln, ansonsten radle ich konzentriert vor mich hin.
Irgendwann mehren sich die Probleme mit dem vorderen Umwerfer, eine ziemliche Frickelarbeit, das zu reparieren. Kurz darauf will dann der hintere nicht mehr so recht. Als ich mir ein Apfel-Zimt-Eis genehmige, fällt mir zudem auf, dass mein Gepäckträger zunehmend schiefer hängt. Nach und nach sind doch noch zwei Schrauben gebrochen. Ganz vorsichtig fahre ich weiter, aus dem flachen Machland heraus, durch ein Durchbruchstal bis ins Etappenstädchen Grein, wo ich jetzt bin. Hier findet sich morgen hoffentlich ein Ersatzteil. Beim Zubereiten meiner ersten warmen Mahlzeit (gestern war ich doch zu k.o.) wird auch noch klar, dass der geliehene Gaskocher nicht so recht will. Unter kleinen Verpuffungen bereite ich mir Spaghetti mit Tomatensauce zu. Jungejunge, was für eine Verkettung von Blödsinn. Aber wisst ihr was? Ich bin trotzdem gut gelaunt und lache die Probleme mal schön aus. Denn ich bin unterwegs, schon viermal brauner als vorgestern, und kein Fahrraddefekt kann so schlimm sein wie morgens mit dem Blick auf die Prüfungsliteratur aufzuwachen!

An der schönen blauen Donau

Bei Katharina darf ich erst noch ihrem Oboenquartett beim Proben zuhören, aber irgendwann musste ich mich doch losreißen. Mit Johann Christoph Bachs Oboenquartett in B-Dur in den Ohren fahre ich noch einmal quer durch Passau und schließlich aus der Stadt heraus, zum ersten Mal auf den Donauradweg.

IMGP1335Die Orte fliegen vorbei. Zwischendurch decke ich mich noch mit Brot und Bananen ein, und bald schon überquere ich die österreichische Grenze. Damit geht gefühlt das Abenteuer los, obwohl sich eigentlich nichts ändert. Die bergige Landschaft bleibt die gleiche, die Donau sowieso, und auch der Dialekt war noch ähnlich unverständlich. Hatte ich mir vor der Abreise wirklich Sorgen wegen des Ungarischen gemacht? Manchmal kommt mir Österreichisch genauso unverständlich vor. Was freu ich mich auf die Slowakei, da kann ich wenigstens guten Gewissens englisch reden.

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Erst mal mit der Radfähre übersetzen – der gut gelaunte Fährmann erzählt vom Hochwasser, wie viele hier, ich verstehe aber nicht viel. Dann ein paar Scheiben Brot am Ufer – hier sagt man wohl Jause dazu – und weiter gehts.
Hinter Aschach öffnet sich das enge Tal zu einer weiten Ebene, nur mit Schlafplätzen sieht es schlecht aus. Also fülle ich an einem Friedhof noch meine Flaschen auf und trete wohl oder übel noch etwas in die Pedale. Bis Linz wollte ich ja heute nun wirklich nicht mehr. Aber hey, warum verläuft mein Radweg eigentlich plötzlich neben einer fünfspurigen Ausfallstraße?
Gut, dann also doch Linz, denn neben der Bundesstraße möchte ich mein Zelt nun doch nicht aufschlagen. Einmal quer durch die Stadt, die abends bunt leuchtet, und kurz hinter Linz finde ich im letzten Tageslicht endlich doch noch einen Campingplatz. Schnell das Zelt aufgebaut, alle Sachen einmal kontrolliert (fast alles heil, nur das Rei in der Tube wollte nicht in selbiger bleiben), und dann Fälle ich gerade doch recht müde nach einem Nachmittag mit knapp hundert Kilometern in den Schlafsack. Nacht auch.