Was ist los in Pengshan?

Wenn man vor dem Campustor den Bus Richtung Innenstadt nimmt, wirft man einen 1-Yuan-Schein in die 1-Yuan-Schein-Box beim Fahrer und sieht zu, dass man einen Sitzplatz bekommt oder sich sehr gut festhält. Die ruppige Fahrt dauert nur etwa zehn Minuten, während der man beruhigt Werbung oder schlechte chinesische Actionfilme schauen kann. Ich schaue lieber aus dem Fenster.

Pengshan bedeutet „Berg von Peng“, und mit Peng ist Pengzu gemeint, ein Schriftsteller und Gelehrter, der hier wohl irgendwann mal eingesiedelt hat und heute als große Statue in der Innenstadt verewigt ist. Auf dem davor liegenden Platz ist irgendwie immer was los.

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Heute ist offensichtlich irgendeine Art Kinderfest. Jedenfalls gibt es Musik und Büdchen und Trampoline und Basteltische, und überall tollen Kinder, Eltern und Großeltern herum. Im Hintergrund bereitet sich eine Tanzgruppe in Ganzkörper-Panda-Anzügen auf ihren Auftritt vor und spielt schon mal krächzend irgendwelche Schlager ab. Um das Chaos perfekt zu machen, kann man kleine akkubetriebene Autochen oder etwas größere Vehikel in Gestalt aufblasbarer Tiere mieten, mit denen Mutti und ihr Ein-Kind-Familien-Kind fröhlich über den Platz fahren und Passanten anrempeln. Natürlich blinkt alles und macht eine Menge Krach, also alles in bester Ordnung.

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Weiter oben, rund um die Pengzu-Statue haben sich wieder die tanzenden Rentner versammelt, die man in China überall sieht. Es handelt sich um Frauen und einige Männer zwischen vierzig und biblisch, die sich ihre tägliche Dosis Bewegung an der frischen Luft abholen. Auch hier dröhnt die Musik viel zu laut und krächzig, und alle laufen wedelnd und klatschend im Kreis herum. Ganz ehrlich – wenn ich mal alt bin, will ich, dass diese Mode in die deutschen Parks hinübergeschwappt ist. Niemandem ist etwas peinlich, alle wedeln so gut sie können, und wenn einer den Takt nicht hält, macht er trotzdem einfach weiter.

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Und zum Glück gibt es ein paar Schritte weiter ja auch noch den Blick über den Min-Fluss, der sich hier gemächtlich, zwischen den Hügeln und über die Kiesbänke, seinen Lauf durch Pengshan bahnt. Hier ist es stiller, außer einigen Spazierengehern fließt nur der Fluss träge dahin, Richtung Süden, wo er im noch viel größeren Jangtse aufgehen wird.

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发现 – Entdeckungen

Wie erwähnt, flüchte ich Samstag in Guangzhou vor Trubel und Verkehr erst mal in den nahen Yuexiu-Park. Das bedeutet soviel wie „elegant überragen“, und der Name ist absolut Programm. Innerhalb der riesigen Anlage (quasi dem Central Park Guangzhous) überragt ein Hügel die umliegende Stadt, komplett mit kleinem Wald, Pagoden, daoistischem Tempel und Gedenkstätte auf der Spitze. Rings um dieses Kleinod befinden sich neben dem zentralen Fußballstadion viele kleine Spazierwege, Gedenkstätten, Eiscremebüdchen, Tai Chi treibende Rentner in Gymnastikanzügen, Reste der alten Stadtmauer sowie mehrere künstlichen Seen und Kanäle zum Bötchen fahren.

Überall erklingt Vogelgezwitscher, wobei das so laut, gleichmäßig und herrlich tropisch ist, dass in mir schnell der Verdacht aufkeimt, hier sei mit Lautsprechertechnik der Natur in der Großstadt auf die Sprünge geholfen worden. Aber was kümmert’s mich, tut das Geschnatter doch seinen Teil dazu, dass ich so langsam in der subtropischen Hitze ankomme und mich an den Gedanken gewöhnen kann, jetzt in China zu sein. Mir doch egal, wenn ich keinen einzigen Vogel sehe.

So spaziere ich mehrere Stunden durch die Anlage, an der man sich nicht satt sehen kann, wobei mich der schwere Rucksack schon etwas drückt. Lieber mal eine kurze Rast. Moment, was will denn der Chinese von mir? Ich soll ein Foto von ihm mit seiner Freundin machen? Ha, falsch gedacht! Seine Freundin soll ein Foto machen, wie er mit mir posiert!

Ich bin erst mal verblüfft, aber natürlich gerne dazu bereit. Ich habe ja auch schon seit einiger Zeit kein westliches Gesicht mehr gesehen – da sichert er sich gerne mal ein Erinnerungsfoto mit meiner langen Nase*. Das wird mir übrigens noch öfter passieren, dass Leute sich mit mir Fotografieren lassen wollen, 24 Stunden später wundert es mich schon nicht mehr!

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Was ich wiederum bewundere ist die Sun Zhongshan Memorial Hall, die sich ganz in der Nähe zwischen die Hochhäuser duckt. Das hölzerne Gebäude ist dermaßen typisch chinesisch, dass ich erst glaube, sie sei auch nur für den schönen Schein und den Tourismus aufgebaut worden, ähnlich wie das Vogelgezwitscher im Park. Aber nee, sie ist schon reichlich alt, und bildet nun einen wunderbaren Kontrast zum modernen Guangzhou, das ringsum vor sich hin tost.

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So oder so bin ich nun wieder im Reinen mit mir und China und kann mich auf den Rückweg zum Bahnhof machen. Unterwegs überlege ich, wenn Calvin Klein ein Parfüm „Guangzhou“ kreieren würde, dass es wohl vor allem aus Dieselabgas bestünde, mit dem Geruch der glimmenden Kohle aus den fahrenden Garküchen in der Kopfnote und einem gelegentlichen Spritzer öffentliche Latrine. Wird wohl kein Renner werden. À propos Garküchen, am Bahnhof kaufe ich mir auch noch so eine Art Wrap mit Salatfüllung und zwei Mal so eine Art Fladenbrot für nachher im Zug. Beides sehr lecker, das Fladenbrot schmeckt fast wie Lahmacun.

Am Bahnhof angekommen, hat sich die Fantastrilliarde Menschen mittlerweile verzogen, sodass nur noch tausend vor mir anstehen. Endlich halte ich mein Ticket in den Händen, registriere erleichtert, dass ich ein unteres Bett habe, und bin bald auch durch die Kontrolle. Ganz recht, hier wird beim Check-In der Rucksack durchleuchtet und der Reisende abgetastet, bevor man in den Warteraum für Zug K952 darf. Wie im Flughafen hier, außer dass es keine Durchsagen auf Englisch gibt und die Leute im Warteraum rauchen – am liebsten unter dem „No smoking“-Schild.

Die Fahrt im Nachtzug ist sehr angenehm, zumal ich ja auch entsprechend k.o. bin. Zunächst habe ich noch ein nettes Gespräch mit meinen Nachbarn von obendrüber und gegenüber, einem Landvermesser aus Guangzhou und einer Außenhandelskauffrau aus Guilin, und dann kuschle ich mich an den Rucksack und bin weg.

Mein erster Blick am nächsten Morgen fällt auf die Berge von Guilin. Atemberaubend. Der zweite auf den Bahnhofsvorplatz der Stadt. Ebenfalls atemberaubend. Alle hatten mir immer erzählt, Guilin sei eine Kleinstadt!? Hier ist aber alles voller Hochhäuser! Später lese ich, dass die Stadt immerhin doch circa 500.000 Einwohner hat. Nach chinesischem Ermessen durchaus noch eine Kleinstadt…

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Auch hier wieder ein Stadtbummel. Aus einem See wachsen die beiden Zwillings-Pagoden, gegenüber kann man für ein unverschämtes Eintrittsgeld den Elefantenrüsselberg, eine Felsformation fotografieren. Rentner machen unter Anleitung einer drahtigen Tanzgruppe Frühsport im Park, außerdem überall winzige Geschäfte, kartenspielende Alte, bummelnde Junge und gigantische Felder parkender Mofas.

Unvermittelt gerate ich in eine katholische Kirche, wo gerade die Sonntagsmesse gelesen wird. Das gibt es in China ja auch nicht so oft. Die Gemeinde schnarrt irgendeinen Psalm auf Chinesisch, und mit mir am Eingangstor steht eine Gruppe Kinder, die gleich irgendetwas zum Altar tragen sollen, und an deren Kleidern eine chinesische Nonne die ganze Zeit zupft. Sie scheint aufgeregter zu sein als die Jungs.

An einem großen See mit Pagoden und steinernen Bogenbrücken spricht mich Liu an, der hier studiert. Wir reden über Deutschland und China und die Unterschiede, dann zeigt er mir das Gebäude seiner Universität, immerhin ein alter Prinzenpalast. Ohne ihn hätte ich mich sicher auch nicht getraut, mit dem knallvollen Doppeldeckerbus wieder zum Bahnhof zu fahren (Städtische Busse kosten einen Yuan, egal wie weit man fährt. Außer sie sind klimatisiert, dann kosten sie zwei Yuan. Immer noch ein fairer Preis.). Und dann besteigen wir gemeinsam den Überlandbus, den er nach einer Viertelstunde wieder verlässt, wogegen ich bis zur Endhaltestelle sitzen bleibe. Willkommen in Yangshuo.

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Dann nix wie schnell die Sprachschule suchen, mein Appartement beziehen, den Schweiß und Staub abduschen, und dann hinlegen und kurz die tosende Welt um mich herum ignorieren. Die Stadt scheint spannend zu sein, die Landschaft ist atemberaubend, aber mein Rucksack war schwer und meine Reise lang – ich verlasse das Bett heute sicher nicht mehr.

来 – Ankommen

Der Flug war unspektakulär, was ja eigentlich eine positive Nachricht ist. Die Sitze waren erwartungsgemäß nach einigen Stunden nicht mehr zu ertragen, das Essen im Flugzeug natürlich in zu kleinen Portionen für meinen Appetit (aber durchaus lecker), und ich habe viel gelesen, denn meine Sitznachbarn waren erst ein Russe und dann ein Weißrusse – mit keinem konnte ich ein Wort wechseln. Der Moskauer Flughafen ist irrsinnig groß (der von Guangzhou aber auch), außerdem gab es im russischen Flieger lecker Kascha zum Frühstück, und alles andere hab ich versucht, zu verpennen.

Dann werde ich wach, sehe unter mir das karge rote Bergland von Qinghai und weiß: ich bin über China. In meinem Bauch kribbelt es, und das ist nicht nur der Hunger (gibt ja gleich Kascha). Als wir langsam über der Provinz Guangdong ankommen, verändert sich die Landschaft unter mir radikal: die Berge sind nun plötzlich von Autobahnen zerfurcht, in allen Tälern haben sich die Städte ausgedehnt, und in Richtung des Perlflussdeltas wird das Land dann auch irgendwann flacher.

Guangzhou erschlägt mich gleich mehrere Mal. Der irrsinnig riesige Flughafen ist da noch das Geringste. Auch die Passkontrolle geht sehr schnell vonstatten, mein Rucksack fährt auch gleich vorbei, und zack! stehe ich draußen in der subtropischen Hitze. Zig „hilfreiche“ Menschen kommen gleich auf mich zugestürmt („Taxi!“, „Taxi!“), daran gewöhne ich mich aber schnell. Erst mal ein ruhiges Fleckchen suchen, meine beiden Rucksäcke zusammenwerfen, und dann mache ich mich im Einkaufspalast des Flughafens auf die Suche nach einem Geldautomaten. Der wirft dann aber nur 100-Yuan-Scheine aus, weshalb ich noch ein Eis essen muss, um mit dem Wechselgeld meine U-Bahn-Karte bezahlen zu können. Die Fahrt mit der U-Bahn in die Stadt geht recht flott, dafür dass der Flughafen 28 Kilometer außerhalb liegt, einmal umsteigen, alles auch schön in Englisch ausgeschildert, also null Problem. Guangzhou (dem einen oder anderen vielleicht noch als Kanton bekannt) ist eine wichtige Messestadt und daher auf internationales Publikum eingerichtet. Was nicht heißt, dass hier in der U-Bahn noch westliche Gesichter zu sehen wären.

Ich klettere die Stufen zum Bahnhofsplatz hinauf und bin schon wieder erschlagen. Nicht mehr nur von der Hitze, sondern von allem von dem Gedränge. Alles ist bunt, laut und blinkt, und ich stehe mittendrin mit meinem viel zu schweren Rucksack und weiß nicht, wohin ich schauen soll.

Eigentlich muss ich mein reserviertes Zugticket abholen gehen, aber dann sehe ich die Schlagen am Einlass für den Bahnhof. Ist hier gerade Rush-Hour oder sieht das immer so aus? Guangzhou hat wohl so 12 Millionen Einwohner, das Ballungsgebiet an die 30 Millionen, und wie es aussieht, wollen die gerade alle in den Bahnhof. Mir es es jedenfalls gerade erst mal zu viel, ich laufe weg vom Bahnhof, durch das Gedränge der mobilen Garküchen und der Schreihälse („Taxi!“, „To Airport?“) und will in den nächsten Park, um erst mal anzukommen.

Was hält mich auf? Der Verkehr! Die Straße, die ich überqueren muss, ist siebenspurig und hat noch ein zweites Stockwerk obendrauf. Ich laufe erst mal ein Stück daran entlang, bis ich endlich an der nächsten großen Kreuzung (dreistöckig) so eine Art Fußgängerampel entdecke. Der Verkehr ist aber ein einziges Chaos. Busse, Autos, Taxis, und dazwischen unzählige Motorbikes. Vor allem letztere fahren gerne mal kreuz und quer, ignorieren rote Ampel oder Spuren, fahren gerne auch mal gegen den Verkehr, wenn’s schneller geht – den Verkehrspolizisten scheint’s egal zu sein – und so dauert es einige Zeit, bis ich über die Straße geschafft habe.

Ich bin endgültig erschlagen. Ich wusste ja, dass in dieser Megastadt erst mal eine Flut von Eindrücken auf mich zu stürzen würde – Schilder, Gerüche, Menschenmassen, Lärm, Verkehr, Plakate, Geschrei, Hochhäuser, all das – aber auf so viel davon auf einmal war ich dann doch nicht vorbereitet. Wie denn auch, die letzte Stadt, in der ich gewesen bin, war Mainz (und so gern ich Mainz mag, mit Guangzhou ist es nicht vergleichbar). Also schnell in den Park, um dem ganzen kurz zu entkommen, und vielleicht erst mal anzukommen…

Pest und Colabier

„Jó napot kívánok“ ruft es heute morgen außerhalb des Zeltes. Der Sonnenblumenbauer ist doch noch bekommen, um halb sieben in der Frühe. Er spricht aber wohl kein Arabisch, auch kein Englisch, und von seinem Ungarisch verstehe ich nicht viel mehr als „nem kemping“ – aber das wusste ich ja auch vorher schon. Er scheint aber eher belustigt als verärgert, ruft sogar noch seine Frau aus dem Auto, damit sie den schlaftrunkenen Radfahrer bestaunen kann, und wünscht mir noch eine schöne Tour.
Jetzt bin ich ja sowieso wach, also packe ich zusammen, betrachte noch die Sonne über dem Sonnenblumenfeld, die auch so früh schon ganz schön sticht, frühstücke die letzten slowakischen Aprikosen (yeah, eine ganze Tüte voll in nur eineinhalb Tagen!) und mache mich auf den Weg.
Es geht über die Felder der Szentendrei Sziget, dann über die Brücke und schließlich an der ungemütlichen Hauptstraße entlang nach Szentendre, wo ich als zweites Frühstück einen Kaffee und ein Blaubeermuffin auftreibe. Beides zusammen 400 Forint, also eins dreißig, ich bin immer wieder erstaunt, wie billig hier gerade die Backwaren sind.
Szentendre ist schön, kann man gar nicht anders sagen. Ich weiß zwar nicht, wer irgendwann mal der Meinung war, eine schöne Stadt müsse unbedingt mit Kopfsteinpflaster ausgestattet sein, aber auch das Gehoppel durch die Gassen, bergauf begab, die hohe Dichte an Souvenirläden und die nervigen Reisegruppen können den Charme der Stadt nicht brechen. Glück gehabt.
Mit dem Ungarischen komme ich auch immer besser klar. Also nicht, dass ich einen korrekten Satz zustande brächte, aber statt einem Buch mit sieben Siegeln ist es vielleicht nur noch eines mit fünf. Oder sechs. Jedenfalls kann ich ab und zu die Aufschriften entziffern oder mal etwas Gesprochenes verstehen, immer wieder ein Erfolgserlebnis.
Auf nach Budapest, nur noch zwanzig Kilometer bis in die Hauptstadt. Der Verkehr nimmt merklich zu, der Radweg ist mal direkt am Ufer und gut ausgebaut, mal an Hauptstraßen entlang und plötzlich weg. Aber etwas Angstschweiß später stehe ich doch vor der Árpád-Brücke und suche gemeinsam mit zwei Italienern die Fahrrad-Rampe. Auch das ist gar nicht so einfach, aber schließlich schaffe ich es sich auf die Margit Sziget, die Margareteninsel mitten in der Donau, die im Herzen der Stadt liegt und ein einziger großer Park ist – beinahe wie der Prater in Wien.
Erst mal Mittagessen, etwas in der Sonne herumliegen und faulenzen – „lopja a napot“ nennt man das auf Ungarisch, frei übersetzt „dem lieben Gott den Tag stehlen“. Ich brutzle also in der heißen ungarischen Mittagssonne (man lernt ja nicht aus seinen Fehlern, jedenfalls nicht in Sommer- und Reisestimmung), schau mir schon mal die nächsten Kartenblätter an (bin nun schon einen ganzen Reiseführer abgefahren, 27 angebliche „Tagestouren“ in einer guten Woche), und immer wieder zwischendurch pauke ich ein paar ungarische Vokabeln oder schließe einfach mal die Augen und lasse mich von der Budapester Sommersonne auf kleiner Flamme gar kochen.
Aber ganzen Tag muss das ja auch wieder nicht, nicht nur wegen der Sonnenbrandgefahr, vor allem bin ich ja eigentlich im Herzen einer Metropole, von der man freilich hier im Park nichts bemerkt. Ich schau mir hier im Park noch die Wasserspiele und die Ruine der Franziskanerkirche an, dann erklimme ich die Brücke und – Zack! – ist sie wieder da, die Metropole. Ein Panoptikum öffnet sich, rechts Pest mit dem markanten Parlamentsgebäude, links Buda mit dem Burgberg. In der Mitte die breite Donau mit ihren Brücken und Schiffen. Ringsum brodelt die Stadt, Straßenbahnen läuten, Verkehr von Autos, Bussen, Fahrrädern und Fußgängern.

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Erst mal fahre ich das Budaer Ufer entlang und lasse die Stadt ein wenig auf mich wirken, dann erklimme ich schnaufend den Burgberg. Alles was ich schon mal über Kopfsteinpflaster gesagt hatte, gilt auch hier.
Oben findet sich nicht nur einfach eine Burg, sondern eine kleine Stadt über der großen. Es fahren Busse, es gibt Kirchen, Hotels, Läden und Massen von Touristen, außerdem den Präsidentenpalast, Botschaften, Befestigungsanlagen und allerlei alte und auf alt getrimmte Teile der Burganlage. Allein dieses Areal ist schon fast so groß wie die Altstadt von Bratislava im Ganzen war.
Was die Ungarn aber nun nicht so gerne hören werden: stilistisch changiert das ganze zwischen k.u.k. Protz und möchtegern-magyarischem Historismus, und man bedient sich gerne anderswo, es gibt Fiaker und Cevapcici und „nessun‘ dorma“. Soviel zur ungarischen Hochkultur, die von den Nachbarn immer kopiert würde, was? Ist ja auch egal, der Blick über die Stadt ist jedenfalls gigantisch. Und den japanischen Kreuzfahrtgruppen wird es auch egal sein.
Als ich gerade auf der Suche nach guten Fotomotiven bin und einen hübschen rot-grünen Briefkasten vor die Linse nehme, dreht sich hinter mir ein dicklicher Tourist zu seiner Frau um. „Siehste, det is ’ne jute Idee, so watt müsst‘ man ma‘ mehr fotografiern“, und knipst umgehend das gleiche Motiv. Der Fluch der deutschen Staatsbürgerschaft: nirgends ist man vor Landsleuten sicher…
Halsbrecherische Fahrt wieder hinab zum Fluss, dann über die berühmte Kettenbrücke in die andere Stadthälfte, Pest. Jaja, wie die Krankheit mit den Ratten. Aber gesprochen „päscht“.
Hier finde ich endlich Wifi und kümmere mich um meine Schlafgelegenheit. Zsuzsi hat leider in letzter Sekunde abgesagt, Brandon meldet sich nicht, von Pėter hör ich auch nix mehr. Also vier Alternativen: nachts im Park verhaftet werden. Irgendwo außerhalb einen Campingplatz suchen. Weiterfahren in die ungarische Provinz. Alles nicht so verlockend, erst recht nicht im Vergleich zur vierten Möglichkeit: ich gönne mir mal ein Hostel, nah am Zentrum mit Bett und Dusche, und nähere mich mal wieder der Zivilisation. Also residiere ich nun im Broadway Hostel in Pest, von wo aus ich noch prima einen abendlichen Spaziergang starten kann.
In Wien hatte ich es leider versäumt, mich um ein Stück Sachertorte oder ähnliches zu kümmern (und aus Wiener Schnitzel mache ich mir ja bekanntlich nichts). Macht auch nix. Aber aus Ungarn abreisen, ohne ein Lángos gegessen zu haben? Undenkbar. Schließlich bin ich ja schon der größte Fan des Lángos-Manns, der in der Weihnachtszeit auf dem Trierer Domfreihof steht. Ein Lángos wird also an der nahen Metrostation mein Abendessen. Fettig ohne Ende, aber mit Knoblauch und Sauerrahm ein Traum, und um Kalorien brauche ich mir im Moment sicherlich keine Sorgen zu machen, ich bin ja gerade mitten in der unfreiwilligen Brigitte-Osteuropa-Diät und habe bestimmt schon ein paar Kilo zwischen Passau und Budapest gelassen.
Als ich mit meinem Lángos an die Donau komme, funkelt sie noch immer. Nun aber nicht mehr wegen der Sonne, sondern weil die Stadt erleuchtet ist. Auf der anderen Seite prangt Buda wie eine ganze schimmernde Galaxie, auch die Brücken, die Schiffe, die Kirchen und Paläste, sie leuchten. Ich komme gar nicht mehr heraus aus dem Fotos schießen. Vor allem das Parlament ist im angeleuchteten Zustand noch viel dominanter als tagsüber. Dagegen wirkt der Kollege in Westminster fast minimalistisch – und der Bundestag wie eine schmucklose Fertigteil-Garage. Sicherlich ein bisschen too much, aber auf seine Weise schon beeindruckend.
Der Lángos liegt mir noch immer schwer im Magen, wer zu Sodbrennen neigt, sollte so etwas auch nicht zu oft essen. Ich bekomme Lust auf ein Colabier. Aber im Nonstop-Supermarkt muss ich feststellen, dass Alkohol nur bis 22 Uhr verkauft werden darf. Ich trinke zur Überbrückung einen unfassbar intensiv schmeckenden Eistee (nur natürliche Aromen? Wer’s glaubt!) und laufe den letzten Schlenker, wieder herüber nach Pest, in die Gegend, in der mein Hostel liegt. Die Kneipe auf der Ecke heißt „Sandokan Lisboa“, kein typisch ungarischer Name, aber hier bekomme ich dann doch noch das ersehnte Colabier.
Nem probléma. Alles super. Nur das ungarische Wort für Prost kann ich mir nicht merken. Egészségedre! Wer denkt sich nur sowas aus?