Beach, Berge, Babylon

Als ich heute morgen wach werde, ist es in Pėters Appartement schon fast wieder unerträglich heiß. Was liegt also näher, als ans Wasser zu flüchten? Wir schwingen uns also auf die Fahrräder, kaufen unterwegs noch etwas zum frühstücken (Kaffeestückchen für mich, Energydrink für Pėter, wie üblich), und ab gehts an den Strand. Und das ist kein Witz. Györ wird von zahlreichen Flüssen, Flussarmen, Altarmen und so weiter durchzogen, die oft von Parks gesäumt sind. Aber an einer Stelle an der Mosoni Duna gibt es tatsächlich auch einen traumhaften Sandstrand, den „Golden Beach“. Hier lassen wir uns auf Liegestühlen in der Sonne nieder und geben uns dem süßen Nichtstun hin. Das Wetter und der Strand könnten auch in Ibiza sein, aber nein, ich bin immer noch in Ungarn. Strand heißt übrigens „strand“ auf ungarisch, eine der wenigen Vokabeln, die ich mir merken kann. Aber es wird.
Hier an der Mosoni Duna hat übrigens die australische Drachenboot-Nationalmannschaft ihr Trainingslager und bereitet sich auf den World Cup nächste Woche in Szeged vor. Ich wusste nicht, dass es sowas gibt, aber jetzt springen hier dreihundert Leute in gelb-grünen Trikots herum und trommeln und paddeln. Die WM- Favoriten sind aber wohl die Kanadier, verrät einer der Paddler, aber der australische Nationaltrainer sei Ukrainer und eine ziemliche Größe der Szene. Jetzt fährt er jedenfalls im Motorboot herum und brüllt Anweisungen.
Irgendwann ist es in der Sonne auch nicht mehr auszuhalten, deshalb trinken wir erst eine Erdbeer-Limonade (irre!) und springen dann doch noch in den Fluss. Der ist vom Hochwasser noch sehr schlammig, aber wenigstens erfrischend.
Zurück gehts es durch die sehenswerte Altstadt von Györ, aber irgendwann muss Pėter sich doch wieder seiner Freundin widmen –  und ich mich meinem Radweg.
Der meint es erst mal nicht so gut mit mir. Den richtigen Ausgang aus Györ zu finden, ist gar nicht so einfach, und dann endet det ausgebaute Seitenstreifen auch einfach mal im nächsten Ort. Aber was hilft es, muss ich eben an Straßenrand weiterfahren, auch wenn das nicht erlaubt ist. Sicherheitshalber ziehe ich die Warnweste an, die ich für solche Zwecke mitgenommen hatte, denn überrollt am Rand einer ungarischen Überlandstraße liegen zu bleiben Watt ja nicht das Ziel der Reise. Die Donau zeigt sich erst mal nicht, stattdessen Felder, Haine, Industrie und sehr schnell überholende Autos. Außerdem ist es heiß, ich bin längst durchgeschwitzt, und zu allem Überfluss geht es auch noch bergauf. Berge? Naja, vielleicht eher Hügel. Aber jedenfalls die ersten seit Wien und an diesem heißen Tag genug, um mich außer Puste zu bringen. Singen hilft auch hier wieder, außerdem versuche ich immer wieder, laut auf ungarisch bis zehn zu zählen. Auch nicht gerade einfach.
Im einzigen Dorf unterwegs hätte ich mir gern eine Cola gekauft, aber leider ist der Dorfladen schon zu. Ein Mann hat gesehen, wie ich vor verschlossener Tür stehe, steigt aus seinem Auto aus und will mir Beistand leisten – auch wenn wir keine Sprache finden, die wir beide können. Nur mit Mühe kann ich ihn davon abhalten, mir sein belegtes Brötchen zu schenken, erst als er erfährt, dass ich noch nach Komárom will, gibt er sich zufrieden. Da gehe es immerhin einen „Nonstop-Tesco“. Überhaupt sind die Öffnungszeiten in Ungarn wohl sehr liberal, in Györ hatte jeder Laden Montag bis Sonntag von 7 bis 21 Uhr offen. Das ist schon bemerkenswert, noch bemerkenswerter ist aber die ungarische Gastfreundschaft, die berühmte. Hut ab!
Kurz vor Komárom treffe ich erst den ausgeschilderten Donauradweg und bald auch die Donau wieder. Die Stadt an sich ist gar nicht so schön wie erwartet, jedenfalls wenn man nicht auf betonierte Einkaufszeilen und Festungsbau steht, aber zum Glück handelt es sich ja um eine Doppelstadt. Die Schwester Komárno liegt auf der slowakischen Seite der Donau, wird aber hauptsächlich von Angehörigen der ungarischen Minderheit bewohnt und ist um einiges hübscher.
Einer Eingebung folgend überquere ich doch die Grenze, und bin ungeplant wieder in der Slowakei. Komárno ist wirklich hübsch, mit alten Kirchen, gut gelaunten Menschen in den Straßencafés und einem von Platanen umsäumten Platz. Dort lasse ich mich erst mal nieder. In irgendeiner Kneipe singt jemand „Halleluja“ von Leonard Cohen, und damit ist die friedliche Stimmung wohl auch schon am besten beschrieben.
Weiter geht es auf dem Dammweg, immer weiter ostwärts. Allmählich wird es dunkler und Wasser brauche ich auch noch. Also kein Trödeln mehr, in die Pedale gehauen. Im nächsten Dorf frage ich einen alten Mann, der auf einer Bank vor seinem Haus sitzt, nach Wasser. Seine Frau kommt auch noch dazu, und auch wenn ich nur drei Wörter Slowakisch und sie nur drei Wörter Deutsch spricht, schaffen wir es irgendwie noch, zu schnacken. Die babylonische Sprachverwirrung in meinen Kopf wird immer schlimmer, ich grüße ja wieder mit „dobry vecer“ und werfe auch sonst allerhand zusammen. Aber irgendwie verständigt man sich ja doch immer. Außerdem bekomme ich noch von den reifen Aprikosen geschenkt, die der Baum im Hof in Fülle trägt. Aber nicht nur ein paar, sondern gleich eine ganze Tüte voll, ich weiß noch nicht, wie ich die alle essen soll. Ist das nun die slowakische Gastfreundschaft? Ich weiß es nicht, aber fest steht, dass ich bisher nur enorm nette Menschen getroffen habe.
Die Fahrt über den Dammweg ist wunderschön. Die Berge im Hintergrund leuchten blau, der Sonnenuntergang auf der anderen Seite in kräftigem Rot. Die Donau plätschert dahin, ein Storch fliegt auf, und die Bäume blühen so weiß, dass es aussieht, als hätten sie ihr Hochzeitskleid angelegt.
An einem rekonstruiertem Römerlager finde ich nicht nur ein Plätzchen zum Schlafen, sondern unter dem perfekten Unterstand auch ein ungarisches Pärchen, das ebenfalls auf größerer Radtour ist. Sie haben tatsächlich Hängematten dabei, in denen sie sich nun von den Strapazen der ungarischen Berge erholen. Außerdem versorgen sie mich mit Mückenschutz, was hier überlebenswichtig ist, und dann plaudern wir noch recht lange, der Sprachverwirrung trotzend, über Gott und die Welt, über Europa und seine Geschichte, die schwierige deutsche Sprache und die alte ungarische Schrift und vieles weitere, und schließlich sehen wir uns noch die Sternbilder und den Vollmond an.
Als ich in Passau war, da stand der Mond erst halb am Firmament. Immer mehr habe ich erlebt, und der Mond hat jeden Abend etwas zugenommen. Aber ich hoffe, dass meine Reise ihren Zenit noch lange nicht überschritten hat, sondern ich noch viele Tage erlebe, die auch schön sind wie der heutige – und wenn ich wieder daheim bin, ist ein ganzer Monat vergangen und der Mond wieder so zunehmend wie in Passau.

Werbeanzeigen

An der schönen blauen Donau

Bei Katharina darf ich erst noch ihrem Oboenquartett beim Proben zuhören, aber irgendwann musste ich mich doch losreißen. Mit Johann Christoph Bachs Oboenquartett in B-Dur in den Ohren fahre ich noch einmal quer durch Passau und schließlich aus der Stadt heraus, zum ersten Mal auf den Donauradweg.

IMGP1335Die Orte fliegen vorbei. Zwischendurch decke ich mich noch mit Brot und Bananen ein, und bald schon überquere ich die österreichische Grenze. Damit geht gefühlt das Abenteuer los, obwohl sich eigentlich nichts ändert. Die bergige Landschaft bleibt die gleiche, die Donau sowieso, und auch der Dialekt war noch ähnlich unverständlich. Hatte ich mir vor der Abreise wirklich Sorgen wegen des Ungarischen gemacht? Manchmal kommt mir Österreichisch genauso unverständlich vor. Was freu ich mich auf die Slowakei, da kann ich wenigstens guten Gewissens englisch reden.

image

Erst mal mit der Radfähre übersetzen – der gut gelaunte Fährmann erzählt vom Hochwasser, wie viele hier, ich verstehe aber nicht viel. Dann ein paar Scheiben Brot am Ufer – hier sagt man wohl Jause dazu – und weiter gehts.
Hinter Aschach öffnet sich das enge Tal zu einer weiten Ebene, nur mit Schlafplätzen sieht es schlecht aus. Also fülle ich an einem Friedhof noch meine Flaschen auf und trete wohl oder übel noch etwas in die Pedale. Bis Linz wollte ich ja heute nun wirklich nicht mehr. Aber hey, warum verläuft mein Radweg eigentlich plötzlich neben einer fünfspurigen Ausfallstraße?
Gut, dann also doch Linz, denn neben der Bundesstraße möchte ich mein Zelt nun doch nicht aufschlagen. Einmal quer durch die Stadt, die abends bunt leuchtet, und kurz hinter Linz finde ich im letzten Tageslicht endlich doch noch einen Campingplatz. Schnell das Zelt aufgebaut, alle Sachen einmal kontrolliert (fast alles heil, nur das Rei in der Tube wollte nicht in selbiger bleiben), und dann Fälle ich gerade doch recht müde nach einem Nachmittag mit knapp hundert Kilometern in den Schlafsack. Nacht auch.

Schwäb’sche Eise’bahne und Passau

So eine Zugfahrt ist zwar lustig, aber nur die ersten paar Stunden. Heut morgen in Saarlouis gestartet, dann Neustadt, Karlsruhe, Stuttgart, Ulm und schließlich München. Die ersten drei Fahrten habe ich sehr lustige Gesellschaft von drei heimischen Radlern, die dann aber leider zum Neckarradweg abbiegen, die schwäbische Alb verschlafe ich erst mal komplett. In Ulm kann ich einen Blick aufs Münster erhaschen, und das Gefühl, schon mal an der Donau zu sein, ist auch eher beruhigend. Rund um Augsburg lese ich noch schnell meine Zeitung (die heut morgen aus München geliefert wurde, haha) und bestaune das hübsche Alpenvorland vor dem Zugfenster.
Dann endlich München. Die erste Metropole auf dem Weg, es braucht wohl auch etwas Übung, hier Fahrrad zu fahren. Dafür ist alles sehr lebhaft, sehr voll und ich verfluche meine viel zu vollen Satteltaschen. Quer über den Stachus, dann ab in die Altstadt. Die ist hart an der Grenze zwischen Einkaufszentrum und Disney Land, der Kaffeepreis sprengt auch meinen Finanzplan, und ein urbayerischer Zitherspieler zithert für die spanischen und japanischen Touristen urbayerische Weisen von Frank Sinatrasberger und Sepp Clayderman. Ich umradle schnell noch einmal die Frauenkirche und suche den Zug nach Passau. Das war ja schließlich auch nicht, was ich mit von dieser Tour erhofft habe.

Dann endlich Passau. Endlich ist gar kein Ausdruck! Aber was für eine Stadt!!! Donau und Inn rahmen hier eine Altstadt ein, die von manchen Regisseuren als zu perfekt oder zu malerisch abgelehnt worden wäre. Die Gassen sind brechend voll, und ich habe Mühe, mich mit meinem bepackten Rad zur Ortsspitze durchzuschlagen. Dort an der Innmündung besuchen wir zwei Reisegefährten grad mal noch ein Konzert der Sportfreunde Stiller, und dann geht es durch Altstadtgassen über Kopfsteinpflaster zu meiner Couch, die diese Nacht bei Katharina steht. Die ist ziemlich cool, und war vor allem auch so spontan, mich so kurzfristig noch aufzunehmen.
Morgens schlendern wir noch zum Dom, und dann noch ein wenig durch die Gassen der Altstadt. Das Summen der Trocknungsgeräte ist zwar noch allgegenwärtig, aber ebenso das enorme Zusammengehörigkeitsgefühl der Passauer. Gerade sitze ich auf dem toskanisch anmutenden Rathausplatz, und nur die Klänge der Blaskapelle und der Dialekt der Passanten erinnert mich daran, dass ich noch in Bayern bin.
Jetzt noch schnell zurück zu Katharinas Wohnung, mein Fahrrad holen, und dann ab nach Österreich!