Update aus Belgrad

Habe gerade wieder Internet, also schon mal diejenigen Berichte nachgetragen, die ich noch auf dem Tablet tippen konnte. Der Rest ist auf Papier geschrieben, entweder digitalisiere ich das beim Warten morgen, oder eben daheim.
In Kurzform: nach dem Eisernen Tor hatte ich einen bösen Tag mit verdammten vier (!) Plattfüßen. Der nächste Tag in Rumänien war dann umso besser. Hab es mit dem Fahrrad dann noch bis Vidin in Bulgarien geschafft, dann mit dem Zug weiter nach Sofia und im Nachtzug über den Balkan zurück nach Belgrad. Klingt abenteuerlich, war es wohl auch. Jetzt schau ich mir noch ein wenig die serbische Hauptstadt an, und morgen gehts schon heim. Wie lange war ich insgesamt unterwegs? Eine Woche? Ein Jahr? Ich kann es nicht mehr sagen.

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Rumänische Stippvisite

Längs der Donau, Tag 24, Kupuzište-Vidin.

Schnell den Rest Müsli in mich hinein schaufeln, und dann gehts weiter, immerhin soll es gleich nach so vielen Tagen in Serbien wieder über die Grenze gehen. Im nächsten Ort betrete ich den Tante-Emma-Laden, um etwas Verpflegung für den Tag in Rumänien zu besorgen (ich hatte nämlich nicht vor, mir auch noch Lei anzuschaffen), bemerke aber gleich, dass die Tante kein Brot hat. Also frage ich nach der nächsten Bäckerei, kaufe noch eine Tomate, und weil mir 19 Dinar als Gesamtsumme doch recht wenig vorkommt, lege ich an der Kasse aus Nettigkeit noch ein eingeschweißtes, bärchenförmiges Kinder-Apfelteilchen dazu, bevor ich mich in der Bäckerei mit richtigem Essen eindecke.
Auf verwunschenen, halb zugewucherten Pfaden geht es an der Donau entlang, bis ich endlich den enormen Damm Djerdap II erreiche, und damit auch die Grenze nach Rumänien.

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Sofort nachdem ich den Grenzübergang passiert habe, werden die Straßen schlechter, der Verkehr wird weniger, nur die Dichte der Pferdefuhrwerke steigt wieder. Darauf werden Melonen, kaputte Mofas und Kühlschränke transportiert. Bucklige Mütterchen mit Kopftuch und spindeldürre Ziegenhirten begegnen mir. Auf der Dorfstraße laufen Schweine, Kühe und Ziegen herum. Offenbar hat mir die Grenze nicht nur die Umstellung der Uhr um eine Stunde nach vorne eingebracht, sondern zugleich auch einen Zeitsprung zurück, zumindest diese etwas abgelegeneren Dörfer wirken im Vergleich mit meinem Heimatdorf wie eine Reise um achtzig oder hundert Jahre in die Vergangenheit. Nur gelegentlich brettert ein Mercedes über die Piste und zeigt mir für einige Sekunden das andere Gesicht Rumäniens.

IMGP2866Die Straße steigt nun aus dem Donautal auf eine Hügelkette herauf. Unten kann ich die Sümpfe und Auen sehen. In der anderen Richtung kann ich einmal einen Buschbrand bei seinem zerstörerischen Werk beobachten. Einen orthodoxen Friedhof betrete ich auf der Suche nach Wasser, in Österreich hatte das locker funktioniert, aber hier scheint Grabpflege nun wirklich nicht die größte Sorge der Menschen zu sein. Wo keine gesprungenen Steinplatten liegen, laufen die Ziegen über die Gräber und knabbern die Grashalme ab. Ich laufe ein wenig herum und mache Fotos. Da fällt mir auf, dass an einem der Gräber die schwere Steinplatte verschoben ist. Darunter nichts als Schwärze. Die Öffnung ist gerade so breit, dass ich gut hindurch passen würde…
Mit einem Mal fällt mir wieder ein, wofür Rumänien eigentlich bekannt ist. Und ich habe keinen Holzpflock, keine geweihten Silberkugeln, ja nicht einmal Knoblauch dabei! Es ist zwar hellichter Mittag, aber trotzdem gehe ich lieber außen herum zu meinem Fahrrad zurück. Man weiß ja nie…IMGP2862An einer Quelle lasse ich mich nieder und wasche einige meiner Kleider, damit ich eine Chance habe, in Zug und Flieger vielleicht nicht alle Mitreisenden vollzustinken – ein paar Kilometer weiter sehe ich dann eine Gruppe von (offenbar Roma-) Frauen, die ebenfalls an einer Quelle waschen. Aber nicht nur ein verschwitztes Fahrradtrikot, sondern Bettzeug, Gardinen etc. Für sie ist die  Wäscherei an der Quelle nicht Teil eines Abenteuer-Urlaubs, sondern Alltag!
Dafür ist die Sprachbarriere hier viel geringer als in Serbien. Rumänisch ist ja eine romanische Sprache, weshalb die Menschen oft italienisch oder französisch können. Auch auf der Suche nach Arbeit orientieren sie sich an romanisch-sprachigen Ländern – der Eine erzählt mir, er arbeite auf dem Bau in Nantes, der andere hat sich sein Auto in Mailand erarbeitet, und die Jungs in meinem Alter, mit denen ich mich lange unterhalte, verbringen auch nur ein paar Sommerwochen im Heimatdorf. Wie die Schilder ihrer dicken Autos erkennen lassen, sind sie sonst über ganz Frankreich und Belgien verstreut.
Man sieht schon, die Menschen sind hier überaus herzlich und schwatzen gerne etwas mit dem deutschen Touristen (so viele Touristen kommen sicherlich auch nicht hier her). Wenn ich über die Dorfstraßen fahre, muss ich ständig links und rechts grüßen und fühle mich fast wie her majesty auf Staatsbesuch. Kleine Omis klatschen in die Hände, wenn sie mich sehen, überall höre ich „țao“ und „salut“, die Jungen auf der Straße kratzen ihr bisschen Schulenglisch zusammen und wollen im Vorbeifahren mit mir abklatschen. Ist der Gedanke nicht unerträglich, dass diese fröhlichen Kinder in ein paar Jahren hier im rumänischen Bauerndorf keine Perspektive finden werden, dass die Meisten unter ihnen ihr Heil auch in der Emigration werden suchen müssen, dass sie vielleicht in zehn Jahren in meiner Heimat, dem reichen Westeuropa, für einen Billiglohn all die Tätigkeiten verrichten werden, für die ich mir zu schade bin?Immerhin, je weiter ich mich Richtung Süden von Dorf- auf Nationalstraßen vorarbeite, je weniger abgelegen von den Verkehrsströmen und den Städten die Siedlungen sind, desto weniger sticht die Armut ins Auge, desto einfacher scheint es für die Menschen zu sein, ein Auskommen zu finden, auch wenn natürlich auch Calafat an der bulgarischen Grenze keine Oase des Wohlstands ist.
Die Landschaft ist nicht gerade abwechslungsreich hier, die Nationalstraße schon gar nicht. Nur die Kilometersteine zählen beharrlich die Entfernung nach Calafat herab. Ich bin froh, als ich irgendwann den dortigen Grenzposten erreiche – nur muss ich doch sehr lange warten, bis mich einer der Grenzer entdeckt und den „biciclist“ an der Autoschlange vorbei durch den Zoll lotst. Mulțumesc dafür!

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So kann ich doch bald die krachneue, fast leere Donaubrücke und die ebenso unberührte Umgehungsstraße nach Vidin in Bulgarien benutzen. Die Stadt empfängt mich fast so, wie im Bulgarien-Stereotyp von Ryan und mir festgehalten: eine Kollektion maroder Plattenbauten, viel grau, viel Beton, nur die stämmigen Hammerwerferinnen suche ich vergebens. Außerdem ist es gar nicht so leicht, sich zu orientieren. Das knatschige Apfelbärchen, dass ich der serbischen Tante Emma heute Morgen aus Verlegenheit abgekauft habe, rettet mir nun das Leben, denn natürlich habe ich noch keine blanke Lewa in der Tasche.
Während ich mich wiederholt auf der endlosen Ringstraße verfahre, summe ich „Vidin start the fire“ – na großartig, die unheilige Mischung aus den ungarischen Ortsnamen-merk-Liedern und den serbischen Billy-Joel-Ohrwürmern. Irgendwann gelingt es mir aber doch, einen Geldautomaten zu finden, der meine Visa-Karte akzeptiert, und kann mich endlich mit Essen versorgen. Und weil es schon dunkel und noch immer unerträglich heiß ist, fahre ich nun nur noch ein Stückchen aus der statt heraus und schlage mich auf eine kleine Wiese zwischen Garagenhof und Umspannwerk. Das Abendessen besteht größtenteils aus einer großen Portion Reste, und dann falle ich sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

In Serbien aufgewacht, den Tag in Rumänien verbracht, in Bulgarien eingeschlafen. Allerlei Geschichten erlebt und erzählt bekommen. Preise in drei Währungen studiert, in drei Sprachen gegrüßt, mich des Weiteren auf englisch, französisch, italienisch unterhalten, und den Bericht nun in deutsch abgefasst. Den ganzen Tag kein Plattfuß! Dazu immer etwas zu essen, und wenn es ein Kinder-Apfelkuchen in Bärchenform war. So stelle ich mir doch einen guten Reisetag vor.
Die rumänische Jungsclique hatte aber doch Unrecht, als sie mir zig Mal versicherten, wieviel „courage“ ich doch haben müsse, eine solche Reise zu unternehmen. Es braucht nur ein einziges Mal Mut, und das ist der Moment, in dem man die eigene Haustür hinter sich zuzieht. Ist man einmal draußen in der Welt, läuft alles wie von alleine. Wie oft habe ich Glück gehabt, wie viele Zufälle haben mit geholfen auf dieser Reise! Gute Menschen und interessante Begegnungen findet man eh überall. Ist dies das Fazit, nach dem letzten richtigen Reisetag? Es wäre jedenfalls nicht das Schlechteste.

Nichts als Schluchten und Berge

Donautour, Tag 22, Golubac-Eisernes Tor.

Heute geht es also endlich durch das Eiserne Tor, jenes Durchbruchstal der Donau durch die Ausläufer der Karpaten, von dem immer wieder behauptet wird, es handle sich um den schönsten Teil der Strecke.

Aber zuvor habe ich in Golubac noch einige Besorgungen zu erledigen. Ich wechsle noch einmal Geld, ergatterte endlich eine Speicherkarte für meine Kamera, und packe meine Taschen voller Essen. So viele Bäckereien wie bisher wird es in den Schluchten des Balkans sicher nicht mehr geben.

Wenige Kilometer hinter Golubac passiert die Straße zunächst die gleichnamige mittelalterliche Festung, die dazu diente, den Schiffsverkehr auf der nun immer schmaler werdenden Donau zu kontrollieren. Ich hatte sie ja von weitem schon gesehen und kenne auch die Bilder, aber wenn man mitten drin steht, ist sie noch mal um einiges imposanter. Steil ragt der Berg auf, in den Gänge getrieben und dem Türme aufgesetzt wurden, wuchtige Außenmauern vermitteln einen wehrhaften Eindruck, nur zur Flussseite hin ist der Komplex offen – man wollte ja schließlich Zölle kassieren können.

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Dann wird das Tal immer schmaler, die Felsen ragen immer höher auf, die Straße gräbt sich immer wieder tief in den Berg ein oder muss durch Tunnel geführt werden. Alpen-Gefühle mitten auf dem Balkan. Dazu natürlich wieder die unvermeidliche Sonne, zahlreiche Steigungen und tausend Pausen, um die Szenerie zu fotografieren. Drüben auf der rumänischen Seite wirkt die Landschaft noch nicht ganz so schroff, es gibt kleine Dörfer und Weinberge. Rumänien – das klingt für mich immer noch so weit weg, dabei sehe ich dieses Land ja schon seit gestern jedes Mal, wenn ich über die linke Schulter nach hinten blicke. Wegen der Hitze gönne ich mir eineinhalb Stunden Pause am Museum des Steinzeit-Dorfes „Lepenski Vir“, döse in der Sonne, esse natürlich auch etwas, und nebenbei kann ich am öffentlichen Klo wenigstens ein bisschen mein Tablet wieder aufladen. Die in Stichworten auf Papier geschriebenen Reiseberichte der letzten Tage kann ich so vielleicht bald nachtragen.

Dann geht es hinab in die Schlucht des Flüsschens Boljetin, die tatsächlich beeindruckend ist. An einem heißen Sommertag wie heute ist zwar vom Fluss nichts zu sehen, aber offenbar hat er es doch geschafft, sich tief in die Felsen zu graben. Dabei treten die unterschiedlichen Schichten der Gesteine zu Tage, was die Formationen zu einer Art geologischem Freilichtmuseum macht.
Das Problem ist nur, dass ich jetzt fast auf Niveau der Donau herabgestiegen bin und als nächstes über eine Passstraße muss. Die nächsten Meter heißt es Serpentinen, Serpentinen, und ein gewaltiger Anstieg. Aber hilft ja alles nichts, kleinster Gang rein und ab gehts. Der Schweiß tropft nicht, er läuft. Noch dazu gibt es natürlich keinerlei Schatten, und die Sonne brennt nicht gerade schlecht. Das Thermometer der Apotheke im nächsten Ort behauptet, es seien runde 40 Grad, und ich bin gewillt, das zu glauben. Mein Fahrradtrikot habe ich natürlich längst ausgezogen, und somit trage ich nun, von unten nach oben, Sandalen, die Fahrradhosen, eine neonfarbene Warnweste und den Fahrradhelm. Die entgegenkommenden Fahrer vermuten wahrscheinlich, dass ich auf dem Weg zu einem Village-People-Konzert bin, aber mir soll es egal sein, ich kenne ja niemanden in den Karpaten.

Irgendwann ist der Pass erklommen, der Schweiß auf der folgenden Abfahrt wieder getrocknet, und ich kann mir im Tal ein Eis gönnen. Die Tunnel habe ich noch gar nicht erwähnt, aber nun treten sie gehäuft auf und werden immer länger – der Hauptgrund für meine Warnweste, denn beleuchtet sind sie natürlich nicht, und die Autos fahren hier keineswegs die erlaubten sechzig. Diejenigen, die am dichtesten an meinen Packtaschen vorbei zischen, haben alle italienische Nummernschilder, vermutlich handelt es sich aber eher um Auslands-Rumänen auf Heimatbesuch (durchaus korrekte Einschätzung, wie mir ein serbischer Grenzpolizist später bestätigt).

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Die rumänische Seite der Donau kommt mir ohnehin immer näher, denn der Strom wird immer schmaler, die Kalkfelsen immer höher, und irgendwann fahre ich schließlich in den Großen Kessel ein, vorne und hinten von einem Durchbruch flankiert, rechts und links steile Felswände. Bisher war die Landschaft hier schön – nun ist sie erhaben.

Die Donau hat sich hier tief ins Kalkgestein gefressen, auch die Straße hat kaum noch Platz, an der engsten Stelle ist der Fluss nur noch 90 Meter breit (vor der Schlucht waren es noch mehrere Kilometer). Sehr, sehr beeindruckend. Außerdem ändert sich die Landschaft alle hundert Meter, immer wieder bietet sich ein neues Bild, sodass man sich kaum sattsehen kann. Es folgt ein strammer Aufstieg, und während die Schatten bereits immer länger werden, sehe ich schon den Kleinen Kessel vor mir liegen, mit dem Kloster am anderen Ufer, wo gerade die Glocke die Gläubigen zum Abendgebet ruft.

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Während des folgenden Anstiegs fällt mir auf, dass mein vorderer Reifen schon wieder Luft verloren hat, also muss ich anhalten und ihn aufpumpen – eine schweißtreibende Angelegenheit. Am nächsten Parkplatz ein paar hundert Meter weiter oben halte ich an, um mich auszuruhen und noch etwas zu essen, und siehe da, er ist erneut platt. Also Planänderung: den Reifen bringe ich morgen früh in Ordnung. Die Sonne sinkt gerade hinter die Felswände des Kleinen Kessels, ich bleibe also für die Nacht hier auf dem Parkplatz hoch oben im Berg und fahre erst morgen im Hellen weiter. Alles andere wäre mir zu unsicher. Stattdessen gibt es Makkaroni mit Erbsen, und als eine nette rumänische Familie auf dem Weg nach Italien hier Station macht, bekomme ich noch Cola und Kaffee dazu geschenkt. Selbst die Grenzpolizei, die hier gelegentlich anhält, ist sehr nett und will nicht mal meinen Ausweis sehen.

Also liege ich auf dem kleinen Parkplatz hoch in der Felswand des Kleinen Kessels im Eisernen Tor. Es ist eine sternenklare Nacht, mal wieder, aber hier im Nichts der serbisch-rumänischen Grenze gibt es wirklich keinerlei störende Lichtquellen, und man sieht tausende kleine Lichtpunkte am Himmel, die sich zusammenballen zu Sternbildern, Galaxien, ganz deutlich auch zur Milchstraße, die sich quer über den ganzen Himmel zieht. Falls es da oben irgendwo Leben geben sollte – ich hoffe, denen geht es genauso gut wie mir gerade. Der einzige, der mich wirklich gerade beobachtet, ist das riesige Felsenbild des Königs Decebalus in der Felswand auf der anderen Seite des Kessels. Aber den wird meine Anwesenheit hier sicher nicht stören.