Kosaken he-he-hebet die Gläser!

Wie schon angedeutet, die Abreise aus Tschita war nicht ganz komplikationsfrei. Es gibt nicht nur keinen Direktflug von Tschita nach Chengdu (Überraschung!), auch einer mit einmal umsteigen ist nicht zu bekommen.

Nach durchfeierter Nacht macht mich Alex sehr früh morgens zum Glück darauf aufmerksam, dass das Taxi zum Flughafen schon auf uns wartet. Ewige Dankbarkeit sei dir gewiss! Ziemlich verballert und übernächtigt checke ich ein und versinke erst mal im Flugzeugsessel. Tu felix russia, wo ein Inlandsflug auch schon mal über sechs Stunden dauern und damit den Schlaf einer kompletten Nacht wettmachen kann!

Als ich wieder aufwache, bin ich in Europa. Zum ersten Mal seit Monaten, und auch nur für eine Stippvisite, aber immerhin. Vom Flughafen Domodedowo geht es in die Stadt, wo Flo schon eine alte Freundin organisiert hat, mit der wir uns treffen. Sie wohnt in Moskau und führt uns ein wenig durch die Stadt.

Moskau / Fremd und geheimnisvoll /
Türme aus rotem Gold / Kalt wie das Eis

Es ist immer wieder ein unwirkliches Gefühl, plötzlich persönlich vor Gebäuden und Landschaften zu stehen, die man schon hunderte Mal in Büchern, im Fernsehen und anderswo gesehen hat. Wir überqueren die Brücke der Moskwa, auf der noch immer Blumen und Fotos unter dem Schnee an den Politiker und Kreml-Kritiker Boris Nemzow erinnern, der hier vor acht Monaten erschossen wurde. Derweil tauchen sie vor uns auf: die Mauern des Kreml!

Moskau / Tor zur Vergangenheit /
Spiegel der Zarenzeit / Rot wie das Blut

Und es tatsächlich merkwürdig, das alles nun mit eigenen Augen zu sehen: der Rote Platz, der Kreml mit Palästen, Mauern und Türmen, die Basiliuskathedrale mit ihren berühmten bunten Kuppeln (die von nahem noch immer so irritierend und Disney-haft wirken wie auf Fotos), das Lenin-Mausoleum, dann schließlich das Kaufhaus GUM, in dem schon für Weihnachten dekoriert wird. Es ist, als hätte vor Jahren einmal ein Zar beschlossen „lasst doch mal alle bedeutenden Gebäude des Landes rund um einen Platz bauen, dann haben die Touristen der Zukunft weniger zu laufen in der Kälte“.

Wir aber laufen weiter, zunächst in ein gemütliches Restaurant im Hipster-Viertel Kitai Gorod, dann durch Parks und über Boulevards. Moskaus Innenstadt bedeckt, trotz der Konzentration der Hauptsehenswürdigkeiten, ein riesiges Gebiet, dessen größter Teil von altehrwürdigen Stadthäusern und netten Straßenzügen eingenommen wird.

Moskau, Moskau / Wirf die Gläser an die Wand /
Russland ist ein schönes Land / Ho ho ho ho ho, hey!

Irgendwann wird es spät, ich breche auf zum Flughafen Scheremetjewo, von wo mein später Flug nach China geht, zurück nach Asien. Aber ich habe den Tag in der größten Stadt Europas sehr genossen. Ab jetzt wieder Stäbchen!

 

Wer übrigens wissen möchte, wie sich Chinesen die russische Hauptstadt vorstellen, dem empfehle ich diesen Link zum Videoportal „Youku“, dessen Name völlig zufällig dem eines großen amerikanischen, in China leider gesperrten Videoportals ähnelt!

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Das schöne Ende der Welt

Tschita ist wirklich schön, das muss ich zugeben. Gegenüber des Bahnhofs empfangen uns die goldenen Kuppeln einer orthodoxen Kathedrale. Ein freundlicher Schnee verhüllt die schlimmsten Bausünden der Sowjetzeit. Dagegen steht Lenin strahlend auf dem zentralen Leninplatz, als hätte es die Perestroika nie gegeben.

Auch sonst macht die Hauptstadt der transbaikalischen Region einen lebendigen Eindruck. Wir werden gleich von hilfreichen Studenten umsorgt, das Hotel ist gut und besticht vor allem durch den Saunabereich, die Universität ist gastfreundlich und so arg überheizt, dass die minus zehn Grad draußen beinahe willkommen sind.

Es gibt natürlich ein großes Wiedersehen mit den anderen Bosch-Lektoren, die von ihren zig Standorten hierher angereist sind, und nach dem riesigen Empfangsdinner beginnt die Arbeit. Ich habe ja nicht zum Spaß diese große Reise auf mich genommen, im Gegenteil. Es folgt eine gute Woche voll mit Projektwerkstatt, Schulungen, Austausch, gemeinsamer Planung (unter anderem bezüglich unseres Bildungsprojekts in Wuhan, mehr dazu später), ein spannendes Seminar zu Fundraising, und sehr viel anderer Kleinkram. Am Ende des ganzen bin ich ebenso euphorisch wie erschlagen, eine spannendes Gefühl. Es fühlt sich an, wie auf der Couch zu liegen und grinsen zu wollen, aber zu müde dazu zu sein…

Natürlich ist die Woche auch nicht ausschließlich Arbeit, abends ist auch mal Zeit für ein Bier oder zwei (bei dem wir uns aber meistens weiter über die Arbeit unterhalten), und es gibt auch den grandiosen Ausflugs-Nachmittag. Hier haben meine Tschitaer Kollegin Frieda und ihre Studierenden grandioses auf die Beine gestellt. Zunächst besuchen wir den örtlichen Datsan, also ein buddhistisches Heiligtum. Anschließend gibt es mehrere örtliche Workshops zur lokalen Kultur, und ich habe gigantischen Spaß daran, den burjatischen Kehlkopfgesang zu lernen. Irgendwann tut zwar mein Hals weh, aber ich schaffe es wirklich, die Mantras in dieser eigentümlichen Stimmlage zu brummeln – und mein Zimmerkollege Peter und ich unterhalten uns noch eine ganze Weile weiter im Kehlkopfstyle.

Man erinnere sich, ich bin dienstags gleich nach dem Unterricht aufgebrochen und sonntags nachmittags erst in Tschita angekommen, und die Abreise wird ähnlich kompliziert – aber Tschita ist tatsächlich das schöne Ende der Welt!

Kilometer 6.023

Im Zug 008HA befinden sich schon acht Freunde von mir, Boschlektoren aus anderen Städten in Zentralasien oder China. Sie sind schon gestern in Irkutsk oder noch früher in Nowosibirsk zugestiegen. Aber es ist vier Uhr in der Nacht, an ein großes Wiedersehen ist nicht zu denken. Im Gegenteil, ich verkrieche mich gleich in meine Koje, ohne überhaupt das Licht anzuschalten, und schlafe noch eine Runde.

Aber dann endlich beginnt das Abenteuer Transsib so wirklich. Wir treffen uns im Gang vor den Abteiltüren und bestaunen erst einmal gemeinsam die Landschaft, die draußen vorbeizieht. Hügel, Tundra, Schnee so weit das Auge reicht. Der Zug legt sich in eine sanfte Kurve, ein gefrorener Fluss zieht vorbei. Dann wieder Ebenen, Hügel, ein paar Bäume, Schnee. Es dauert 30 Minuten, bis wir den ersten Menschen entdecken.

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Dann erst mal eine Runde in den Speisewagen, der noch den wunderbaren Charme der Sowjetzeit versprüht. Immerhin bekommen wir von den hilfreichen Damen in Plastikmützen unseren Kasha und Tee und verbringen erst einmal viel Zeit in diesem Teil des Zuges. Zurück in den Abteilen erwartet uns gleich noch ein zweites Frühstück, und während wir Standort-Anekdoten und Reisegeschichten austauschen, zieht draußen weiter Sibirien an uns vorbei. Ich habe die Kamera weiterhin griffbereit, aber sonderlich spektakulär ist die Landschaft eigentlich nicht, das Panorama ist wunderschön, hat sich aber auch nach hundert Kilometern noch nicht so arg verändert. Anzahl der Menschen draußen bisher: zwei.

Wir sitzen übrigens drinnen im T-Shirt in den Stockbetten. Während draußen alles grau, weiß, hellblau ist, werden die Abteile beheizt wie anderswo die Saunen. Also eine sehr gemütliche Reise, deshalb bin ich schon fast etwas traurig, als sich nachmittags draußen Tschita am Horizont abzeichnet, unser endgültiges Ziel. Schnell die Sachen zusammen raffen und ab in unsere warme Kleidung, gleich stehen wir wieder in Sibirien. Anzahl der Menschen draußen bisher: fünf.

Der Bahnhof von Tschita ist beinahe die einzige Berechtigung für die Existenz der Stadt, außer der Tatsache, dass sie früher ein wunderbares Ziel für Verbannungen darstellte. Er liegt schließlich weit von Moskau entfernt. Auf Kilometer 6.023 der Transsibirischen Eisenbahn.

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Sooo einen Kopf!

Als ich in Ulan-Ude aus dem mongolischen Zug steige, ist es bitterkalt und noch dunkel. Morgens sieben Uhr, ich stehe mitten in Sibirien und habe in der Nacht kaum geschlafen. Das Rattern des Zuges, die stundenlange Grenzkontrolle, die ständige Angst, meinen Ausstieg zu nachtschlafender Zeit zu verpassen.

Also verbringe ich erst einmal zwei Stunden im halb-wachen, halb-schlafenden Zustand in der Empfangshalle des Bahnhofs, dann erst durchschreite ich die Tür, die „Richtung Stadt“ verkündet.

Ulan-Ude ist die Hauptstadt der Teilrepublik Burjatien und eines der wenigen Zentren der Region jenseits des Baikalsees. Bis Moskau sind es von hier aus noch 4.400 Kilometer. Außerdem ist die Stadt gerade völlig vereist, und bei jedem Schritt werden meine Füße kälter. Ich wärme mich bei ohrenbetäubender russischer Popmusik im einzigen Café, das schon geöffnet hat. Es wirkt eher wie die russische Variante eines Diners, aber dafür kostet der Kaffee nur dreißig Cent, und ich kann einfach mal ein paar Seiten lesen.

Irgendwann geht mir die laute Musik doch auf die Nerven, und ich mache mich wieder auf in die Kälte. Sie schneidet mir schon nach wenigen Schritten wieder ins Gesicht, wie angenehm erscheint mir schon jetzt im Rückblick Ulaanbaatar. Gleich gegenüber des Cafés befindet sich das Wahrzeichen der Stadt – ein sieben Meter hoher Lenin-Kopf.

Stumm überblickt die größte Portraitbüste der Welt den Platz, auf dem gerade nicht viel los ist. Irgendwer hat ein paar Stofftiere zum Gedenken an die Opfer des Metrojet-Absturzes vor ein paar Tagen zu den Füßen des Revolutionsführers drapiert. Lenin schweigt auch dazu. Der Eiswind pfeift darüber. Wer hier unterwegs ist, beeilt sich, wieder ins Warme zu kommen. Ich schließe mich an, ein paar Kraftklub-Songs summend.

Mein Hotel entpuppt sich als erstes Haus am Platze. Das Zimmer ist okay und angenehm warm, ich lasse mir ein Bad ein und schaue einen Film, bevor ich wieder bereit für Entdeckungstouren bin. Dann führt mich ein ausgedehnter Spaziergang zunächst zum Theaterplatz, dann hinunter zum Ufer der beiden Flüsse Selenga und Uda.

Beide sind natürlich zugefroren, Eisangler laufen darauf herum. An den Iglu-Zelten erkennt man, wo sie ein Loch in den Panzer gehackt haben. Ein paar Kormorane, dazu am Horizont die Schornsteine der Industriekomplexe, die ungesund dicke Rauchwolken ausstoßen. Mehr bewegt sich nicht. Die winterliche Szenerie vor meinen Augen scheint ganz erstarrt zu sein. Dafür bietet die früh untergehende Sonne mit ihrem goldenen Glanz großartige Fotomotive.

Nicht erstarrt, aber ebenso fotogen ist auch die Siedlung aus Holzhäusern, durch die ich als nächstes laufe. Kinder spielen mit ihrem Schlitten, ein Jugendlicher holt Wasser am Dorfbrunnen. Der Wohlstand ist hier noch nicht groß, in dieser unwirtlichen Gegend, daran ändern auch die wenigen Industriekomplexe nichts. Sie sorgen allerdings für enorm schlechte Luft hier. Es wird außerdem immer dunkler und damit auch wieder kälter und kälter. Ich laufe noch ein wenig durch die Innenstadt, esse eine miserable Pizza und trinke lesen einen Milchkaffee in einem netten kleinen Café. Dann gehe ich früh zu Bett. Dort ist es warm, und außerdem muss ich am nächsten Morgen zu einer sehr unchristlichen Zeit am Bahnhof sein. Aber wer ein Ticket für die Transsib hat, beklagt sich darüber wirklich nicht!

Dieser Blick aus dem Fenster

Pünktlich finde ich mich auf dem Bahnhof von Ulaanbaatar ein, der ganz schön weit von der Innenstadt entfernt liegt. Leider bemerke ich das erst, als ich schon eine Zeit lang zwischen Ausfallstraße und Schienen marschiert bin – aber was soll’s, ich bin ja hier, weil ich das Abenteuer suche.

Das Abenteuer hört in diesem Fall auf den Namen „Transmongolische Eisenbahn“. Wessen Fernwehdrüse beim Klang dieses Namens nicht eine Ladung Endorphin ausschüttet, der sollte sich untersuchen lassen.

Ich jedenfalls bin voller Fernweh und voller Endorphin, schon seit ich vor ein paar Tagen von zwei zwielichtigen Herren das Ticket erworben habe. Nun klettere ich endlich an Bord jenes rot-blauen Zuges mit der verheißungsvollen Aufschrift Улаанбаатар – Москва. Ganz recht, Nonstop bis Moskau geht die Reise dieses Zuges.

Innen ist er deutlich moderner, als ich gedachte hatte. Die provodniza (die für den Waggon zuständige Schaffnerin) heißt mich freundlich auf Mongolisch willkommen. Die Abteile sind hoffnungslos überheizt. Dafür sind die Betten gemütlich, die Fenster nach draußen groß, und im Abteil begrüßt mich die Psychologiestudentin Shirley aus Sydney. Sie hat gerade ein paar Wochen Freiwilligenarbeit in der Mongolei absolviert und fährt nun den ganzen Weg bis Moskau mit, um von dort weiter nach Deutschland zu reisen. Kurz darauf stoßen noch Tina und Matt aus Amerika zu uns, die gerade zwei Jahre lang als Englischlehrer in Japan gearbeitet haben und nun entschlossen sind, weitestgehend auf dem Landweg nach Hause zurückzukehren. Wir mutmaßen, dass die Schaffner uns bewusst zusammen in ein Abteil gesteckt haben, wir scheinen jedenfalls die einzigen westlichen Touristen im Zug zu sein. Kurze Konversation, dann geht ein Ruck durch den Zug.

Wir fahren!

Langsam zieht das Bahnhofsgebäude von Ulaanbaatar vorbei, dann Industriebrachen und Jurtenslums – und ehe wir es uns versehen, sind wir schon draußen in der Steppe. Die Landschaft leert sich in enormen Tempo, während der Zug gemütlich dahin zieht. Wo eben noch Zäune und Jurten waren, sind schnell nur noch Wiesen und Hügel, ein paar Schneeflecken und Telegrafenmasten.

Ab und zu sind ein paar Pferde zu sehen, dann und wann eine Jurte. Einen Bahnhof bekommen wir kaum zu Gesicht, dafür ist die Gegend zu dünn besiedelt. Aber wenn, dann steht eine propere Stationsvorsteherin in ihrer schicken Uniform stramm und achtet darauf, dass der Zug korrekt vorbeifährt. Gehalten wird nicht, für wen auch?

Ab und zu flackert ein Gespräch zwischen uns auf, der Form halber halte ich auch ein Buch in den Händen, doch die meiste Zeit schaue ich einfach aus dem Fenster. Die karge Landschaft zieht mich völlig in ihren Bann. Die Leere und Unberührtheit, die beinahe völlige Abwesenheit menschlichen Lebens. Die Schneeflecken und die zugefrorenen Bäche und Flüsse. Die seltenen Ansiedlungen mit ihren Jurten und Hallen, Geländewagen und Pferdekoppeln. Die sanft geschwungenen Hügel und Täler. Wenn der Zug um eine langgestreckte Kurve fährt, versuche ich einen Blick auf die Lokomotive zu erhaschen. Den Rest der Zeit blicke ich stur nach draußen, meine Augen spielen mit den Telegrafenmasten und der Horizontlinie.

Umso mehr bedaure ich es, dass diese Linie langsam verschwimmt und die Dunkelheit über der Steppe hereinbricht. Immer weniger Konturen sind zu sehen, und bald herrscht hinter dem Fenster schwärzeste Nacht. Keine Lichter sind zu sehen. Wir teilen uns unsere mitgebrachten Vorräte, und irgendwann liege ich dann tatsächlich lesend auf meiner Pritsche. Die Hitze im Abteil macht es mir fast unmöglich, zu schlafen. Die Räder rattern auf den Schienen. Ich verfalle in einen Dämmerzustand, den ich auch während der stundenlangen Kontrolle an der russischen Grenze kaum verlasse.

Erst als ich am nächsten Morgen um sieben in der Frühe am Bahnhof von Ulan-Ude in der Kälte stehe, komme ich wieder zu mir. Ich bin um einen Stempel im Pass und um ein Abenteuer reicher. Und mit der Transsibirischen Eisenbahn wartet gleich das nächste!

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Wo bitte geht es hier nach Königsberg?

Auch wenn die Stadt seit bald siebzig Jahren Kaliningrad heißt und wie geschildert so russisch ist, wie man sie sich nur vorstellen kann – natürlich bin ich insbesondere dort gelandet, um das alte Königsberg zu suchen. Jene Stadt der Hanse und der Professoren, Hauptstadt von Ostpreußen, gegründet im Mittelalter durch den Deutschen Orden, die bis 1945 Deutschlands östlichste Großstadt war.

Und auch wenn die Sowjets die Stadt eher mit der Brechstange wiederaufgebaut haben, es gibt noch einige Überreste. Die geographische Form der Stadt ist noch wie vor fünfhundert Jahren, mit Schlossteich und Pregel und der Insel Kneiphof. Einige backsteinerne Stadttore stehen noch, einige alte Bastionen ebenso. Und auf dem Kneiphof haben sie in den neunziger Jahren den Dom mit dem Grab Immanuel Kants rekonstruiert. Das war es dann aber auch schon. Alles andere haben Krieg und Kreml gründlich beseitigt, die Überreste des Schlosses ließ Breschnew sprengen, um an seiner Stelle das hässlichste Gebäude der Welt zu erbauen. Das Haus des obersten Sowjets am Pregelufer sieht aus wie eine Mischung aus betonenen Jengasteinen und der sprechenden Puppe Furby, dominiert die Umgebung mit seiner brutalen Hässlichkeit und ist bis heute eine Bauruine, weil durch die Sprengung der Boden aufgelockert wurde und den vielen Beton nicht tragen kann. Spötter bezeichnen dies als Rache der Preußen.

Immerhin laufe ich einen Teil der alten Stadtbefestigung ab und besichtige den Dom mit einer Ausstellung über Kant (passt ja auch zu meiner Lektüre). Aber Begeisterung will nicht so recht aufkommen – die Ausstellung beschränkt sich auf einige Devotionalien, statt sich mit der bahnbrechenden Philosophie Kants auseinanderzusetzen, und unweit des Doms erhebt sich neuerdings das Fischerdorf, eine Touristenattraktion im Stil historisierenden Kitsches. Statt das echte Königsberg wiederaufzubauen, wird hier so ein Quatsch hingestellt, nicht originalgetreu rekonstruiert wie der Dom, sondern ein Phantasieprodukt ohne jede Substanz. Was für ein Unsinn.

Und so finde ich mich bald damit ab:  jenes alte Königsberg, die Hansestadt, die alte Stadt der Wissenschaften, des Handels und der Aufklärung ist verschwunden, existiert nicht mehr, ist auch nicht mehr wiederzubeleben. Der Festakt zum siebzigsten Jubiläum des Bombardements, für den Plakate auf dem Domplatz wegen, heißt passenderweise „Requiem“. Und in seiner Endgültigkeit ist dieser Begriff leider treffend.

Back In The USSR

Der Titel dieses Beitrags passt natürlich nur bedingt, ich bin gar nicht in der Sowjetunion. Eine Zeitmaschine ist immer noch nicht konstruiert worden, und so befinde ich mich natürlich im Russland des Jahres 2014, genauer gesagt in der Oblast Kaliningrad, einer russischen Exklave an der Ostsee zwischen Litauen und Polen.

Und doch wirkt mein Aufenthalt zumindest in Teilen wie eine Zeitreise. Einerseits wie eine Zeitreise zwei Wochen zurück, als ich schon einmal in Russland war. Hier bin ich zwar geographisch in Mitteleuropa, die Exklave fühlt sich aber an wie ihr weit entferntes Mutterland. Kein Zweifel, dieser Fleck Erde ist wieder voll und ganz russisch, auch wenn er wie eine Insel mitten in der EU liegt. Selbst mein Fahrer pflegt wieder den bekannten russischen Fahrstil, sobald wir die Grenzkontrolle hinter uns gelassen haben – zum Glück aber auch die bekannte Freundlichkeit gegenüber Trampern. Alle Aufschriften in kyrillischen Buchstaben, die Straßenbahnen in bemitleidenswertem Zustand, viele Geschäfte eher improvisiert wirkend, neben verrottenden Altbauten protzige Hochhäuser und tristeste Plattenbauten, alles ist wieder auf russisch gestellt. Dazu gehört aber auch die ungeheure Hilfsbereitschaft der Menschen, mein Fahrer lässt es sich zum Beispiel nicht nehmen, mich direkt vor dem Hostel abzusetzen.

Zweitens führt die Zeitreise etwa fünfzig Jahre zurück. Kaliningrad wurde im Weltkrieg völlig platt gemacht und dann in der Sowjetunion zu einer Art sozialistischer Musterstadt umgebaut. Breite Prospekte statt mittelalterlicher Gassen, viel viel Beton, oft sanierungsbedürftig, dazu gelegentlich ein roter Stern oder ein Heldendenkmal. Mitunter bin ich mir nicht sicher, welches Jahr wir schreiben. Beispielsweise brauche ich am zweiten Tag mit dem Obus fast eine Stunde, um die Innenstadt zu durchqueren, weil das Ding so unzuverlässig ist (weshalb ich beinahe meine Weiterreise verpasst hätte). Der Lunapark mit seinen in die Jahre gekommenen Fahrgeschäften wirkt dagegen eher rührend, wie aus der Zeit gefallen.

Und drittens übernachte ich in einem sehr netten Hostel, dem John Lennon Hostel. Auch deshalb ist der Titel dieses Beitrags angemessen, schon in den Tagen zuvor hatte ich öfter mal ein paar Beatles-Lieder gesummt, während ich mit ausgestrecktem Daumen an einer Landstraße stand. Hier fühle ich mich gleich wohl, die anderen Gäste sind sehr nett, die Sechzigerjahre wehen durch den Hostelflur, und wegen dieser Gesellschaft wäre ich möglicherweise sogar noch einen Tag länger geblieben, wäre die Stadt nicht so hässlich. Übrigens haben außer mir alle einen russischen Pass, Kaliningrad scheint kein Ziel für westliche Backpacker zu sein. Aber nach so vielen Tagen unter Deutschen, Italienern, Holländern und Australiern hat das durchaus auch seinen Reiz. Und auch wenn die deutsche Presse einen anderen Eindruck vermittelt: es gibt sie, die weltoffenen, etwas alternativ angehauchten Russen, die Peace-and-Love-Slawen, die russischen Epigonen der Beatniks. Denn ebenso wenig, wie alle Deutschen mit der Pickelhaube herum marschieren, sind alle Russen flegelhaft, schießwütig und großmannssüchtig. Bitte merken, Spiegel-online-Kommentatoren!

Tallinn

16. und 17. August: Der Abschied von Russland dauert, ich habe etwas Kopfweh und genieße noch den ersten richtigen Sonnenschein in Sankt Petersburg und fotografiere die Eremitage noch einmal ohne Wolken. Erst weit nach Mittag fahre ich mit dem Vorortzug nach Krasnoje Selo, ins schöne Dorf, und stelle mich erst mal unter, weil es wie aus Gießkannen regnet. Dann aber doch wieder mit dem Daumen an die Straße, und bald verlasse ich auch diesen Ausläufer von Sankt Petersburg. Die Straße Richtung Westen ist keineswegs eine Autobahn, wie ich zunächst dachte, sondern eher eine Landstraße und dementsprechend starker Verkehr herrscht.

Für den Grenzübertritt nehme ich dann aber doch wieder einen Bus, es ist ja auch schon etwas später geworden. Die Warterei an der Grenze dauert ewig, aber dann kann ich doch die Augen schließen und bin am nächsten Morgen früh um sechs in Tallinn. Zeit, mich im Wartesaal des Busbahnhofs nochmal etwas hinzulegen.

Irgendwann mache ich mich aber doch auf den Weg in die Innenstadt, die Straßenbahn fährt gerade nicht. Ich komme am Hafen vorbei und muss mich gleich wieder vor einem heftigen Regenschauer unterstellen. Hoffentlich geht das jetzt nicht öfter so!

Vom Schirm eines Restaurants aus betrachte ich durch den dichten Regen hindurch die erhöht liegende Altstadt von Tallinn mit dem charakteristischen Turm der Olafskirche, der die Seefahrer begrüßt. Diese Altstadt ist tatsächlich eine Perle, eine gotische Hansestadt mit ihren Kirchen, Kaufmannsgilden und Patrizierhäusern, die es ins 21. Jahrhundert hinübergeschafft hat. Ich lade mein Gepäck im Hostel ab und beginne meine Streifzüge.

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Über das endlose Kopfsteinpflaster laufe ich den restlichen Tag ziellos durch die Stadt, schaue mir hier einen Platz und da ein Haus an, folge der Stadtmauer, höre laute Musik auf dem Rathausplatz, weiche unzähligen Flyerverteilern aus und lege mich zwischendurch auch mal noch für ein Nickerchen mit meinem Buch in den Park. Inzwischen knallt die Sonne wieder, das kann gerne so bleiben. Tallinn begeistert mich schnell, und seine weißen Türme blitzen in den Sonnenstrahlen. Ich ersteige den Domberg, auf estnisch toompea, mit den Regierungsgebäuden und Botschafterresidenzen, und später auch den Turm der Olafskirche. Der riskante Aufstieg über steile und enge Stufen wird durch einen großartigen Blick belohnt. Jenseits der mittelalterlichen Gassen wachsen die Hochhäuser des modernen Tallinns in die Höhe, auf der gegenüberliegenden Seite sieht man die Schiffe auf der Ostsee kreuzen.

Zwischendurch war ich mal im Hostel, weil ich eine Dusche brauchte, und weil der Blick in den Spiegel mir vor Augen geführt hatte, dass ich wohl doch etwas abgenommen habe unterwegs, gönne ich mir heute einmal ein richtiges Abendessen im Restaurant statt der üblichen Snacks. Das afrikanische Restaurant hatte ich auf meinen Rundgängen schon ausgemacht, und auf der Dachterrasse gibts nun leckeres Gemüse. Den Abend verbringe ich zunächst spazierend, dann im Hostel, das einen gemütlichen Keller hat.

10 Dinge, die ich in Russland gelernt habe

Russland war spannend. Sehr. Die Tour hat mir einige Einblicke in ein Land eröffnet, über das man zur Zeit viel in den Nachrichten hört und das von manchen Kommentatoren schon fast als Hort des Bösen dargestellt wird – ein unangenehmer Rückfall in die Zeit des kalten Kriegs. Aber Russland ist so viel mehr als Putin und Soldaten, und die Unterschiede zu den westlichen Nachbarn sind eines gewiss nicht: unüberbrückbar.

1. Ja, auch Russland modernisiert sich, auch hier gibt es WLAN, auch hier ist nicht in den Sechzigern die Zeit stehen geblieben.

2. Jedenfalls nicht überall. Viele Industrieanlagen sehen aber doch so arg mitgenommen aus, dass man sich fragen muss, wie dort überhaupt noch etwas produziert werden kann. Und die Vorortzüge sind museumsreif.

3. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind enorm. Zwischen gläsernem Hochhaus und hölzernem Plumpsklo liegen mitunter nur wenige Kilometer.

4. Das gilt auch für den Zustand der Straßen. Die Petersburger Ringautobahn ist moderner als jede deutsche Straße, anderswo hingegen muss man größere Umwege um die gigantischen Schlaglöcher in Kauf nehmen.

5. Die Metro in Sankt Petersburg ist unglaublich praktisch, extrem billig (28 Rubel pro Fahrt) und liegt sehr sehr tief unter der Erde. Gefühlt steht man zehn Minuten auf der Rolltreppe, bevor die Fahrt beginnen kann.

6. Es ist ungemein anstrengend, sich ständig sein Wasser in Flaschen kaufen zu müssen – Mitteleuropa, freue dich über deine Trinkwasserversorgung!

7. Nicht alle Russen sind permanent betrunken – Wodka ist zwar billig, ich habe aber im restriktiven und teuren Finnland mehr Schnapsleichen am helllichten Tag gesehen als in Russland.

8. Auf dem Lenin-Prospekt die neusten Apple-Produkte zu bewerben, muss kein Widerspruch sein. Da ist man pragmatisch, und auch wenn Petersburg mittlerweile rückbenannt ist, heißen z.B. der Zoo oder die umliegende Provinz noch immer Leningrad.

9. An russischen Grenzen wartet man lange.

10. Ich bin ein Fan von Blinis. Besonders, wenn sie mit Kraut gefüllt sind. Mjam.

Ein anderes Universum

14. und 15. August: Was eine Stadt! Fünf Millionen Menschen, Schiffe, Kanäle, Brücken, so viele Autos, Dreck, Busse, Straßenbahnen, so viel Kultur, Paläste, Kirchen, Parks, Museen, Statuen von Zaren und Revolutionären, Cafés, Geschäfte – so viel, so viel, so viel.

Wenn man aus den Wäldern kommt, kommt einem jede Stadt erst mal intensiv vor. Aber Petersburg überwältigt mich. Ein ganz anderes Universum liegt vor mir.

Ich nehme erst mal die Metro zum Hostel, das enorm zentral liegt, und nachdem ich eine Mohnschnecke gefrühstückt und im Hostel eingecheckt habe, muss ich erst ein kurzes Schläfchen halten und meinen Akku wieder aufladen. Dann ist mit die erste Anlaufstation das Haus der Bücher am Newski Prospekt, nur ein paar Meter vom Hostel entfernt. In diesem wunderschönen Jugendstilkaufhaus finde ich tatsächlich eine englische Ausgabe von Schuld und Sühne, die neben meiner Kamera nun mein ständiger Begleiter wird. Immer wieder halte ich in einem Park oder am Newa-Ufer inne und lese ein Kapitel, und so entdecke ich gleichzeitig das neue Petersburg des aufstrebenden Russlands und die alte Kulturstadt zu Zeiten Raskolnikows.

Und eine Kulturstadt ist Sankt Petersburg, auch wenn ich die berühmte Eremitage nur von außen sehe. Hier stehen keine Häuser, hier stehen Paläste! Ich lasse mich treiben, laufe und laufe und sitze im Park und laufe wieder, esse einen Blini am Ständchen, mache tausend Fotos und laufe und laufe. Ohne wirkliches Ziel, einfach meiner Eingebung folgend, und mache dabei meine Entdeckungen.

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Zwischen Stuck und goldenen Kuppeln darf man natürlich nicht vergessen, dass die Petersburger Innenstadt nicht mit dem großen Rest Russlands zu vergleichen, sondern eben doch ihr eigenes Universum ist. Hier sind alle enorm schick gekleidet, Strechlimos und Geländewagen fahren herum, und Tourismus und Gazprom bringen Wohlstand, sodass man sich die Mondpreise der City leisten kann. Aber nicht weit von hier herrscht Armut. Die wenigen Bettler, die man hier in der Innenstadt sieht, dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass Russland doch in vielen Dingen noch ein rückständiges Land ist, und dass nicht nur Raskolnikow in seiner Dachstube hausen muss, sondern auch viele Petersburger im Jahr 2014 noch in kommunalkas mit Etagenklo leben müssen, weil es kaum bezahlbaren Wohnraum gibt. Ganz zu schweigen von Örtchen wie Primorsk, wo viele Häuser nicht einmal an die Wasserversorgung angeschlossen sind.

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Abseits der Prachtstraßen sind viele Häuser noch  sanierungsbedürftig, das trägt aber auch den Charme der Stadt bei. So schlendere ich entlang der vielen Kanäle, verbringe viel Zeit auf den großen Prospekten (so nennt man hier die Boulevards) und sehe mir nur ein einziges Museum von innen an, die kunstkamer, in der nicht nur die Akademie der Wissenschaften tagte, sondern in der Peter der Große seine Sammlung an anthropologischen Kuriositäten zusammentrug. Neben allerlei Kleidung, Werkzeug und Waffen verschiedenster Völker sind das auch merk- und fragwürdigste medizinische Präparate. Sie stammen zum größten Teil aus dem Flandern des 18. Jahrhunderts und zeigen alle Abnormalitäten menschlichen Lebens, für die sich der Zar interessierte. In Formaldehyd schwimmen Föten mit zwei Köpfen oder drei Armen, Glieder mit Verwachsungen, siamesische Zwillinge, „Meerjungfrauenkinder“, deren Füße zu einem fischartigen Fortsatz zusammengewachsen sind, dazwischen steht auch mal das Skelett eines Riesenwüchsigen, das Horn eines Einhorns (bzw. natürlich eines Narwals) oder ein ausgestopftes Kalb mit zwei Köpfen. Alles einerseits interessant, andererseits erschütternd, und trotz meiner unwillkürlichen Faszination bin ich auch erleichtert, als ich die Ausstellung wieder verlasse.

Abends ein Bier mit den Leuten aus dem Hostel, und dann falle ich nach so einem Tag in der Großstadt auch wirklich todmüde ins Bett. Sankt Petersburg, du großartige Stadt. Zweieinhalb Tage sind wahrlich nicht genug, um hier alles zu entdecken, aber mich rufen wieder Landstraße und Wälder. До свидания bis zum nächsten Mal!

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