Bart und Bademantel

11./12. August: Erst verschlafe ich einmal gründlich, der gestrige Tag war wohl doch zu anstrengend. Dann aber packe ich zusammen und es geht endlich hinaus aus Helsinki.

So langsam beginnt mir die Fahrradtour ohne Fahrrad Spaß zu machen, ich bekomme schon wieder ein Metro-Ticket zugesteckt und finde mich einige Zeit später im Fernbus nach Lahti wieder. Laut Straßenkarte eine Stadt, die „eine Reise wert“ sein soll. Ich weiß ja nicht, in welchem Lahti die Macher der Shell Generalkarte waren, aber dieses hier kann es nicht gewesen sein. Betonklötze, Malls, Autohäuser, Leerstand. Offenbar war Lahti mal ein großes industrielles Zentrum – damals, vor dem Abschwung. Jetzt sieht es aus wie fast jede andere finnische Stadt, die ich bisher gesehen habe, wie eine Mischung aus Minsk, Chemnitz und irgendetwas frisch bombardierten, sagen wir mal Donezk. Okay, ich übertreibe, aber generell gilt in Finnland bisher: je schöner die Landschaft drumherum, desto hässlicher die Stadt.

Immerhin die beiden monströsen Skisprungschanzen prangen am Bergrücken über der Stadt, dafür ist Lahti ja auch berühmt. Mich hält aber nichts hier, liegt ja nicht mal Schnee, eher sind es an die dreißig Grad. Also weiter nach Osten, und da die Hauptstraße in meine Richtung gerade umgebaut wird und alles andere als tramperfreundlich aussieht, entschließe ich mich, lieber noch einmal zwei Stationen mit der Vorortbahn zu fahren.

Ich steige am Bahnhof von Nastola aus und reibe mir die Augen. Wo ist der Bahnhof? Wo ist die Stadt? Hat hier jemand nur zwei Wartehäuschen an die Bahnstrecke geklatscht? Nun ja, ganz so ist es nicht, aber Nastola ist schon eher ein Dörfchen als eine Stadt. Mir egal, ich will ja kein Nachtleben, ich will einen See, und der ist nur ein paar Straßen weiter. Kurz vor dem öffentlichen Strand begegnet mir ein älterer Herr mit weißem Bart und im Bademantel. Er war wohl gerade seine abendliche Runde im See drehen, macht ein paar Bemerkungen über mein schweres Gepäck und geht dann vergnügt im Bademantel nach Hause – und wer so nicht alt werden will, der soll mir mal was besseres zeigen!

Ich sehe mich jedenfalls in fünfzig Jahren im Bademantel durchs Dorf laufen, auf dem Rückweg vom See. Jetzt aber bin ich erst mal Mitte zwanzig, und statt gleich ins Wasser zu springen, baue ich mein Zelt auf, plantsche kurz eine Runde und mache mir dann ein paar Instantnudeln am Feuer. Die schmecken grauenhaft, wie eine Qualle, die zu lange in Zitronensaft und Chili geschwommen ist, aber das stört mich jetzt auch nicht, ich sitze ja am See.

Am nächsten Morgen regnet es erst einmal recht heftig, was meine Pläne durcheinander wirft. Macht aber nix, während das Zelt trocknet, gehe ich noch einmal eine Runde schwimmen. Nach dem Frühstück packe ich zusammen und stelle mich an die nächste Hauptstraße, um Richtung Kouvola zu trampen. Und warte.

Und warte.

Beim letzten Mal hatte ich offenbar großes Glück, nie lange zu warten. Diesmal ist dem nicht so.

Ich warte.

Tausend Autos kommen vorbei, die Sonne brennt in meinen Nacken, mein Arm mit dem ausgestreckten Daumen wird steif.

Ich warte.

Dann hält ein Auto, ich werde von einem Brasilianer (!) mitgenommen, dem ich klarmachen muss, dass ich nicht persönlich für das 7:1 seiner Mannschaft verantwortlich bin, trotz deutscher  Staatsbürgerschaft. Er erklärt mir, dass alle Finnen immer misstrauisch seien, niemals anhielten und erst recht nie selbst trampen würden. Na prima. Nach ein paar Kilometern lässt er mich an einer richtig beschissenen Stelle wieder raus.

Und ich? Ich warte.

Lieber ein alter Mann mit Bart und Bademantel als ein Tramper in Finnland, denke ich mir, kurz bevor ich doch wieder in den Zug* steige.

*Auf den ich übrigens auch noch eine Stunde warte. Ich hab „Holes“ von Sachar schon fast durch. Wenn es nach dem Urlaub jemand haben will – es ist ziemlich gut!

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Ein Tag Auszeit

10. August: Heute mal ausschlafen. Aufwachen im Zelt bei Helsinki. Ausgiebiges Nichtstun. Wieder eingeschlafen dabei.

Aufgewacht. Sonne steht schon hoch am Himmel. Ich schnappe mir mein Handtuch und sehe zu, dass ich hinunter zum Meeresarm komme. Mein heutiger Schlafplatz ist zwar idyllisch im Wald gelegen, zwischen runden Felsen und krummen Kiefern, dazu voller weichem Moos, sodass ich nicht einmal eine Isomatte gebraucht hätte – dafür sind es heute mindestens fünf Minuten zum Meer. Naja, muss man durch.

Nach einem belebenden Bad und einem kleinen bisschen Waschen unternehme ich einen Spaziergang nach Rastila, den örtlichen Stadtteil von Helsinki. Ich brauche schließlich Wasser, das ich schließlich am Campingplatz klaue. Da hatte ich abends zuvor schon einmal vorbeigeschaut, sie hatten aber keinen Platz mehr für mich – umso besser, sonst hätte es mich nie dort oben in den Wald verschlagen.

Dort bewege ich mich nun langsam wieder hin, esse zu Mittag und lege mich dann mit einem Buch in die Sonne. Ende des Berichts. Mehr mache ich heute nicht. Ich lese noch die alte Zeitung, die ich noch im Rucksack habe, dann weiter mein Buch, lasse mich von der Sonne bescheinen und als es abends langsam dunkel wird, bin ich sogar noch zu faul zum Kochen.

Bin ich im Urlaub angekommen? Offensichtlich. Hyvää yötä!

漓江 – Der Li-Fluss

Wikipedia hat ja bekanntlich zu allem was zu sagen, und über den Li Jiang heißt es dort:

„Er fließt durch die Karst-Landschaft bei Guilin, die in China der Inbegriff einer schönen Landschaft ist.“

Auch Guilin und Yangshuo liegen am Li-Fluss, aber besonders schön soll der Abschnitt zwischen Xingping und Yangdi sein. Deshalb machten wir uns letzten Samstag auf in diese Gegend, und das beinahe wie früher als Schulausflug. Das alleine ist schon mal nicht unwitzig, muss man sagen.

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Und wie so oft, hat Wikipedia ja auch recht. Wir wandern tatsächlich zwanzig Kilometer durch den Inbegriff einer schönen Landschaft. Der Fluss fließt grünlich und träge vor sich hin, ringsum türmen sich die Karstberge zu bizarren Formationen, und vom Himmel knallt die tropische Sonne. Nachvollziehbar, dass dieser Anblick auch auf der 20-Yuan-Banknote abgebildet ist, die hier natürlich von allen Besuchern vor die Objektive ihrer Kameras gehalten wird. Von Xingping aus geht es flussaufwärts hinein in die scenic area. Touristenschiffe und Bambusflöße schippern den breiten Li-Fluss entlang. An den Ufern wachsen Bananen, Orangen, Bambus, dazwischen Bauernhöfe. Ständig wollen einem ältere Frauen Früchte andrehen, oder sie folgen unserer Gruppe und spielen völlig ungewollt den Wegweiser, in der Hoffnung auf ein Trinkgeld.

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Immer wieder verengt sich das Tal, dann wird der Weg schmaler und führt eher als Pfad durch den Wald. Oder es weitet sich, dann kann man zum Fluss hinab steigen und die Berge von ganz unten bestaunen. Drei Mal müssen wir mit der Fähre übersetzen. Einmal besteigt aber nicht die ganze Gruppe das Boot – das Wasser hatte so einladend gewirkt, dass wir kurzerhand vom Anleger hinein springen und auf die andere Seite kraulen. Bei dreißig Grad eine erfrischende Sache, und auch wenn wir uns drüben ganz ordentlich im Seegras verfangen, macht es doch riesigen Spaß, schließlich plantschen wir hier im Inbegriff einer schönen Landschaft.

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In Yangdi angekommen, fahren wir mit dem Bus zurück, gehen noch zusammen essen und lassen einen wunderbaren Tag dann in Monkey Jane’s Roof Top Bar bei einem Drink mit Blick auf die angeleuchteten Berge von Yangshuo ausklingen.

Meine Hausaufgabe für Montag ist, mein Wochenende auf Chinesisch zu beschreiben. Kann ja nicht so schwer sein, nach diesem Ausflug…

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Reif für die Insel

Über Schlafsäle ist ja alles schon einmal gesagt worden. Deshalb spare ich das hier weitestgehend aus, rufe nur noch einmal das von mir entdeckte Naturgesetz in Erinnerung, das lautet: „Der betrunkene Holländer kommt erst um fünf und macht dabei das Licht an.“
Trotzdem hatte ich eine einigermaßen gute Nacht, brenne am nächsten morgen vor Tatendrang und schreibe schon mal Couchsurfer in Kroatien und Serbien an.
Ich habe nicht das Gefühl, dass Budapest und ich schon fertig miteinander sind, dafür habe ich doch gestern noch zu wenig gesehen. Also rauf aufs Rad, und ich fahre noch ein wenig durch Pest, sehe mir den Westbahnhof an (denn Jan hat schon recht, eine Stadt lernt man durch ihre Bahnhöfe kennen), frage dann hoch zum pompösen Heldenplatz und die große, die Stadt querende Allee Andrássy út wieder hinab, werfe einen Blick auf die Oper und das Riesenrad und drängle mich durch die Menschenmengen in der wichtigsten Einkaufsstraße Váci utca. Zwischendurch kaufe ich mit ein Stück Mohnkuchen, das ich auf dem Sockel des Standbildes am Vörösmarty tér verspeise. Dabei leistet mir ein Ungar Gesellschaft, und wir unterhalten uns über das Hochwasser, Sport und er macht mich darauf aufmerksam, dass meine Kette wieder geölt werden müsste. Stimmt tatsächlich.
Schließlich besuche ich noch die Markthalle, in der es vor allem die typischen Schau-mal-was-ich-euch-aus-Ungarn-mitgebracht-habe-Produkte wie dubiose Salami, getrocknete Peperoni und Knoblauchketten gibt, aber auch enorm saftige Nektarinen und den größten Kohlrabi Mitteleuropas, den ich gleich mitnehmen muss.
Und damit habe ich auch endlich das Gefühl, mich aus Budapest verabschieden zu können, diesem Moloch an Hitze und Verkehr, und mich auf meine heutige Etappe zu machen. Genug von der Stadt, reif für die Insel? Hinter der eigentlichen Stadt gabelt sich nämlich die Donau wieder, und über die entsprechende Insel, die Csepel-Sziget, möchte ich gleich fahren. Nur die Markierung der Radwege ist mal wieder nicht so besonders, hört urplötzlich auf oder widerspricht sich. Die Anwohner kennen das Problem wohl und deuten teils schon in die richtige Richtung. Die beschilderten Wege weichen aber auch enorm von denen auf meiner Karte ab, die Karte der ungarischen Tourismusförderung bietet noch eine weitere Version an. Aus einem Fenster hört man „Rolling on the river“ – würde ich ja gerne, aber ich finde ihn nicht. Naja, beim Suchen des Weges en entdecke ich immerhin einen Lidl, und es erleichtert das Einkaufen schon deutlich, wenn auf der Tüte mit Früchte-Müsli einfach mal auf deutsch Früchte-Müsli geschrieben steht. Eine Dose Geflügelaufstrich kaufe ich trotzdem aus Versehen, wir ich hinterher feststellen muss. Was ich damit mache, weiß ich noch nicht. Ich freue mich aber tatsächlich darauf (und ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas mal sage), wenn ich demnächst wieder in einer slawischen Sprache einkaufen gehe.
Der Weg über die Insel führt mich kreuz und quer, erst durch Budapester Vororte und dann durch Dörfer, die einfach kein Ende nehmen. Eine halbe Stunde durch ein Kuhkaff geradelt, irre. Dafür gibt es zwischendurch Weinberge und auch immer mal wieder einen Blick auf die Ráckevei-Duna, den kleineren Flussarm.
Pause am Ufer, wo ich gelegentlich ein paar Worte mit Ludwig, dem maulfaulen Fischer wechsle, der früher mal in der DDR war. Dann geht es irgendwann nach Ráckeve hinein, kein hässlicher Ort, für mich aber aus zwei Gründen bemerkenswert: erstens gibt es sogar hier, im Kaff mitten im Nichts, einen 24-Stunden-Laden, und zweitens gibt es ein DM. Mit quietschenden Reifen halte ich an und stürze mich auf das Mückenspray.
Noch ein Stückchen weiter südwärts fahre ich, dabei halte ich aber schon mal nach einem Schlafplatz Ausschau. Das Ufer der Ráckevei-Duna ist hier mit Sommerhäuschen gespickt, die vermutlich irgendwelchen Städtern gehören. Aber nach ein einigen Kilometern Datschenkette am Ufer findet sich endlich ein freies Grundstück mit Badestelle und einem öffentlichen Holzunterstand. Perfekt!
Zuallererst springe ich in den Fluss, ignoriere die Enten und wasche mir den Staub der Landstraßen und den Schweiß des Tages ab. Als nächstes kommt mein Fahrrad an die Reihe – natürlich werfe ich es nicht in den Fluss, sondern säubere es nur mal gründlich und öle endlich die Kette. Tagesaufgabe erfüllt. Schließlich koche ich mir noch mein Abendessen. An die Verpuffungen des Kochers werde ich mich sicher nicht mehr gewöhnen, dafür ist mir der Umgang mit Gas ohnehin zu wenig geheuer, und deshalb bleibt die Zubereitung warmer Mahlzeiten doch sehr adrenalinreich. Aber immerhin lasse ich schon wieder eine Menge Nudeln fallen, das wird allmählich zur Tradition. Goethes Reiseweg ist durch Wandtafeln für die Nachwelt gekennzeichnet, meiner eben durch ungekochte Spaghetti. Aber das Reisetagebuch des Dichterfürsten ist wohl auch etwas besser als dieses hier. Wobei ich echt sagen muss, dass ich Spaß hieran gefunden habe, ich sollte bloß die nächsten Tage nicht mehr so ausschweifend werden wie die letzten, die Steckdosen werden ja eher seltener.
Am Ende sitze ich ja doch nur wieder am Ufer meiner Insel, löffle meine Nudeln, bewundere den goldgelben Vollmond, der sich gerade riesengroß über dem Schilf zeigt, und bin zufrieden. Immer wieder springt ein Fisch aus dem Wasser. Man hört die Grillen und den im Gebüsch raschelnden Igel. Ich bin tiefenentspannt. Wahrscheinlich war ich doch reif für die Insel.

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Beach, Berge, Babylon

Als ich heute morgen wach werde, ist es in Pėters Appartement schon fast wieder unerträglich heiß. Was liegt also näher, als ans Wasser zu flüchten? Wir schwingen uns also auf die Fahrräder, kaufen unterwegs noch etwas zum frühstücken (Kaffeestückchen für mich, Energydrink für Pėter, wie üblich), und ab gehts an den Strand. Und das ist kein Witz. Györ wird von zahlreichen Flüssen, Flussarmen, Altarmen und so weiter durchzogen, die oft von Parks gesäumt sind. Aber an einer Stelle an der Mosoni Duna gibt es tatsächlich auch einen traumhaften Sandstrand, den „Golden Beach“. Hier lassen wir uns auf Liegestühlen in der Sonne nieder und geben uns dem süßen Nichtstun hin. Das Wetter und der Strand könnten auch in Ibiza sein, aber nein, ich bin immer noch in Ungarn. Strand heißt übrigens „strand“ auf ungarisch, eine der wenigen Vokabeln, die ich mir merken kann. Aber es wird.
Hier an der Mosoni Duna hat übrigens die australische Drachenboot-Nationalmannschaft ihr Trainingslager und bereitet sich auf den World Cup nächste Woche in Szeged vor. Ich wusste nicht, dass es sowas gibt, aber jetzt springen hier dreihundert Leute in gelb-grünen Trikots herum und trommeln und paddeln. Die WM- Favoriten sind aber wohl die Kanadier, verrät einer der Paddler, aber der australische Nationaltrainer sei Ukrainer und eine ziemliche Größe der Szene. Jetzt fährt er jedenfalls im Motorboot herum und brüllt Anweisungen.
Irgendwann ist es in der Sonne auch nicht mehr auszuhalten, deshalb trinken wir erst eine Erdbeer-Limonade (irre!) und springen dann doch noch in den Fluss. Der ist vom Hochwasser noch sehr schlammig, aber wenigstens erfrischend.
Zurück gehts es durch die sehenswerte Altstadt von Györ, aber irgendwann muss Pėter sich doch wieder seiner Freundin widmen –  und ich mich meinem Radweg.
Der meint es erst mal nicht so gut mit mir. Den richtigen Ausgang aus Györ zu finden, ist gar nicht so einfach, und dann endet det ausgebaute Seitenstreifen auch einfach mal im nächsten Ort. Aber was hilft es, muss ich eben an Straßenrand weiterfahren, auch wenn das nicht erlaubt ist. Sicherheitshalber ziehe ich die Warnweste an, die ich für solche Zwecke mitgenommen hatte, denn überrollt am Rand einer ungarischen Überlandstraße liegen zu bleiben Watt ja nicht das Ziel der Reise. Die Donau zeigt sich erst mal nicht, stattdessen Felder, Haine, Industrie und sehr schnell überholende Autos. Außerdem ist es heiß, ich bin längst durchgeschwitzt, und zu allem Überfluss geht es auch noch bergauf. Berge? Naja, vielleicht eher Hügel. Aber jedenfalls die ersten seit Wien und an diesem heißen Tag genug, um mich außer Puste zu bringen. Singen hilft auch hier wieder, außerdem versuche ich immer wieder, laut auf ungarisch bis zehn zu zählen. Auch nicht gerade einfach.
Im einzigen Dorf unterwegs hätte ich mir gern eine Cola gekauft, aber leider ist der Dorfladen schon zu. Ein Mann hat gesehen, wie ich vor verschlossener Tür stehe, steigt aus seinem Auto aus und will mir Beistand leisten – auch wenn wir keine Sprache finden, die wir beide können. Nur mit Mühe kann ich ihn davon abhalten, mir sein belegtes Brötchen zu schenken, erst als er erfährt, dass ich noch nach Komárom will, gibt er sich zufrieden. Da gehe es immerhin einen „Nonstop-Tesco“. Überhaupt sind die Öffnungszeiten in Ungarn wohl sehr liberal, in Györ hatte jeder Laden Montag bis Sonntag von 7 bis 21 Uhr offen. Das ist schon bemerkenswert, noch bemerkenswerter ist aber die ungarische Gastfreundschaft, die berühmte. Hut ab!
Kurz vor Komárom treffe ich erst den ausgeschilderten Donauradweg und bald auch die Donau wieder. Die Stadt an sich ist gar nicht so schön wie erwartet, jedenfalls wenn man nicht auf betonierte Einkaufszeilen und Festungsbau steht, aber zum Glück handelt es sich ja um eine Doppelstadt. Die Schwester Komárno liegt auf der slowakischen Seite der Donau, wird aber hauptsächlich von Angehörigen der ungarischen Minderheit bewohnt und ist um einiges hübscher.
Einer Eingebung folgend überquere ich doch die Grenze, und bin ungeplant wieder in der Slowakei. Komárno ist wirklich hübsch, mit alten Kirchen, gut gelaunten Menschen in den Straßencafés und einem von Platanen umsäumten Platz. Dort lasse ich mich erst mal nieder. In irgendeiner Kneipe singt jemand „Halleluja“ von Leonard Cohen, und damit ist die friedliche Stimmung wohl auch schon am besten beschrieben.
Weiter geht es auf dem Dammweg, immer weiter ostwärts. Allmählich wird es dunkler und Wasser brauche ich auch noch. Also kein Trödeln mehr, in die Pedale gehauen. Im nächsten Dorf frage ich einen alten Mann, der auf einer Bank vor seinem Haus sitzt, nach Wasser. Seine Frau kommt auch noch dazu, und auch wenn ich nur drei Wörter Slowakisch und sie nur drei Wörter Deutsch spricht, schaffen wir es irgendwie noch, zu schnacken. Die babylonische Sprachverwirrung in meinen Kopf wird immer schlimmer, ich grüße ja wieder mit „dobry vecer“ und werfe auch sonst allerhand zusammen. Aber irgendwie verständigt man sich ja doch immer. Außerdem bekomme ich noch von den reifen Aprikosen geschenkt, die der Baum im Hof in Fülle trägt. Aber nicht nur ein paar, sondern gleich eine ganze Tüte voll, ich weiß noch nicht, wie ich die alle essen soll. Ist das nun die slowakische Gastfreundschaft? Ich weiß es nicht, aber fest steht, dass ich bisher nur enorm nette Menschen getroffen habe.
Die Fahrt über den Dammweg ist wunderschön. Die Berge im Hintergrund leuchten blau, der Sonnenuntergang auf der anderen Seite in kräftigem Rot. Die Donau plätschert dahin, ein Storch fliegt auf, und die Bäume blühen so weiß, dass es aussieht, als hätten sie ihr Hochzeitskleid angelegt.
An einem rekonstruiertem Römerlager finde ich nicht nur ein Plätzchen zum Schlafen, sondern unter dem perfekten Unterstand auch ein ungarisches Pärchen, das ebenfalls auf größerer Radtour ist. Sie haben tatsächlich Hängematten dabei, in denen sie sich nun von den Strapazen der ungarischen Berge erholen. Außerdem versorgen sie mich mit Mückenschutz, was hier überlebenswichtig ist, und dann plaudern wir noch recht lange, der Sprachverwirrung trotzend, über Gott und die Welt, über Europa und seine Geschichte, die schwierige deutsche Sprache und die alte ungarische Schrift und vieles weitere, und schließlich sehen wir uns noch die Sternbilder und den Vollmond an.
Als ich in Passau war, da stand der Mond erst halb am Firmament. Immer mehr habe ich erlebt, und der Mond hat jeden Abend etwas zugenommen. Aber ich hoffe, dass meine Reise ihren Zenit noch lange nicht überschritten hat, sondern ich noch viele Tage erlebe, die auch schön sind wie der heutige – und wenn ich wieder daheim bin, ist ein ganzer Monat vergangen und der Mond wieder so zunehmend wie in Passau.

Wien und noch mehr Wien

Ein Blick in den großen Spiegel gegenüber der Dusche zeigt, dass ich mich in die lebende österreichische Fahne verwandelt habe. Oben rot, in der Mitte weiß, unten rot. Ich muss dringend daran denken, Sonnenmilch zu kaufen.
Aber was solls, ich habe ja einen Tag Auszeit in Wien, muss heute nicht so viel im Sattel sitzen und setze mich nicht so sehr der Sinne aus, denke ich. Den Vormittag und auch einen enormen Teil des Nachmittags verbringen wir mit Schnacken, Essen und Trödeln, aber irgendwann raffen wir uns doch noch auf, unseren Kram zusammenzusuchen und uns auf die Fahrräder zu setzen. Es geht nach Schloss Schönbrunn, wo Iulia schon auf uns wartet und wo wir erst mal mehrere vergebliche Anläufe starten, unsere Fahrräder mit in den Park zu nehmen. Irgendwann müssen wir das aber doch aufgeben und steigen schließlich zu Fuß hoch zur Gloriette. Dort hat man nicht nur einen großartigen Blick über die Stadt, sondern kann sich auch einfach mal mit der Gitarre auf die Wiese setzen und ein bisschen singen. Dass natürlich auch das verboten ist, kann man sich ja schon fast denken, aber wo wir eh damit angefangen haben, sitzt bald der ganze Hang voller Leute. Für unser Gesinge ernten wir auch viele hochgereckte Daumen, am meisten für den alten Ösi-Schlager „Fürstenfeld“. Ein ziemlicher Knaller, auch wenn der Text eigentlich überhaupt nicht auf meine Situation passt. Ich will ja schließlich gar nicht „wieda hoam“, sondern würde mir am liebsten gleich morgen ein Zimmer hier suchen.
Irgendwann schließt der Park bei Schönbrunn, nur wir haben mal wieder so viel getrödelt, dass wir über ein Tor klettern müssen. Dann fahren wir erst mal auf den Rädern durch das abendliche Wien, einmal durch den Naschmarkt, über den Karlsplatz, wieder mal die Ringstraße entlang, grölen immer wieder „Fürstenfeld“, und lassen uns schließlich in einem Kärntner (!) Lokal nieder, wo es Kärntner Bier und Most gibt – das Schrittesser, merkwürdiger Name – und in dem unser Grieche gerade auf einem Stammtisch ist. Dann singen wir noch ein wenig auf der Straße, trinken noch ein Bier im wuk, im sehr alternativen Innenhof zu 1A-Reggae-Mukke, und schließlich kommt die Idee auf, noch schwimmen zu gehen. Also wieder hoch in den 18., wo ein altes Studentenheim ein grandioses Schwimmbecken im Innenhof hat, in das man nachts sehr gut heimlich reinspringen kann. Nach dem heißen Tag in der Stadt tut das eisige Wasser doch gut, und dass es schon wieder vier Uhr ist, als wir ins Bett gehen, verwundert ja eigentlich auch keinen. Dann muss ich eben etwas schneller schlafen, das soll ja meine letzte Nacht in Österreich sein.

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