Ein Häusermeer

Schließlich unternehmen wir eine Bootstour auf dem Tonle-Sap-See – für mich ist das zunächst nicht unbedingt ein Muss. Aber weil wir noch einiges an Zeit haben und allmählich genug von immer neuen Tempeln im Urwald (ja, auch auch in der geilsten Sehenswürdigkeit der Welt setzt irgendwann der Überdruss ein), fahren wir mit dem Tuk-Tuk die paar Kilometer zum Tonle Sap, dem größten See des Landes.

Mich zu überzeugen war dann doch gar nicht so schwer. Dem erwachsenen Moritz muss man nur erklären, dass der Tonle Sap wie ein gigantisches Regenrückhaltebecken funktioniert. Während des Monsuns wird er vom gleichnamigen Fluss auf die doppelte Größe gefüllt, der Wasserstand steigt um zig Meter. Während der Trockenzeit kehrt sich die Fließrichtung des Flusses um (!) und die braune Brühe fließt langsam wieder ab in den Mekong. Faszinierend.

Ach ja, und dem Kind Moritz muss man bloß sagen, dass es hier Krokodile gibt.

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Bald haben wir die Stadt Siem Reap hinter uns gelassen, und die Häuser stehen bald nicht mehr nur einfach am Straßenrand, sondern auf Pfählen entlang des Damms. Dieses Gebiet, auf dem gerade noch Lotus angebaut wird, steht zu Hochphasen des Sees völlig unter Wasser, nein nein, es wird einfach ein Teil des Sees.

Wir steigen um auf ein etwas wackliges Boot, das erschreckend wenig aus dem Wasser ragt. Dann geht es erst durch kleinere Ausläufer, die sich um die Sandbänke schlängeln, es ist ja gerade Trockenzeit. Und schließlich erreichen wir das offene Wasser, in dem Fischer ihre Netze platziert haben. Das gegenüberliegende Ufer ist nicht zu sehen.

Wir fahren ein wenig über den See, diese schmutzige Brühe, das Boot hüpft lustig auf und ab, und ich halte eifrig nach Krokodilen Ausschau. Und schließlich halten wir auf eine Stadt zu. Auf eine Stadt?

Ja richtig, die Fischer wohnen nicht alle in den Pfahlbauten am Ufer, viele wohnen auch ganz traditionell auf Hausbooten. Je nach Wasserstand und Fischarten der Saison ziehen sie in einen anderen Teil des Sees, deshalb müssen sie mobil bleiben. Die Hausboote sind teilweise aneinander festgemacht oder in der Nähe verankert, sodass sich hier eine riesige Stadt auf dem See erstreckt. Zwischen den Hausbooten bewegt man sich eben mit kleineren Bötchen fort. Hier schwimmt noch ein Floß, auf dem in Kisten Gemüse gezüchtet wird, hier ist eines, das an vorbeikommende Bötchen Coladosen verkauft. Eine richtige, funktionierende Stadt, nur dass sie eben mobil ist, je nach Jahreszeit die Lage verändert, und von Stürmen gelegentlich durchgeschaukelt wird.

Schließlich kommen wir an einem größeren Boot an, das eine Art Touri-Restaurant ist. Aber mir ist nicht nach Essen zumute, ich klettere sofort auf das erhöhte Dach und genieße einen der unglaublichsten Ausblicke meines Lebens: hunderte, vielleicht sogar tausend Hausboote auf einem Haufen, die hier die bizarrste Stadt der Welt ergeben. Ein regelrechtes Häusermeer.

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Rautatieasema, oder: 10 Dinge, die ich in Finnland gelernt habe

Das war’s auch schon mit Finnland, und irgendwie wurden mir auch nach einer knappen Woche dort noch nicht alle Fragen an dieses merkwürdige Land beantwortet. Die restliche Fahrt über Kouvola (irre hässlich) durch unberührte Landschaft (wunderschön) nach Lappeenranta (nicht ganz so hässlich, aber auch keine Schönheit) war unspektakulär, ich habe gelesen und aus dem Fenster geschaut, hinter dem der rote Sonnenball von Baumwipfel zu Baumwipfel hüpfte. Als ich in Lappeenranta ankam, war es schon ziemlich spät, ich baute nur noch schnell mein Zelt am Rande eines Sportplatzes auf, wo gerade außer einem Schneckenrennen nichts geschah, und ging schlafen – früh am nächsten Morgen ging ja schon der Bus nach Russland.

Aber zum Abschluss noch die zehn Dinge, die ich über Finnland gelernt habe:

1. Trampen ist unbekannt, unverständlich und höchst verdächtig in Finnland, völlig entgegen meiner Erwartung.

2. Alles ist wahnsinnig teuer, besonders Alkohol. Das billigste Bier, die 0,33er Dose Heineken im Supermarkt, kostet zwofuffzich. Irre.

3. Die ramblas des Nordens sind die Esplanadi in Helsinki. Sehr schön, toll zum Spazieren, und immer was los.

4. Das Land ist unglaublich dünn besiedelt, selbst im vergleichsweise dicht bevölkerten Süden. Ich komme in der Gemeinde Kouvola an und lese erst mal was von 89.000 Einwohnern, glaube mich kurz in der Großstadt, und sehe dann aber, dass das Stadtgebiet eine Fläche umfasst, die größer ist als das Saarland. Okay, hier wohnt doch eigentlich niemand.

5. Dafür ist das Land dicht mit Seen überzogen (keine Überraschung), und es gilt eine Art des Jedermannsrecht, sodass man fast überall einfach so zelten kann. Und schön ist es ja fast an jedem See. Mega schön.

6. Je schöner die sie umgebende Landschaft, desto hässlicher die Stadt. Hab ich schon öfter erwähnt! Ist aber deshalb nicht weniger frappierend!

7. Die Finnen sind enorm verschlossen, Beispiel: wenn du jemanden anlächelst, auch auf einem einsamen Waldweg, wird er nicht zurück lächeln. Ausnahmen bestätigen die Regel. Untereinander sind die Leute wohl sehr ausgelassen, behaupten viele Reiseführer, aber das nützt mir als Durchreisendem ja wenig.

8. Finnen sind crazy, jedenfalls was Kleidung, Frisur und generellen Style vieler Leute auf der Straße betrifft. Es ist nicht nur das Metal-Klischee, sondern allgemein.

9. Finnisch ist eine Sprache zum Verzweifeln. Neben eher naheliegenden Vokabeln wie kirkko oder bussi habe ich mir kaum eines der Wörter merken können, die mehrheitlich sehr sehr lang sind und aus zu vielen Vokalen bestehen. Der Titel dieses Beitrags ist ein gutes Beispiel und eines der wenigen Wörter, die ich wörtlich gelernt habe – es heißt Bahnhof. Und mehr als Bahnhof verstehe ich auch nicht.

10. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich nochmal nach Finnland wollte. In absehbarer Zeit wohl eher nicht. Die Landschaft ist schön, Helsinki ist eine coole Stadt, aber so ganz warm bin ich mit dem Land nicht geworden.

Und damit ab nach Russland!

Bart und Bademantel

11./12. August: Erst verschlafe ich einmal gründlich, der gestrige Tag war wohl doch zu anstrengend. Dann aber packe ich zusammen und es geht endlich hinaus aus Helsinki.

So langsam beginnt mir die Fahrradtour ohne Fahrrad Spaß zu machen, ich bekomme schon wieder ein Metro-Ticket zugesteckt und finde mich einige Zeit später im Fernbus nach Lahti wieder. Laut Straßenkarte eine Stadt, die „eine Reise wert“ sein soll. Ich weiß ja nicht, in welchem Lahti die Macher der Shell Generalkarte waren, aber dieses hier kann es nicht gewesen sein. Betonklötze, Malls, Autohäuser, Leerstand. Offenbar war Lahti mal ein großes industrielles Zentrum – damals, vor dem Abschwung. Jetzt sieht es aus wie fast jede andere finnische Stadt, die ich bisher gesehen habe, wie eine Mischung aus Minsk, Chemnitz und irgendetwas frisch bombardierten, sagen wir mal Donezk. Okay, ich übertreibe, aber generell gilt in Finnland bisher: je schöner die Landschaft drumherum, desto hässlicher die Stadt.

Immerhin die beiden monströsen Skisprungschanzen prangen am Bergrücken über der Stadt, dafür ist Lahti ja auch berühmt. Mich hält aber nichts hier, liegt ja nicht mal Schnee, eher sind es an die dreißig Grad. Also weiter nach Osten, und da die Hauptstraße in meine Richtung gerade umgebaut wird und alles andere als tramperfreundlich aussieht, entschließe ich mich, lieber noch einmal zwei Stationen mit der Vorortbahn zu fahren.

Ich steige am Bahnhof von Nastola aus und reibe mir die Augen. Wo ist der Bahnhof? Wo ist die Stadt? Hat hier jemand nur zwei Wartehäuschen an die Bahnstrecke geklatscht? Nun ja, ganz so ist es nicht, aber Nastola ist schon eher ein Dörfchen als eine Stadt. Mir egal, ich will ja kein Nachtleben, ich will einen See, und der ist nur ein paar Straßen weiter. Kurz vor dem öffentlichen Strand begegnet mir ein älterer Herr mit weißem Bart und im Bademantel. Er war wohl gerade seine abendliche Runde im See drehen, macht ein paar Bemerkungen über mein schweres Gepäck und geht dann vergnügt im Bademantel nach Hause – und wer so nicht alt werden will, der soll mir mal was besseres zeigen!

Ich sehe mich jedenfalls in fünfzig Jahren im Bademantel durchs Dorf laufen, auf dem Rückweg vom See. Jetzt aber bin ich erst mal Mitte zwanzig, und statt gleich ins Wasser zu springen, baue ich mein Zelt auf, plantsche kurz eine Runde und mache mir dann ein paar Instantnudeln am Feuer. Die schmecken grauenhaft, wie eine Qualle, die zu lange in Zitronensaft und Chili geschwommen ist, aber das stört mich jetzt auch nicht, ich sitze ja am See.

Am nächsten Morgen regnet es erst einmal recht heftig, was meine Pläne durcheinander wirft. Macht aber nix, während das Zelt trocknet, gehe ich noch einmal eine Runde schwimmen. Nach dem Frühstück packe ich zusammen und stelle mich an die nächste Hauptstraße, um Richtung Kouvola zu trampen. Und warte.

Und warte.

Beim letzten Mal hatte ich offenbar großes Glück, nie lange zu warten. Diesmal ist dem nicht so.

Ich warte.

Tausend Autos kommen vorbei, die Sonne brennt in meinen Nacken, mein Arm mit dem ausgestreckten Daumen wird steif.

Ich warte.

Dann hält ein Auto, ich werde von einem Brasilianer (!) mitgenommen, dem ich klarmachen muss, dass ich nicht persönlich für das 7:1 seiner Mannschaft verantwortlich bin, trotz deutscher  Staatsbürgerschaft. Er erklärt mir, dass alle Finnen immer misstrauisch seien, niemals anhielten und erst recht nie selbst trampen würden. Na prima. Nach ein paar Kilometern lässt er mich an einer richtig beschissenen Stelle wieder raus.

Und ich? Ich warte.

Lieber ein alter Mann mit Bart und Bademantel als ein Tramper in Finnland, denke ich mir, kurz bevor ich doch wieder in den Zug* steige.

*Auf den ich übrigens auch noch eine Stunde warte. Ich hab „Holes“ von Sachar schon fast durch. Wenn es nach dem Urlaub jemand haben will – es ist ziemlich gut!