Im Kleinen Kessel ist der Wurm drin

Donautour, Tag 23, Eisernes Tor-Kupuzište.

Vom Sonnenaufgang über dem Eisernen Tor bekomme ich leider nicht viel mit. Der Berg in meinem Rücken ist zu hoch. Ich sehe nur, wie die andere Seite des Talkessels langsam von oben nach unten in goldenes Morgenlicht getaucht wird. Erst nur die Gipfel, dann ganze Felswände, der riesige Kopf des Königs Decebalus, der mich noch immer ausdruckslos beobachtet, und schließlich auch das orthodoxe Kloster ganz unten am Fluss, in dem ein Glöckchen die Mönche vielleicht gerade zum Morgengebet ruft.
Die erste Aufgabe für heute: ich mache mich daran, den platten Reifen von gestern zu reparieren, damit es weitergehen kann mit der Passage durch das Eiserne Tor. Also Rad ab, Dorn aus dem Mantel gezogen, neuen Schlauch eingesetzt. Vorsichtig aufgepumpt, und ganz leise hört man schon das Geräusch des Grauens: „pfffft…“
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Mist, da war wohl noch ein weiterer Dorn im Reifen, mit dem ich den neuen Schlauch gleich aufs Neue perforiert habe. Auch diesen Stachel ziehe ich, gut versteckt war er, einen Flicken drauf, und dann kann ich endlich meinen Aufstieg fortsetzen.
Der Blick oben ist einfach nur perfekt. Die zwischen breiten Strom und schmalem Gebirgsfluss changierende Donau liegt tief unter mir. Ihre blaue Farbe kontrastiert mit den spärlichen Wäldern und den hellen Kalkfelsen. Der Himmel ist wiederum perfekt blau, kein Wölkchen trübt das Sommerwetter. Am nächsten Parkplatz, und auch immer wieder an den folgenden, werde ich außerdem Zeuge eines Schauspiels, das sich immer wieder mit leichten Abwandlungen wiederholt: rumänische Autos stoppen mit laufendem Motor – Mutti springt heraus und schießt in Windeseile tausend Fotos, wenn Kinder vorhanden, dann gerne auch mit denen vor dem eigentlichen Motiv – Vati kümmert sich derweil lieber gelangweilt ums Auto und drängt zum Aufbruch – unter lautem Diskutieren geht es schnell weiter zum nächsten Parkplatz. Auch eine Möglichkeit, diese herrliche Landschaft zu erfahren, aber ich bevorzuge dann doch die langsamere Variante und lasse alles in Ruhe auf mich wirken, während ich mich Berge hinauf und hinab quäle.
Die langsamere Variante? Schön und gut. Aber ich bin doch noch beträchtlich langsamer als gedacht, muss nämlich beide Reifen immer wieder von neuem aufpumpen. Und auch das schöne Sommerwetter finde ich plötzlich ganz schön anstrengend. Also lege ich mich an einem der nächsten Parkplätze, wo die Landschaft allmählich schon wieder langweiliger wird und nicht mehr so viele Kurzaufenthalte rumänischer Familien zu befürchten sind, erst mal auf die Bank und schlafe eine Runde. Ich bin nämlich gerade genau so platt wie meine beiden Reifen.

Ein schwäbisches Touristenpärchen weckt mich mit Geschwätz, das ich eigentlich gar nicht hätte hören wollen. Nun stelle ich aber doch mal den vorderen Umwerfer neu ein, der sich am letzten Berg verabschiedet hatte, und pumpe meine Reifen neu auf. Man kanns ja mal versuchen. Weiter gehts. Aber der Versuch war nichts wert, unten im Tal ist wieder alles platt. Ich bin kurz davor, das Rad einfach in den nächsten Busch zu werfen und nach Hause zu trampen. Den riesigen Schlüssel, den ich brauche, um das Hinterrad zu lösen, habe ich eh nicht dabei. Ein letztes Stoßgebet, und siehe da, tatsächlich geschieht wenige Minuten später genau, was ich mit erhofft hatte. Um die Ecke kommt die Viererbande, die ich schon seit der Fähre nach Ram immer wieder getroffen hatte, Andrea aus den USA und Bruce aus Schottland fahren nach Istanbul, Rebecca aus Südtirol und Stefan aus Österreich zum Schwarzen Meer. Alle zusammen bauen mich nun wieder auf, und auch wenn keiner den passenden Schlüssel für das verdammte Hinterrad dabei hat, hatBruce dann doch noch die entscheidende Idee, wie ich einen Flicken drauf tun kann. Vor allem ist es aber der Zuspruch, das witzige österreichisch-englische Sprachgemisch und Andreas Energieriegel, die mich wieder beleben. Diese vier schickt wirklich der Himmel!

Also hinten noch ein Flicken, vorne kann ich auch endlich den letzten Dorn finden und montiere noch einmal einen neuen Schlauch.
Damit wären nun alle Reifen-Flicksachen aufgebraucht, die ich dabei habe, und meine Nerven sowieso. Vier Platte an einem Tag, da ist wirklich der Wurm drin heute. Dazu Probleme mit dem vorderen Umwerfer, heiß ist es ja sowieso, und die Landschaft ist nach Passieren des Eisernen Tores auch wieder ganz schön monoton geworden. Zu allem Überfluss hat das Radio in meinem Kopf, das mich sonst zuverlässig mit aufmunternden Ohrwürmern besorgt hat, heute offenbar einen Billy-Joel-Tag. Mir bleibt heute aber auch nichts erspart. Hat der irgendwie Geburtstag oder sowas? Aber woher sollte mein inneres Radio das wissen? Ich fahre jedenfalls heute lang nicht so begeistert und kraftvoll wie die letzten Tage.

Vielleicht kommt ja auch ein gewisses mentales Problem dazu, immerhin habe ich mit dem Donaudurchbruch sozusagen das letzte Ziel auf meiner Liste abgehakt. Was immer ich jetzt noch an Weg zurücklege, ist eigentlich nicht mehr geplant und auch nicht notwendig, das einzige was ich streng genommen noch bräuchte, wäre eine Zugverbindung nach Belgrad zurück, wo in vier Tagen mein Flug geht. Aber da sehe ich auf einem der Wegweiser ein Zitat von Robert Louis Stevenson: „I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travel’s sake. The great affair is to move.“ Da hat er eigentlich recht, denke ich mir, und seit wann wäre es mir denn darum gegangen, irgendwelche Sehenswürdigkeiten abzuklappern?

Nix da, jetzt wird wieder fester in die Pedale getreten, und dann will ich mir doch noch einen Eindruck von Rumänien und von Bulgarien machen, statt meine letzten Tage hier lustlos durch Serbien dümpelnd zu verbringen.

Noch mal zwei Steigungen auf dem Weg durch abgelegene Dörfer, und dann werfe ich mein Zelt irgendwo ins Gebüsch und werde nach einem Tag, an dem wirklich in allem der Wurm drin war, immerhin mit Nudelsuppe und dem Blick auf einen fantastischen Sonnenuntergang belohnt.

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Nichts als Schluchten und Berge

Donautour, Tag 22, Golubac-Eisernes Tor.

Heute geht es also endlich durch das Eiserne Tor, jenes Durchbruchstal der Donau durch die Ausläufer der Karpaten, von dem immer wieder behauptet wird, es handle sich um den schönsten Teil der Strecke.

Aber zuvor habe ich in Golubac noch einige Besorgungen zu erledigen. Ich wechsle noch einmal Geld, ergatterte endlich eine Speicherkarte für meine Kamera, und packe meine Taschen voller Essen. So viele Bäckereien wie bisher wird es in den Schluchten des Balkans sicher nicht mehr geben.

Wenige Kilometer hinter Golubac passiert die Straße zunächst die gleichnamige mittelalterliche Festung, die dazu diente, den Schiffsverkehr auf der nun immer schmaler werdenden Donau zu kontrollieren. Ich hatte sie ja von weitem schon gesehen und kenne auch die Bilder, aber wenn man mitten drin steht, ist sie noch mal um einiges imposanter. Steil ragt der Berg auf, in den Gänge getrieben und dem Türme aufgesetzt wurden, wuchtige Außenmauern vermitteln einen wehrhaften Eindruck, nur zur Flussseite hin ist der Komplex offen – man wollte ja schließlich Zölle kassieren können.

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Dann wird das Tal immer schmaler, die Felsen ragen immer höher auf, die Straße gräbt sich immer wieder tief in den Berg ein oder muss durch Tunnel geführt werden. Alpen-Gefühle mitten auf dem Balkan. Dazu natürlich wieder die unvermeidliche Sonne, zahlreiche Steigungen und tausend Pausen, um die Szenerie zu fotografieren. Drüben auf der rumänischen Seite wirkt die Landschaft noch nicht ganz so schroff, es gibt kleine Dörfer und Weinberge. Rumänien – das klingt für mich immer noch so weit weg, dabei sehe ich dieses Land ja schon seit gestern jedes Mal, wenn ich über die linke Schulter nach hinten blicke. Wegen der Hitze gönne ich mir eineinhalb Stunden Pause am Museum des Steinzeit-Dorfes „Lepenski Vir“, döse in der Sonne, esse natürlich auch etwas, und nebenbei kann ich am öffentlichen Klo wenigstens ein bisschen mein Tablet wieder aufladen. Die in Stichworten auf Papier geschriebenen Reiseberichte der letzten Tage kann ich so vielleicht bald nachtragen.

Dann geht es hinab in die Schlucht des Flüsschens Boljetin, die tatsächlich beeindruckend ist. An einem heißen Sommertag wie heute ist zwar vom Fluss nichts zu sehen, aber offenbar hat er es doch geschafft, sich tief in die Felsen zu graben. Dabei treten die unterschiedlichen Schichten der Gesteine zu Tage, was die Formationen zu einer Art geologischem Freilichtmuseum macht.
Das Problem ist nur, dass ich jetzt fast auf Niveau der Donau herabgestiegen bin und als nächstes über eine Passstraße muss. Die nächsten Meter heißt es Serpentinen, Serpentinen, und ein gewaltiger Anstieg. Aber hilft ja alles nichts, kleinster Gang rein und ab gehts. Der Schweiß tropft nicht, er läuft. Noch dazu gibt es natürlich keinerlei Schatten, und die Sonne brennt nicht gerade schlecht. Das Thermometer der Apotheke im nächsten Ort behauptet, es seien runde 40 Grad, und ich bin gewillt, das zu glauben. Mein Fahrradtrikot habe ich natürlich längst ausgezogen, und somit trage ich nun, von unten nach oben, Sandalen, die Fahrradhosen, eine neonfarbene Warnweste und den Fahrradhelm. Die entgegenkommenden Fahrer vermuten wahrscheinlich, dass ich auf dem Weg zu einem Village-People-Konzert bin, aber mir soll es egal sein, ich kenne ja niemanden in den Karpaten.

Irgendwann ist der Pass erklommen, der Schweiß auf der folgenden Abfahrt wieder getrocknet, und ich kann mir im Tal ein Eis gönnen. Die Tunnel habe ich noch gar nicht erwähnt, aber nun treten sie gehäuft auf und werden immer länger – der Hauptgrund für meine Warnweste, denn beleuchtet sind sie natürlich nicht, und die Autos fahren hier keineswegs die erlaubten sechzig. Diejenigen, die am dichtesten an meinen Packtaschen vorbei zischen, haben alle italienische Nummernschilder, vermutlich handelt es sich aber eher um Auslands-Rumänen auf Heimatbesuch (durchaus korrekte Einschätzung, wie mir ein serbischer Grenzpolizist später bestätigt).

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Die rumänische Seite der Donau kommt mir ohnehin immer näher, denn der Strom wird immer schmaler, die Kalkfelsen immer höher, und irgendwann fahre ich schließlich in den Großen Kessel ein, vorne und hinten von einem Durchbruch flankiert, rechts und links steile Felswände. Bisher war die Landschaft hier schön – nun ist sie erhaben.

Die Donau hat sich hier tief ins Kalkgestein gefressen, auch die Straße hat kaum noch Platz, an der engsten Stelle ist der Fluss nur noch 90 Meter breit (vor der Schlucht waren es noch mehrere Kilometer). Sehr, sehr beeindruckend. Außerdem ändert sich die Landschaft alle hundert Meter, immer wieder bietet sich ein neues Bild, sodass man sich kaum sattsehen kann. Es folgt ein strammer Aufstieg, und während die Schatten bereits immer länger werden, sehe ich schon den Kleinen Kessel vor mir liegen, mit dem Kloster am anderen Ufer, wo gerade die Glocke die Gläubigen zum Abendgebet ruft.

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Während des folgenden Anstiegs fällt mir auf, dass mein vorderer Reifen schon wieder Luft verloren hat, also muss ich anhalten und ihn aufpumpen – eine schweißtreibende Angelegenheit. Am nächsten Parkplatz ein paar hundert Meter weiter oben halte ich an, um mich auszuruhen und noch etwas zu essen, und siehe da, er ist erneut platt. Also Planänderung: den Reifen bringe ich morgen früh in Ordnung. Die Sonne sinkt gerade hinter die Felswände des Kleinen Kessels, ich bleibe also für die Nacht hier auf dem Parkplatz hoch oben im Berg und fahre erst morgen im Hellen weiter. Alles andere wäre mir zu unsicher. Stattdessen gibt es Makkaroni mit Erbsen, und als eine nette rumänische Familie auf dem Weg nach Italien hier Station macht, bekomme ich noch Cola und Kaffee dazu geschenkt. Selbst die Grenzpolizei, die hier gelegentlich anhält, ist sehr nett und will nicht mal meinen Ausweis sehen.

Also liege ich auf dem kleinen Parkplatz hoch in der Felswand des Kleinen Kessels im Eisernen Tor. Es ist eine sternenklare Nacht, mal wieder, aber hier im Nichts der serbisch-rumänischen Grenze gibt es wirklich keinerlei störende Lichtquellen, und man sieht tausende kleine Lichtpunkte am Himmel, die sich zusammenballen zu Sternbildern, Galaxien, ganz deutlich auch zur Milchstraße, die sich quer über den ganzen Himmel zieht. Falls es da oben irgendwo Leben geben sollte – ich hoffe, denen geht es genauso gut wie mir gerade. Der einzige, der mich wirklich gerade beobachtet, ist das riesige Felsenbild des Königs Decebalus in der Felswand auf der anderen Seite des Kessels. Aber den wird meine Anwesenheit hier sicher nicht stören.

Dem Strome folgend

Donautour, Tag 21, Kovin-Golubac.

Aufstehen, Zähne putzen, Zelt abbauen, Müsli. Kennt man ja zur Genüge. Auch den weiteren Morgen verbringe ich zunächst unspektakulär auf dem Dammweg, dann möchte ich eigentlich in Gaj mit der Fähre übersetzen. Drüben liegt nämlich Moesia Superior, und das ist kein rumänisches Bordell, sondern eine antike römische Provinz, deren Hauptstadt Viminacium hier ausgegraben wurde. Aber ich finde die Fähre nicht. Also frage ich eine handvoll junger Männer, die gerade an erinnert Art Party-Boot herumschweißen. Es stellt sich heraus, dass dies die Fähre ist, die erst morgen Abend wieder fahren soll. Definitiv ist dies die coolste Fähre, die ich je gesehen habe, aber mit Moesia Superior ist es natürlich Essig. Stattdessen geht es weiter endlos geradeaus, erst Dammweg, dann durch den Wald, über den Donau-Theiss-Donau-Kanal und dort entlang auf dem schlechtesten Dammweg aller Zeiten, und all das immer getrieben von der Notwendigkeit, in Stara Palanka die Zwölf-Uhr-Fähre zu bekommen. Ich habe auf der Karte nämlich gesehen, dass diese Überfahrt nur alle drei Stunden möglich ist, und ich möchte ja nicht den ganzen Tag hier verbringen.
Als ich den Anleger erreiche, breitet sich eine grandiose Landschaft vor meinem Auge aus: die Berge, teils schon in Rumänien, dazu der Strom, der hier breit wie ein See ist. Auf der überdachten Terrasse des Restaurants steigt eine Art Feier, jedenfalls spielen hier zwei Akkordeonspieler auf, hauen feste und nicht immer synchron in die Tasten, und dazu hört man an- und abschwellenden Gesang der Feiernden mit rhythmischem und teils auch eher arhythmischem Geklatsche. Jedenfalls bietet sich mir hier der Balkan wie aus dem Bilderbuch.

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Die Zwölf-Uhr-Fähre fährt im Sommer wohl doch erst um 13 Uhr, und so verbringe ich die nächste Zeit im Schatten eines Baumes am Anleger, studiere die nächsten Karten und halte ein Nickerchen. Als die Fähre dann anlegt, müssen zwei Männer erst aus Kies eine Rampe zum Land schaufeln. Es folgt eine Überfahrt von zwanzig Minuten, die herrlich zu nennen vielleicht noch untertrieben wäre. Auf der anderen Seite in Ram thront auch eine hübsche Burg auf dem Bergsporn, mehr noch interessiere ich mich aber für das kleine Geschäft des Ortes. Schließlich habe ich enormen Kohldampf, kaufe also rasch etwas ein und mache hinter dem Dorf endlich eine Essenspause, wobei ich erst mal ein Brot esse. Ganz recht, keine Scheibe, sondern ein ganzes Vollkornbrot esse ich. Unglaublich, was diese Radfahrerei aus mir macht.

So gestärkt gelange ich schnell an den touristisch voll erschlossenen Silbersee und weiter nach Veliki Gradište, wo gerade das Fest des heiligen Elias gefeiert wird. Die Stadt ist voller Menschen, es gibt Stände, einen Markt und Fahrgeschäfte. Ich schau mir lieber zwei Partien des Beachvolleyball-Turniers am Fluss an und lerne im Park Zoran kennen, der mich mit Tipps versorgt. Nur das Fotogeschäft hat leider tatsächlich keine Speicherkarten, meine ist bald voll.

Ein türkischer Mokka belebt mich wieder, und auf der Weiterfahrt esse ich abwechselnd Birnen und Pflaumen vom Wegrand und die Mini-Käseteilchen, die ich in einer Bäckerei entdeckt habe. 100 Gramm für 45 Dinar, nur geschenkt wäre billiger.

So erreiche ich bald mein Etappenziel Golubac, und wie von Zoran empfohlen frage ich am Seglerheim nach einem Platz für mein Zelt. Das kann aber nur der Trainer entscheiden, und der ist gerade noch, wo er hingehört – auf dem Wasser. Macht gar nichts, dann gehe ich auch zuerst noch in die Donau, die hier kurz vor dem Durchbruchstal mehrere Kilometer breit ist, und sorge mal wieder für ein bisschen Kultur. Der Trainer ist trotzdem nicht begeistert, teilt mir aber doch eine Ecke des Platzes zu, und die nette Frau, die mir bei all dem geholfen hat, bietet mir frischen Räucherfisch an, den ich natürlich nicht mag. Meine Nudeln mit Spargelsoße sind aber auch nicht verkehrt, ich bin beim Kochen zwar nicht so ehrgeizig wie daheim, aber unterwegs schmeckt es ja sowieso immer besser.

Außerdem kann ich direkt am Strom kochen, in dem sich die Uferpromenade und die angeleuchtete, sehr imposante Festung Golubac spiegeln. Drüben liegt schon Rumänien, hier tanzen die Bötchen auf den Wellen, aus der Stadt hört man Musik, und auch der Sternenhimmel ist enorm. Zwar habe ich weder eine SD-Karte für meine Kamera noch Strom für mein Tablet gefunden, aber das sind ja schließlich nur Nebensächlichkeiten bei all dem Glück, das ich hier empfinden darf.

Östlich von Belgrad

Donautour, Tag 20, Stari Banovci-Kovin.

Schon vor sieben Uhr ist es zu heiß im Zelt. Ich kann nicht mehr schlafen. Prinzipiell war die Nacht aber offenbar ganz gut gewesen, jedenfalls habe ich den streunenden Hund nicht gehört, der laut Ryan vor meinem Zelt gesessen und eine Viertelstunde lang gebellt hat.

Zum Frühstück gibt es ein enorm mastiges Schokocroissant neben einer merkwürdigen Frauengestalt mit Knast-Tattoos, und dann nichts wie rein in die Stadt. Um es kurz zu sagen: Radfahren in Belgrad ist kein Spaß. Linz war super gewesen, Wien ganz gut, Bratislava passabel, Budapest schon anspruchsvoll, Novi Sad recht unangenehm. Belgrad ist einfach nur gefährlich auf dem Rad.

Während Ryan die billigsten Hostels auskundschaften geht, will ich einfach nur schnell durch die Stadt und weiter, schließlich komme ich in einer knappen Woche ohnehin hierher zurück für meinen Rückflug. Ohne Karte ist die Durchquerung der Stadt aber schlicht unmöglich, daher führt mein Weg irgendwann doch in die Tourist-Info. Moment, das Fahrrad kenne ich doch! In der Info treffe ich Ryan wieder, und diesmal halten uns auch keine Schweizer auf. Stattdessen müssen wir dem serbischen Fernsehen ein Interview geben als Reisende, dazu einige Aufnahmen von uns beim Erkunden der Stadt. Ich mit der Karte, Ryan auf dem Fahrrad, solche Sachen eben. Was man nicht alles macht, um serbischer Fernsehstar zu werden.

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Der nun folgende Abschied Nummer zwei ist aber wohl endgültig, ich habe ja meine Karte und pedaliere fröhlich weiter. Platz der Republik, Nationaltheater, Einkaufsmeilen, Parlament, schön und gut. Aber das Fahren ist unangenehm. Der tausendste hohe Bordstein, und – krack! – ist schon wieder die Aufhängung des Gepäckträgers gebrochen.

Ich schimpfe laut auf die hohen Bordsteine, auf den miesen chinesischen Billig-Gepäckträger, auf mich, dass ich mir den in Grein habe andrehen lassen, am meisten aber auf die fette Schnecke, die mir das Scheißding verkauft hat. Neue Regel: so wie man keinem dünnen Koch trauen soll, so auch keiner dicken Sportartikelverkäuferin.

Aber alles Schimpfen hilft nichts, ich flicke die Bruchstelle notdürftig und suche auf der Karte schon mal den nächsten Fahrradladen. Zwanzig Kilometer. Hoffentlich hält es bis dahin. Der Weg über die Donaubrücke ist ein Höllenritt, so viele Gehwegplatten stehen hier hoch, und der Verkehr tut sein übriges. Auch die Küchenkalendersprüche auf den Wegweisern, die ich bislang ganz amüsant fand, kommen mir nun eher höhnisch vor. „Ein Schiff ist am sichersten im Hafen, aber dafür wurde es nicht gebaut“ als Verweis auf eine vierspurige Ausfallstraße?

Auch der anschließende Dammweg ist enorm schlecht, es ist viel zu heiß, und die Weiterfahrt ist ziemlich monoton – wenn schon vertrocknete Frösche auf dem Weg das einzige Highlight sind. Bin ich hier, um Europas schönste ausgetrocknete Feuchtgebiete zu sehen? Man merkt es, meine Laune ist mal wieder auf einem Tiefpunkt.

Und was hilft mir aus dem Tief heraus? Die serbische Freundlichkeit. Gleich der Erste, den ich in Pancevo nach einem Fahrradladen frage, ist Denja, der sich gerade heute ein neues Rad gekauft hat und mich gleich persönlich hinbringt. Die Verkäufer sind sehr nett, und auch wenn sie das nötige Ersatzteil nicht da haben, so haben sie doch allerlei Ideen. Vier Köpfe beugen sich schließlich auf dem Gehweg über mein Rad und schrauben am Gepäckträger herum. Das Ergebnis: erwartungsgemäß ein typisch serbisch-saarländisches Provisorium, alles geknaupt, hält aber. „It’s on the house“, grinst der Lehrling, als ich nach dem Preis frage, und statt einer Rechnung bekomme ich noch ein nettes Gespräch und Luft in die Reifen. Auch Denja treffe ich kurz darauf in der Stadt wieder, und wir unterhalten uns noch an der Ampel. Die entgegenkommenden Autofahrer hupen und winken mir zu, und wer am späten Nachmittag durch ein serbisches Dorf fährt, der kommt aus dem Grüßen sowieso kaum heraus. Welch ein freundliches, hilfsbereites, offenes Volk! He, ihr amerikanischen Regisseure, die ihr in den schlechten Actionfilmen immer so gerne die Serben als die Bösen nehmt und so wohl mitverantwortlich seid für das katastrophale Image des Landes – wart ihr jemals hier? Serbien, in das ich zugegebenermaßen mit einigem Magendrücken eingereist bin – ich bin ja aufgewachsen mit Meldungen von Krieg, Gewalt und Bombardements, und dabei wurden die Serben immer als die kaltblütigen Schlächter präsentiert – dieses Serbien hat es innerhalb von zwei Tagen nun schon geschafft, mich zu begeistern. Eigentlich ein wunderbares Reiseland.

IMGP2619Nur ist es natürlich immer noch heiß, 35 Grad sind es um 17 Uhr noch, aber alles läuft wieder super, meine Laune ist wieder obenauf. Ich fahre nun doch noch eine ganz ordentliche Strecke, dann biege ich irgendwann vom Damm ab und lande geradewegs unter einem Pflaumenbaum. Und ich Trottel habe eben im Geschäft noch Pflaumen gekauft!

Das Abendessen besteht aus Nudeln mit Knoblauchsoße und als Highlight frischen gelben Paprika darin, dann liege ich im Zelt, esse ein paar Pflaumen, lese noch ein bisschen und lasse mich nicht einmal von nächsten streunenden Hund stören, der um mein Zelt und meinen Pflaumenbaum streicht und noch eine zeitlang bellt.

Die Perle der Vojvodina

Donautour, Tag 19, Futog-Stari Banovci.

Wir waren früh schlafen gegangen, so wachen wir natürlich früh wieder auf. Fantastischer Blick auf die Donau und die gegenüberliegenden Berge, wie gestern Abend prophezeit. Während des Müsli-Frühstücks sind wir beide eher schweigsam, heute brauche ich einige Zeit, um wach zu werden.

Aber irgendwann besteigen Ryan und ich doch unsere Räder und fahren nach Novi Sad hinein. Unterwegs halten wir an einer Bäckerei, wo ich mir ein Stück Kirschkuchen kaufe. Dann geht es weiter durch die heruntergekommenen Plattenbau-Siedlungen, später durch die etwas besseren Plattenbau-Siedlungen, und schließlich am Fluss entlang Richtung Innenstadt. Die ist gar nicht so leicht zu finden, und in der Touristinformation warten wir eine gute Viertelstunde, Flyer und Bildbände studierend, bis wir endlich einen Stadtplan bekommen. Schuld ist ein Schweizer Pärchen, das am liebsten jeden ihrer Schritte von dem Mädchen hinterm Schalter erklärt haben möchte. Alles wird ausführlich diskutiert, tausend dümmliche Nachfragen inklusive. Drei Vorteile hat die Affäre: erstens können wir uns der vielen Schönheiten des neuen Landes bewusst werden – zweitens wird hier mal wieder deutlich, wie herrlich unkompliziert unsere Art zu Reisen ist – und drittens liefert es uns Stoff für die nächsten hundert Witze.

Aber irgendwann ziehen die Schweizer rundum versorgt ab, wir grinsen und bekommen auch unsere Karte, und die Stadt steht uns offen. Schon der erste Platz, den wir in der Altstadt erreichen, ist großartig. Orthodoxe Kirchen, teure Hotels, die Anwesen det Bourgeoisie – diese Stadt verbindet den Charme des Balkans auf das Vortrefflichste mit österreich-ungarischem Stil. Der Spitzname „Perle der Vojvodina“ ist in diesem Fall wohl doch mehr als nur ein Marketing-Trick, Novi Sad ist eine wirkliche Perle. Ein paar Plätze weiter setzen wir uns in ein Café und beobachten mal wieder die Passanten. Eine Menge hübscher Frauen, ein orthodoxer Pope, Marktfrauen, Touristen. Und dank des flächendeckenden städtischen WLAN kann ich auch endlich wieder mein Blog auf den neuesten Stand bringen.

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Dafür ist der Weg aus der Stadt hinaus weniger schön. Viel Verkehr, haarsträubende Überholmanöver, stinkende LKWs. Die vielen alten Yugos aus sozialistischen Zeiten machen auch nicht gerade den besten Eindruck, vom Geruch ganz zu schweigen. Erst in Sremski Karlovci können wir die Hauptstraße verlassen und kurven kurz durch den hübschen Stadtkern. Außerdem halten wir mal wieder ab einer Bäckerei, diesmal ist meine Wahl ein enorm fettiger Burek sowie ein Käsegebäck. Schließlich entscheiden wir uns, den anstehenden Berg sowie die Hauptstraße zu vermeiden und dem Weg am Ufer weiter zu folgen. Das ist zwar sehr anstrengend, denn es geht auf und ab auf dem schlechten Schotterweg, dafür wachsen hier reife Brombeeren, die uns ganz ordentlich unterstützen. In Cortanovci gibt es dazu noch Nektarinen und Schokoriegel, dann noch ein böser Anstieg und wir haben es auf das Plateau oberhalb der Donau geschafft – jetzt geht es erst mal nur noch geradeaus und dann irgendwann auf der guten Strecke weiter südwärts. Belgrad rückt näher. Sonst keine weiteren Vorkommnisse, außer dass ich beim nächsten Bäckerei-Stopp endlich meinen mit Kartoffeln gefüllten Burek bekomme, nach dem ich seit Tagen in jeder Bäckerei Ausschau halte. Köstlich.

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In Belegiš dann noch ein Eis und ein Bier auf der Hauptstraße, und wir beginnen, nach einem Schlafplatz zu suchen, denn noch nach Belgrad hinein zu fahren wäre sicherlich keine gute Idee. Aber schon im nächsten Dorf, Stari Banovci, findet sich der Weg hinab zum Strand, wo nur zwei Familien und eine handvoll Angler sind und wir ohne Probleme zelten dürfen. Was ist wohl das erste, das wir tun, noch bevor wir die Zelte aufbauen? Extra große Portionen Nudeln mit Tomatensauce kochen, meine noch mit einer ganzen Dose Baked Beans als Einlage. Wie kann man den so viel essen? Ich weiß es selbst nicht, aber ich bin hier permanent hungrig, bewege mich ja auch entsprechend viel, und so sind fünf größere Mahlzeiten am Tag keine Seltenheit. Das Essen ist ja auch entsprechend billig hier in Serbien, da kann man ruhig mal in die Vollen gehen.

Nebenbei reden Ryan und ich natürlich viel, tauschen weiter fleißig Reiseerfahrungen aus und entwickeln für Bulgarien, unser nächstes oder übernächstes Reiseland, ein paar neue Stereotype, weil es uns doch zu profillos vorkommt. Außerdem geht es um Billigflüge, die EU, das Essen unterwegs (natürlich!), um Rumänien, das Heiraten, Immigration nach Kanada, absurde Schlafplätze, Nächte in weißrussischen Gefängnissen und so weiter. Natürlich hat Ryan noch deutlich mehr Reisegeschichten auf Lager als ich, immerhin ist er seit zwanzig Jahren beinahe ohne Unterbrechung unterwegs, davon die letzten sechs mit dem Fahrrad um den Globus. Egal welches Land man ihm nennt, er hat eine Story parat. Das imponiert mir doch mehr, als ich zugeben mag. Wäre das etwas für mich, so ein Leben permanent auf Achse? Dessen bin ich mir noch nicht sicher. Ich habe mich natürlich in den letzten Wochen beobachtet, wie ich das Unterwegssein genossen habe. All die fremden Länder und Kulturen, die vielen merkwürdigen Begegnungen. Das Alleinsein war nie ein Problem, entweder ich kam gut ohne Gesellschaft klar, oder ich habe schnell welche gefunden. Und natürlich entstehen in meinem Kopf gerade schon wieder tausend neue Reisepläne, wie das immer so geht. Aber wäre ich bereit, mein Leben daheim so komplett aufzugeben und nur noch durch die Welt zu streifen? Die Hemmschwelle ist doch zu groß, wie es mir gerade erscheint.

Vielleicht ist das eine gute Denksportaufgabe für die nächste Woche: wie weit bin ich bereit zu gehen, um etwas von der Welt zu sehen?
Passend dazu lese ich gerade auch eine Georg-Forster-Biographie, Untertitel „Die Liebe zur Welt“. Ja, die ist es, die mich am Reisen hält – aber inwieweit bin ich dazu bereit, meine schönen gewohnten Standards aufzugeben?

Während ich darüber nachdenke, ist es vor dem Zelt Nacht geworden. Die Donau liegt glatt da wie ein Spiegel, die Angler aus verschwunden, bis auf einige Grillen und Hunde hört man nichts. Belgrad ist nicht mehr weit entfernt, aber nichts erinnert an die nahe Metropole, wir konnten genauso gut mitten im Nationalpark sein. Ryan schläft schon, ich werde vielleicht noch ein wenig lesen. Wirklich eine Perle hier, denke ich noch, und mache mich lang.

Die Ruhe nach dem Sturm

Am gestrigen Abend waren Wolken aufgezogen, die ich noch als hübsches Fotomotiv verwendet hatte.

In der Nacht toben sich nun die Gewitter aus, in einer Heftigkeit, die ich nicht vorausgesehen hatte. Um ein Uhr weckt mich das erste, dann rollen die Stürme im Stundentakt über mich hinweg, bis morgens um sechs dann endgültig der letzte Donner verklingt und ich mir noch zwei Stunden ruhigen Schlafes gönne. Zuvor war ich ständig wach gewesen, kein Wunder, denn es stürmte ganz enorm. Die Blitze zucken ständig von allen Seiten und erleuchten mein Feld taghell. So viele, dass ich das Zählen der Sekunden bis zum Donnern bald aufgeben muss – Blitz und Donner lassen sich einfach nicht mehr zuordnen. Alles dabei, vom Wetterleuchten bis zum Blitzschlag ins Nachbarfeld. Es schüttet, das Zelt bäumt sich auf im Wind, und selbst das zuvor ohrenbetäubende Zirpen der Grillen ist nicht mehr zu hören. Eigentlich alles kein Wunder, schließlich waren es die letzten Tage 40 Grad gewesen, und vor den Bergen der Fruška Gora drüben in Serbien regnet nun alles ab. Ich weiß auch theoretisch um die geringe Wahrscheinlichkeit, dass mir hier etwas passiert, aber zucke natürlich trotzdem bei jedem Blitz zusammen. Zittere ich gerade? An der Kälte liegt es sicherlich nicht.

Die schlimmsten Gewitter sind jene um eins und um vier. Da hocke ich in voller Montur, mit Regenjacke und natürlich den Schuhen mit den Gummi-Sohlen, im Eingang – Taschenlampe, Handy, Pass und Portemonnaie in der Hand, um fluchtbereit zu sein. Trotz des Unwetters ist es noch immer enorm schwül, ich schwitze wie ein Hund, aber das könnte auch Angstschweiß sein. Ich bin zwar alleine mit dem Fahrrad auf den Balkan gefahren, komme gerade aus Bosnien wieder, habe Minenfelder und Kriegsruinen gesehen, hatte unliebsame Begegnungen mit Straßenhunden – alles kein Problem. Aber nun habe ich wirklich Angst.

Doch auch die schlimmste Nacht geht einmal vorbei. Als ich aufwache, ist es noch immer unerträglich schwül. Die Wolken ballen sich noch immer am Himmel, aber ab und an kommt auch für einen Moment die Sonne durch – zu wenig, um meine nassen Sachen zu trocknen. Ich esse ein wenig Müsli, setze mich wieder auf das Fahrrad und schwöre mir, nie wieder mein Zelt auf irgendeinem Feld aufzuschlagen, wenn auch nur die leiseste Gefahr besteht, dass ein Gewitter aufziehen könnte. Unterstand ahoi.

Was auf der Karte gestern wie ein leichter Ritt hinüber zur Donau gewirkt hatte, entpuppt sich als äußerst kräftezehrende Angelegenheit. Nicht nur ist es immer noch schwül und das Fahren auf den durchweichten Feldwegen auch nicht gerade einfach, es geht vor allem Berg auf und Berg ab. Ich hatte noch kein richtiges Frühstück, bin übermüdet, aber muss nun schon die Steigungen hoch strampeln – kein Wunder eigentlich, dass ich gerade den ersten wirklichen Durchhänger habe. Ich schimpfe auf alles, auf das Wetter, die kroatischen Straßen, die Karte, die überholenden LKW, und auch das Radio in meinem Kopf, das sonst zuverlässig für gute Laune sorgt, spielt nun Lieder, die bestenfalls bizarr zu nennen sind.

Einmal auch der Alptraum aller Radfahrer: eine Steigung mit acht Prozent Gefälle, darin aber eine Baustelle mit Ampel, sodass ich im PKW-Tempo hinauf sprinten muss, wenn ich nicht an der blödesten Stelle auf Gegenverkehr stoßen will. Und das bei dem Klima, mit Gepäck, ohne Frühstück. Oben muss ich mich erst mal zehn Minuten an den Straßenrand legen.

Aber auch dieser Alptraum ist irgendwann vorbei, ein letzter Berg noch, dann bin ich in Ilok, der Stadt im äußersten östlichen Zipfel Kroatiens. Die Sonne scheint wieder, die fröhlichen Gedanken kommen zurück, und ich kann statt einer Pizza immerhin eine leckere warme Pita essen. Kurz schaue ich mir noch die Festung an, dann geht es den letzten Berg hinunter und über die Brücke nach Serbien.

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Backa Palanka ist eine lebhafte, aber nicht gerade hübsche Stadt. Ich besorge mir erst mal wieder serbische Dinar und stelle fest, dass ich mich wieder an größere Zahlen auf den Geldscheinen gewöhnen muss. Außerdem räume ich mein Portemonnaie auf, darin sind nämlich gerade 40 Euro, 5000 Forint, 180 Kuna und 3000 Dinar. Klingt, als wäre ich reich. Bin ich aber gar nicht. Jedenfalls nicht an Geld.

Mit den hübschen serbischen Geldscheinen kaufe ich mir erst mal einen Kaffee und eine Sesam-Käse-Pastete. Klingt als würde ich den ganzen Tag nur fressen oder an die nächste Mahlzeit denken, nicht wahr? In gewisser Weise stimmt das auch, irgendwie muss ich ja die vielen Kalorien wieder einnehmen, die das Radfahren verschlingt.

Die nächsten Kilometer an der Hauptstraße sind sowieso nicht so schön, da denke ich lieber weiter ans Essen. Aber dann kann ich and Ufer wechseln und fahre durch die wunderschönen und ruhigen Donauauen. Der Wind kitzelt sanft die uralten Ulmen, auf der anderen Seite des Flusses ragt der Nationalpark Fruška Gora auf, und meine Kette surrt und surrt, während ich mich gemächlich Novi Sad nähere. So habe ich mir das hier vorgestellt – die Ruhe nach dem Sturm.

Irgendwann wird mir der Dammweg zu schlecht und ich biege wieder auf die Hauptstraße ab, wo ich rasch Futog erreiche. Vor dem Laden, in dem ich mir Zeug für das Abendessen kaufen will, treffe ich auch Ryan wieder, mit dem ich in Backa Palanka schon kurz gesprochen hatte. Er ist Kanadier, und nicht wie ich Amateur nur ein paar Wochen, sondern nun schon seit sechs Jahren mit dem Fahrrad unterwegs. Dabei hat er schon alle Kontinente bereist, inklusive der Antarktis, und holt gerade noch ein paar europäische Länder nach, die ihm noch fehlen: die Schweiz, Liechtenstein, nun Serbien, dann noch Rumänien und Moldawien.

Sein Hobby unterwegs ist es, abends vor dem örtlichen Supermarkt zu sitzen, Bier zu trinken und die Menschen zu beobachten. Da steige ich doch gerne ein, zumal sich auch noch eine Art Dorforiginal zu uns gesellt: ein gefährlich aussehender Mann, ganzkörpertätowiert, muskulös, der sich uns als der Mafiaboss vorstellt und den Kunden merkwürdige Dinge zuruft. Ganz nüchtern scheint er nicht mehr zu sein, auch eher mit Vorsicht zu genießen, dafür aber durchaus unterhaltsam, auch wenn wir natürlich kein Wort verstehen. Ohnehin ist hier einiges komische Volk unterwegs, wie wir amüsiert feststellen.

Nachdem wir unsere Reisepläne für heute, die nächste Woche und die nächsten Jahre abgeglichen sowie unsere Erfahrungen mit Biking, Bier und Bosnien ausgetauscht haben, suchen Ryan und ich einen Schlafplatz, da es nun doch zu spät geworden ist, noch nach Novi Sad hineinzufahren. Aber nema problema, denn jenseits des Deiches von Futog liegt noch eine bewaldete Donauinsel, auf der sich schnell der perfekte Platz findet. Unter Bäumen, nah am Ufer, und für den Morgen Blick auf die Berge auf der anderen Seite. Während Ryan eine Runde schläft, steige ich erst mal ins kalte Donauwasser und wasche mir endlich den Staub der Straßen und den Schweiß des bosnischen Glutofens ab. Wie gut das tut!

Heute Abend kann ich nun also die Ruhe nach dem Sturm genießen. In Ruhe lesen, kochen (ungarische Nudeln mit kroatischen Erbsen), reden und mich von einem strapaziösen Tag und einer noch schlimmeren Nacht entspannen. Die Gespräche mit Ryan sind sowieso interessant, er hat schon eine Menge erlebt und ist natürlich sehr aufgeschlossen, wie von einem solchen Weltenbummler zu erwarten. Von der nahen Stadt tönt Party-Musik herüber, ein Schiff fährt auf der Donau, auch die Lichter von Novi Sad sieht man schon. Und natürlich die Sterne, die überall die selben sind, ob in Deutschland, Kanada oder Serbien.

In einer Kneipe dudelte gerade „Heaven is a place on earth“. Das ist er sicherlich, wenn man mit der richtigen Einstellung an die Sache heran geht. Dass der Himmel ausgerechnet ein Donaustrand in Serbien ist, war zwar nicht unbedingt zu erwarten, aber jetzt wo es nun einmal so gekommen ist, kann man ja ruhig auch mal dankbar dafür sein.

Mit Jason und Jason durch Kroatien

Kroatien ist beinahe eine Art Schlaraffenland. Schon beim Frühstück unter enorm blauem Himmel bekommt man fröhliches Gespräch mit den Passanten. Die Straßen sind gut ausgebaut und wenig befahren. Lebensmittel und Getränke sind billig und gut. Die Menschen sind enorm fröhlich, die Julisonne sowieso. Am Wegesrand wachsen reife Pflaumen und Birnen, die einem fast in den Mund fallen. Bauern verkaufen riesige Melonen für zwei Kuna das Kilo. Selbst die lokale Volksmusik in den Pubs hat einen gewissen Charme. Es ist natürlich wieder unmenschlich heiß, aber auch daran gewöhnt man sich. Das einzige, was ich an Ungarn vermisse, sind die öffentlichen Trinkwasserbrunnen in jeder Straße – die wären bei dieser Hitze nötiger denn je. Aber eigentlich präsentiert sich Kroatien heute morgen als Summerwonderland.

Abruptes Erwachen aus dem kroatischen Wunderland: der Wegrand ist plötzlich gesäumt von Schildern, die vor dem Betreten des angrenzenden Waldes warnen. Minen-Gefahr. Wie traurig, dass es so etwas fast zwanzig Jahre nach Ende des Krieges, in einem Land, das mittlerweile zur EU gehört, immer noch gibt.

Erst mal geht es nach Osijek, der Hauptstadt der Gespanschaft, wo Jason und ich die Festung bewundern und dann auf dem klassizistischen Hauptplatz einen äußerst starken Kaffee trinken. In der Bäckerei gibt es noch Käseteilchen dazu, und dann trennen sich unsere Wege wieder. Jason möchte morgen schon in Novi Sad sein, ich habe möglicherweise für heute Abend einen Schlafplatz in Vukovar. Also noch eine herzliche Umarmung vor der Bäckerei, und an der nächsten Kreuzung biegt er links ab und ich rechts.
Merkwürdig, wir waren ja nur für 24 Stunden Reisegefährten, aber es fühlt sich gerade schon fast wieder komisch an, alleine weiterzufahren, so sehr hatte ich mich schon an seine Gesellschaft gewöhnt. Aber er hat einen strammen Plan und will bald in Istanbul sein, ich schaue mir erst noch in aller Ruhe Osijek an, trinke eine kalte Cockta (die allseits bekannte und beliebte Cola aus Slowenien, fast noch besser als ihr tschechoslowakisches Pendant Kofola) und bestaune die wunderschöne Stadt. Aber auch hier wieder zwei Gesichter – die meisten Häuser sind schmuck, ganze Straßenzüge sind herausgeputzt, aber die Nachbarstraße oder auch schon das angrenzende Haus kann am Verfallen oder mit Einschusslöchern versehen sein. Hier ist zwar vieles schon renoviert worden, aber Bedarf herrscht immer noch. Ich schüttle die traurigen Gedanken aus meinem Kopf, konzentriere mich auf das äußerst positive Hier und Jetzt und starte langsam in Richtung Vukovar.

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Es geht über die Landstraße, und weil ich in Osijek so lange getrödelt habe, brät mich nun schon die Mittagssonne. Verdammt, ich habe außerdem vergessen, meine Flaschen in der Stadt zu füllen. Bis zum nächsten Dorf werde ich nun wohl durchhalten müssen, aber da spreche ich gleich den erstbesten Alten an, der vor seinem Haus fegt, ob ich Wasser haben kann. Auf Kroatisch, wohlgemerkt, ich bin ich recht stolz darauf! Hastenichtgesehen stehe ich in der winzigen Küche, und die Dame des Hauses will unbedingt das Füllen der Flasche übernehmen. Ich sei ja bestimmt ganz geschafft vom Fahrradfahren in der Hitze. Damit haben die beiden wohl nicht ganz unrecht, unangenehm ist es mir aber trotzdem. Außerdem hatte man es sich ja sowieso schon denken können, aber hier in der Kate wird erst recht deutlich, dass der Lebensstandard eines Rentners in Slawonien nicht besonders hoch sein kann. Sicher eine der ärmsten Ecken der EU, durch die ich gerade radle.

Während ich in die Pedale trete, singe ich mal wieder aus vollen Kräften, in der Hitze am Berg hat das einen sehr motivierenden Effekt, und in dieser Landschaft hört mich ohnehin keiner. Heute ist Jason Mraz dran, ich träller seine Lieder auf und ab. „I guess what I’ll be saying is: there ain’t no better reason to rid yourselves of vanities and just go with the seasons…“ So sieht’s aus.

In Dalj verlasse ich die Hauptstraße, um nicht versehentlich doch noch nach Serbien zu fahren, und kaufe mir in der örtlichen Bäckerei ein weiteres Käseteilchen, für 2 Kuna, das sind knapp 25 Eurocent. Ich Trottel habe gestern 400 Kuna abgehoben, wie soll ich die denn jemals ausgeben? Unter einem Baum mache ich Mittag, studiere meine Karte, und dann geht es erst um halb vier weiter, auch wenn die Temperatur eigentlich noch kein bisschen besser geworden ist.

Die Straßenschilder sind hier alle schon in zwei Alphabeten geschrieben, lateinisch und kyrillisch, Serbien ist nicht weit. Störche gibt es an jeder Ecke, sonst bewegt sich nicht so viel. Selbst die Katzen dösen auf der offenen Straße. Ein paar Dörfer weiter fällt mir der Fäkalien-Geruch auf, den die Mittagshitze zu einem enormen Odeur ausbaut. Alle Häuser haben kleine Scheißhäuschen im Garten stehen – kann es wirklich sein, dass dieses Dorf von bestimmt zweitausend Einwohnern noch nicht an die Kanalisation angeschlossen ist?

Auch Vukovar empfängt mich eher mit einem Bild des Verfalls. Den zerschossenen Wasserturm hat man nach Kriegsende als Mahnmal stehen lassen, aber auch sonst finden sich noch viele Ruinen, Einschusslöcher, Leerstand. Im Krieg wurde die Stadt 87 Tage lang belagert und dabei natürlich völlig zerstört. Das ist nun 22 Jahre her, aber immer noch präsent. Hier am äußersten Rand des Landes scheint man ohnehin noch immer recht abgehängt zu sein, selbst von Osijek scheint Vukovar Welten entfernt zu sein. Auf der anderen, der Sonnenseite der Donau liegt Serbien, dort sind die Strände voll und belebt, man hört Plantschen und das Geschrei von Kindern. Vukovar auf der Schattenseite des Flusses erweckt eher den Eindruck, trotz weit über dreißig Grad noch im Winterschlaf zu liegen. Das Restaurant-Schiff hier heißt „Club Rich“, macht aber auch den gegenteiligen Eindruck.

Klingt jetzt alles sehr melancholisch, natürlich sitze ich nicht mitten im bürgerkriegsartigen Ruinenfeld, sondern esse meine Pflaumen in einer halbwegs normalen Kleinstadt, die auch durchaus hübsche Ecken hat. Es gibt auch ein paar Touristen, und ich sitze an der Donau und pfeife noch immer Lieder von Jason Mraz. Halb so wild also. Aber die Probleme und die nahe Vergangenheit sind kaum zu übersehen.

Zoran, mein heutiger Host, empfängt mich in einem Biergarten, wo er bis eben noch einem Schach-Turnier beigewohnt hat. Er erklärt mir, dass in der eigentlichen Innenstadt tatsächlich nichts los ist, wie uns nun aber im lebendigeren Viertel befinden, dass ich beim Reinfahren in die Stadt nicht wahrgenommen hatte. Aber tatsächlich sind hier viele Leute unterwegs, im Biergarten baut gerade die Band auf und beginnt, slawonische Volkslieder zu spielen, und erst die Moskitos treiben uns irgendwann nach drinnen. Zoran ist ein leicht verkopfter Informatiklehrer, seine energische Freundin Vuka das perfekte Gegenstück dazu. Irgendwann bin ich dann doch müde und gehe in mein Zimmer (jawohl, ich schlafe in einem eigenen Zimmer, mit echtem Bett und so weiter), vor dem Fenster spielt aber noch immer laut die Musik aus mehreren Quellen. Fröhlicher Balkan-Pop, im besten Sinne. So kann der erste Eindruck täuschen: das Zentrum von Vukovar ist trist, zerbombt, leblos, aber hier draußen in der Plattenbau-Siedlung steppt der Bär.

A propos Bär, morgen könnte ich mich vielleicht wirklich mal etwas von der Donau entfernen und ins Hügelland fahren, wenn ich noch nicht gleich nach Serbien will. Bären soll es da auch ein paar geben, da bin ich ja mal gespannt.