在通宵客车 – Im Übernachtbus

Nach etlichen Wochen im ländlichen China packe ich meine Sachen, esse ich noch einmal mit meinen Freunden zu Abend (im enorm guten vegetarischen Restaurant Pure Lotos) und besteige dann abends um neun den Übernachtbus nach Hongkong.

Im Übernachtbus gibt es Liegebetten, die aber selbst einem winzigen Chinesen klein erscheinen würden. Ich schiebe meine Füße unter den Kopf des Vordermannes und wundere mich, dass meine Schädeldecke noch immer hinten am Rahmen anliegt. Mit meinem Rucksack muss ich innig kuscheln, wenn ich meine Wertsachen beschützen möchte. Zudem kommt der Bus aus Guilin und ist in Yangshuo schon dementsprechend voll, sodass ich eine Liege ganz hinten oben nehmen muss. Hier bekomme ich nicht nur alle Abblendlichter des nachfolgenden Verkehrs mit, sondern hüpfe auch bei jedem Schlagloch einige Zentimeter in die Luft. Liegend. Die Nacht wird unangenehm, das weiß ich schon wenige Minuten nach der Abfahrt.

Fünf Uhr morgens, die Tortur ist überstanden, ich klettere aus meiner Sardinenbüchse und stehe im Neonlicht des Busbahnhofs von Shenzhen. Nanu, das kommt unerwartet, ich habe doch ein Ticket nach Hongkong? Jaja, sicher doch, ich müsse nur schnell den Bus wechseln. Gemeinsam mit einem russischen Pärchen und dem Weltenbummler Nick aus England werde ich in einen Wartesaal gelotst und finde mich gleich in einer unerwarteten Rolle wieder: ich bin der einzige, der ein wenig Chinesisch versteht, und muss für die anderen übersetzen. Bis vor kurzem hatte ich noch die gegensätzliche Rolle inne!

Irgendwann werden wir aufgerufen und müssen zu einem Bussteig gehen – an dem aber gar kein Bus steht, sondern ein Privatauto. Der Fahrer fährt gerne sehr schnell durch die ekelhaft hässlichen Hochhauswüsten von Shenzhen, führt sein Talent zum unerwarteten Spurwechsel vor und uns nebenbei in hoher Lautstärke ins chinesische Frühstücksradio ein. Guten-Morgen-Shows hören sich anscheinend überall auf der Welt gleich an, immer ein bisschen zu sehr nach Puderzucker.

Shenzhen war bis vor dreißig Jahren ein Fischerdorf, durch die Nähe zu Hongkong hat es sich aber inzwischen zu einer Zehn-Millionen-Stadt mit Boulevards und Wolkenkratzern gemausert. Bei all dem Bauboom ist der gute Geschmack aber offensichtlich auf der Strecke geblieben. Diese geschichtslose Ansammlung bonbonfarbener Muster-Hochhäuser ist möglicherweise die hässlichste Stadt, die ich jemals gesehen habe.

Dann erreichen wir ein überdimensioniertes Zollgebäude und unser Fahrer bedeutet uns, auszusteigen. Wir reisen aus der Volksrepublik China aus, warten eine Stunde auf den nächsten Bus, der uns dann auch nur ein paar Meter weiter auf die andere Seite der Grenze bringt, reisen in die Sonderverwaltungszone Hongkong ein, verpassen unseren nächsten Bus und landen irgendwann völlig ungeplant in einem Einkaufszentrum in den Northern Territories.

Die beiden Russen sind schneller weg, als wir „do swidanja“ sagen können. Nick und ich müssen uns erst mal orientierten, Geld wechseln (blütenförmige Hongkongdollar!) und eine Metro-Haltestelle finden. Es ist subtropisch heiß und wieder einmal wirkt alles fremd auf mich. Nick freut sich immerhin über den heimatlichen Linksverkehr.

Und schließlich steigen wir im Zentrum aus, erklettern die Rolltreppen und sind – oh ja! – in Hongkong.

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