Oh du fröhliche!

Mein allererstes Weihnachten in der Fremde!

Bisher hat es mich über die Feiertage immer ins gemütliche Elternhaus im Saarland verschlagen, diesmal ist das leider nicht drin. Weihnachten findet in China ausschließlich in Gestalt der Dekoration von Einkaufszentren statt – und da es in Pengshan nicht mal ein solches gibt, geht der Universitätsbetrieb natürlich erst recht weiter.

Wir haben es geschafft, an Heiligabend und dem ersten Weihnachtstag wenigstens nicht unterrichten zu müssen. Leider gibt es am Abend des 24. eine fröhliche „Show“ für alle Studenten, aber ich habe verweigert, dabei auf der Bühne mit einem Lied oder einer Tanzeinlage aufzutreten. Heiligabend ist und bleibt für mich Heiligabend, auch in China. Meinen amerikanischen Kollegen bleibt das nicht erspart. Ich gehe hingegen nur einmal kurz auf die Bühne, um dem Uni-Präsidenten säuerlich grinsend die Hand zu schütteln und mein Geschenk entgegen zu nehmen – eine Heizdecke. Mehr dazu später.

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Danach stürze ich schnell von der Bühne, vollende mein Weihnachtmenü, und wir machen es uns mit ein paar Flaschen Wein in meinem Wohnzimmer gemütlich. Später in der Nacht skype ich noch mit meiner Familie in Altforweiler und Jerusalem, und so ganz schlimm war es dann ja auch gar nicht, das Weihnachten in der Fremde.

Und hinreichend kalt war es auch. Im Gegensatz zu klassischen deutschen Weihnachten findet die Kälte hier nicht nur draußen, sondern auch in der Wohnung statt. Heizungen gibt es nicht. Eine wirklich unangenehme Wohnsituation, weshalb die geschenkte Heizdecke dankend angenommen wird. Ich habe mittlerweile sogar eine im Bett, die ich zum Einschlafen kurz zünde, damit ich nicht mit den Zähnen klappern muss. Hätte nie gedacht, dass mir das vor meinem siebzigsten Geburtstag passiert.

Zurück zu Weihnachten. Häufigste Frage: kommt den Weihnachtsstimmung auf?

Die Antwort: ja doch, tatsächlich. Ich hatte mir schon frühzeitig bei Ikea einen Plastikbaum zugelegt. Ich habe Plätzchen gebacken, sonntags vor Weihnachten die nette Weihnachtsfeier des deutschen Konsulats in Chengdu besucht, mit meinen Studenten Nikoläuse gebastelt, und dann sitzen wir gemütlich auf der Couch schauen Weihnachtsfilme, hören Weihnachtsmusik, schlagen uns den Bauch voll, und auch die Weihnachtsfeier mit meinen Deutschstudenten am 23. war wirklich schön und stimmungsvoll. Mir geht es also gut, darauf nen Bratapfel, und jetzt an alle: Frohe Weihnachten!

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Wie hundert Sterne

In Pengshan ist nichts los? Tjoah, vielleicht nicht so viel wie in anderen Städten. Aber ab und zu passiert hier auch schon mal was.

In diesem Fall ist es das Neujahrsfest der lokalen Minderheiten, die aus unerfindlichen Gründen weder den normalen Sonnen- noch den chinesischen Mondkalender verwenden, sondern ihren eigenen Kalender. So kommt es, dass hier auch Ende November schon einmal Neujahr gefeiert wird, auch wenn eigentlich kaum Angehörige nationaler Minderheiten wieder der Yi oder der Miao an unserer Uni studieren, wird hier ein großes Fest veranstaltet, mit allem was dazugehört (Fressstände, Verkauf von Krimskrams, Bühne mit tanzenden Studentengruppen).

Aber das Besondere an diesem Fest: es gibt einige große Feuer, um die sogar getanzt wird. Und es gibt die Himmelslaternen.

Sie bestehen aus Reispapier, wiegen nur ein bisschen mehr als nichts und werden mit einem kleinen Stück Esbit befeuert. Wir kaufen auch eine der fliegenden Brandgefahren, schreiben wie alle unsere Wünsche darauf, und zünden dann den Treibsatz. Es dauert nicht lange, und die Luft in der Laterne erwärmt sich so weit, dass sie wie ein Ballon nach oben strebt. Es dauert noch ein paar Minuten, dann hebt die Laterne ab. Langsam steigt sie nach oben, wird von einem leisen Windzug abgetrieben, bis sie unter den hunderten Laternen nicht mehr zu erkennen ist – und nimmt hoffentlich unsere Wünsche mit hinauf …

It’s part of my job

Viele spannende Jobs haben ihn – diesen komischen anderen Teil, an den man normalerweise nicht denkt und der wenig mit dem eigentlichen Inhalt der Arbeit zu tun hat. Feuerwehrleute löschen nicht nur brennende Häuser, sondern retten auch dann und wann ein Kätzchen vom Baum. Schornsteinfeger halten nicht nur Kamine sauber, sie stehen zum Jahreswechsel auch auf Kuchen herum und bringen Glück. Comedians erzählen nicht nur Witze im Fernsehen, sie nehmen auch an der Wok-WM teil. So in der Art.

Und so kommt es, dass ich nicht nur Studenten mit Grammatik, Hörverstehen und Sprachpraxis beglücke, sondern mich plötzlich zusammen mit den anderen ausländischen Dozenten auf einer riesigen Bühne wiederfinde, angestrahlt von Drölftausend-Watt-Scheinwerfern, bejubelt von tausenden Zuschauern, und dabei groteske Bewegungen zu einem Taylor-Swift-Song vollführe. Was ist passiert?

Unser College feiert seinen Geburtstag in jedem Oktober mit einer gigantomanischen Show. Alle Studentengruppen führen etwas auf, darunter semiprofessionelle Tänze und Akrobatik. Außerdem werden fernsehbekannte Sänger gebucht, der Unipräsident hält eine lange Ansprache – und auch die ausländischen Dozenten werden gebeten, etwas aufzuführen. Wobei „gebeten“ sich nach weniger Zwang und „etwas“ sich nach weniger Kontrolle anhört, als es dann tatsächlich ist.

So kommt es, dass wir wochenlang montags und mittwochs in unserer Mittagspause einen Tanz einstudieren, diesen von zwei verschiedenen Festkomittees abnicken lassen, mit Cheerleaderoutfits (die Damen) und roten Poloshirts (die Herren, nochmal Glück gehabt) ausstaffiert werden – und nun stehen wir auf der Bühne und führen dreieinhalb Minuten geballte Tanzpower auf und shaken it off, so gut wir können.

Tja, wir werden ziemlich bejubelt. Wir waren wohl tatsächlich nicht völlig schlecht. Wenn ich ganz ehrlich bin, genieße ich den Moment auch ein kleines bisschen.

Morgen wieder Landeskunde und Akkusativ – aber heute mal der Star sein. Was soll’s – it’s part of my job!

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Der Weg nach Shangri-La

Now that you’ve found your paradise
This is your kingdom to command […]
Gone all the days when you dreamed of that car
You just want to sit in your shangri-la

The Kinks, „Shangri-La“, 1969

Unsere Fahrt nach Siguniangshan war ein Stück weit auch eine Weltflucht für ein paar Tage. Eine Flucht vor dem lärmenden, verstopften, schmutzigen China da unten. Vor der schwülen Hitze, dem grauen, ewig bewölkten Himmel. Vor der Arbeit am College, die zwar Spaß macht, aber auch kein ständiges Blumenpflücken ist. Vorm grauen, tristen Beton-Pengshan der Regentage und vorm überlaufenen Chengdu.

Hier oben haben wir nun unser Paradies gefunden. Bei klirrender Kälte stehen wir vor Sonnenaufgang auf, um uns auf die Wanderung ins Changping-Tal zu machen. Vom gestrigen Tag spüren wir schon ordentlichen Sonnenbrand und Muskelkater, aber heute soll es nochmal etwas anstrengender werden.

Der Weg beginnt ein gutes Stück oberhalb des Dorfes an einem tibetischen Mönchskloster. Bunte Gebetsfahnen weisen auf die heilige Stätte hin. Aus den Wolken dahinter schiebt sich der erste schneebedeckte Gipfel, die erste der vier Schwestern, nach denen der Nationalpark benannt ist.

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Wir bewundern die großen Buddhastatuen und die Gebetsmühlen. Vor dem Kloster stehen kleinere weiße Stupas aufgereiht. Ein Mönch in roter Kutte teilt kleine Bildchen mit einem Buddha aus, Glücksbringer für den Weg. Hinter dem geschwungenen Dach des Tempels erheben sich die majestätischen Gipfel. Buddhismus aus dem Bilderbuch. Wenn jetzt der Dalai Lama um die Ecke käme und eine Postkartenspruch zum Besten gäbe, es würde mich nicht wundern. Wie in China fühle ich mich hier sowieso nicht.

Aber weiter geht’s. Der Weg führt über hölzerne Stufen zunächst nach unten, bis wir an einem Gebirgsfluss ankommen. An dessen Ufer geht es nun immer weiter hinein in das Tal, über Brücken, zu einem Wasserfall hoch, dann zu einem See.

Auch hier sind Touristen unterwegs und schießen Selfies mit der Gebirgslandschaft, aber doch in deutlich geringerer Zahl als gestern im durchorganisierten Tal. Hier gibt es keinen Bus, nur den Holzweg – und auch der endet bald.

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Die Natur ist anders als gestern, ausgeglichener, majestätischer. Nicht hinter jeder Wegbiegung lauert mehr ein neues Highlight, ein neues unerwartetes Zuckerstück. Es ist ein normaler Gebirgswald, durch den wir laufen. Aber die Berge, schroff und spitz wie der Hut eines Zauberers, ragen umso beeindruckender auf. Der Himmel wird klarer und klarer, bis sich eine große dunkelblaue Kuppel über uns spannt.

Nun fallen auch die kleinen Besonderheiten auf, die roten Ablagerungen auf Felsen, die ersten gelben Blätter, die toten Baumstämme im Bach. Der Holzweg endet hinter einer Brücke über den Bach, ab jetzt geht es über Stock und Stein weiter. Im Wald ist der Pfad relativ matschig, denn manche Touristen lassen sich von Ponys den Rest des Weges entlang tragen – für uns ist das keine Option. Erstens lockt der sportliche Ehrgeiz, und zweitens machen weder die Ponys noch die Reiter einen allzu glücklichen Eindruck.

Wir genießen es, unseren Weg zu finden, am Flussufer, über den Trampelpfad, über Felsen. Mit jedem Schritt verändert sich das Bergpanorama ein kleines bisschen. Ein paar Mal tauchen Yaks direkt vor uns auf. Dann wieder eine Rast mit Mandarinen und Oreo-Keksen, und weiter gehts.

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Schließlich, nach 14 Kilometern, stehe ich am Endpunkt des Weges. Eine große Hochgebirgswiese, auf der Ponys und Yaks einträchtig grasen. Nach dem Pfad durch den Wald wird mein Blick nun wieder freigelassen. Ein hölzernes Tor, ein Unterstand für Viehhirten. Die Hänge zuerst mich dichtem Wald bedeckt, nach oben hin wieder schroffe Felsen in allen Grautönen. Die Gipfel weiß vor Schnee.

Und ganz da hinten, die höchste Spitze leider in der einzigen kleinen Wolke verborgen, kann ich sie erahnen: die vierte Schwester, der höchste Berg des Nationalparks, 6.200 Meter hoch.

Ich setze mich kurz auf einen Felsblock und staune. Und dann geht es auf den Rückweg, wieder gut 14 Kilometer zurück zu unserem Ausgangspunkt, wo wir ebenso müde wie glücklich in ein Restaurant fallen.

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Insgesamt sind wir in zwei Tagen über fünfzig Kilometer gewandert, und das in großer Höhe. Wir sind müde, sonnenverbrannt, muskelverkatert, aber zugleich auch unendlich beflügelt. Denn hier, ein paar Stunden Fahrt entfernt, haben wir ein kleines Paradies gefunden.

Ein kleines Shangri-La.

Put on your slippers and sit by the fire
You’ve reached your top and you just can’t get any higher
You’re in your place and you know where you are
In your Shangri-la

Stupa bleifrei

Tag zwei auf unserer Osttibet-Tour. Die Nacht war kalt hier oben, irgendwie um den Gefrierpunkt, und wie alle Zimmer in China ist auch unseres unbeheizt. Ich habe mich dick in die Decken eingekuschelt und möchte das Bett am liebsten überhaupt nicht verlassen. Warum ich trotzdem aufstehe? Weil das Bergpanorama hinter dem Fenster so verlockend ist. Und weil ich weiß, dass noch viel mehr davon auf uns wartet.

Der Nationalpark besteht aus drei Tälern, und für heute haben wir uns das 双桥沟, das Zwei-Brücken-Tal ausgewählt. Es soll das am wenigsten anspruchsvolle sein, vielleicht ist es ja keine schlechte Idee, auf dieser Höhe nicht sofort mit großem sportlichen Ehrgeiz zu beginnen.

In der Tat ist das Tal ideal für den üblichen chinesischen Tourismus aufgerüstet. Mit der Eintrittskarte muss man gleich auch eine Busfahrkarte kaufen. Durch die gesamte Länge des Tals zieht sich eine geteerte Straße, auf der Busse hinauf und hinunter fahren. Eine Führerin erzählt alles wissenswerte. Die meisten Besucher steigen aus, besuchen die Stände der tibetischen Andenken- und Teeverkäuferinnen, machen ein paar Selfies vor dem Bergpanorama und steigen wieder in den Bus ein.

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Nicht so wir. Auch wir bestaunen natürlich die unglaublichen Gipfel der umliegenden Fünftausender, die sich teilweise in Wölkchen hüllen, teilweise in den blauen Sommerhimmel pieksen. Wir kaufen den Verkäuferinnen ein paar Maiskolben ab und machen Selfies vor dem Bergpanorama. Aber dann begeben wir uns auf den Holzweg, der sich durch das ganze Tal zieht.

Ein spektakuläres Panorama folgt dem nächsten. Auf den Wiesen grasen die Yakherden. Wolken malen ihr Farbenspiel auf die Berghänge. Eine Vielzahl von Grüntönen erscheint. Uns unbekannte Pflanzen wachsen hier. Moose hängen von den Zweigen herab. Bäche murmeln durch die Wälder. Aus einem See ragen Baumskelette auf. In einem anderen spiegeln sich die Berge wie auf einer Postkarte. Die Luft ist so klar und so frisch, dass wir kaum glauben können, dass wir immer noch in China sind. Wir folgen dem Bretterweg und kommen aus den „Ohs“ und „Ahs“ nicht mehr heraus.

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Schließlich erreichen wir eine große Stupa, ein buddhistisches Heiligtum. Sie ist auf einer Anhöhe gebaut, die sich im Vergleich mit den umliegenden Gipfeln lächerlich vorkommen muss. Bunte Gebetsfahnen sind von ihrer Spitze gespannte und flattern im frischen Wind.

Hier hält auch wieder der Bus, aber die wenigen anderen Besucher stören uns nicht. Stattdessen kaufen wir an einem der Grillstände Spieße mit Kartoffeln, Pilzen und Yakfleisch, bestreut mit einem wahnsinnig intensiven Gewürz. Wir rasten, trinken Tee, sehen uns die Opfergaben vor der Stupa an und betrachten die Gebetsfahnen, die dem Wind die aufgedruckten Gebete in den Himmel mitgeben sollen.

Hier sind wir in einer anderen Welt, einer ganz anderen Seite Chinas, von der wir nur ahnten, dass sie existiert. Wir atmen durch. Diese Reise machen zu können, ist schon ein Luxus. Die Landschaft ist unfassbar schön. Aber der größte Luxus sind die unberührte Natur und die saubere Luft – Stupa bleifrei sozusagen.

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Off Tibetan Track

Erster Oktober – Nationalfeiertag in China und Auftakt der sogenannten „Goldenen Woche“, in der das ganze Land verrückt spielt. Millionen Chinesen fahren über die Feiertage zu ihren Familien in ihre Herkunftsprovinzen. Die neue Mittelschicht nutzt die arbeitsfreie Woche zum Reisen und klappert die Touristen-Hotspots ab. So oder so sind unvorstellbar viele Menschen unterwegs, angeblich 800 Millionen. Zugtickets sind schon lange im Voraus ausverkauft, Bahnhöfe und Busbahnhöfe überlaufen, und auch die wichtigen Sehenswürdigkeiten sind „人山人海“ – „ein Menschenberg und ein Menschenmeer“, wie die Chinesen sagen. Dass dies nicht nur eine Redensart ist, bemerken wir spätestens beim Versuch, die pittoreske Jinli-Straße in Chengdu zu besuchen. Keine Chance, tausende andere waren vor uns da, wir passen einfach nicht mehr hinein!

Also muss eine Vermeidungsstrategie her – die arbeitsfreie Woche optimal nutzen, ohne von Touristen erdrückt oder mit den allgegenwärtigen Selfie-Sticks erdolcht zu werden. Teil 1 der Strategie besteht darin, am eigentlichen Nationalfeiertag nicht das Haus zu verlassen und auch den Freitag sehr entspannt vorm Laptop im einzigen coolen Café in Pengshan zu verbringen. Das fällt mir schon mal recht leicht.

Teil 2 sieht vor, ab Chengdu ein privates Auto zu buchen und mit meinen amerikanischen Kolleginnen Amanda und Emily in Richtung Gebirge aufzubrechen. Von unserem ursprünglichen Reiseziel, dem wunderschönen Nationalpark und Weltnaturerbe Jiuzhaigou wurde uns mit Nachdruck abgeraten (völlig überlaufen), stattdessen steuern wir das weniger bekannte Siguniangshan an. Der „Vier-Schwestern-Berg“ liegt im Westteil der Provinz Sichuan, dort wo schon richtiges Hochgebirge ist und die Mehrheit der Bevölkerung Tibeter sind.

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Ein geländegängiges Auto mit Fahrer zu mieten, erweist sich schnell als die richtige Entscheidung. Die Straße ist nach dem schlimmen Erdbeben von 2008 noch immer nicht wiederhergestellt. Es geht über eine quälend lange Schotterpiste mit riesigen Schlaglöchern, teilweise nah am Abgrund mit dem schäumenden Gebirgsfluss.

Schnell verwandeln sich die Hügel links und rechts in ausgewachsene Berge. Wir hoppeln von Schlagloch zu Schlagloch und werden trotz der Fahrkünste unseres tibetischen Fahrers ausgiebig durchgeschüttelt. Ab und zu gibt es schon einen fertiggestellten Tunnel – doch das heißt nicht, dass darin schon eine Straße gebaut oder gar Licht montiert wäre. Wir schütteln uns weiter durch die Dunkelheit.

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Irgendwann liegt das Erdbebengebiet hinter uns, und die Straße ist wieder normal. Außerdem steigt sie zunehmend an, verwandelt sich in Serpentinen und durchstößt irgendwann die tief hängenden Wolken. Eine Ziegenherde läuft über die Straße, Dörfer gibt es indes keine mehr. Bald sehen wir die ersten Yaks, die in den steilen Hängen grasen. Die Straße steigt und steigt, während das Barometer im Armaturenbrett stetig fällt. Der Luftdruck ist nur noch zwei Drittel so hoch wie in Chengdu. Verrückt, dass wir immer wieder Radfahrer passieren, die tatsächlich diese Strecke hinaufkeuchen. Ein einziger hat offenbar die Lust verloren, sich in der dünnen Luft zu verausgaben, und lässt sich von einem Lastwagen hinauf ziehen.

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Wir müssen zwischendurch eine halbe Stunde warten, weil die Wolken so dicht sind, dass an Weiterfahrt nicht zu denken ist. Doch nach fünf Stunden erreichen wir endlich die Passhöhe auf 4.200 Metern. Ich war in meinem Leben noch nicht so hoch – schon gar nicht auf einer geteerten Straße! Ein Pass auf vier-fucking-tausend Metern Höhe!

Natürlich ist es wolkig, aber immer wieder lassen sich die Konturen der Bergriesen ringsum erahnen. Die Serpentinen schmiegen sich an die kargen Hänge wie kunstvolle Verzierungen.

Spätestens an diesem Punkt wird uns klar: dies ist nicht mehr das Sichuan, das wir kennen, diese subtropische Ebene, die manchmal so viele China-Klischees erfüllt. Wir sind nun wirklich im Hochgebirge Osttibets angekommen, es riecht nach Neuem und nach Abenteuer und ein bisschen vielleicht nach Yakdung. Wir sind so gespannt auf diese Zeit. Denn wir sind nun endgültig off Tibetan track…

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Blumenkränze, Drachenschwänze

Zwei Studentinnen hatten mich aufgefordert, mit ihnen am Freitag Nachmittag nach Huanglongxi zu fahren. Von diesem Ort hatte ich sowieso schon gehört und willigte gleich ein.

Also quetschten wir uns für eine halbe Stunde in einen sehr klapprigen kleinen Bus und holperten über die Pisten des ländlichen Sichuan, bis wir schließlich in 黄龙溪 ankamen. Das heißt übersetzt „Gelber-Drachen-Bach“, und tatsächlich schwingt sich aus dem kleinen Bach, der durch das malerische Örtchen fließt, der Schwanz eines großen Flussdrachen. Zwar nur aus Sandstein, dennoch bringt es Glück, ihn zu berühren.

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Der Ort liegt an der Mündung besagten Baches in den großen Jin-Fluss. Es gibt Furten und Brücken und Brunnen und Bootsanleger und in der Ortsmitte sogar einen Wasserfall. Viele alte Häuser säumen die Straßen, in ihnen Restaurants, kleine Geschäfte und Boutiquen, Teehäuser, Souvenirläden und immer wieder Süßigkeiten. Wir probieren uns durch die örtlichen Kalorienbomben, darunter feines Gespinst aus Sojamilch und Zucker, eine Art hauchdünner weißer Nougat aus Walnüssen, buntes Eis mit darin eingefrorenen Früchten, zuckersüße Mandarinen aus dem Garten und kleine Muschelwaffeln, die ein alter Chinese an einem mechanischen Monstrum aus Gusseisen am Fließband bäckt.

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Außerdem gibt es getrockneten eingelegten Fisch und unfassbar scharfe Pilze und natürlich die lokale Spezialität: eine Nudel.

Ja, ganz richtig, ich esse eine (!) Nudel. Sie ist etwa so dick wie Makkaroni und so lang, dass in meiner Schüssel tatsächlich nur eine Nudel Platz findet. Das schmeckt durch die scharfe Sojasoße sehr lecker, soll natürlich zu einem langen Leben verhelfen und führt überdies zu lustigen Susi-und-Strolch-Szenen beim Nudelschlürfen. Man kann auch den Nudelziehern bei ihrer Arbeit zuschauen, wie sie einen Klumpen Nudelteig ruckzuck in einen Kilometer Nudel verwandeln und diese mit wellenförmigen Armbewegungen in einen Kessel kochendes Wasser bewegen.

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Und schließlich kaufen junge und ältere Frauen und auch einige Männer, die den Ort besuchen, den Straßenverkäufern ihre bunten Blumenkränze und -ketten ab. Wenn Menschen mit Blumenkränzen auf dem Kopf durch die Gassen streifen, bekommt jeder Ort ein gewisses San-Francisco-1968-Flair.

Überhaupt ist man hier sehr auf die Touristen eingestellt, aber zugleich sehr entspannt. Es gibt wirklich schöne Läden und auch eine Art Galerie, die mich sehr anspricht. Später lassen wir uns in einem Teehaus am Flussufer nieder, betrachten die Gleitschirmflieger, gießen immer wieder heißes Wasser auf unseren grünen Tee nach und spielen ein bisschen Karten.

Zwischendurch lässt sich Schanmomo von einem geschickten alten Mann für ein paar Yuan die Ohren putzen. Dieses alte Handwerk probiere ich lieber nicht aus, sondern schaue aus sicherem Abstand zu und esse lieber noch ein bisschen Süßkram.

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Und nicht zuletzt sind es die kleinen Beobachtungen, deretwegen ich so gerne durch chinesische Städte streife und die mich auch in Huanglongxi wieder faszinieren. Der Alte, der mit seinem Joch das frische Gemüse zum Markt bringt. Die Müllwerkerin, die sich unter dem Vordach einer Pagode ein Nickerchen gönnt. Die Kinder, die staunend dem Nudelkoch zuschauen. Die Katze, die irritiert eine Schildkröte begutachtet und sich nicht ganz sicher zu sein scheint, wie sie damit umzugehen hat. Die roten Lampions, die an Pagoden, Masten, Brücken und über dem Fluss schaukeln.

Und ich habe schon beschlossen: ich werde alle meine Besucher ins pittoreske Huanglongxi schleifen!

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Achtung, heiß und fettig

Wer Sichuan-Küche nachkochen möchte, muss sich nur an eine einzige Regel halten: „Ruhig noch ein paar Chilis mehr mit rein!“

Denn hier ist das Essen immer sehr würzig. Scharf. Brennend. Lippen und Zunge betäubend. Und teilweise noch schärfer.

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(normale Lieferung an ein Restaurant)

Mir macht das nichts, ich wusste das ja. Ich mag scharfes Essen, und vor allem mag ich die Spezialität dieser Gegend: den Feuertopf. Dabei handelt es sich um eine Art großes Fondue, das in der Tischmitte vor sich hin brodelt. Die beiden Brühen sind getrennt voneinander, die eine ist weiß und scharf, die andere dunkel und noch viel schärfer.

An einem Büffet kann man sich verschiedene Sorten Fleisch, Gemüse, Grünzeug, Pilze, Kartoffeln, Hühnerfüße, Reisbällchen, Tofu und was immer das Herz begehrt aussuchen. Dann setzt man sich um den Feuertopf, wirft nach und nach alles in die brodelnde Schärfe und fischt es nach und nach wieder heraus. Dann verbrennt man sich ordentlich den Mund damit, versucht die Schärfe so gut es geht zu ignorieren – und siehe da, es schmeckt tatsächlich köstlich!

Ein ordentlich schweißtreibendes Mahl, es ist hier ja sowieso oft schwül. Dazu kommt die Hitze des Gasbrenners unter dem Feuertopf, und natürlich die Schärfe der Mahlzeit. Kein Wunder also, dass man während des Abendessens trinkt und trinkt und trinkt, am besten neutralisierende Sojamilch oder Tee.

Aber auch ein sehr kommunikatives Mahl, und deshalb muss sich jeder, der mich hier besuchen kommt, schon mal drauf einstellen: es wird heiß und fettig!

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Und alle so 噫!

Montag früh, sechs Uhr. Nach zehn Stunden Flug und zehn Minuten Schlaf laufe ich durch die Einreisekontrolle am Flughafen Chengdu. Es erwarten mich Johannah und Birte, zwei Studentinnen meiner zukünftigen Uni, die mitten in der Nacht aufgestanden sind, um mich hier abholen zu kommen. Selbst um diese Uhrzeit ist es schon schwül, der Himmel dicht bewölkt, während der Autofahrt nach Pengshan schlafen wir alle drei ein.

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Es wecken uns gedämpfte Teigbällchen, das übliche Frühstück hier. Dann krieche ich irgendwann endlich in mein neues Bett, nachdem ich wirklich lange genug am Stück wach war. Das Bett ist hart wie ein Brett, die Luftfeuchtigkeit kaum auszuhalten, aber mir egal. Die nächsten Tage verbringe ich halb schlafend, halb wachend, mein Schlafrhythmus ist endgültig weg.

Aber allmählich gewöhne ich mich nicht nur an die Zeitzone, sondern auch an den Gedanken, nun in China zu leben. Reis statt Schwarzbrot, rote Laternen vor dem Fenster, fremde Gerüche und Geräusche, der Weg zum Restaurant, wahnsinnig scharfe Chilis überall, chinesische Schlager überall, Kakerlaken im Badezimmer, tanzende Rentner, völlig außer Rand und Band geratener Straßenverkehr – das alles kommt mir bald wieder völlig vertraut vor.

Dazu kommen die ersten Meetings mit meinen neuen Arbeitskollegen, einige schöne Stunden mit meinen amerikanischen Flurgenossen, die Vorbereitung auf das bald beginnende Semester und natürlich viel Freizeit. Ich erkunde die Stadt und die Umgebung meiner Hochschule, treibe viel Sport und jogge über den palmenbestückten Campus, und am liebsten räkel ich mich auf der Couch und schaue Filme. Man muss ja nicht alle alten Gewohnheiten auf einmal ablegen…

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大佛 – Der große Buddha

Emei Shan teilt sich seinen UNESCO-Welterbetitel mit dem großen Buddha im nahegelegenen Leshan. Und das Ding heißt nicht umsonst Dà Fó, der große Buddha. Genauer gesagt gibt es nämlich keinen größeren seiner Art, von irgendwelchen neuzeitlichen Metall-Ungetümen will ich hier mal nicht sprechen. Dieser Herr hat immerhin schon über 1.200 Jahre auf dem riesigen sandsteinernen Buckel. Seine Maße sind beeindruckend: 71 Meter hoch, der Kopf misst 15 Meter, die Ohren immerhin noch 7 Meter, und auf dem Nagel des kleinen Zehs hat man immer noch bequem Platz.

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Um 800 n. Chr. wurde er aus einer Klippe geschlagen, weil hier am Zusammenfluss von Min- und Dadu-Fluss die Strömung so gefährlich war. Der Buddha sollte den Fluss besänftigen, was tatsächlich auch gelang – es sei einmal dahingestellt, ob daran der heilige Mann selbst schuld ist, oder die gigantischen Mengen Abraum, die während der Bildhauerei anfielen und in den Fluss geworfen wurden…

Man nähert sich dem Buddha von oben, sieht also erst mal eine Zeit lang nur Kopf, und kann dann einen steilen Klippenpfad hinabsteigen, um zu seinen Füßen erst recht von der schieren Größe der Statue erschlagen zu werden.

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Mindestens ebenso spannend ist aber auch die Umgebung der Statue. Hier finden sich zahlreiche Tempel, Mönche und Pagoden, aber auch eine wunderschöne hügelige Landschaft mit Bachläufen und Wald. In einem abgegrenzten Areal kann man eine große Menge weiterer Kunstschätze besichtigen, darunter über 3.000 weitere große und kleinere Buddha-Statuen aus ganz Asien. Das Spektrum reicht vom 170 Meter langen liegenden Buddha, der in eine Bergflanke graviert ist, bis zur Tausend-Buddha-Höhle, in der sich eine winzige Statue an die nächste reiht. Bodhisattvas mit hunderten Armen, Buddhas hoch wie ein Haus, goldene und steinerne Buddhas, Statuen und Bilder, indische Buddhas mit Kobras, thailändische schlanke und chinesische fette, und dazu noch tausend andere Dinge.

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Ungeheuer interessant das alles, Andy und ich versuchen stundenlang, irgendwelche Symbole zu interpretieren, und ich mache zig Fotos. Irgendwann stellt sich dann aber bei mir doch auch eine gewisse Buddha-Müdigkeit ein, nachdem wir in drei Tagen so viele Tempel besichtigt haben, buddhistische und daoistische, dazu tausend Statuen gesehen haben, und so freue ich mich am Ende fast genauso über die scharfe Tofu-Suppe, die ich an einem Stand an der Bushaltestelle kaufe, wie über das Wochenende der tausend großen Buddhas.

Aber gut war es schon, das Wochenende, das merkt man vielleicht an meinem euphorischen Geschreibe. Auch wenn ich der Erleuchtung noch nicht näher gekommen bin (ich bin ja auch nicht gerade meditativ veranlagt), kann ich so einen Abstecher nach Sichuan doch wärmstens empfehlen…

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