Das größte Knie der Welt

So richtig gut einschlafen konnte ich gestern abend nicht. Das lag einerseits an meinen geröteten Oberschenkeln, andererseits an det nahen Party. Irgendwo im Nachbardorf feiert nämlich jemand groß, es gab schon Feuerwerk, und zu später Stunde wird die Musik lauter und lauter. Während aus dem anderen Zelt schon Schnarchen dringt, hindert mich der Gangnam Style doch sehr daran.
Als ich erwache, ist das Pärchen schon aufbruchsbereit. Das macht aber nichts, sie wollen schließlich in Richtung Wien weiter, während ich mich erst mal mit ein Paar Aprikosen für die vorerst letzte Etappe ostwärts stärke. Meine ungarischen Einkaufsfähigkeiten hatte ich wohl doch überschätzt, das Müsli entpuppt sich jedenfalls als geschmacks- und gehaltlose Pappe aus Puffreis und Flakes. was ich auf der Schachtel im Geschäft für Trauben gehalten hatte, sollen wohl Erdnüsse sein. Aber egal, ich habe ja noch Aprikosen.
Über den Dammweg geht es weiter am Fluss entlang. Drüben auf der ungarischen Seite Berge und Industrie, hier ein idyllisches Fahren durch die Auen. Bei der Wahl des Weges habe ich offenbar ins Schwarze getroffen.
Oder auch ins Grüne, je nachdem. Radfahrer begegnen mir fast keine mehr, nur ab und zu sieht man mal einen Menschen, meist unten am Donaustrand. In Kravany lege ich die nächste Aprikosenpause ein, unter dem Kastanienbaum auf dem hübschen kleinen Dorfplatz mit Backofen, auf dem schon Stände für ein Fest aufgebaut sind. Nebenan in der kleinen Dorfkirche geht gerade der Gottesdienst los, es ist ja Sonntag morgen in der katholischen Slowakei. Ich halte kurz die Nase rein, die Kirche ist randvoll, aber bis auf ein gelegentliches „allelujah“ verstehe ich natürlich nichts, und das Vaterunser auf Slowakisch klingt auch eher abschreckend.
Dann schon lieber den Damm entlang durch eine Landschaft, die ich bei mir schnell die slowakische Toskana nenne. Sollte man dem hiesigen Tourismusamt vielleicht mal vorschlagen. Felder, Hügel, Baumreihen, das Wetter passt auch, nur das Öl wird hier offensichtlich nicht aus Oliven gewonnen, so viele Felder mit Sonnenblumen, wie es hier gibt. Heuschrecken auch nicht zu knapp, aber die fallen nur dann negativ auf, wenn sie gelegentlich auf meine sonnenverbrannten Oberschenkel einschlagen.
Šturovo ist dann endgültig meine letzte slowakische Stadt, ein nettes Nest, aber auch nicht sonderlich sehenswert, bis auf den Ausblick auf die berühmte Basilika von Esztergom am andren Ufer. Bevor ich aber wieder die Grenze nach Ungarn passiere, muss ich mir an einer Tankstelle noch schnell einen Liter eiskalte Kofola kaufen – das ist die super leckere tschechoslowakische Ersatzcola, die ich noch aus Prag kenne, in Bratislava wiederentdeckt habe und nun vermutlich wieder für eine Zeit lang das letzte Mal genießen kann.
Denn nun geht es wieder über die Donau, und damit nach Ungarn zurück. So glänzend ich hier als Grenzgänger unterwegs bin, sieht es bei der einheimischen Bevölkerung aber offenbar nicht aus. Ungarn und Slowaken igeln sich ein und wahren Distanz. Man spricht kaum die Sprache des Nachbarn, auch die in der Slowakei radelnden Ungarn erwidern meinen slowakischen Gruß alle auf ungarisch. Die historisch stark verwurzelten Ungarn machen sich über die geschichtslose Slowakei lustig, diese verweigert dagegen ihrer ungarischen Minderheit die doppelte Staatsbürgerschaft und ähnliche Sperenzchen. Die Kriege, der Kommunismus und vor allem das ungarische Nationalgespenst Trianon scheinen noch sehr präsent zu sein. Hoffentlich ändert sich das allmählich mit EU, Schengen-Grenze und auch mit der neuen Brücke zwischen Šturovo und Esztergom, schließlich sind beide Länder eigentlich wunderschön und von sehr herzlichen Menschen bevölkert, wie ich es erlebt habe. Möglicherweise wächst dann hier bald doch wieder zusammen, was zusammen gehört.
Esztergom erschien vom anderen Ufer aus majestätisch mit seinem Burgberg und der darauf aufragenden Basilika, aber eigentlich wirkt Ungarns alte Königsstadt von nahem eher possierlich. Wie eine herausgeputzte Provinzstadt, die endlich auch einmal in der ersten Liga spielen möchte. Deshalb verlegen sich die Kaffeehäuser auf Touristenfängerei, der gigantistische Dom aus dem 19. Jahrhundert ist auf traditionell getrimmt, und die größtenteils rekonstruierte Königsburg wirkt, als hätte jemand verzweifelt versucht, aus Obi-Klinkern Schießscharten zu formen. Alles nicht so ganz mein Fall, deshalb spare ich mir den Eintritt für den Dom, umlaufe die rumänischen Nippes-Verkäufer und esse lieber mit Panorama auf Stadt und Donau zu Mittag. Und natürlich ein paar Aprikosen, versteht sich ja von selber.
Der Radweg führt erst am Ufer vorbei und durch Auwälder, dann wird er oder was ich dafür halte schmaler und schmaler und endet schließlich an einem Tümpel mitten im Nirgendwo. Fluchend schiebe ich das Rad mit dem schweren Gepäck einen Hang hinauf zur nächsten Straße und finde dabei im Sandboden keinen hält für meine Füße. Ein Mann an der Bushaltestelle hat aber offenbar mein deutsches Fluchen gehört jedenfalls kommt er mir extra entgegen und hilft, ohne dass wir uns irgendwie verständigen können. Auch das ist typisch ungarisch.
Das nächste mal endet der Weg unvermittelt am Ufer. Nachdem ich mir ein Eis gegönnt und mit ein paar Franzosen geredet habe, wird klar: wir müssen die Fähre nehmen. Immerhin habe ich nun für die nächsten zehn Kilometer für Gesellschaft von Claude, der mit seiner Frau schon seit vier Monaten unterwegs ist und halb Europa mit dem Fahrrad bereist. Erst haben sie die iberische Halbinsel umrundet, dann die Loire hoch, die Donau wieder hinab bis Budapest, und als nächstes geht es über die Karpaten nach Polen und dann wieder runter ans Mittelmeer. Keine schlechte Tour, auch wenn Madame nicht den Eindruck macht, als würde sie ohne weiteres die Karpaten hoch stürmen. Aber Eindrücke können ja auch täuschen. Ich lerne aus der Begegnung jedenfalls, dass mein Französisch doch ganz vorzeigbar ist, immerhin reden wir recht lange, und dass ich nicht nur das Fahrrad, sondern auch mal die Mädchen reiten solle. Irgendwas in der Art gibt mir Claude jedenfalls zum Abschied mit, ist vielleicht gar nicht so schlimm, wenn ich doch mal nicht alles verstanden habe.
Das Tal wird nun immer enger, die Burg von Visegrad thront hoch oben am anderen Ufer, und ich nähere mich dem Donauknie. Hier macht der Fluss eine 90-Grad-Biegung im Mittelgebirge und fließt von nun an nicht mehr grob nach Osten, sondern erst mal nach Süden. Eine beeindruckende Landschaft, durch die sich der schon ziemlich breit gewordene Strom hier zwängen muss.
Ich stelle fest: die Städte, die einem groß vorab angekündigt werden, sind oft gar nicht so großartig, siehe Esztergom, Moson oder Krems. Dagegen entdeckt man manchmal auch Perlen, wenn man ungeplant durch Städte kommt, die man eigentlich gar nicht auf der Rechnung hatte. Was mir gestern schon mit Komárno so gegangen ist, wiederholt sich heute mit Vác. Eine lange Uferpromenade, Gassen mit Kopfsteinpflaster, Thermalbäder und insgesamt der melancholische Charme einer alten Stadt, deren beste Zeit vielleicht vorbei ist. So schön ist es hier, dass ich beinahe die letzte Fähre auf die Donauinsel Szentendrei Sziget verpasse.
Die schmiegt sich langgestreckt zwischen zwei Flussarme, liegt also quasi wie ein großer Meniskus im Donauknie. Hier ist viel Natur und kaum mehr jemand unterwegs, und ich fahre keine fünf Minuten mehr, da habe ich schon den perfekten Schlafplatz gefunden: eine freie Stelle mitten um Sonnenblumenfeld. Ich alter Romantiker aber auch wieder. Während ich das Zelt aufbaue, kann ich den Sonnenuntergang und dem Vollmond über den Sonnenblumen beobachten. Anschließend gebe ich dem Gaskocher noch eine Chance und koche sehr leckere Spinatnudeln. Nur die Moskitos nerven wieder arg, irgendwann muss ich mir zum Schutz von Ohren und Nacken das gemusterte Geschirrtuch unter das Band der Kopflampe klemmen. Wenn mich jetzt der Bauer erwischt, kann ich wenigstens so tun, als spräche ich nur Arabisch. Braun genug bin ich mittlerweile ja.
Es geht aber alles glatt, der Gaskocher produziert nur wenige Verpuffungen, die Nudeln schmecken wunderbar, kein Sonnenblumenbauer stört seinen morgenländischen Gast, und bald liege ich im Schlafsack und lausche den Grillen, die in den Sonnenblumen sitzen und den Vollmond anzirpen.

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Beach, Berge, Babylon

Als ich heute morgen wach werde, ist es in Pėters Appartement schon fast wieder unerträglich heiß. Was liegt also näher, als ans Wasser zu flüchten? Wir schwingen uns also auf die Fahrräder, kaufen unterwegs noch etwas zum frühstücken (Kaffeestückchen für mich, Energydrink für Pėter, wie üblich), und ab gehts an den Strand. Und das ist kein Witz. Györ wird von zahlreichen Flüssen, Flussarmen, Altarmen und so weiter durchzogen, die oft von Parks gesäumt sind. Aber an einer Stelle an der Mosoni Duna gibt es tatsächlich auch einen traumhaften Sandstrand, den „Golden Beach“. Hier lassen wir uns auf Liegestühlen in der Sonne nieder und geben uns dem süßen Nichtstun hin. Das Wetter und der Strand könnten auch in Ibiza sein, aber nein, ich bin immer noch in Ungarn. Strand heißt übrigens „strand“ auf ungarisch, eine der wenigen Vokabeln, die ich mir merken kann. Aber es wird.
Hier an der Mosoni Duna hat übrigens die australische Drachenboot-Nationalmannschaft ihr Trainingslager und bereitet sich auf den World Cup nächste Woche in Szeged vor. Ich wusste nicht, dass es sowas gibt, aber jetzt springen hier dreihundert Leute in gelb-grünen Trikots herum und trommeln und paddeln. Die WM- Favoriten sind aber wohl die Kanadier, verrät einer der Paddler, aber der australische Nationaltrainer sei Ukrainer und eine ziemliche Größe der Szene. Jetzt fährt er jedenfalls im Motorboot herum und brüllt Anweisungen.
Irgendwann ist es in der Sonne auch nicht mehr auszuhalten, deshalb trinken wir erst eine Erdbeer-Limonade (irre!) und springen dann doch noch in den Fluss. Der ist vom Hochwasser noch sehr schlammig, aber wenigstens erfrischend.
Zurück gehts es durch die sehenswerte Altstadt von Györ, aber irgendwann muss Pėter sich doch wieder seiner Freundin widmen –  und ich mich meinem Radweg.
Der meint es erst mal nicht so gut mit mir. Den richtigen Ausgang aus Györ zu finden, ist gar nicht so einfach, und dann endet det ausgebaute Seitenstreifen auch einfach mal im nächsten Ort. Aber was hilft es, muss ich eben an Straßenrand weiterfahren, auch wenn das nicht erlaubt ist. Sicherheitshalber ziehe ich die Warnweste an, die ich für solche Zwecke mitgenommen hatte, denn überrollt am Rand einer ungarischen Überlandstraße liegen zu bleiben Watt ja nicht das Ziel der Reise. Die Donau zeigt sich erst mal nicht, stattdessen Felder, Haine, Industrie und sehr schnell überholende Autos. Außerdem ist es heiß, ich bin längst durchgeschwitzt, und zu allem Überfluss geht es auch noch bergauf. Berge? Naja, vielleicht eher Hügel. Aber jedenfalls die ersten seit Wien und an diesem heißen Tag genug, um mich außer Puste zu bringen. Singen hilft auch hier wieder, außerdem versuche ich immer wieder, laut auf ungarisch bis zehn zu zählen. Auch nicht gerade einfach.
Im einzigen Dorf unterwegs hätte ich mir gern eine Cola gekauft, aber leider ist der Dorfladen schon zu. Ein Mann hat gesehen, wie ich vor verschlossener Tür stehe, steigt aus seinem Auto aus und will mir Beistand leisten – auch wenn wir keine Sprache finden, die wir beide können. Nur mit Mühe kann ich ihn davon abhalten, mir sein belegtes Brötchen zu schenken, erst als er erfährt, dass ich noch nach Komárom will, gibt er sich zufrieden. Da gehe es immerhin einen „Nonstop-Tesco“. Überhaupt sind die Öffnungszeiten in Ungarn wohl sehr liberal, in Györ hatte jeder Laden Montag bis Sonntag von 7 bis 21 Uhr offen. Das ist schon bemerkenswert, noch bemerkenswerter ist aber die ungarische Gastfreundschaft, die berühmte. Hut ab!
Kurz vor Komárom treffe ich erst den ausgeschilderten Donauradweg und bald auch die Donau wieder. Die Stadt an sich ist gar nicht so schön wie erwartet, jedenfalls wenn man nicht auf betonierte Einkaufszeilen und Festungsbau steht, aber zum Glück handelt es sich ja um eine Doppelstadt. Die Schwester Komárno liegt auf der slowakischen Seite der Donau, wird aber hauptsächlich von Angehörigen der ungarischen Minderheit bewohnt und ist um einiges hübscher.
Einer Eingebung folgend überquere ich doch die Grenze, und bin ungeplant wieder in der Slowakei. Komárno ist wirklich hübsch, mit alten Kirchen, gut gelaunten Menschen in den Straßencafés und einem von Platanen umsäumten Platz. Dort lasse ich mich erst mal nieder. In irgendeiner Kneipe singt jemand „Halleluja“ von Leonard Cohen, und damit ist die friedliche Stimmung wohl auch schon am besten beschrieben.
Weiter geht es auf dem Dammweg, immer weiter ostwärts. Allmählich wird es dunkler und Wasser brauche ich auch noch. Also kein Trödeln mehr, in die Pedale gehauen. Im nächsten Dorf frage ich einen alten Mann, der auf einer Bank vor seinem Haus sitzt, nach Wasser. Seine Frau kommt auch noch dazu, und auch wenn ich nur drei Wörter Slowakisch und sie nur drei Wörter Deutsch spricht, schaffen wir es irgendwie noch, zu schnacken. Die babylonische Sprachverwirrung in meinen Kopf wird immer schlimmer, ich grüße ja wieder mit „dobry vecer“ und werfe auch sonst allerhand zusammen. Aber irgendwie verständigt man sich ja doch immer. Außerdem bekomme ich noch von den reifen Aprikosen geschenkt, die der Baum im Hof in Fülle trägt. Aber nicht nur ein paar, sondern gleich eine ganze Tüte voll, ich weiß noch nicht, wie ich die alle essen soll. Ist das nun die slowakische Gastfreundschaft? Ich weiß es nicht, aber fest steht, dass ich bisher nur enorm nette Menschen getroffen habe.
Die Fahrt über den Dammweg ist wunderschön. Die Berge im Hintergrund leuchten blau, der Sonnenuntergang auf der anderen Seite in kräftigem Rot. Die Donau plätschert dahin, ein Storch fliegt auf, und die Bäume blühen so weiß, dass es aussieht, als hätten sie ihr Hochzeitskleid angelegt.
An einem rekonstruiertem Römerlager finde ich nicht nur ein Plätzchen zum Schlafen, sondern unter dem perfekten Unterstand auch ein ungarisches Pärchen, das ebenfalls auf größerer Radtour ist. Sie haben tatsächlich Hängematten dabei, in denen sie sich nun von den Strapazen der ungarischen Berge erholen. Außerdem versorgen sie mich mit Mückenschutz, was hier überlebenswichtig ist, und dann plaudern wir noch recht lange, der Sprachverwirrung trotzend, über Gott und die Welt, über Europa und seine Geschichte, die schwierige deutsche Sprache und die alte ungarische Schrift und vieles weitere, und schließlich sehen wir uns noch die Sternbilder und den Vollmond an.
Als ich in Passau war, da stand der Mond erst halb am Firmament. Immer mehr habe ich erlebt, und der Mond hat jeden Abend etwas zugenommen. Aber ich hoffe, dass meine Reise ihren Zenit noch lange nicht überschritten hat, sondern ich noch viele Tage erlebe, die auch schön sind wie der heutige – und wenn ich wieder daheim bin, ist ein ganzer Monat vergangen und der Mond wieder so zunehmend wie in Passau.

Ungarische Tänze

Der Wecker klingelt früh. Verdammt früh. Warum habe ich heute Nacht so schlecht geschlafen? Ich weiß es nicht. Aber weil ich ja nicht unterwegs bin, um mich zu quälen, döse ich einfach noch ein bisschen weiter. Was gar nicht so leicht ist, denn auf der nahen Eisenbahnstrecke fährt nun ein Güterzug nach dem anderen, und jeder weckt mich wieder auf. Wirklich hübsch ist diese Ecke der Slowakei sowieso nicht, eher die Sorte Natur, die in absehbarer Zeit für ein Gewerbegebiet in Hauptstadtnähe plattgemacht werden könnte, ohne dass es jemand bedauern könnte. Mit Sicherheit nicht der schönste Schlafplatz meiner Reise, da sollte ich mich heute Abend wohl mal wieder etwas mehr anstrengen.

Also schäle ich mich aus dem längst zu warm gewordenen Zelt und packe seufzend meinen Schlafsack zusammen. Mein Tablett wollte gerade „duftend“ statt „seufzend“ schreiben, aber ich dufte im Moment sicherlich nicht, jedenfalls nicht im positiven Sinne. Wenigstens keine streunenden Hunde mehr, und an die Güterzüge gewöhnt man sich auch überraschend schnell. Ein kleines Frühstück ist noch drin, und dann sollte ich auch weiterfahren. Als ich losfahre und, die slowakische Beschilderung verfluchend, meinen Radweg wieder suche, ist es nämlich schon ganz ordentlich heiß, und es wird noch heißer.

Es geht zuerst einen Nebenarm der Donau entlang, dann durch kleine Dörfer, und schnell habe ich die ungarische Grenze erreicht. Heißa, da bin ich, und werde ja vermutlich die nächste Woche komplett in diesem Land verbringen. Nur mein armes Hirn, das ich gerade erst von ‚Grüß Gott‘ auf ‚Dobry dėn‘ umgepolt hatte, muss sich schon wieder auf eine neue Sprache einrichten…

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In Rajka verfahre ich mich schon wieder, und dann auch erst mal in jedem weiteren Ort. Ein Fluch! Zwischen den Orten ist der Radweg aber sehr gut, es geht über Felder mit den unterschiedlichsten Dingen, die man hier so anbauen kann. Von daher können auch die vielen Sackgassen und falschen Abzweigungen, trotz mieser Beschilderung, meine Laune kaum trüben. Es ist sonnig, mir gehts gut, ich komme voran, bin schon in Ungarn, und jetzt Schluss mit dem Gemecker.

In Mosonmagyaróvár besichtigte ich die Burg, die nette kleine Fußgängerzone und überstehe dabei den ersten Test schon mal ganz gut: einkaufen auf ungarisch. Nur die hohen Zahlen auf den Preisschildern sind etwas gewöhnungsbedürftig.

Zum Abschluss finde ich in der Tourist-Information sogar noch eine gute kostenlose Wegkarte mit ungefähr allen Fahrradwegen Ungarns, also weiter. Die eigentliche Donau habe ich übrigens schon seit Stunden nicht mehr zu Gesicht bekommen, dafür aber nun die Leitha (für die Historiker: ich bin damit nun endgültig in Cisleithanien, der ungarischen Reichshälfte der k.u.k. Monarchie) und den Seitenarm der Mosoni Duna. Es ist immer noch ordentlich heiß, wenn auch nicht mehr so sonnig – die 37 Grad, die das Thermometer auf dem Marktplatz von Moson angezeigt hat, will ich aber doch nicht so recht glauben.

A propos Tourist-Information: es sind offenbar tatsächlich einige Touristen hier. Die kommen aber nicht wegen der Burg, des Marktplatzes oder der hübschen Gässchen nach Mosonmagyaróvár, sondern um sich im Nachbarland billig das Gebiss richten zu lassen. Darauf deuten jedenfalls die zahlreichen Schilder hin, die für Zahn-Implantate und Kieferorthopädie werben. Ungarn dürften sich von „Zahnarzt-Management und Praxisführung“ jedenfalls weniger angesprochen fühlen. Ein gewisses Wohlstandsgefälle scheint also vorhanden zu sein, und offenbar kommen hier regelmäßig Österreicher vorbei, die sich für wenig Geld die Beißer feilen lassen wollen. Fünf Zahnärzte in einer kleinen Straße? Klar doch!

Irgendwann beginne ich mit der Schlafplatzsuche, biege nach rechts auf den Dammweg ab und stelle fest, dass hinter dem Damm gar nicht gleich der Fluss fließt. Ein paar Kilometer weiter das selbe Spiel. Irgendwann finde ich ihn doch, den Fluss, aber das bedeutet hier offenbar noch nicht gleich einen guten Schlafplatz. Im Gegenteil, die Mücken knabbern jedes mal gleich an mir, wenn ich anhalte. Störche gibt es hier, das hat mich erst noch gefreut, aber dann begreife ich: Störche fressen Frösche, Frösche fressen Mücken, Mücken gibt es hier im Übermaß. Und Mücken fressen mich. Brrr.

Irgendwann finde ich doch einen kleinen Holz-Unterstand, der als Schlafplatz perfekt gewesen wäre. Aber ich bin ja anspruchsvoll, will mich heute unbedingt noch waschen. Eigentlich hatte ich ja gar nicht vor, heute noch bis Györ zu kommen. Aber plötzlich erreiche ich schon den Stadtpark. Was ein Glück, denn wäre ich nicht doch aus Versehen bis Györ gefahren, hätte ich dort nicht Pėter und Ákos getroffen, die gerade im Park herum lungerten und mein überpacktes Fahrrad bestaunten. Und dann wäre ich nie mit ihren Kumpels am „beach“ an der Mosoni Duna abgehangen, wo Reggae über Handylautsprecher und billiges Bier eine nette Spätnachmittagsunterhaltung abgaben. Vermutlich wäre ich nie mit ihnen ins Csillag gegangen, das die am coolsten eingerichtete Kneipe der Welt ist. Und da nicht von einem Haufen betrunkener ungarischer Hühner angebaggert worden, deretwegen Pėter und ich zu später Stunde noch im Subway enorm schlechten ungarischen HipHop hören konnten. Live. Mit begeistertem Publikum und den bösesten (weil konsonantenhaltigsten) Battles aller Zeiten.

Was hätte ich nur verpasst, wenn ich nicht so anspruchsvoll mit meinen Schlafplätzen wäre!

Bratislover

Wieder machen mich die Bauarbeiten enorm früh wach, wieder schaffe ich es, mich wieder umzudrehen und doch noch ein paar Stündchen dranzuhängen. Aber auch wenn die Nacht kurz war, irgendwann muss ich doch raus, bepacke wieder mein Fahrrad, verabschiede mich von meiner Kurzzeit-WG und radle wieder runter zur Donau.
Nein, strenggenommen erst mal nur zum Donaukanal, denn auf dem Weg aus Wien heraus muss ich mir natürlich erst den Prater ansehen. Die Fahrt mit dem Riesenrad spare ich mir aber doch, Fahrten mit Rädern habe ich hier ja genug. Noch einmal beim Ernst- Happel-Stadion vorbeigeschaut, und dann gehts am FKK-Strand entlang aus der Stadt heraus. Mein Frühstück unterwegs sind ein paar Marillen-Buchteln, erstaunlich, vor einer Woche hätte ich noch keins dieser Worte gekannt. Trotzdem lecker.
Weiter gehts. Erst fahre ich durch ein großes Industriegebiet mit zig Öltanks, dann gleich danach durch den Nationalpark Donauauen. Das klingt sehr idyllisch und ist es wohl auch, mit viel unberührter Natur und seltenen Tieren und Pflanzen – aber damit die unberührte Natur auch wirklich unberührt bleibt, werden wir Radler auf den Deich verbannt. Und das bedeutet dreißig Kilometer schnurgerade über Kies und schlechten Asphalt, und dazu brennt die Sonne vom Himmel. Es sind bestimmt ordentlich über dreißig Grad, Schatten gibt es keinen, und meine Wasserflaschen gehen dann auch irgendwann zur Neige. Was hilft gegen den drohenden Motivationsverlust? Singen, klar. Ich bin ja eh ziemlich alleine hier, also laut raus, natürlich erst „Fürstenfeld“, dann verschiedenes von Bastille, und schließlich immer wieder den „Bratislava Lover“ von Basta, denn genau diese Stadt ist schon ausgeschildert und rückt immer näher. Ich verlasse den verfluchten Deich erst bei Hainburg, wo ich die Donau überquere und mir noch die alte Stadt anschaue, die noch völlig von Stadtmauern umgeben ist, von einer beeindruckenden Festung überragt wird und auch noch einen Pranger hat. Außerdem ist sie die Geburtsstadt von Haydn, was einen die Hainburger an jeder Kreuzung wissen lassen. Im Billa gibt es zudem Bohnen in Tomatensoße, da kann ja fast nix mehr schiefgehen.
Mittlerweile ist die knallende Sonne verschwunden, der Himmel hat sich zugezogen. Weiter geht es, einen Berg hinauf, und da ist es schon fast ein erhabenes Gefühl, wie plötzlich hinter der Kuppe Bratislava in einem Sonnenstrahl zum Greifen nah vor mir liegt. Gut, es sind noch zehn Kilometer, aber die Burg, den Dom, die charakteristische neue Brücke und die Hochhäuser von Petrzalka kann man sehr deutlich im Sonnenlicht sehen. Erst mal noch ein paar Kilometer Landstraße, am Zoll vorbei, dann ein paar Kilometer Auen, und dann sitze ich plötzlich in einem Park, hau mir die Dose Bohnen rein und versuche, schon mal etwas von der fremden Sprache aufzuschnappen. Dann über die Novy Most in die Altstadt, die mal wieder sehr sehenswert ist. Auf dem Hauptmarkt tritt gerade eine norwegische Trachtengruppe auf, aber sonst wirkt die Architektur eher wie eine weitere österreichische Stadt. Viele Palais, viele Zwiebeltürmchen, nur vielleicht noch alles etwas lebhafter als die Wiener Innenstadt zum Teil ist.

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Nur der Couchsurfer, mit dem ich verabredet war, ist nicht zu erreichen. Irgendwann gebe ich es auf und muss mich nach alternativen Schlafplätzen umsehen. Jetzt liege ich im Zelt an einem Wegesrand oberhalb von Petrzalka, kämpfe einen vergeblichen Kampf mit den Stechmücken (da ist schon ganz schön viel von meinem Blut an den in Innenwänden des Zeltes, igitt), höre zwar doch noch ganz gut die Schnellstraße und die Eisenbahn, aber was soll’s, ich bin ja todmüde. Die Grillen zirpen, so ganz dunkel wird der Himmel so nahe an der Stadt auch eher nicht, es ist wieder ziemlich schwül geworden, aber ich hatte doch schon deutlich schlechtere Schlafplätze.
Was hat Lukas heut morgen gesagt? Jetzt gehts in den wilden Osten? Na dann mal auf, ich bin bereit.