阳朔的夜晚:山上 – Nacht in Yangshuo: von oben

Das Wochenende habe ich etwas verbummelt, muss ich gestehen. Freitags wurde Alex‘ Abschied groß gefeiert, ein riesiger Spaß, der mich aber auch Teile des Samstags gekostet hat. Dann etwas lesen, etwas lernen, einen Film schauen, noch mal lernen, noch mal lesen, die Wäsche machen, laufen gehen, einkaufen, das Bad putzen – und schwupps ist Sonntag Nachmittag! Verdammt!

Aber zum Glück schrieb mir Luke, ob wir nicht nachher zum Fernsehturm aufsteigen sollten, um den Sonnenuntergang und den Aufgang des Vollmonds zu beobachten. Da war ich gleich Feuer und Flamme, das hatte ich nämlich schon seit einem Monat auf dem Zettel.

„Fernsehturm“ ist die etwas hochtrabende Bezeichnung für einen kleinen Sendemast auf einem der höheren Felsen gleich neben Yangshuo. Dorthin führt eine halsbrecherische kleine Treppe, die recht improvisiert wirkt. Auf dem Gipfel, hunderte Meter oberhalb der Stadt, lebt tatsächlich eine Alte, der man eine Flasche Wasser für 5 Yuan abkaufen muss, um Zutritt zu erhalten.

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Die Sonne versinkt langsam hinter einem der höheren Berge. Die Sicht ist nicht ganz klar, aber das intensiviert das Erlebnis nur noch. Alles wird in das Rot des Sonnenuntergangs getaucht, die zahllosen Berge ragen aus dem Dunst auf und werden immer zarter, je weiter sie entfernt sind. Es scheint, als wären wir genau im Zentrum der Karstlandschaft, oder auch bloß in einer unendlich großen Landschaft aus kegelförmigen Bergen. Nur im Osten lässt sich am Horizont schemenhaft ein noch höheres Gebirge erkennen.

Der Li-Fluss verliert sich in Biegungen und im Dunst. In der Stadt werden langsam die ersten Lichter angeschaltet, sie liegt schon im Schatten. Aber bald ist auch für uns die Sonne versunken und die letzten roten Strahlen verlöschen.

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Und nun reißen die Wolken auf der gegenüberliegenden Seite auf, und offenbaren den roten Vollmond, der gerade über den Karstkegeln aufgeht. Welch ein magischer Anblick!

Tatsächlich ist heute genau Vollmond, morgen beginnt im chinesischen Mondkalender also ein neuer Monat. Und der Geselle steigt langsam nach oben und spielt dabei mit den vereinzelt vorüberziehenden Wolken. Unten in der Stadt treten nun die großen Straßen als deutlich erkennbare Lichtbänder aus der Dunkelheit heraus, Adern ähnelnd. Die Berge rings um Yangshuo werden angeleuchtet, der Rest der Landschaft versinkt nun endgültig in völliger Schwärze.

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Wir spielen noch ein wenig mit Belichtungen und Taschenlampen herum, dann machen wir uns an den schwierigen Abstieg über die unbeleuchtete Stiege und stürzen uns wieder in die leuchtende Stadt.

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UPDATE: Noch mehr Bilder von da oben gibt es auf Toms Tumblr und auf Omeidas Facebook-Seite!

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Im Kleinen Kessel ist der Wurm drin

Donautour, Tag 23, Eisernes Tor-Kupuzište.

Vom Sonnenaufgang über dem Eisernen Tor bekomme ich leider nicht viel mit. Der Berg in meinem Rücken ist zu hoch. Ich sehe nur, wie die andere Seite des Talkessels langsam von oben nach unten in goldenes Morgenlicht getaucht wird. Erst nur die Gipfel, dann ganze Felswände, der riesige Kopf des Königs Decebalus, der mich noch immer ausdruckslos beobachtet, und schließlich auch das orthodoxe Kloster ganz unten am Fluss, in dem ein Glöckchen die Mönche vielleicht gerade zum Morgengebet ruft.
Die erste Aufgabe für heute: ich mache mich daran, den platten Reifen von gestern zu reparieren, damit es weitergehen kann mit der Passage durch das Eiserne Tor. Also Rad ab, Dorn aus dem Mantel gezogen, neuen Schlauch eingesetzt. Vorsichtig aufgepumpt, und ganz leise hört man schon das Geräusch des Grauens: „pfffft…“
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Mist, da war wohl noch ein weiterer Dorn im Reifen, mit dem ich den neuen Schlauch gleich aufs Neue perforiert habe. Auch diesen Stachel ziehe ich, gut versteckt war er, einen Flicken drauf, und dann kann ich endlich meinen Aufstieg fortsetzen.
Der Blick oben ist einfach nur perfekt. Die zwischen breiten Strom und schmalem Gebirgsfluss changierende Donau liegt tief unter mir. Ihre blaue Farbe kontrastiert mit den spärlichen Wäldern und den hellen Kalkfelsen. Der Himmel ist wiederum perfekt blau, kein Wölkchen trübt das Sommerwetter. Am nächsten Parkplatz, und auch immer wieder an den folgenden, werde ich außerdem Zeuge eines Schauspiels, das sich immer wieder mit leichten Abwandlungen wiederholt: rumänische Autos stoppen mit laufendem Motor – Mutti springt heraus und schießt in Windeseile tausend Fotos, wenn Kinder vorhanden, dann gerne auch mit denen vor dem eigentlichen Motiv – Vati kümmert sich derweil lieber gelangweilt ums Auto und drängt zum Aufbruch – unter lautem Diskutieren geht es schnell weiter zum nächsten Parkplatz. Auch eine Möglichkeit, diese herrliche Landschaft zu erfahren, aber ich bevorzuge dann doch die langsamere Variante und lasse alles in Ruhe auf mich wirken, während ich mich Berge hinauf und hinab quäle.
Die langsamere Variante? Schön und gut. Aber ich bin doch noch beträchtlich langsamer als gedacht, muss nämlich beide Reifen immer wieder von neuem aufpumpen. Und auch das schöne Sommerwetter finde ich plötzlich ganz schön anstrengend. Also lege ich mich an einem der nächsten Parkplätze, wo die Landschaft allmählich schon wieder langweiliger wird und nicht mehr so viele Kurzaufenthalte rumänischer Familien zu befürchten sind, erst mal auf die Bank und schlafe eine Runde. Ich bin nämlich gerade genau so platt wie meine beiden Reifen.

Ein schwäbisches Touristenpärchen weckt mich mit Geschwätz, das ich eigentlich gar nicht hätte hören wollen. Nun stelle ich aber doch mal den vorderen Umwerfer neu ein, der sich am letzten Berg verabschiedet hatte, und pumpe meine Reifen neu auf. Man kanns ja mal versuchen. Weiter gehts. Aber der Versuch war nichts wert, unten im Tal ist wieder alles platt. Ich bin kurz davor, das Rad einfach in den nächsten Busch zu werfen und nach Hause zu trampen. Den riesigen Schlüssel, den ich brauche, um das Hinterrad zu lösen, habe ich eh nicht dabei. Ein letztes Stoßgebet, und siehe da, tatsächlich geschieht wenige Minuten später genau, was ich mit erhofft hatte. Um die Ecke kommt die Viererbande, die ich schon seit der Fähre nach Ram immer wieder getroffen hatte, Andrea aus den USA und Bruce aus Schottland fahren nach Istanbul, Rebecca aus Südtirol und Stefan aus Österreich zum Schwarzen Meer. Alle zusammen bauen mich nun wieder auf, und auch wenn keiner den passenden Schlüssel für das verdammte Hinterrad dabei hat, hatBruce dann doch noch die entscheidende Idee, wie ich einen Flicken drauf tun kann. Vor allem ist es aber der Zuspruch, das witzige österreichisch-englische Sprachgemisch und Andreas Energieriegel, die mich wieder beleben. Diese vier schickt wirklich der Himmel!

Also hinten noch ein Flicken, vorne kann ich auch endlich den letzten Dorn finden und montiere noch einmal einen neuen Schlauch.
Damit wären nun alle Reifen-Flicksachen aufgebraucht, die ich dabei habe, und meine Nerven sowieso. Vier Platte an einem Tag, da ist wirklich der Wurm drin heute. Dazu Probleme mit dem vorderen Umwerfer, heiß ist es ja sowieso, und die Landschaft ist nach Passieren des Eisernen Tores auch wieder ganz schön monoton geworden. Zu allem Überfluss hat das Radio in meinem Kopf, das mich sonst zuverlässig mit aufmunternden Ohrwürmern besorgt hat, heute offenbar einen Billy-Joel-Tag. Mir bleibt heute aber auch nichts erspart. Hat der irgendwie Geburtstag oder sowas? Aber woher sollte mein inneres Radio das wissen? Ich fahre jedenfalls heute lang nicht so begeistert und kraftvoll wie die letzten Tage.

Vielleicht kommt ja auch ein gewisses mentales Problem dazu, immerhin habe ich mit dem Donaudurchbruch sozusagen das letzte Ziel auf meiner Liste abgehakt. Was immer ich jetzt noch an Weg zurücklege, ist eigentlich nicht mehr geplant und auch nicht notwendig, das einzige was ich streng genommen noch bräuchte, wäre eine Zugverbindung nach Belgrad zurück, wo in vier Tagen mein Flug geht. Aber da sehe ich auf einem der Wegweiser ein Zitat von Robert Louis Stevenson: „I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travel’s sake. The great affair is to move.“ Da hat er eigentlich recht, denke ich mir, und seit wann wäre es mir denn darum gegangen, irgendwelche Sehenswürdigkeiten abzuklappern?

Nix da, jetzt wird wieder fester in die Pedale getreten, und dann will ich mir doch noch einen Eindruck von Rumänien und von Bulgarien machen, statt meine letzten Tage hier lustlos durch Serbien dümpelnd zu verbringen.

Noch mal zwei Steigungen auf dem Weg durch abgelegene Dörfer, und dann werfe ich mein Zelt irgendwo ins Gebüsch und werde nach einem Tag, an dem wirklich in allem der Wurm drin war, immerhin mit Nudelsuppe und dem Blick auf einen fantastischen Sonnenuntergang belohnt.

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Unersättlichkeit

Sonnenuntergänge – gibt es etwas abgedroscheneres?

Natürlich veredeln sie jedes Fotoalbum und jeden Reiseprospekt. Sie bringen Wanderer zum Innehalten und Pärchen zum Kuscheln. Sie werden in kitschigen Liedern ebenso behandelt wie in Blogartikeln wie diesem. Eigentlich ist alles dazu gesagt, denkt man.

Und dann steht man wieder am Strand, sieht zu, wie die Sonne sich auf den schmalen Fleck zwischen Wellen und Dünen stürzt – und ist zum hundertsten Mal sprachlos, hält zum hundertsten Mal die Kamera darauf, und kann nicht fassen, wie schön so etwas Abgedroschenes doch sein kann.