Nicht wie die anderen Städte

Nachdem mein Aufenthalt auf Ko Samet dann doch nicht der reine Traumurlaub war, den ich mir erhofft hatte, fiel mir die Entscheidung nicht allzu schwer, ein paar Tage früher als geplant in Richtung Bangkok aufzubrechen.

Das bedeutete zunächst, zwischen in der Sonne trocknenden Fischen auf einen Bus zu warten, und dann, sich auf dem Busbahnhof in Bangkok zurechtzufinden. Der heißt „Mo Chit“, könnte aber angesichts der Menschmassen auch „Moshpit“ heißen…

Trotzdem gefällt mir Bangkok auf Anhieb. Hier liste ich gerne einmal die Gründe dafür auf:

  • die Farben: überall ist Bangkok bunt, rot, blau, ocker, violett, gelb, ein bisschen grün, es gibt Blumen und bemalte Gebäude und farbenfrohe Kleidung und Leuchtreklamen und allerlei bunte Absurditäten.

  • die Tuk-Tuks: ich liebe sie einfach. Das coolste Fortbewegungsmittel der Welt.

  • das Leben, das sich auf der Straße abspielt: das ist in China oft genauso, und so kann ich schon am ersten Tag am Leben der neuen Stadt teilhaben. In einem Maße, für das ich in Bielefeld Monate gebraucht hätte.

  • der Glamour-Faktor. Ja den gibt es auch in einer Hauptstadt des Schmutzes, gegen den sich Shopping-Malls stemmen.

  • der überwältigende Verkehr.

  • die Spiritualität, die überall greifbar wird, seien es nur einige Räucherstäbchen am Straßenrand.

  • die historischen Bauten, die besondere Perlen in dieser ohnehin schon besonderen Stadt bilden.

  • der Chao Praya, ungefähr der majestätischste Fluss der Welt. Was wäre Köln ohne den Rhein, Paris ohne die Seine? Immer noch mehr, als Bangkok es ohne den Chao Praya wäre!
  • das Nebeneinander der verschiedensten Welten, das hier das normalste der Welt zu sein scheint. Mönche und Erotik-DVDs in der selben Straße? Na sicher doch!

 

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Ein Häusermeer

Schließlich unternehmen wir eine Bootstour auf dem Tonle-Sap-See – für mich ist das zunächst nicht unbedingt ein Muss. Aber weil wir noch einiges an Zeit haben und allmählich genug von immer neuen Tempeln im Urwald (ja, auch auch in der geilsten Sehenswürdigkeit der Welt setzt irgendwann der Überdruss ein), fahren wir mit dem Tuk-Tuk die paar Kilometer zum Tonle Sap, dem größten See des Landes.

Mich zu überzeugen war dann doch gar nicht so schwer. Dem erwachsenen Moritz muss man nur erklären, dass der Tonle Sap wie ein gigantisches Regenrückhaltebecken funktioniert. Während des Monsuns wird er vom gleichnamigen Fluss auf die doppelte Größe gefüllt, der Wasserstand steigt um zig Meter. Während der Trockenzeit kehrt sich die Fließrichtung des Flusses um (!) und die braune Brühe fließt langsam wieder ab in den Mekong. Faszinierend.

Ach ja, und dem Kind Moritz muss man bloß sagen, dass es hier Krokodile gibt.

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Bald haben wir die Stadt Siem Reap hinter uns gelassen, und die Häuser stehen bald nicht mehr nur einfach am Straßenrand, sondern auf Pfählen entlang des Damms. Dieses Gebiet, auf dem gerade noch Lotus angebaut wird, steht zu Hochphasen des Sees völlig unter Wasser, nein nein, es wird einfach ein Teil des Sees.

Wir steigen um auf ein etwas wackliges Boot, das erschreckend wenig aus dem Wasser ragt. Dann geht es erst durch kleinere Ausläufer, die sich um die Sandbänke schlängeln, es ist ja gerade Trockenzeit. Und schließlich erreichen wir das offene Wasser, in dem Fischer ihre Netze platziert haben. Das gegenüberliegende Ufer ist nicht zu sehen.

Wir fahren ein wenig über den See, diese schmutzige Brühe, das Boot hüpft lustig auf und ab, und ich halte eifrig nach Krokodilen Ausschau. Und schließlich halten wir auf eine Stadt zu. Auf eine Stadt?

Ja richtig, die Fischer wohnen nicht alle in den Pfahlbauten am Ufer, viele wohnen auch ganz traditionell auf Hausbooten. Je nach Wasserstand und Fischarten der Saison ziehen sie in einen anderen Teil des Sees, deshalb müssen sie mobil bleiben. Die Hausboote sind teilweise aneinander festgemacht oder in der Nähe verankert, sodass sich hier eine riesige Stadt auf dem See erstreckt. Zwischen den Hausbooten bewegt man sich eben mit kleineren Bötchen fort. Hier schwimmt noch ein Floß, auf dem in Kisten Gemüse gezüchtet wird, hier ist eines, das an vorbeikommende Bötchen Coladosen verkauft. Eine richtige, funktionierende Stadt, nur dass sie eben mobil ist, je nach Jahreszeit die Lage verändert, und von Stürmen gelegentlich durchgeschaukelt wird.

Schließlich kommen wir an einem größeren Boot an, das eine Art Touri-Restaurant ist. Aber mir ist nicht nach Essen zumute, ich klettere sofort auf das erhöhte Dach und genieße einen der unglaublichsten Ausblicke meines Lebens: hunderte, vielleicht sogar tausend Hausboote auf einem Haufen, die hier die bizarrste Stadt der Welt ergeben. Ein regelrechtes Häusermeer.

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Neue Seiten?

Kürzlich saß ich, mit meiner Kamera bewaffnet, an einem sonnigen Vorfrühlingstag einige Zeit in einer Stadt fest.

In einer Stadt, die ich gut zu kennen glaube. In der ich schon hunderte Male war, wenn auch in letzter Zeit eher selten. In der ich nur schnell auf den Umstieg auf den Fernbus wartete. (Ach, ich bin auch zunehmend ein Freund der neuen Fernbusse, aber das nur am Rande…)

Und so schlenderte ich mit Sack und Pack, in diesem Fall mit Sack und Pentax, los. Ich wollte mich – wie ein Tourist – der Stadt wieder ganz neu nähern, das hatte ich beschlossen. Als wäre ich noch nie dort gewesen. Schon nach zwei Ecken war ich in die neue Welt eingetaucht, entdeckte mir bislang unbekannte Details. Kam aus dem Staunen nicht mehr hinaus, was im scheinbar Bekannten an Unbekanntem lauerte.

Und verließ dieser mir nur allzu gut bekannte und nicht immer sympathische Stadt mit einem ganz neuen Gefühl. Wie einen langweiligen, sabbernden Urgroßonkel, der gerade eine ungeahnte Information aus seinem wilden Zweitleben preisgegeben hat.

 

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Neue Seiten der Stadt.

Neue Seiten auch hier auf dem Blog. In der nächsten Zeit werden wohl (leider) weniger Artikel aus fremden Ländern folgen. Höchste Zeit, das Fremde im Bekannten zu suchen.

Und zu finden?

 

Nebenbei: um welche Stadt es sich wohl handelt?

灯海 – Ein Meer aus Licht

Ich wandere durch die Hochhausschluchten auf Hongkong Island. Eine, zwei, drei Stunden. Ich sehe alte Straßenbahnen, Gaslampen, Denkmäler, Kolonialbauten, Kirchen. Ich sehe aber auch Verkehrsstaus, Neonwerbung, Promotion, Baustellen und endlos Glas und Beton. Welche andere Stadt vereint in diesem Maße glorreiche Vergangenheit mit immer schnellerer Zukunft?

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Dann beginnt es zu dämmern, und ich erinnere mich, dass ich das Gewusel ja von oben betrachten wollte. Die historische Peak Tram wäre natürlich angemessen, aber die Warteschlange zieht sich um zwei Blocks. Unter keinen Umständen würde ich die Spitze noch bei Tageslicht erreichen.

Doch es gibt zum Glück eine weitere Möglichkeit, den Hausberg zu erklimmen, den die Engländer nach ihrer Monarchin Victoria Peak nannten: ich laufe ein paar Straßen weiter zum Hillside Escalator. Die längste Rolltreppe der Welt führt in mehreren Abschnitten von den Geschäftsvierteln auf Meereshöhe bis hinauf in die teureren Wohngegenden. Wann ist man schon mal 20 Minuten Rolltreppe gefahren, einen halben Berg hinauf?

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Als ich den Hillside Escalator verlasse, bin ich schon auf der Höhe einiger niedrigerer Hochhäuser angelangt. Von hier an geht es zu Fuß weiter – welch ein Glück, dass ich so ein trainierter Berg-auf-Läufer bin. So kämpfe ich mich den steilen Pfad bergauf, an den besseren Wohnblocks vorbei, während es langsam dunkler wird. Schon bin ich auf Höhe der Bank of China angelangt, wie mir ein schneller Blick über meine Schulter beweist. Der Mond geht auf. Ich keuche, ich schwitze, aber hey, nur noch ein paar Höhenmeter!

Schließlich stehe ich auf einer Aussichtsplattform, in schwindelnder Höhe über der Stadt. Die Tatsache, dass ich mir den Ausblick selbst erarbeitet habe, statt mit dem Bähnchen nach oben zu fahren, macht ihn noch einmal doppelt so wertvoll.

Und er hat es in sich, der Ausblick.

Schiffe kreuzen auf dem Meeresarm. Die Hitze des Tages und der schluchtenartigen Straßenzüge ist einer angenehmen Kälte gewichen. Wolkenkratzer leuchten, werden mit Weihnachtsbotschaften bestrahlt oder führen bizarre blinkende Shows auf. Flugzeuge nehmen Kurs auf die Landebahn. Riesige Leinwände verstreuen weiter ihre Werbebotschaften über die Stadt. Paare umarmen sich in der nachgebauten Pagode. Und steinerne Löwen wachen über Hongkong, über jene Stadt, welche die Geschichte von Jahrhunderten erzählen kann und sich doch in aller Hektik täglich neu erfindet.

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Wer weiß, wann ich wieder hier stehen werde? Wie viele der Hochhäuser werden dann neuen, höheren Bauten gewichen sein? Wie viel Land wird neu aufgeschüttet sein, wie viel größer und hektischer wird die Stadt wirken?

Ich weiß gerade nur zwei Dinge sicher: dass ich wiederkommen werde. Und dass die steinernen Löwen dann noch immer diesen beeindruckenden Ausblick genießen werden.

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聚餐 – Sich zum Essen treffen

Unter der Woche muss ich mir nicht viele Gedanken ums Essen machen, schließlich gab es mittags und abends immer reichlich in der Schulkantine. Darüber später mehr.

Am Wochenende aber ist das anders, und weil wir keine eigene Küche für die Schüler haben, gehen wir zum Essen immer in die Stadt. Es gibt reichlich Straßenverkäufer, Garküchen, Restaurants, denn sich mal schnell eine warme Mahlzeit zu kaufen, ist in China ganz alltäglich. Kostet ja auch nicht viel, macht satt und keine Mühe, und meist schmeckt es auch gut. Außerdem hatten wir mit Charlotte am Freitag, William am Samstag und Ben gestern eine Serie letzter Abende, die auch gefeiert werden wollten.

Also trifft man sich zum Essen, immer in einer größeren Runde, immer recht spontan, und dann wählt man gemeinsam ein Restaurant und eine Reihe verschiedener Gerichte aus. Die landen dann alle in der Mitte, und jeder bedient sich überall ein bisschen. Sehr angenehm, weil man eine riesige Vielfalt durchprobieren kann. Am Schluss wird die Rechnung durch alle geteilt, selten mehr als 50 Yuan pro Person, und den grünen Tee gibt’s in den meisten Restaurants gratis. Alles höchst angenehm und entspannt.

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Meine Highlights bisher: die Fake-Fleischbällchen im vegetarischen Restaurant, die aus irgendwelchem Weizenprotein bestanden und sich im Mund tatsächlich anfühlten wie Fleisch. Die gefüllten, gedämpften Teigtaschen sowieso. Das Gericht aus Auberginen, Kartoffeln und grünen Peperoni, dass es überall gibt. Und vor allem die Sichuan-Küche am Samstag. Die ist dafür bekannt, auch mal etwas schärfer zu sein (kann ich bestätigen), aber dafür auch extrem lecker (und hat mit dem süß-sauren Gematsche deutscher Chinarestaurants auch nicht mehr zu tun als Van Gogh mit einem Wasserfarbkasten in der Grundschule). Der heiße Doufu-Topf hat mir zwar die Tränen in die Augen getrieben vor Schärfe, aber er war perfekt komponiert, gut gewürzt, und unterm Strich so unfassbar großartig, dass man auch bereit ist, die Ratten in der Küche zu ignorieren. Die gibt es bestimmt eh überall.

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Danach noch ein paar Bier in der Runde, am liebsten draußen am Kanal, und ich bin völlig mit der Welt im Reinen. Hauptsach gudd gess, da hat der Saarländer schon recht. Und am nächsten Tag grad wieder.

Also alles in allem sehr entspannt und sehr lecker, so ein Wochenende. Und weil ich sowieso Vegetarier bin, brauche ich mir nicht mal den Kopf zu zerbrechen, ob ich vielleicht doch mal Hühnerfüße oder Wasserschlange probieren soll. Was die Sache noch entspannter macht…