Nach Phnom Penh und weiter

Dei Busfahrt nach Phnom Penh zieht sich, trotz des „luxury bus“. Es geht über endlose Landstraßen, durch tausende Schlaglöcher, vorbei an tausenden Hütten. Überall liegt sehr viel roter Staub auf den Landstraßen, der von den Bussen und LKWs aufgewirbelt wird – teilweise sieht man keine fünf Meter.

Um für etwas Kurzweil unter den Fahrgästen zu sorgen, werden auf dem kleinen Bildschirm über dem Fahrer kambodschanische Karaoke-Videos gespielt. Das bedeutet vor allem: wirre Handlungsstränge, wirres Herumgetanze auf Dorfplätzen, wirre Liebesgeschichten, unlesbare Texteinblendungen, wirre Armbewegungen und eine überraschende Menge Kunstblut. Großer Spaß also.

Nach all dem ländlichen Kambodscha begegnet uns Phnom Penh als eine echte Großstadt mit allem was dazugehört: mit Verkehrschaos, Bettlern, Slums, aber auch mit wunderschönen Tempeln, dem hübschen Ufer entlang der Flüsse Tonle Sap und Mekong, einigen interessanten Zeugnissen der französischen Kolonialgeschichte und viel Hitze und Lärm. Besonders unser Hotel mit Holzschnitzereien an allen Wänden und Ecken und wunderbarem Frühstücksbuffet mit Blick auf die Stadt hat es mir angetan – umso mehr, da es im 14. Stock eine Dachterrasse mit großem Pool gibt! Eigentlich möchte man diesen Ort gar nicht verlassen, gäbe es in Phnom Penh nicht so viel interessantes zu sehen.

Ich möchte nun nicht alle Sehenswürdigkeiten beschreiben, obwohl natürlich der Königspalast wunderschön, der zentrale Markt besonders exotisch, die Killing Fields und die damit verbundene Vergangenheit extrem bewegend und schmerzvoll sind.

Nein, ich möchte nur noch einmal in Gedanken durch die Straßenzüge der Stadt laufen, das Geknatter der Tuk-Tuks in den Ohren, die tropische Hitze spürend, den Geruch der Abgase und der Garküchen in der Nase – so eine lebendige Stadt, so lebendige Erfahrungen, die mich auch auf meinem weiteren Weg in Richtung Thailand und Europa weiter begleiten werden!

Werbeanzeigen

Mitten im Weltwunder

Im Landeanflug auf Kambodscha sah man bereits das Unvorstellbare: aus dem riesigen Dschungel unter uns reckten sich die Türme von Angkor Wat. Riesige geometrische Wasserbecken und versteckte Tempel zeigten an, wo im Dschungel die riesige Hauptstadt des alten Khmer-Reiches verborgen war. Dazu Reisfelder, Bewässerungsgräben, Hütten, aber auch Palmen, Dschungel, der riesige Tonle-Sap-See, und natürlich immer wieder die schnurgeraden Tempelanlagen. Und all das wartete nur darauf, von uns erkundet zu werden.

Wir flogen noch eine letzte Schleife, dann landete unser Airbus nach dem Bilderbuch-Anflug auf dem Flughafen Siem Reap. Erst einmal erschlägt uns die Tropenhitze, dann begeben wir uns in die Ankunftshalle, die man als „Baracke im traditionellen Stil“ beschreiben könnte. Die Einreise gestaltet sich als äußert chaotisch, Zollformulare sind gerade aus, chinesische Reisegruppen drängeln sich vor, die Namen werden in wirrer Ordnung und mit kaum verständlicher Aussprache ausgerufen, aber irgendwann prangen endlich die leuchtend grünen Visa in unseren Reisepässen, und wir sind offiziell in Kambodscha.

Und Kambodscha hat es in sich. Wir bleiben im Homestay bei einer netten Familie – wobei man das nicht extra dazu sagen müsste. Alle Kambodschaner, mit denen ich zu tun habe, sind freundlich und aufgeschlossen, viele können extrem gut englisch, und selten war mir ein Land von Beginn an so sympathisch.

Zudem ist es natürlich keine Überraschung, dass Angkor einfach eine der besten Sehenswürdigkeiten ist, die ich mir jemals angeschaut habe. Unser privater Tuk-Tuk-Fahrer (und zugleich Bruder unserer Wirtin und Fremdenführer und knuffiger Privat-Chill-Clown in einem) kutschiert uns durch den Urwald mit seinem Motorrad-Rikscha-Gespann, wie man sie hier überall sieht. Und während wir über die staubigen Straßen durch die Hitze fahren, kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Es ist tatsächlich wie im Film, oder wie bei Tim und Struppi: hinter jeder Ecke lauert ein neuer, verfallener Tempel. Highlight ist natürlich der Angkor Wat selbst, der zentrale Tempel, wichtigstes Postkarten- und T-Shirt-Motiv des Landes und dementsprechend auch auf der Flagge abgebildet. Man könnte Stunden damit verbringen, alleine die ellenlangen Wandreliefs zu studieren, die sich rings um das riesige Tempelgelände ziehen. Das tun wir auch, bevor wir schließlich den höchsten Turm besteigen und einen atemberaubenden Blick über die größte Tempelanlage der Welt haben, die den Vatican aber deutlich in den Schatten stellt. Ich lasse an dieser Stelle einmal Fotos für sich sprechen, beschreiben kann man dieses Weltwunder ohnehin nur bedingt.

Der Sonnenaufgang am Angkor Wat am nächsten Morgen zeigt den Komplex noch einmal von einer neuen, sehr malerischen Seite: als düstere Silhouette, die sich zunächst diffus und dann immer klarer gegen den Morgenhimmel abzeichnet.

Aber auch die anderen Tempel, die Terrassen und Statuen, die Wasserbecken und Buddhas und Bildhauereien sind unglaublich. Teilweise kann man nicht glauben, dass all dies wirklich die Ruinen einer realen Stadt sind – sie wirken eher wie die Kulissen des Lara-Croft-Films, der hier einmal gedreht wurde, und die nun im Dschungel sich selbst überlassen sind.

Überhaupt, der Dschungel. Zu all den menschengemachten Wundern kommt ja noch eines der Natur hinzu. Merkwürdige Vogelstimmen, Affen, Lianen, die riesigen Bäume, die überall aus den Ruinen wachsen, Schmetterlinge, die Hitze, die Größe, der Durst – ja, ich bin tatsächlich im Dschungel.

Und so stolpere ich durch die Ruinen und durch den Dschungel und schieße tausende Fotos – ganz einfach um mich später zu überzeugen, dass ich wirklich da war und dieses Weltwunder mit eigenen Augen gesehen habe!

Glas/Beton/Holz/Filz

Ulaanbaatar besteht offensichtlich aus vier Materialien. Sie stehen für unterschiedliche Baustile, unterschiedliche Epochen der mongolischen Geschichte, und nichtsdestoweniger existieren sie auch in der Gegenwart noch nebeneinander und bilden ein Gemisch, das einzigartig ist.

Südlich des zentralen Sukhbaatar-Platzes – auf dem das riesige Parlamentsgebäude und ein Freiheitsdenkmal daran erinnern, dass man sich in einer der wenigen Demokratien der Region befindet – schießen die gläsernen Hochhäuser aus dem Steppenboden. Ich spaziere gemeinsam mit Céline durch die Kälte, die normalerweise in der Pariser Banlieue Virensoftware programmiert, jetzt aber gerade von drei Wochen Urlaub in der westmongolischen Steppe zurückkehrt und ihren letzten Tag in Ulaanbaatar genießt. Die Kälte beißt immer noch in Hände und Gesicht, aber allmählich gewöhne ich mich daran. Außerdem ist es heute sonnig, und in diesem Licht sehen selbst die Hochhäuser schön aus.

 IMGP2703 IMGP2675

IMGP2727 IMGP2670

IMGP2723 IMGP2815 IMGP2722

Weiter südlich und östlich, insbesondere jenseits des Flusses Tuul-gol, schließt sich der Beton an. Hier stehen noch Plattenbauten und Industriehallen aus sozialistischer Zeit, die jeglichen architektonischen Charme vermissen lassen. Noch ein Stück weiter führt der Weg allerdings einen Hügel hoch, und was hier oben aus Beton geschaffen wurde, sieht wie die Ruine einer Raketenabschussrampe aus. Von nahem betrachtet ist es ein Denkmal für die ruhmreichen kommunistischen Armeen im Zweiten Weltkrieg. In großformatigen Mosaiken wird die Freundschaft zwischen Mongolei und Sowjetunion dargestellt, komplett mit Hammer, Sichel, Landarbeitern, Kosmonauten und was noch so dazugehört. Besonders bemerkenswert ist aber eher die Aussicht, die man von hier oben vom Zaisan-Hügel auf die Stadt und die umliegenden Berge hat. Dabei fällt mir auch zum ersten Mal richtig deutlich die Smog-Glocke auf, die über dem Zentrum von Ulaanbaatar hängt und sich hier deutlich gegen den blauen Winterhimmel abzeichnet. Tausende Kohlefeuer in den Slums und der wilde Autoverkehr sorgen für konstanten Nachschub.

IMGP2870 IMGP2863

IMGP2834 IMGP2862

IMGP2865 IMGP2856

Holz finde ich an vielen Orten der Stadt, besonders aber im Winterpalast des Bogd Khan. Er ist ein Meisterwerk der Holzschnitzerei und erinnert im Zuschnitt an die Verbotene Stadt in Peking, wenngleich viel kleiner und primitiver. Die Verbotene Stadt wirkte handwerklich doch deutlich perfekter, obwohl sie hunderte Jahre älter ist. Kaum zu glauben, dass einige der Gebäude und Ausstellungsstücke erst 120 Jahre alt sein sollen – sie wirken wie aus grauer Vorzeit. In den Nebengebäuden werden zahlreiche Stickereien, Kultstatuen und Gastgeschenke ausgestellt, außerdem Mobiliar der Khane, ihre gruselige Sammlung ausgestopfter Tiere und die Spielzeuge der Prinzen. Auch eine Jurte aus Leopardenfell befindet sich darunter, ein Kuriosum, das mir die Kehle zuschnürt. 150 Schneeleoparden wurden dafür geschlachtet.

Holz findet sich auch in den Lamatempeln wie dem Choijin, der schon von Hochhäusern umgeben ist. Er bewahrt mit seinen Pagoden, rituellen Masken und Bodhisattva-Statuen etwas Archaisches in der sich schnell wandelnden Stadt. An diesem Punkt meines Spaziergangs ist die Sonne allerdings schon hinter den Hochhäusern versunken, eisiger Wind pfeift durch die Höfe und schneidet mir in die Haut. Schnell mache ich mich auf die Suche nach einem Restaurant und bleibe dort, bis ich meine Füße wieder spüre.

IMGP2759 IMGP2762

IMGP2771 IMGP2769

IMGP2748 IMGP2782

IMGP2793 IMGP2903

Dass ich so schnell ein sehr leckeres Restaurant gefunden habe, das statt der fleischlastigen mongolischen Küche ausschließlich vegan kocht (und dabei traditionelle Gerichte wunderbar neuinterpretiert), liegt am verbreiteten buddhistischen Glauben. Das vegane Restaurant, das ich mehrfach besuche, liegt in einem Meditationszentrum, nicht weit entfernt vom Tempelkomplex Gandan Khiid.

Dort begegne ich auch dem Filz, dem vierten und ursprünglichsten Material der Stadt. Gandan Khiid befindet sich auf einem Hügel westlich des Zentrums und liegt damit schon inmitten der Jurten-Slums. Das Gelände selbst ist eine Art mongolischer Vatikan, mit Tempeln und Datsanen, in denen Mönche studieren und beten. Ich erhasche einen Blick auf eines der Rituale und bin gleichzeitig angezogen vom monotonen Singsang der Mantras und abgestoßen davon, dass hier kleine Junge mit rasierten Köpfen und in Mönchskutten mitsingen müssen. Sie sehen nicht so aus, als hätten sie sich freiwillig dafür entschieden, Mönch zu werden, die Jüngsten schätze ich auf acht Jahre. Diese Kinder werden von ihren Familien in den Datsan geschickt, dabei gehören sie meiner Meinung nach erst mal in eine Schule.

Trotzdem packt mich eine Ehrfurcht vor dieser Mönchskultur, vor den Jurten und den Räucherstäbchen, vor der Mönchshochschule für traditionelle Medizin und der Statue der Göttin Janraisig im höchsten Tempel. Die goldene Statue ist 26 Meter hoch. Ihre Vorgängerin wurde von der Roten Armee eingeschmolzen, doch gleich nach der Demokratisierung brachten die Mongolen genug Spenden auf, um eine neue Statue zu errichten. Das zeigt, wie sehr die Tradition noch verwurzelt ist in diesem armen Land, das sich gerade in großer Geschwindigkeit in Richtung Moderne bewegt.

IMGP2872 IMGP2858

IMGP2811 IMGP2957

IMGP2981 IMGP2912

IMGP2914 IMGP2929

IMGP2935 IMGP2957

IMGP2961 IMGP2963

IMGP2967 IMGP2974

Wohin genau die Reise geht, ist ungewiss. Die Nomaden ziehen in die Slums der Hauptstadt, zugleich entwickelt sich eine Mittelschicht. Westliche Konzerne fangen an, die Rohstoffe des Landes auszubeuten, zugleich wächst die lokale Wirtschaft rasch. Die Infrastruktur ist noch immer schlecht, wird aber rapide ausgebaut. Die traditionellen Clan- und Familienstrukturen lösen sich auf, der Buddhismus scheint weiterhin fest verwurzelt. Die Demokratie behauptet sich seit 1991, als eine der wenigen in dieser Region. Ich bin gespannt, wie sich die Mongolei weiter entwickelt, ob sie vielleicht bald stärker in unser Bewusstsein rückt als bisher. Aber ich wünsche ihr, dass sie sich das Miteinander von Glas, Beton, Holz und Filz bewahren kann.

Der Berg der Hundertjährigen

NSFW!

In und um Pengshan werden die Menschen angeblich besonders alt, es soll viele Hundertjährige hier geben. Da frische Luft, sauberes Wasser und guter Rotwein als Ursachen eher unwahrscheinlich sind, muss es an den Schriften des bereits erwähnten Stadtgründers Pengzu liegen, in welchen die Bedingungen eines langen Lebens dargelegt werden. Jener Pengzu soll übrigens mit gutem Beispiel vorangegangen und über achthundert Jahre alt geworden sein.

Überprüfen kann ich das kaum, aber immerhin ist heute einmal schönes Wetter und ich habe frei. Also miete ich mir ein Fahrrad, fahre ein Stück flussaufwärts und dabei durchs sehr ländliche und ärmliche Hinterland von Pengshan und besichtige schließlich jenen Berg, auf dem dem alten Pengzu gehuldigt wird.

mmexport1442668215387

IMGP0623 IMGP0618

Bergauf geht es über niedrige, ausgetretene Treppen, die in den roten Sandstein geschlagen wurden. Ringsum hört man diverse Singvögel und auch viele Hühner und Hähne. Ich erkenne Bambus und Bananenstauden, die hohen Laubbäume kenne ich nicht. Aber endlich herrscht einmal annähernd Stille. Und wenn ich doch Geräusche höre, so sind es die Geräusche der Natur. Kein Verkehr, keine nervtötende Werbung, kein chinesischer Schlager aus überforderten Lautsprechern – einfach nur das Rauschen der Bäume und ein paar Vögel. Sehr angenehm.

Am Weg bergauf befinden sich Schreine, Felsinschriften, das angebliche Grab Pengzus und weitere kleine Gebäude. Wie bei chinesischen Tempelbergen so üblich, wohnen hier auch Leute in und zwischen den Schreinen. Sie hausen zumeist in ärmlichen Hütten und leben davon, den Besuchern Erdnüsse, Tee, Räucherstäbchen und irgendwelchen Schmuck und Ramsch zu verkaufen. Aber immerhin, viele scheinen sehr alt zu sein. Vielleicht ist doch etwas dran am Geheimnis!

IMGP0637

IMGP0753 IMGP0749 IMGP0735 IMGP0714 IMGP0685 IMGP0666 IMGP0661 IMGP0653

An der Spitze des Berges angelangt, betrete ich eine weitläufige Tempelanlage mit zahlreichen Schreinen, Altären, Teichen und großen steinernen Gefäßen, in den Räucherstäbchen vor sich hin qualmen. Schön, wie hier daoistische Ahnenfiguren einträchtig neben großen Buddhas stehen. Ich mag es, wie entspannt man hier in Sachen Religion ist. Keiner muss sich rechtfertigen, jeder pickt einfach aus den diversen Lehren all das heraus, was ihm gefällt, ohne dem anderen deshalb den Kopf einzuschlagen.

Auch sonst ist hier alles friedlich. Ich laufe Treppchen auf und ab, bestaune die riesigen Skulpturen, wimmle gekonnt Räucherstäbchenverkäuferinnen ab und treffe sogar eine meiner Studentinnen, die auch gerade dem Trubel der Stadt entflohen ist.

mmexport1442668239255 IMGP0777

Aber dem Geheimnis des langen Lebens bin ich immer noch nicht näher gekommen. Die Schildkröten sehen hier zwar auch sehr alt aus, aber sie schauen nur stumm aus dem schmoddrigen Wasser heraus, und immer wenn ich mich ihnen nähere, tauchen sie schnell unter. Offenbar wollen sie es nicht mit mir teilen.

IMGP0731

Doch auf dem Weg nach unten komme ich endlich an einer Halle mit der Aufschrift 养生殿 vorbei. „Gesundheits-Erhaltungs-Halle“? Das muss es sein. Ich laufe noch ein letztes Sandsteintreppchen hoch, lasse meine Eintrittskarte abknipsen, und schon empfängt mich ein Schild. In dieser Halle seien die Gesundheitsgeheimnisse des alten Pengzu hinterlegt – man möge daraus lernen, um selbst ein langes Leben zu erhalten!

Endlich am Ziel! Was werden das wohl für Ratschläge sein?

Ginseng?

Ingwer?

Quellwasser?

Taichi?

Gutes Olivenöl?

Nein, weit gefehlt! Was sehe ich stattdessen?

IMGP0775 IMGP0774 IMGP0773 IMGP0780

Nur Schweinkram!

Also, zwei Möglichkeiten. Entweder das Geheimnis eines langen Lebens besteht im Beischlaf in allen denkbaren Positionen und dem Zeigen eines monströsen Gemächts – oder der alte Pengzu hat sich hier nur einen großen Spaß erlaubt.

Ich ich, der ein solches Ende der „Pilgertour“ nie im Leben erwartet hätte, falle erst mal lachend in den Bambus…

大佛 – Der große Buddha

Emei Shan teilt sich seinen UNESCO-Welterbetitel mit dem großen Buddha im nahegelegenen Leshan. Und das Ding heißt nicht umsonst Dà Fó, der große Buddha. Genauer gesagt gibt es nämlich keinen größeren seiner Art, von irgendwelchen neuzeitlichen Metall-Ungetümen will ich hier mal nicht sprechen. Dieser Herr hat immerhin schon über 1.200 Jahre auf dem riesigen sandsteinernen Buckel. Seine Maße sind beeindruckend: 71 Meter hoch, der Kopf misst 15 Meter, die Ohren immerhin noch 7 Meter, und auf dem Nagel des kleinen Zehs hat man immer noch bequem Platz.

IMGP5161

Um 800 n. Chr. wurde er aus einer Klippe geschlagen, weil hier am Zusammenfluss von Min- und Dadu-Fluss die Strömung so gefährlich war. Der Buddha sollte den Fluss besänftigen, was tatsächlich auch gelang – es sei einmal dahingestellt, ob daran der heilige Mann selbst schuld ist, oder die gigantischen Mengen Abraum, die während der Bildhauerei anfielen und in den Fluss geworfen wurden…

Man nähert sich dem Buddha von oben, sieht also erst mal eine Zeit lang nur Kopf, und kann dann einen steilen Klippenpfad hinabsteigen, um zu seinen Füßen erst recht von der schieren Größe der Statue erschlagen zu werden.

 IMGP5165 

IMGP5139

IMGP5148

IMGP5163 

Mindestens ebenso spannend ist aber auch die Umgebung der Statue. Hier finden sich zahlreiche Tempel, Mönche und Pagoden, aber auch eine wunderschöne hügelige Landschaft mit Bachläufen und Wald. In einem abgegrenzten Areal kann man eine große Menge weiterer Kunstschätze besichtigen, darunter über 3.000 weitere große und kleinere Buddha-Statuen aus ganz Asien. Das Spektrum reicht vom 170 Meter langen liegenden Buddha, der in eine Bergflanke graviert ist, bis zur Tausend-Buddha-Höhle, in der sich eine winzige Statue an die nächste reiht. Bodhisattvas mit hunderten Armen, Buddhas hoch wie ein Haus, goldene und steinerne Buddhas, Statuen und Bilder, indische Buddhas mit Kobras, thailändische schlanke und chinesische fette, und dazu noch tausend andere Dinge.

IMGP5133

IMGP5132

IMGP5113

IMGP5065

IMGP5094

Ungeheuer interessant das alles, Andy und ich versuchen stundenlang, irgendwelche Symbole zu interpretieren, und ich mache zig Fotos. Irgendwann stellt sich dann aber bei mir doch auch eine gewisse Buddha-Müdigkeit ein, nachdem wir in drei Tagen so viele Tempel besichtigt haben, buddhistische und daoistische, dazu tausend Statuen gesehen haben, und so freue ich mich am Ende fast genauso über die scharfe Tofu-Suppe, die ich an einem Stand an der Bushaltestelle kaufe, wie über das Wochenende der tausend großen Buddhas.

Aber gut war es schon, das Wochenende, das merkt man vielleicht an meinem euphorischen Geschreibe. Auch wenn ich der Erleuchtung noch nicht näher gekommen bin (ich bin ja auch nicht gerade meditativ veranlagt), kann ich so einen Abstecher nach Sichuan doch wärmstens empfehlen…

IMGP5042

IMGP5027

IMGP4978

IMGP4960

IMGP5053

IMGP5085

IMGP5106

峨眉山 – Emei Shan

Eines Tages beschloss der Bodhisattva Pǔxián, dass ihm eine Luftveränderung gut tun würde. Deshalb flog er auf einem weißen Elefanten mit drei Köpfen geradewegs auf den Gipfel eines 3.099 Meter hohen Berges. Dieser hat angeblich die Form eine geschwungenen Augenbraue, wird deshalb auf Chinesisch Éméi Shān genannt und ist seit der Ankunft Puxians einer der vier heiligen buddhistischen Berge in China.

Und weil der Emei Shan nur zwei Busstunden südlich von Chengdu liegt, ich gespannt auf die buddhistischen Tempel war, ein beeindruckendes Foto des Gipfels gesehen hatte und sowieso meine freie Zeit gerne damit verbringe, bergauf zu laufen, habe ich ihm einen Besuch abgestattet.

Zunächst fuhren wir mit dem Bus in das Gebirge hinein, durch Schluchten und über steile Straßen, an deren Rändern noch steilere Abgründe klafften – geradewegs in eine Wolke hinein. Der Aufstieg begann also im kalten Nebel auf über 2.000 Metern Höhe und führte über Treppen, Treppen und noch mehr Treppen immer weiter bergauf.

IMGP4919

IMGP4911

Unterwegs immer wieder Tempel, Pagoden, aber auch Souvenirstände und viel Müll am Wegrand. Auch wenn die meisten Chinesen den Gipfel nicht zu Fuß, sondern mit der Seilbahn stürmen, kämpft hier die buddhistische Besinnlichkeit gegen die Eventgesellschaft, und ich bin mir nicht sicher, welche Seite gewinnt. Die Tempel zumindest sind beeindruckend, voller Buddhas und Räucherstäbchen und Symbolik auch sie, aber dabei noch etwas einladender als ihre daoistischen Kollegen gestern.

IMGP4894

Außerdem begegnet man während des Aufstiegs immer wieder Affen am Wegrand, genauer gesagt Tibetmakaken. Sie gehören zum heiligen Berg mit dazu und werden von den Touristen immer wieder gefüttert, auch wenn das eigentlich nicht erlaubt ist. An diese Zufuhr von Keksen, Maiskolben und Reisbroten haben sich die Affen mittlerweile gewöhnt, und fordern das Futter auch recht aggressiv ein – wir beobachten unter anderem, wie einem Touristen seine Tasche abgenommen wird, weil die Affen darin eine Schachtel Kekse erspäht haben. Für viele ein großer Spaß, es trägt aber auch seinen Teil zur furchtbaren Vermüllung mancher Stellen bei. Ach ja, und putzig sind sie natürlich trotzdem, die Affen, vor allem ihr Nachwuchs.

IMGP4845

IMGP4836

IMGP4834

IMGP4833

Über tausend Treppen und durch den Nebel, bzw. durch die Wolke, geht es aufwärts, und unsere Hoffnung schwindet, dass wir am Gipfel Sonne haben werden. Manchmal hat man hier ein „Wolkenmeer“ genanntes Phänomen, bei dem der Gipfel aus den tiefer hängenden Wolken herausragt wie eine Insel. Aber als wir oben ankommen, hängt auch hier die dicke Wolkensuppe. Es geht eine letzte Treppe hoch, die von weißen Elefanten gesäumt ist, und wir stehen am „Goldenen Gipfel“ vor der 48 Meter hohen Statue Pǔxiáns – aber wir sehen nur die untere Hälfte. Wie schade!

IMGP4880

IMGP4891

IMGP4900

IMGP4909

Der goldene und der silberne Tempel sind natürlich dennoch beeindruckend, und die steil abfallende Flanke des Berges wirkt umso steiler, wenn sie nach unten hin im Nebel verschwindet, aber trotzdem bin ich etwas enttäuscht und hätte mir anderes Wetter gewünscht.

Noch ein Gipfelfoto mit Puxians goldenem Elefanten, und dann machen wir uns auf den Rückweg und hoffen auf eine Tasse heißen Tee.

IMGP4915

四川 – Sichuan

Das vergangene Wochenende habe ich mit meinen Kommilitonen Andy und Yann in der Provinz Sichuan im Südwesten Chinas verbracht. Was wir alles erlebt haben, kann ich nicht in einem einzigen Eintrag hier schildern, aber ich kann hier doch zumindest mal einen Anfang machen.

China ist ein großes Land, und die Verkehrsinfrastruktur wird zwar in wahnsinnigem Tempo ausgebaut, so richtig gut ist sie aber noch nicht überall. Deshalb sind Inlandsflüge ein ganz normales Transportmittel, und noch dazu sehr günstig. Wir buchten also spontan einen Trip nach Chengdu, die Hauptstadt Sichuans, meinen älteren Lesern oder den Brecht-Fans vielleicht auch noch unter der alten Transkription Sezuan bekannt.

IMGP4638

IMGP4669

Chengdu ist zunächst mal eine riesige Stadt, Wikipedia spricht von 14 Millionen Einwohnern, und reich dazu, sodass die Autobahn vom riesigen Flughafen in die Innenstadt bei Nacht fast wie die chinesische Ausgabe von Las Vegas wirkt. Zugleich finden sich aber im Zentrum, irgendwo zwischen den Hochhäusern, auch noch Flecken, an denen sich das alte China behaupten konnte, mit Märkten und Tempeln. Die eine sind brechend voll mit Waren, von Gewürzen über allerlei Obst und Gemüse bis hin zu Fleischwaren und lebenden Tieren (Fische, Frösche, Schlangen, wer weiß was noch).

IMGP4654

IMGP4648

IMGP4651

IMGP4650

IMGP4658

IMGP4659

Die anderen sind hingegen ruhige Oasen in einer lauten und schnellen Stadt. Hier stehen Pagoden mit den Statuen daoistischer Meister, hier werden Räucherstäbchen verbrannt und Gebete gesprochen. In den Wasserbecken sammeln sich die Geldspenden. Schnitzereien, Statuen, Symbole überall. Ein reiches kulturelles Erbe, dem auch sechzig Jahre Volksrepublik wenig anhaben konnten, und wo noch immer die aufgetakelten Töchter der Reichen sich vor jahrhundertealten Altären verneigen, Handtäschchen und iPhone in der Hand, bevor es wieder hinaus in die Business-Metropole geht.

IMGP4702

IMGP4766

IMGP4756

IMGP4728

IMGP4715

Im Herbst färben sich die Gingko-Bäume rund um die Tempel gelb, und die Blätter rieseln langsam zu Boden. Öllichter und Räucherstäbchen brennen. Ein Bachlauf, ein Bonsai-Garten, ein Grabmal. Hier gibt es allerhand zu bestaunen – und dann tritt man durch das Tor, wie durch ein Zeitportal, wieder ins moderne China, in das hektische Chengdu der Gegenwart.

IMGP4786

IMGP4707