Wildkräuter an der Landstraße

20. und 21. August: Letztlich war ich dann ja auch bis in den Nachmittag hinein in Riga, was auch daran lag, dass ich mich nicht recht entscheiden konnte. Ich wäre gerne in Riga geblieben, andererseits wollte und musste ich auch weiter. Den Strand von Jurmala würde ich mir wohl besser für eine sonnigere Gelegenheit aufheben. Ich entschied mich, in südöstlicher Richtung weiter zu reisen.

Also mit dem Bus an die Ausfallstraße, und den Daumen raus. Bald hält kurz vor mir ein Auto, und eine junge Frau steigt aus. Auch eine Tramperin? Nee, dafür sind die Schuhe zu hoch und der Rock zu kurz. Moment, wartet die jetzt hier auf Kundschaft und macht mir dabei mein Geschäft kaputt? Ach nee, da hält ja einer, und raus gehts aus Riga.

Die Straße führt die größte Zeit an der Daugava entlang, an deren Mündung auch Riga liegt. Hier arbeitet sich der breite Fluss durch ein idyllisches Hügelland, und die Bevölkerungsdichte wird spärlicher. Hier mal ein Bauernhof, da eine Weide, ansonsten erinnert nur die Telegrafenleitung daran, dass dieses Land von Menschen bewohnt ist. Gelegentlich liegt mal ein Dorf auf meiner Strecke, und einmal setze ich mich in die Sonne und esse einen offenbar frisch gebackenen Apfelstrudel mit Streuseln.

Einmal halte ich auch an der „besten Bäckerei Lettlands“, wie mein Fahrer mir versichert. Ich kaufe ein Kümmelbrot, das tatsächlich enorm gut schmeckt. Für Kümmel-Fans aus aller Welt ist Lettland ja sowieso ein Mekka.

Irgendwann wird es abend, und ich schlage mein Zelt gleich am Ufer der Daugava auf, nicht weit von Jekabpils. Ich hatte schon viele Zeltplätze, aber bisher hat keiner so gut gerochen wie dieser. Mein Nachtlager steht zwischen wilder Kamille, Minze und allerlei anderen Kräutern, die ich nicht bestimmen kann. Es riecht enorm, fast als wäre mein Zelt frisch gewaschen, und als auch noch das Kümmelbrot dazukommt, vermischen sich die Aromen zu einem bunten Wirbel, der mich bis in meinen Traum begleitet.

Ich schlafe früh und lange, nach der gestrigen kurzen Nacht. Kurzes Frühstück zwischen den Kräutern, solange mein Zelt noch trocknet, und bald bin ich schon in Daugavpils. Die Hauptstadt der Region Lettgallen war mir als „worst shithole of Latvia“ angekündigt worden, aber danach sieht die Innenstadt gar nicht aus. Eine blitzsaubere Fußgängerzone, ein Theater, eine Universität – Daugavpils (bzw auf deutsch Dünaburg) macht mir einen guten Eindruck. Erst als ich aus der Stadt wieder heraus laufe, um wieder an eine Landstraße zu gelangen, sehe ich auch die armen, die heruntergekommenen sowie die sehr armen und sehr heruntergekommenen Viertel. Kein Wunder, dies ist der ärmste Winkel eines ohnehin nicht reichen Landes. Weißrussland ist gleich um die Ecke, und hier wohnen neben einigen Letten und Polen vor allem Russen, in Lettland Bürger zweiter Klasse. Wobei ich in Lettgallen von zahlreichen Russen mitgenommen worden bin, die alle einen guten Eindruck hinterlassen haben, das muss an dieser Stelle auch gesagt sein!

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Bald bin ich an der litauischen Grenze, und damit beginnt das nächste Kapitel. Zum Abschluss möchte ich nur kurz noch einmal loben, was der Europäische Fonds für regionale Entwicklung leistet (wie auch schon letztes Jahr in Slawonien). Gerade im direkten Vergleich mit den russischen Dörfern, denen diese Strukturhilfe fehlt, bemerkt man, welchen Sprung die baltischen und andere osteuropäische Staaten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gemacht haben. Die großen Städte sind ohnehin auf westlichen Stand, aber hier haben auch die Dörfer Anschluss an Kanalisation, an vernünftige Straßen, und überall sieht man die blauen Schilder mit den Sternen, ohne die hier bald vermutlich kaum jemand mehr leben würde. Lettland und Litauen sind bei weitem keine wohlhabenden Länder, aber wenigstens haben sie eine Chance!

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Sonnenbrille/Regenjacke

19. und 20. August: In meinem Bett im fragwürdigen Hostel in Pärnu werde ich früh morgens mal wieder durch Blitz und Donner geweckt. Hat sich dann wohl mit Strand. Ich dreh mich kurz noch mal um, schlafe aber nicht mehr so richtig ein. Ein Kaffee ist im leeren Speisesaal des Hostel wohl auch nicht zu bekommen, also bin ich früh schon in der Innenstadt unterwegs und nehme einen vergleichsweise frühen Bus nach Riga. Ich gehe zurecht davon aus, dass es dort eine Menge zu sehen gibt – je mehr Zeit ich für Riga habe, desto besser.

Im Bus versuche ich zu lesen, döse immer wieder kurz weg und verpasse sogar den Grenzübergang. Schengen, dich lobe ich mir. Völlig in mein Buch vertieft bemerke ich, dass wir plötzlich schon in den Busbahnhof von Riga einlaufen. Das ging schnell. Ich lade mir mein Gepäck auf und laufe die wenigen Meter bis zum Hostel, dem enorm netten Seagulls Garret. Offenbar bin ich aber noch etwas benommen von der Fahrt, jedenfalls gesteht die Rezeptionistin Kate mir später, dass sie mich zuerst für ziemlich begriffstutzig hielt. Durch eine kalte Dusche lässt sich aber auch in Griff bekommen, und kurz darauf mache ich mich auf Entdeckungstour in Riga.

Mit einem längeren Spaziergang erlaufe ich mir nicht nur die Altstadt, sondern decke auch fast schon alle wichtigen  Sehenswürdigkeiten der Stadt ab. Johanneskirche, Schwarzhäupterhaus, Dom, Rathausplatz, Schloss, Schwedentor, Pulverturm, Freiheitsdenkmal – als hätte ich die Route vorher von einem Touristenführer designen lassen. Ist aber alles spontan, und zwischendurch ist auch mal Zeit für einen Kaffee oder einen Klamottenladen. Ich hasse zwar das Einkaufen, habe aber beschlossen, dass ich nicht ausschließlich in Sporthosen herumlaufen möchte auf meiner Reise veränderten Zuschnitts. Also muss jetzt eine schwarze Jeans her. Es ist warm, aber auch nicht zu sehr, und ich muss den ganzen Tag lang immer wieder zwischen meiner Sonnenbrille und meiner Regenjacke wechseln. Teilweise habe ich auch beides an.

Später gibt es dann Lasagne im Hostel, in dem trotz der Größe eine sehr familiäre Atmosphäre herrscht. Wir hängen zusammen auf dem riesigen Balkon ab, sitzen später am großen Esstisch, und dann macht sich eine Gruppe von etwa zwölf Leuten aus ganz Europa auf, die vielen Kneipen der Stadt zu erkunden. Die sind sehr unterschiedlich, wir erwischen aber nur gute, haben eine Menge Spaß und eine Menge Mojitos. Zuletzt verschlägt es zwei Mädels aus Hamburg und mich ins Omas briljants, einen ziemlich hipstermäßiger Klub mit Stehlampen und Mustertapeten, der so auch in Berlin Mitte liegen könnte. Und es ist spät, als ich ins Bett finde.

Dementsprechend müde bin ich auch am nächsten Morgen, wobei ich zum Frühstück auf dem Balkon wieder eine von den guten Mohnschnecken habe – der Tag könnte deutlich schlechter starten. Dann bummle ich über den Markt und stehe gerade vor dem Kulturpalast, als es wieder zu gewittern beginnt. Schnell wieder die Sonnenbrille gegen die Regenjacke eingetauscht, und meinen Plan, zur Besucherplattform hinaufzufahren und Riga von oben zu betrachten, verwerfe ich auch gleich. Stattdessen stelle ich mich irgendwo unter und laufe noch ein wenig durch die Neustadt, esse einen Pankuka, aale mich während des nächsten Schauers ausgiebig auf dem Hostel-Sofa und muss dem Seagulls Garret und den Leuten darin doch irgendwann adieu sagen. Zum Glück haben sie kein Bett mehr frei für die nächste Nacht, ich wäre ehrlich versucht gewesen, noch etwas in Riga zu bleiben. Aber so nehme ich den Bus heraus aus dem Zentrum und stehe bald wieder an einer Landstraße. Mit sowohl Sonnenbrille als auch Regenjacke, man weiß ja nie.

Auf der Primorsker Chaussee

13./14. August: Ich stehe an der Chaussee und halte den Daumen raus. Eine Chaussee, bzw. шоссе, ist in Russland jede Landstraße – unter anderem auch jene, die aus Wyborg hinaus in die Küstendörfer führt. Zuvor war ich mit dem Bus über die Grenze gefahren, markiert durch einen militärisch kontrollierten Posten irgendwo mitten im karelischen Wald. Ausgiebiger Blick auf mein Visum, Stempel in den Pass, und ich war in Russland. Wobei Wyborg noch nicht zum echten Russland zählt, es wurde von den Schweden gegründet und war bis 1944 die zweitgrößte Stadt Finnlands, ehe die Sowjets es eroberten. Diese Geschichte sieht man der Stadt auch an, die mit nordisch-mittelalterlicher Burg, finnischen Bürgerhäusern und Klosterruinen sowie dem großen Lenin-Platz mit Denkmal nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch einen Querschnitt durch die europäische Geschichte darstellt. Ich laufe mehr oder weniger ziellos durch die Innenstadt und fotografiere viel. Dabei werde ich hin und wieder etwas nass, das Wetter hat sich fundamental geändert und ist kalt und feucht und vor allem sehr wechselhaft geworden. Nun ja, ich habe schon Schlimmeres ausgehalten als etwas Nieselregen.

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Nachdem ich ausgiebig die Tauben am Lenin-Denkmal und die Enten im Burggraben besichtigt habe, möchte ich irgendwann weiter. Also raus aus der kleinen Innenstadt und an Wohnblocks und heruntergekommenen Industrieanlagen vorbei auf die Primorsker Chaussee. Sagte ich eben wechselhaft? Jetzt brät mich wieder die Sonne, während ich untersuche, ob das Trampen in Russland wirklich so viel verbreiteter ist als in Finnland. Ich mache автостоп, Autostopp. Und tatsächlich flitze ich kurz darauf in einem alten blauen Fiesta die Chaussee entlang. Dann, nach einer Essenspause, mit Sascha und seiner Enkelin im dunkelroten Lada. Sie wollen nächste Woche nach Spanien und Deutschland fahren und fragen mich nach Reisetipps. Schließlich rolle ich zu lauter elektronischer Musik mit Arik aus Armenien in Primorsk ein. Fazit: das Trampen funktioniert gut. Und russische Autofahrer sind Meister darin, in hohem Tempo Schlaglöchern auszuweichen, ein Talent, das durch den Zustand der hiesigen Landstraßen auch optimal gefördert wird.

In Primorsk setze ich mich erst mal ans Meer und lese mein zweites Buch zu Ende (ich muss unbedingt in Petersburg nach englischsprachigen Büchern Ausschau halten). Mitten in einem Park steht ein unheimliches Gebäude, das aussieht, als hätte das Militär eine Raketenabschussbasis als Kirche getarnt. Oder wie das Haus von Gru aus „Ich, einfach unverbesserlich“. Jedenfalls nicht besonders einladend, eher etwas unheimlich, auch wenn es sich offenbar um das städtische Kulturhaus handelt. Der Park ist schön, aber etwas verwahrlost, in den Dünen liegen Scherben – nach einem guten Schlafplatz sieht dies nicht aus. Außerdem ist es windig, und eine Menge Angler laufen herum. Nein, ich werde mir zunehmend sicher, dass ich hier nicht schlafen will. Also laufe ich noch ein Stück die Chaussee entlang. Herrje, ist dieses Dorf lang! Bestimmt drei oder vier Kilometer lege ich zurück, bis ich den Ortsrand erreiche. Und dann dauert es auch noch ein wenig, bis ich einen guten Schlafplatz ausfindig mache. Aber schließlich liege ich unter Kiefern direkt am Strand, beobachte den Sonnenuntergang über der Ostsee und die riesigen Schiffe, die sich dem Hafen nähern, offenbar dem größten Ölhafen Russlands.

In der Nacht werde ich durch Blitz und Donner geweckt. Verdammt, ich hasse Gewitter im Zelt! Aber zum Glück bekomme ich nur etwas Regen ab, der heftige Sturm tobt sich draußen auf dem Meer aus. Einschlafen ist natürlich trotzdem nicht drin, dafür geht es draußen zu sehr zur Sache, und so strecke ich noch etwas den Kopf aus dem Zelteingang und beobachte das Treiben.

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Am nächsten Morgen bin ich zwar nicht gerade ausgeschlafen, wie tags zuvor auch, baue aber trotzdem mein Zelt schon um sechs Uhr in Rekordzeit ab. Der Wind hat nämlich enorm zugenommen, weht mir fast mein Zelt fort, und das nächste Gewitter kündigt sich auch schon durch sein Grollen an. Also stehe ich bald wieder an der Straße, und auch wenn das Gewitter ausbleibt, es nimmt mich keiner mit. Es fährt aber auch kaum jemand zu dieser Uhrzeit die gottverdammte Landstraße entlang. Ich laufe also einige Kilometer, um zur nächsten größeren Abzweigung zu gelangen, und halte dabei immer wieder den Daumen raus, wenn sich ein Auto nähert.

Volltreffer! Sergej ist Ingenieur, war beruflich am Ölhafen und fährt nun wieder nach Petersburg zurück. Die Unterhaltung auf der Fahrt ist spannend, und das, obwohl ich nur ein paar Worte russisch und er nur ein paar Worte deutsch und keinerlei englisch kann. Aber wir radebrechen, er zeigt mir im angrenzenden Wald die Überreste des sowjetisch-finnischen Krieges, ich erzähle von meiner Tour, er bringt mir etwas russisch bei, und vor allem habe ich einen Lift in einem nagelneuen bequemen Toyota über hundert Kilometer bis in meine Zielstadt. Wie gesagt: Volltreffer! Und irgendwann ist aus der holprigen Schlaglochpiste der Primorsker Chaussee schleichend eine krachneue Autobahn geworden, die eher an eine Formel-1-Strecke erinnert; wir fahren am halbfertigen Stadion vorbei, das für die WM 2018 gebaut wird; der Verkehr wird dichter und dichter, Sergej lässt mich an einer Metrostation aussteigen – und ich bin in Sankt Petersburg!

Rautatieasema, oder: 10 Dinge, die ich in Finnland gelernt habe

Das war’s auch schon mit Finnland, und irgendwie wurden mir auch nach einer knappen Woche dort noch nicht alle Fragen an dieses merkwürdige Land beantwortet. Die restliche Fahrt über Kouvola (irre hässlich) durch unberührte Landschaft (wunderschön) nach Lappeenranta (nicht ganz so hässlich, aber auch keine Schönheit) war unspektakulär, ich habe gelesen und aus dem Fenster geschaut, hinter dem der rote Sonnenball von Baumwipfel zu Baumwipfel hüpfte. Als ich in Lappeenranta ankam, war es schon ziemlich spät, ich baute nur noch schnell mein Zelt am Rande eines Sportplatzes auf, wo gerade außer einem Schneckenrennen nichts geschah, und ging schlafen – früh am nächsten Morgen ging ja schon der Bus nach Russland.

Aber zum Abschluss noch die zehn Dinge, die ich über Finnland gelernt habe:

1. Trampen ist unbekannt, unverständlich und höchst verdächtig in Finnland, völlig entgegen meiner Erwartung.

2. Alles ist wahnsinnig teuer, besonders Alkohol. Das billigste Bier, die 0,33er Dose Heineken im Supermarkt, kostet zwofuffzich. Irre.

3. Die ramblas des Nordens sind die Esplanadi in Helsinki. Sehr schön, toll zum Spazieren, und immer was los.

4. Das Land ist unglaublich dünn besiedelt, selbst im vergleichsweise dicht bevölkerten Süden. Ich komme in der Gemeinde Kouvola an und lese erst mal was von 89.000 Einwohnern, glaube mich kurz in der Großstadt, und sehe dann aber, dass das Stadtgebiet eine Fläche umfasst, die größer ist als das Saarland. Okay, hier wohnt doch eigentlich niemand.

5. Dafür ist das Land dicht mit Seen überzogen (keine Überraschung), und es gilt eine Art des Jedermannsrecht, sodass man fast überall einfach so zelten kann. Und schön ist es ja fast an jedem See. Mega schön.

6. Je schöner die sie umgebende Landschaft, desto hässlicher die Stadt. Hab ich schon öfter erwähnt! Ist aber deshalb nicht weniger frappierend!

7. Die Finnen sind enorm verschlossen, Beispiel: wenn du jemanden anlächelst, auch auf einem einsamen Waldweg, wird er nicht zurück lächeln. Ausnahmen bestätigen die Regel. Untereinander sind die Leute wohl sehr ausgelassen, behaupten viele Reiseführer, aber das nützt mir als Durchreisendem ja wenig.

8. Finnen sind crazy, jedenfalls was Kleidung, Frisur und generellen Style vieler Leute auf der Straße betrifft. Es ist nicht nur das Metal-Klischee, sondern allgemein.

9. Finnisch ist eine Sprache zum Verzweifeln. Neben eher naheliegenden Vokabeln wie kirkko oder bussi habe ich mir kaum eines der Wörter merken können, die mehrheitlich sehr sehr lang sind und aus zu vielen Vokalen bestehen. Der Titel dieses Beitrags ist ein gutes Beispiel und eines der wenigen Wörter, die ich wörtlich gelernt habe – es heißt Bahnhof. Und mehr als Bahnhof verstehe ich auch nicht.

10. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich nochmal nach Finnland wollte. In absehbarer Zeit wohl eher nicht. Die Landschaft ist schön, Helsinki ist eine coole Stadt, aber so ganz warm bin ich mit dem Land nicht geworden.

Und damit ab nach Russland!

Bart und Bademantel

11./12. August: Erst verschlafe ich einmal gründlich, der gestrige Tag war wohl doch zu anstrengend. Dann aber packe ich zusammen und es geht endlich hinaus aus Helsinki.

So langsam beginnt mir die Fahrradtour ohne Fahrrad Spaß zu machen, ich bekomme schon wieder ein Metro-Ticket zugesteckt und finde mich einige Zeit später im Fernbus nach Lahti wieder. Laut Straßenkarte eine Stadt, die „eine Reise wert“ sein soll. Ich weiß ja nicht, in welchem Lahti die Macher der Shell Generalkarte waren, aber dieses hier kann es nicht gewesen sein. Betonklötze, Malls, Autohäuser, Leerstand. Offenbar war Lahti mal ein großes industrielles Zentrum – damals, vor dem Abschwung. Jetzt sieht es aus wie fast jede andere finnische Stadt, die ich bisher gesehen habe, wie eine Mischung aus Minsk, Chemnitz und irgendetwas frisch bombardierten, sagen wir mal Donezk. Okay, ich übertreibe, aber generell gilt in Finnland bisher: je schöner die Landschaft drumherum, desto hässlicher die Stadt.

Immerhin die beiden monströsen Skisprungschanzen prangen am Bergrücken über der Stadt, dafür ist Lahti ja auch berühmt. Mich hält aber nichts hier, liegt ja nicht mal Schnee, eher sind es an die dreißig Grad. Also weiter nach Osten, und da die Hauptstraße in meine Richtung gerade umgebaut wird und alles andere als tramperfreundlich aussieht, entschließe ich mich, lieber noch einmal zwei Stationen mit der Vorortbahn zu fahren.

Ich steige am Bahnhof von Nastola aus und reibe mir die Augen. Wo ist der Bahnhof? Wo ist die Stadt? Hat hier jemand nur zwei Wartehäuschen an die Bahnstrecke geklatscht? Nun ja, ganz so ist es nicht, aber Nastola ist schon eher ein Dörfchen als eine Stadt. Mir egal, ich will ja kein Nachtleben, ich will einen See, und der ist nur ein paar Straßen weiter. Kurz vor dem öffentlichen Strand begegnet mir ein älterer Herr mit weißem Bart und im Bademantel. Er war wohl gerade seine abendliche Runde im See drehen, macht ein paar Bemerkungen über mein schweres Gepäck und geht dann vergnügt im Bademantel nach Hause – und wer so nicht alt werden will, der soll mir mal was besseres zeigen!

Ich sehe mich jedenfalls in fünfzig Jahren im Bademantel durchs Dorf laufen, auf dem Rückweg vom See. Jetzt aber bin ich erst mal Mitte zwanzig, und statt gleich ins Wasser zu springen, baue ich mein Zelt auf, plantsche kurz eine Runde und mache mir dann ein paar Instantnudeln am Feuer. Die schmecken grauenhaft, wie eine Qualle, die zu lange in Zitronensaft und Chili geschwommen ist, aber das stört mich jetzt auch nicht, ich sitze ja am See.

Am nächsten Morgen regnet es erst einmal recht heftig, was meine Pläne durcheinander wirft. Macht aber nix, während das Zelt trocknet, gehe ich noch einmal eine Runde schwimmen. Nach dem Frühstück packe ich zusammen und stelle mich an die nächste Hauptstraße, um Richtung Kouvola zu trampen. Und warte.

Und warte.

Beim letzten Mal hatte ich offenbar großes Glück, nie lange zu warten. Diesmal ist dem nicht so.

Ich warte.

Tausend Autos kommen vorbei, die Sonne brennt in meinen Nacken, mein Arm mit dem ausgestreckten Daumen wird steif.

Ich warte.

Dann hält ein Auto, ich werde von einem Brasilianer (!) mitgenommen, dem ich klarmachen muss, dass ich nicht persönlich für das 7:1 seiner Mannschaft verantwortlich bin, trotz deutscher  Staatsbürgerschaft. Er erklärt mir, dass alle Finnen immer misstrauisch seien, niemals anhielten und erst recht nie selbst trampen würden. Na prima. Nach ein paar Kilometern lässt er mich an einer richtig beschissenen Stelle wieder raus.

Und ich? Ich warte.

Lieber ein alter Mann mit Bart und Bademantel als ein Tramper in Finnland, denke ich mir, kurz bevor ich doch wieder in den Zug* steige.

*Auf den ich übrigens auch noch eine Stunde warte. Ich hab „Holes“ von Sachar schon fast durch. Wenn es nach dem Urlaub jemand haben will – es ist ziemlich gut!