阳朔的夜晚:山上 – Nacht in Yangshuo: von oben

Das Wochenende habe ich etwas verbummelt, muss ich gestehen. Freitags wurde Alex‘ Abschied groß gefeiert, ein riesiger Spaß, der mich aber auch Teile des Samstags gekostet hat. Dann etwas lesen, etwas lernen, einen Film schauen, noch mal lernen, noch mal lesen, die Wäsche machen, laufen gehen, einkaufen, das Bad putzen – und schwupps ist Sonntag Nachmittag! Verdammt!

Aber zum Glück schrieb mir Luke, ob wir nicht nachher zum Fernsehturm aufsteigen sollten, um den Sonnenuntergang und den Aufgang des Vollmonds zu beobachten. Da war ich gleich Feuer und Flamme, das hatte ich nämlich schon seit einem Monat auf dem Zettel.

„Fernsehturm“ ist die etwas hochtrabende Bezeichnung für einen kleinen Sendemast auf einem der höheren Felsen gleich neben Yangshuo. Dorthin führt eine halsbrecherische kleine Treppe, die recht improvisiert wirkt. Auf dem Gipfel, hunderte Meter oberhalb der Stadt, lebt tatsächlich eine Alte, der man eine Flasche Wasser für 5 Yuan abkaufen muss, um Zutritt zu erhalten.

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Die Sonne versinkt langsam hinter einem der höheren Berge. Die Sicht ist nicht ganz klar, aber das intensiviert das Erlebnis nur noch. Alles wird in das Rot des Sonnenuntergangs getaucht, die zahllosen Berge ragen aus dem Dunst auf und werden immer zarter, je weiter sie entfernt sind. Es scheint, als wären wir genau im Zentrum der Karstlandschaft, oder auch bloß in einer unendlich großen Landschaft aus kegelförmigen Bergen. Nur im Osten lässt sich am Horizont schemenhaft ein noch höheres Gebirge erkennen.

Der Li-Fluss verliert sich in Biegungen und im Dunst. In der Stadt werden langsam die ersten Lichter angeschaltet, sie liegt schon im Schatten. Aber bald ist auch für uns die Sonne versunken und die letzten roten Strahlen verlöschen.

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Und nun reißen die Wolken auf der gegenüberliegenden Seite auf, und offenbaren den roten Vollmond, der gerade über den Karstkegeln aufgeht. Welch ein magischer Anblick!

Tatsächlich ist heute genau Vollmond, morgen beginnt im chinesischen Mondkalender also ein neuer Monat. Und der Geselle steigt langsam nach oben und spielt dabei mit den vereinzelt vorüberziehenden Wolken. Unten in der Stadt treten nun die großen Straßen als deutlich erkennbare Lichtbänder aus der Dunkelheit heraus, Adern ähnelnd. Die Berge rings um Yangshuo werden angeleuchtet, der Rest der Landschaft versinkt nun endgültig in völliger Schwärze.

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Wir spielen noch ein wenig mit Belichtungen und Taschenlampen herum, dann machen wir uns an den schwierigen Abstieg über die unbeleuchtete Stiege und stürzen uns wieder in die leuchtende Stadt.

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UPDATE: Noch mehr Bilder von da oben gibt es auf Toms Tumblr und auf Omeidas Facebook-Seite!

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Reif für die Insel

Über Schlafsäle ist ja alles schon einmal gesagt worden. Deshalb spare ich das hier weitestgehend aus, rufe nur noch einmal das von mir entdeckte Naturgesetz in Erinnerung, das lautet: „Der betrunkene Holländer kommt erst um fünf und macht dabei das Licht an.“
Trotzdem hatte ich eine einigermaßen gute Nacht, brenne am nächsten morgen vor Tatendrang und schreibe schon mal Couchsurfer in Kroatien und Serbien an.
Ich habe nicht das Gefühl, dass Budapest und ich schon fertig miteinander sind, dafür habe ich doch gestern noch zu wenig gesehen. Also rauf aufs Rad, und ich fahre noch ein wenig durch Pest, sehe mir den Westbahnhof an (denn Jan hat schon recht, eine Stadt lernt man durch ihre Bahnhöfe kennen), frage dann hoch zum pompösen Heldenplatz und die große, die Stadt querende Allee Andrássy út wieder hinab, werfe einen Blick auf die Oper und das Riesenrad und drängle mich durch die Menschenmengen in der wichtigsten Einkaufsstraße Váci utca. Zwischendurch kaufe ich mit ein Stück Mohnkuchen, das ich auf dem Sockel des Standbildes am Vörösmarty tér verspeise. Dabei leistet mir ein Ungar Gesellschaft, und wir unterhalten uns über das Hochwasser, Sport und er macht mich darauf aufmerksam, dass meine Kette wieder geölt werden müsste. Stimmt tatsächlich.
Schließlich besuche ich noch die Markthalle, in der es vor allem die typischen Schau-mal-was-ich-euch-aus-Ungarn-mitgebracht-habe-Produkte wie dubiose Salami, getrocknete Peperoni und Knoblauchketten gibt, aber auch enorm saftige Nektarinen und den größten Kohlrabi Mitteleuropas, den ich gleich mitnehmen muss.
Und damit habe ich auch endlich das Gefühl, mich aus Budapest verabschieden zu können, diesem Moloch an Hitze und Verkehr, und mich auf meine heutige Etappe zu machen. Genug von der Stadt, reif für die Insel? Hinter der eigentlichen Stadt gabelt sich nämlich die Donau wieder, und über die entsprechende Insel, die Csepel-Sziget, möchte ich gleich fahren. Nur die Markierung der Radwege ist mal wieder nicht so besonders, hört urplötzlich auf oder widerspricht sich. Die Anwohner kennen das Problem wohl und deuten teils schon in die richtige Richtung. Die beschilderten Wege weichen aber auch enorm von denen auf meiner Karte ab, die Karte der ungarischen Tourismusförderung bietet noch eine weitere Version an. Aus einem Fenster hört man „Rolling on the river“ – würde ich ja gerne, aber ich finde ihn nicht. Naja, beim Suchen des Weges en entdecke ich immerhin einen Lidl, und es erleichtert das Einkaufen schon deutlich, wenn auf der Tüte mit Früchte-Müsli einfach mal auf deutsch Früchte-Müsli geschrieben steht. Eine Dose Geflügelaufstrich kaufe ich trotzdem aus Versehen, wir ich hinterher feststellen muss. Was ich damit mache, weiß ich noch nicht. Ich freue mich aber tatsächlich darauf (und ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas mal sage), wenn ich demnächst wieder in einer slawischen Sprache einkaufen gehe.
Der Weg über die Insel führt mich kreuz und quer, erst durch Budapester Vororte und dann durch Dörfer, die einfach kein Ende nehmen. Eine halbe Stunde durch ein Kuhkaff geradelt, irre. Dafür gibt es zwischendurch Weinberge und auch immer mal wieder einen Blick auf die Ráckevei-Duna, den kleineren Flussarm.
Pause am Ufer, wo ich gelegentlich ein paar Worte mit Ludwig, dem maulfaulen Fischer wechsle, der früher mal in der DDR war. Dann geht es irgendwann nach Ráckeve hinein, kein hässlicher Ort, für mich aber aus zwei Gründen bemerkenswert: erstens gibt es sogar hier, im Kaff mitten im Nichts, einen 24-Stunden-Laden, und zweitens gibt es ein DM. Mit quietschenden Reifen halte ich an und stürze mich auf das Mückenspray.
Noch ein Stückchen weiter südwärts fahre ich, dabei halte ich aber schon mal nach einem Schlafplatz Ausschau. Das Ufer der Ráckevei-Duna ist hier mit Sommerhäuschen gespickt, die vermutlich irgendwelchen Städtern gehören. Aber nach ein einigen Kilometern Datschenkette am Ufer findet sich endlich ein freies Grundstück mit Badestelle und einem öffentlichen Holzunterstand. Perfekt!
Zuallererst springe ich in den Fluss, ignoriere die Enten und wasche mir den Staub der Landstraßen und den Schweiß des Tages ab. Als nächstes kommt mein Fahrrad an die Reihe – natürlich werfe ich es nicht in den Fluss, sondern säubere es nur mal gründlich und öle endlich die Kette. Tagesaufgabe erfüllt. Schließlich koche ich mir noch mein Abendessen. An die Verpuffungen des Kochers werde ich mich sicher nicht mehr gewöhnen, dafür ist mir der Umgang mit Gas ohnehin zu wenig geheuer, und deshalb bleibt die Zubereitung warmer Mahlzeiten doch sehr adrenalinreich. Aber immerhin lasse ich schon wieder eine Menge Nudeln fallen, das wird allmählich zur Tradition. Goethes Reiseweg ist durch Wandtafeln für die Nachwelt gekennzeichnet, meiner eben durch ungekochte Spaghetti. Aber das Reisetagebuch des Dichterfürsten ist wohl auch etwas besser als dieses hier. Wobei ich echt sagen muss, dass ich Spaß hieran gefunden habe, ich sollte bloß die nächsten Tage nicht mehr so ausschweifend werden wie die letzten, die Steckdosen werden ja eher seltener.
Am Ende sitze ich ja doch nur wieder am Ufer meiner Insel, löffle meine Nudeln, bewundere den goldgelben Vollmond, der sich gerade riesengroß über dem Schilf zeigt, und bin zufrieden. Immer wieder springt ein Fisch aus dem Wasser. Man hört die Grillen und den im Gebüsch raschelnden Igel. Ich bin tiefenentspannt. Wahrscheinlich war ich doch reif für die Insel.

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Das größte Knie der Welt

So richtig gut einschlafen konnte ich gestern abend nicht. Das lag einerseits an meinen geröteten Oberschenkeln, andererseits an det nahen Party. Irgendwo im Nachbardorf feiert nämlich jemand groß, es gab schon Feuerwerk, und zu später Stunde wird die Musik lauter und lauter. Während aus dem anderen Zelt schon Schnarchen dringt, hindert mich der Gangnam Style doch sehr daran.
Als ich erwache, ist das Pärchen schon aufbruchsbereit. Das macht aber nichts, sie wollen schließlich in Richtung Wien weiter, während ich mich erst mal mit ein Paar Aprikosen für die vorerst letzte Etappe ostwärts stärke. Meine ungarischen Einkaufsfähigkeiten hatte ich wohl doch überschätzt, das Müsli entpuppt sich jedenfalls als geschmacks- und gehaltlose Pappe aus Puffreis und Flakes. was ich auf der Schachtel im Geschäft für Trauben gehalten hatte, sollen wohl Erdnüsse sein. Aber egal, ich habe ja noch Aprikosen.
Über den Dammweg geht es weiter am Fluss entlang. Drüben auf der ungarischen Seite Berge und Industrie, hier ein idyllisches Fahren durch die Auen. Bei der Wahl des Weges habe ich offenbar ins Schwarze getroffen.
Oder auch ins Grüne, je nachdem. Radfahrer begegnen mir fast keine mehr, nur ab und zu sieht man mal einen Menschen, meist unten am Donaustrand. In Kravany lege ich die nächste Aprikosenpause ein, unter dem Kastanienbaum auf dem hübschen kleinen Dorfplatz mit Backofen, auf dem schon Stände für ein Fest aufgebaut sind. Nebenan in der kleinen Dorfkirche geht gerade der Gottesdienst los, es ist ja Sonntag morgen in der katholischen Slowakei. Ich halte kurz die Nase rein, die Kirche ist randvoll, aber bis auf ein gelegentliches „allelujah“ verstehe ich natürlich nichts, und das Vaterunser auf Slowakisch klingt auch eher abschreckend.
Dann schon lieber den Damm entlang durch eine Landschaft, die ich bei mir schnell die slowakische Toskana nenne. Sollte man dem hiesigen Tourismusamt vielleicht mal vorschlagen. Felder, Hügel, Baumreihen, das Wetter passt auch, nur das Öl wird hier offensichtlich nicht aus Oliven gewonnen, so viele Felder mit Sonnenblumen, wie es hier gibt. Heuschrecken auch nicht zu knapp, aber die fallen nur dann negativ auf, wenn sie gelegentlich auf meine sonnenverbrannten Oberschenkel einschlagen.
Šturovo ist dann endgültig meine letzte slowakische Stadt, ein nettes Nest, aber auch nicht sonderlich sehenswert, bis auf den Ausblick auf die berühmte Basilika von Esztergom am andren Ufer. Bevor ich aber wieder die Grenze nach Ungarn passiere, muss ich mir an einer Tankstelle noch schnell einen Liter eiskalte Kofola kaufen – das ist die super leckere tschechoslowakische Ersatzcola, die ich noch aus Prag kenne, in Bratislava wiederentdeckt habe und nun vermutlich wieder für eine Zeit lang das letzte Mal genießen kann.
Denn nun geht es wieder über die Donau, und damit nach Ungarn zurück. So glänzend ich hier als Grenzgänger unterwegs bin, sieht es bei der einheimischen Bevölkerung aber offenbar nicht aus. Ungarn und Slowaken igeln sich ein und wahren Distanz. Man spricht kaum die Sprache des Nachbarn, auch die in der Slowakei radelnden Ungarn erwidern meinen slowakischen Gruß alle auf ungarisch. Die historisch stark verwurzelten Ungarn machen sich über die geschichtslose Slowakei lustig, diese verweigert dagegen ihrer ungarischen Minderheit die doppelte Staatsbürgerschaft und ähnliche Sperenzchen. Die Kriege, der Kommunismus und vor allem das ungarische Nationalgespenst Trianon scheinen noch sehr präsent zu sein. Hoffentlich ändert sich das allmählich mit EU, Schengen-Grenze und auch mit der neuen Brücke zwischen Šturovo und Esztergom, schließlich sind beide Länder eigentlich wunderschön und von sehr herzlichen Menschen bevölkert, wie ich es erlebt habe. Möglicherweise wächst dann hier bald doch wieder zusammen, was zusammen gehört.
Esztergom erschien vom anderen Ufer aus majestätisch mit seinem Burgberg und der darauf aufragenden Basilika, aber eigentlich wirkt Ungarns alte Königsstadt von nahem eher possierlich. Wie eine herausgeputzte Provinzstadt, die endlich auch einmal in der ersten Liga spielen möchte. Deshalb verlegen sich die Kaffeehäuser auf Touristenfängerei, der gigantistische Dom aus dem 19. Jahrhundert ist auf traditionell getrimmt, und die größtenteils rekonstruierte Königsburg wirkt, als hätte jemand verzweifelt versucht, aus Obi-Klinkern Schießscharten zu formen. Alles nicht so ganz mein Fall, deshalb spare ich mir den Eintritt für den Dom, umlaufe die rumänischen Nippes-Verkäufer und esse lieber mit Panorama auf Stadt und Donau zu Mittag. Und natürlich ein paar Aprikosen, versteht sich ja von selber.
Der Radweg führt erst am Ufer vorbei und durch Auwälder, dann wird er oder was ich dafür halte schmaler und schmaler und endet schließlich an einem Tümpel mitten im Nirgendwo. Fluchend schiebe ich das Rad mit dem schweren Gepäck einen Hang hinauf zur nächsten Straße und finde dabei im Sandboden keinen hält für meine Füße. Ein Mann an der Bushaltestelle hat aber offenbar mein deutsches Fluchen gehört jedenfalls kommt er mir extra entgegen und hilft, ohne dass wir uns irgendwie verständigen können. Auch das ist typisch ungarisch.
Das nächste mal endet der Weg unvermittelt am Ufer. Nachdem ich mir ein Eis gegönnt und mit ein paar Franzosen geredet habe, wird klar: wir müssen die Fähre nehmen. Immerhin habe ich nun für die nächsten zehn Kilometer für Gesellschaft von Claude, der mit seiner Frau schon seit vier Monaten unterwegs ist und halb Europa mit dem Fahrrad bereist. Erst haben sie die iberische Halbinsel umrundet, dann die Loire hoch, die Donau wieder hinab bis Budapest, und als nächstes geht es über die Karpaten nach Polen und dann wieder runter ans Mittelmeer. Keine schlechte Tour, auch wenn Madame nicht den Eindruck macht, als würde sie ohne weiteres die Karpaten hoch stürmen. Aber Eindrücke können ja auch täuschen. Ich lerne aus der Begegnung jedenfalls, dass mein Französisch doch ganz vorzeigbar ist, immerhin reden wir recht lange, und dass ich nicht nur das Fahrrad, sondern auch mal die Mädchen reiten solle. Irgendwas in der Art gibt mir Claude jedenfalls zum Abschied mit, ist vielleicht gar nicht so schlimm, wenn ich doch mal nicht alles verstanden habe.
Das Tal wird nun immer enger, die Burg von Visegrad thront hoch oben am anderen Ufer, und ich nähere mich dem Donauknie. Hier macht der Fluss eine 90-Grad-Biegung im Mittelgebirge und fließt von nun an nicht mehr grob nach Osten, sondern erst mal nach Süden. Eine beeindruckende Landschaft, durch die sich der schon ziemlich breit gewordene Strom hier zwängen muss.
Ich stelle fest: die Städte, die einem groß vorab angekündigt werden, sind oft gar nicht so großartig, siehe Esztergom, Moson oder Krems. Dagegen entdeckt man manchmal auch Perlen, wenn man ungeplant durch Städte kommt, die man eigentlich gar nicht auf der Rechnung hatte. Was mir gestern schon mit Komárno so gegangen ist, wiederholt sich heute mit Vác. Eine lange Uferpromenade, Gassen mit Kopfsteinpflaster, Thermalbäder und insgesamt der melancholische Charme einer alten Stadt, deren beste Zeit vielleicht vorbei ist. So schön ist es hier, dass ich beinahe die letzte Fähre auf die Donauinsel Szentendrei Sziget verpasse.
Die schmiegt sich langgestreckt zwischen zwei Flussarme, liegt also quasi wie ein großer Meniskus im Donauknie. Hier ist viel Natur und kaum mehr jemand unterwegs, und ich fahre keine fünf Minuten mehr, da habe ich schon den perfekten Schlafplatz gefunden: eine freie Stelle mitten um Sonnenblumenfeld. Ich alter Romantiker aber auch wieder. Während ich das Zelt aufbaue, kann ich den Sonnenuntergang und dem Vollmond über den Sonnenblumen beobachten. Anschließend gebe ich dem Gaskocher noch eine Chance und koche sehr leckere Spinatnudeln. Nur die Moskitos nerven wieder arg, irgendwann muss ich mir zum Schutz von Ohren und Nacken das gemusterte Geschirrtuch unter das Band der Kopflampe klemmen. Wenn mich jetzt der Bauer erwischt, kann ich wenigstens so tun, als spräche ich nur Arabisch. Braun genug bin ich mittlerweile ja.
Es geht aber alles glatt, der Gaskocher produziert nur wenige Verpuffungen, die Nudeln schmecken wunderbar, kein Sonnenblumenbauer stört seinen morgenländischen Gast, und bald liege ich im Schlafsack und lausche den Grillen, die in den Sonnenblumen sitzen und den Vollmond anzirpen.

Beach, Berge, Babylon

Als ich heute morgen wach werde, ist es in Pėters Appartement schon fast wieder unerträglich heiß. Was liegt also näher, als ans Wasser zu flüchten? Wir schwingen uns also auf die Fahrräder, kaufen unterwegs noch etwas zum frühstücken (Kaffeestückchen für mich, Energydrink für Pėter, wie üblich), und ab gehts an den Strand. Und das ist kein Witz. Györ wird von zahlreichen Flüssen, Flussarmen, Altarmen und so weiter durchzogen, die oft von Parks gesäumt sind. Aber an einer Stelle an der Mosoni Duna gibt es tatsächlich auch einen traumhaften Sandstrand, den „Golden Beach“. Hier lassen wir uns auf Liegestühlen in der Sonne nieder und geben uns dem süßen Nichtstun hin. Das Wetter und der Strand könnten auch in Ibiza sein, aber nein, ich bin immer noch in Ungarn. Strand heißt übrigens „strand“ auf ungarisch, eine der wenigen Vokabeln, die ich mir merken kann. Aber es wird.
Hier an der Mosoni Duna hat übrigens die australische Drachenboot-Nationalmannschaft ihr Trainingslager und bereitet sich auf den World Cup nächste Woche in Szeged vor. Ich wusste nicht, dass es sowas gibt, aber jetzt springen hier dreihundert Leute in gelb-grünen Trikots herum und trommeln und paddeln. Die WM- Favoriten sind aber wohl die Kanadier, verrät einer der Paddler, aber der australische Nationaltrainer sei Ukrainer und eine ziemliche Größe der Szene. Jetzt fährt er jedenfalls im Motorboot herum und brüllt Anweisungen.
Irgendwann ist es in der Sonne auch nicht mehr auszuhalten, deshalb trinken wir erst eine Erdbeer-Limonade (irre!) und springen dann doch noch in den Fluss. Der ist vom Hochwasser noch sehr schlammig, aber wenigstens erfrischend.
Zurück gehts es durch die sehenswerte Altstadt von Györ, aber irgendwann muss Pėter sich doch wieder seiner Freundin widmen –  und ich mich meinem Radweg.
Der meint es erst mal nicht so gut mit mir. Den richtigen Ausgang aus Györ zu finden, ist gar nicht so einfach, und dann endet det ausgebaute Seitenstreifen auch einfach mal im nächsten Ort. Aber was hilft es, muss ich eben an Straßenrand weiterfahren, auch wenn das nicht erlaubt ist. Sicherheitshalber ziehe ich die Warnweste an, die ich für solche Zwecke mitgenommen hatte, denn überrollt am Rand einer ungarischen Überlandstraße liegen zu bleiben Watt ja nicht das Ziel der Reise. Die Donau zeigt sich erst mal nicht, stattdessen Felder, Haine, Industrie und sehr schnell überholende Autos. Außerdem ist es heiß, ich bin längst durchgeschwitzt, und zu allem Überfluss geht es auch noch bergauf. Berge? Naja, vielleicht eher Hügel. Aber jedenfalls die ersten seit Wien und an diesem heißen Tag genug, um mich außer Puste zu bringen. Singen hilft auch hier wieder, außerdem versuche ich immer wieder, laut auf ungarisch bis zehn zu zählen. Auch nicht gerade einfach.
Im einzigen Dorf unterwegs hätte ich mir gern eine Cola gekauft, aber leider ist der Dorfladen schon zu. Ein Mann hat gesehen, wie ich vor verschlossener Tür stehe, steigt aus seinem Auto aus und will mir Beistand leisten – auch wenn wir keine Sprache finden, die wir beide können. Nur mit Mühe kann ich ihn davon abhalten, mir sein belegtes Brötchen zu schenken, erst als er erfährt, dass ich noch nach Komárom will, gibt er sich zufrieden. Da gehe es immerhin einen „Nonstop-Tesco“. Überhaupt sind die Öffnungszeiten in Ungarn wohl sehr liberal, in Györ hatte jeder Laden Montag bis Sonntag von 7 bis 21 Uhr offen. Das ist schon bemerkenswert, noch bemerkenswerter ist aber die ungarische Gastfreundschaft, die berühmte. Hut ab!
Kurz vor Komárom treffe ich erst den ausgeschilderten Donauradweg und bald auch die Donau wieder. Die Stadt an sich ist gar nicht so schön wie erwartet, jedenfalls wenn man nicht auf betonierte Einkaufszeilen und Festungsbau steht, aber zum Glück handelt es sich ja um eine Doppelstadt. Die Schwester Komárno liegt auf der slowakischen Seite der Donau, wird aber hauptsächlich von Angehörigen der ungarischen Minderheit bewohnt und ist um einiges hübscher.
Einer Eingebung folgend überquere ich doch die Grenze, und bin ungeplant wieder in der Slowakei. Komárno ist wirklich hübsch, mit alten Kirchen, gut gelaunten Menschen in den Straßencafés und einem von Platanen umsäumten Platz. Dort lasse ich mich erst mal nieder. In irgendeiner Kneipe singt jemand „Halleluja“ von Leonard Cohen, und damit ist die friedliche Stimmung wohl auch schon am besten beschrieben.
Weiter geht es auf dem Dammweg, immer weiter ostwärts. Allmählich wird es dunkler und Wasser brauche ich auch noch. Also kein Trödeln mehr, in die Pedale gehauen. Im nächsten Dorf frage ich einen alten Mann, der auf einer Bank vor seinem Haus sitzt, nach Wasser. Seine Frau kommt auch noch dazu, und auch wenn ich nur drei Wörter Slowakisch und sie nur drei Wörter Deutsch spricht, schaffen wir es irgendwie noch, zu schnacken. Die babylonische Sprachverwirrung in meinen Kopf wird immer schlimmer, ich grüße ja wieder mit „dobry vecer“ und werfe auch sonst allerhand zusammen. Aber irgendwie verständigt man sich ja doch immer. Außerdem bekomme ich noch von den reifen Aprikosen geschenkt, die der Baum im Hof in Fülle trägt. Aber nicht nur ein paar, sondern gleich eine ganze Tüte voll, ich weiß noch nicht, wie ich die alle essen soll. Ist das nun die slowakische Gastfreundschaft? Ich weiß es nicht, aber fest steht, dass ich bisher nur enorm nette Menschen getroffen habe.
Die Fahrt über den Dammweg ist wunderschön. Die Berge im Hintergrund leuchten blau, der Sonnenuntergang auf der anderen Seite in kräftigem Rot. Die Donau plätschert dahin, ein Storch fliegt auf, und die Bäume blühen so weiß, dass es aussieht, als hätten sie ihr Hochzeitskleid angelegt.
An einem rekonstruiertem Römerlager finde ich nicht nur ein Plätzchen zum Schlafen, sondern unter dem perfekten Unterstand auch ein ungarisches Pärchen, das ebenfalls auf größerer Radtour ist. Sie haben tatsächlich Hängematten dabei, in denen sie sich nun von den Strapazen der ungarischen Berge erholen. Außerdem versorgen sie mich mit Mückenschutz, was hier überlebenswichtig ist, und dann plaudern wir noch recht lange, der Sprachverwirrung trotzend, über Gott und die Welt, über Europa und seine Geschichte, die schwierige deutsche Sprache und die alte ungarische Schrift und vieles weitere, und schließlich sehen wir uns noch die Sternbilder und den Vollmond an.
Als ich in Passau war, da stand der Mond erst halb am Firmament. Immer mehr habe ich erlebt, und der Mond hat jeden Abend etwas zugenommen. Aber ich hoffe, dass meine Reise ihren Zenit noch lange nicht überschritten hat, sondern ich noch viele Tage erlebe, die auch schön sind wie der heutige – und wenn ich wieder daheim bin, ist ein ganzer Monat vergangen und der Mond wieder so zunehmend wie in Passau.