Neues altes aus China

Januar in Karlsruhe. Es ist kalt, grau und ungemütlich geworden vor meinem Fenster. Wer jetzt kein Luftschloss hat, baut sich keines mehr. Die letzte Reise ist schon lange her, und da ich mir keinen Abstecher auf die Malediven leisten kann, bleibe ich im Januar am liebsten im Wohnzimmer sitzen und träume von fernen Ländern.

Es erreicht mich eine Postkarte aus Yangshuo, ich spreche mit einer Freundin über unsere Erinnerungen an Guangxi, ich lerne einige Mandarin-Vokabeln – das ferne Land, von dem ich träume, ist offensichtlich China. Einmal durch die schönsten Fotos geklickt, da fällt mir auf, wie viele kurze Videoschnipsel ich da eigentlich herumliegen habe. Meine Tage hier sind eh unspektakulär und dunkel, welche Lichtblick wäre es da wohl, wenn ich die schönsten Schnipsel zu einem China-Panorama-Film zusammenschneide?

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在通宵客车 – Im Übernachtbus

Nach etlichen Wochen im ländlichen China packe ich meine Sachen, esse ich noch einmal mit meinen Freunden zu Abend (im enorm guten vegetarischen Restaurant Pure Lotos) und besteige dann abends um neun den Übernachtbus nach Hongkong.

Im Übernachtbus gibt es Liegebetten, die aber selbst einem winzigen Chinesen klein erscheinen würden. Ich schiebe meine Füße unter den Kopf des Vordermannes und wundere mich, dass meine Schädeldecke noch immer hinten am Rahmen anliegt. Mit meinem Rucksack muss ich innig kuscheln, wenn ich meine Wertsachen beschützen möchte. Zudem kommt der Bus aus Guilin und ist in Yangshuo schon dementsprechend voll, sodass ich eine Liege ganz hinten oben nehmen muss. Hier bekomme ich nicht nur alle Abblendlichter des nachfolgenden Verkehrs mit, sondern hüpfe auch bei jedem Schlagloch einige Zentimeter in die Luft. Liegend. Die Nacht wird unangenehm, das weiß ich schon wenige Minuten nach der Abfahrt.

Fünf Uhr morgens, die Tortur ist überstanden, ich klettere aus meiner Sardinenbüchse und stehe im Neonlicht des Busbahnhofs von Shenzhen. Nanu, das kommt unerwartet, ich habe doch ein Ticket nach Hongkong? Jaja, sicher doch, ich müsse nur schnell den Bus wechseln. Gemeinsam mit einem russischen Pärchen und dem Weltenbummler Nick aus England werde ich in einen Wartesaal gelotst und finde mich gleich in einer unerwarteten Rolle wieder: ich bin der einzige, der ein wenig Chinesisch versteht, und muss für die anderen übersetzen. Bis vor kurzem hatte ich noch die gegensätzliche Rolle inne!

Irgendwann werden wir aufgerufen und müssen zu einem Bussteig gehen – an dem aber gar kein Bus steht, sondern ein Privatauto. Der Fahrer fährt gerne sehr schnell durch die ekelhaft hässlichen Hochhauswüsten von Shenzhen, führt sein Talent zum unerwarteten Spurwechsel vor und uns nebenbei in hoher Lautstärke ins chinesische Frühstücksradio ein. Guten-Morgen-Shows hören sich anscheinend überall auf der Welt gleich an, immer ein bisschen zu sehr nach Puderzucker.

Shenzhen war bis vor dreißig Jahren ein Fischerdorf, durch die Nähe zu Hongkong hat es sich aber inzwischen zu einer Zehn-Millionen-Stadt mit Boulevards und Wolkenkratzern gemausert. Bei all dem Bauboom ist der gute Geschmack aber offensichtlich auf der Strecke geblieben. Diese geschichtslose Ansammlung bonbonfarbener Muster-Hochhäuser ist möglicherweise die hässlichste Stadt, die ich jemals gesehen habe.

Dann erreichen wir ein überdimensioniertes Zollgebäude und unser Fahrer bedeutet uns, auszusteigen. Wir reisen aus der Volksrepublik China aus, warten eine Stunde auf den nächsten Bus, der uns dann auch nur ein paar Meter weiter auf die andere Seite der Grenze bringt, reisen in die Sonderverwaltungszone Hongkong ein, verpassen unseren nächsten Bus und landen irgendwann völlig ungeplant in einem Einkaufszentrum in den Northern Territories.

Die beiden Russen sind schneller weg, als wir „do swidanja“ sagen können. Nick und ich müssen uns erst mal orientierten, Geld wechseln (blütenförmige Hongkongdollar!) und eine Metro-Haltestelle finden. Es ist subtropisch heiß und wieder einmal wirkt alles fremd auf mich. Nick freut sich immerhin über den heimatlichen Linksverkehr.

Und schließlich steigen wir im Zentrum aus, erklettern die Rolltreppen und sind – oh ja! – in Hongkong.

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阳朔的夜晚:山上 – Nacht in Yangshuo: von oben

Das Wochenende habe ich etwas verbummelt, muss ich gestehen. Freitags wurde Alex‘ Abschied groß gefeiert, ein riesiger Spaß, der mich aber auch Teile des Samstags gekostet hat. Dann etwas lesen, etwas lernen, einen Film schauen, noch mal lernen, noch mal lesen, die Wäsche machen, laufen gehen, einkaufen, das Bad putzen – und schwupps ist Sonntag Nachmittag! Verdammt!

Aber zum Glück schrieb mir Luke, ob wir nicht nachher zum Fernsehturm aufsteigen sollten, um den Sonnenuntergang und den Aufgang des Vollmonds zu beobachten. Da war ich gleich Feuer und Flamme, das hatte ich nämlich schon seit einem Monat auf dem Zettel.

„Fernsehturm“ ist die etwas hochtrabende Bezeichnung für einen kleinen Sendemast auf einem der höheren Felsen gleich neben Yangshuo. Dorthin führt eine halsbrecherische kleine Treppe, die recht improvisiert wirkt. Auf dem Gipfel, hunderte Meter oberhalb der Stadt, lebt tatsächlich eine Alte, der man eine Flasche Wasser für 5 Yuan abkaufen muss, um Zutritt zu erhalten.

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Die Sonne versinkt langsam hinter einem der höheren Berge. Die Sicht ist nicht ganz klar, aber das intensiviert das Erlebnis nur noch. Alles wird in das Rot des Sonnenuntergangs getaucht, die zahllosen Berge ragen aus dem Dunst auf und werden immer zarter, je weiter sie entfernt sind. Es scheint, als wären wir genau im Zentrum der Karstlandschaft, oder auch bloß in einer unendlich großen Landschaft aus kegelförmigen Bergen. Nur im Osten lässt sich am Horizont schemenhaft ein noch höheres Gebirge erkennen.

Der Li-Fluss verliert sich in Biegungen und im Dunst. In der Stadt werden langsam die ersten Lichter angeschaltet, sie liegt schon im Schatten. Aber bald ist auch für uns die Sonne versunken und die letzten roten Strahlen verlöschen.

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Und nun reißen die Wolken auf der gegenüberliegenden Seite auf, und offenbaren den roten Vollmond, der gerade über den Karstkegeln aufgeht. Welch ein magischer Anblick!

Tatsächlich ist heute genau Vollmond, morgen beginnt im chinesischen Mondkalender also ein neuer Monat. Und der Geselle steigt langsam nach oben und spielt dabei mit den vereinzelt vorüberziehenden Wolken. Unten in der Stadt treten nun die großen Straßen als deutlich erkennbare Lichtbänder aus der Dunkelheit heraus, Adern ähnelnd. Die Berge rings um Yangshuo werden angeleuchtet, der Rest der Landschaft versinkt nun endgültig in völliger Schwärze.

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Wir spielen noch ein wenig mit Belichtungen und Taschenlampen herum, dann machen wir uns an den schwierigen Abstieg über die unbeleuchtete Stiege und stürzen uns wieder in die leuchtende Stadt.

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UPDATE: Noch mehr Bilder von da oben gibt es auf Toms Tumblr und auf Omeidas Facebook-Seite!

阳朔的夜晚:街上 – Nacht in Yangshuo: von unten

Es wird schnell und früh dunkel in Yangshuo, die Nähe zu den Tropen macht’s möglich. Aber das bedeutet ja nicht, dass hier jeder schlafen gehen würde. Nein im Gegenteil, im Zentrum rund um die recht touristische Xi Jie (a.k.a. West Street) geht das Leben erst los, die Bars öffnen, die Marktschreier werden nur noch aufdringlicher, die Nachtclubs dröhnen um die Wette, und alles funkelt und blinkt.

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Nebenan, in der Parallelstraße Gui Hua Lu, ist alles etwas gemütlicher, dennoch ist eine Menge Volk unterwegs und hat die Auswahl zwischen zahllosen chinesischen Restaurants, aber auch indischem, isrealischem (hatte ich beides dieses Wochenende, sehr lecker jeweils!), spanischem, japanischem Essen in einer der zahlreichen Expat-Bars. Auch einen „German Beer Garden“ und mehrere Weißbier-Kneipen gibt es, irgendwie ist es aber nicht dasselbe wie daheim, sodass ich um diese Plätze eher einen Bogen mache.

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Und auch anderswo in der Stadt wird noch nicht geschlafen. Durch diese Viertel streife ich eigentlich noch lieber als durchs Little-China-Disneyland West Street.

Die Marktstände sind mindestens bis 22 Uhr besetzt und verkaufen Bananen und Orangen, aber auch seltsame Früchte, die ich noch nie gesehen habe. Dazu kommen auch noch die etwas exotischeren Delikatessen, etwa die getrockneten Entenköpfe (von denen ich immer noch nicht weiß, was genau man daran essen soll – den Schnabel?).

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Im Kissing Fish Spa lassen sich Leute noch schnell von Fischen die Füsse küssen.

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Der Verkehr ebbt etwas ab, was nicht bedeutet, dass man gefahrlos eine Straße überqueren könnte. Auch hier alles voller Lichter, blinkener Schriftzeichen und fremder Gerüche. Aber auch voller Lampions, spielenden Kindern bis spät in die Nacht, und die unglaublichen Berge rings um Yangshuo sieht man sowieso von überall, weil sie von Flutlichtern angestrahlt werden.

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Es hat eine ganz besondere Atmosphäre, durch die Stadt zu streifen, die nachts mindestens ebenso pulsiert wie am Tage. Nichts in der Welt würde ich gegen diese Streifzüge eintauschen wollen, da könnte man mir noch so viele getrocknete Entenköpfe dafür bieten.

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在洞穴 – In der Höhle

Vor einigen Tagen hatte Alex den Eingang zu einer Höhle entdeckt, nicht weit außerhalb von Yangshuo. „Da müssen wir unbedingt hin, mit Taschenlampen!“

Alles klar, diese Karstfelsen sind ja stark verwittert und natürlich voller Spalten und Höhlen, aber zumindest die größeren sind alle touristisch aufbereitet – da wird dieses Exemplar vermutlich nicht so besonders sein. Nichtsdestotrotz, die Erkundung einer Höhle erschien uns als ideale Sonntag-Nachmittags-Beschäftigung, jedenfalls wesentlich attraktiver als Vokabeln zu lernen.

Also trafen wir uns Sonntag Nachmittag vor der Schule, und hatten es sogar noch geschafft, drei der Damen zu überreden, mit uns loszuziehen. Der Eingang der Höhle war schnell erreicht, und tatsächlich handelte es sich um ein überraschend großes Loch im Berg, das sich nach hinten hinaus rasch verengte. Taschenlampen an, und schon ging es auf einem unerwartet ebenen Weg in die Höhle hinein.

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Der Weg war eindeutig von Menschenhand in den Fels geschlagen, geebnet und betoniert – die Höhle aber war echt und natürlichen Ursprungs. Offensichtlich hätte sie einmal zur Touristenattraktion ausgebaut werden sollen, aus irgendeinem Grund war das aber nie zu Ende umgesetzt worden. Bald stießen wir auf eine Gabelung und gingen links, dann wieder und gingen erneut links. Spätestens nach der zweiten Kurve war kein Tageslicht mehr vorhanden. Jetzt gut merken, wo wir lang laufen!

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Die ersten Tropfsteine tauchen auf, mächtige Stalaktiten und glänzende Stalagmiten. Einige sind bereits zusammengewachsen. Immer wieder weitet sich der Gang zu Hallen, dann wieder wird er eng, und nach unten musste viel Gestein weg geschlagen werden, damit der Gang Stehhöhe hat. Und nach vielen Meter wird es irgendwann doch wieder heller – sollten wir zum Ausgang zurückgekehrt sein?

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Von wegen. Wir haben den zweiten Eingang der Höhle erreicht, und der befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite des Berges in mindestens dreißig Meter Höhe über dem Boden. Es geht steil bergab, aber in den Fels ist ein Weg geschlagen, der uns leicht bergauf zu einem weiteren Eingang führt. Hier geht es wieder in die Höhle, und irgendwann erreichen wir eine T-Kreuzung. Waren wir hier nicht schon mal? Geht es nach links oder rechts zum ursprünglichen Eingang? Mein innerer Kompass schlägt rechts vor, Alex ist sich sicher mit links. Das kann ja heiter werden.

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Wir gehen erst mal ein Stück nach links, an der nächsten Abzweigung wieder rechts, und gelangen in eine Halle. An der Decke hängen tatsächlich Fledermäuse. Die Mädels schreien auf und wollen schnell zurück, nur Alex und ich sind unglaublich fasziniert. Aber da die Halle eine Sackgasse ist, gehen wir zurück und an der T-Kreuzung nun den anderen Weg. Und siehe da, irgendwann wird es heller, und schließlich verlassen wir unsere Höhle an einem vierten Ausgang, der nur wenige Meter neben dem ersten liegt. Yeah! Was sind wir doch für tolle Höhlenforscher!

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Statt auf direktem Weg nach Hause zurückzukehren, wandern wir erst noch um den Berg herum, stoßen noch auf mehrere kleinere Höhlen, die alle irgendwann im Grundwasser enden, besteigen noch einen Pass zwischen den nächsten zwei Bergen, verlaufen uns, landen in einem Geisterdorf, an dessen Wänden noch die Parolen der Kulturrevolution aus den Fünfzigern stehen, laufen unendliche Umwege, sehen endlich echte Wasserbüffel und erreichen viel später als gedacht Yangshuo, gerade pünktlich, als Dämmerung und Regen einsetzen. Was man halt so macht, wenn man seinen abenteuerlustigen Nachmittag hat – und vor allem: was für eine gelungene Abwechslung vom Vokabeln pauken!

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月亮山 – Der Mondhügel

Spannendstes Feature der Landschaft rings um Yangshuo ist sicherlich die Karstlandschaft. Überall erheben sich aus dem platten Land unvermittelt Kalksteinfelsen, Türmen sich zu steilen Bergen auf und überragen die Gegend. Morgens auf dem Schulweg bleibt mir noch immer der Mund offen stehen, weil ich genau auf so ein Exemplar zulaufe.

Samstag hatte ich mir eine Joggingroute zurechtgelegt und habe im Laufen mal das Nachbartal erkundet. Letztlich existierte der erhoffte Weg zwar doch nicht (oder ich habe ihn jedenfalls nicht gefunden), das machte aber nichts, immerhin konnte ich die Landschaft genießen, die Berge und Felsen, die Felder und Bäume und Bäche, eine Art Pagode und die Bauernhöfe. Letztere machen doch einen sehr ärmlichen Eindruck, gerade wenn man sich von der Stadt und den Touristenrouten etwas entfernt, die Wege werden schlecht und statt Häusern stehen Hütten an ihrem Rand – China ist zwar hochtechnisiert und befindet sich in rasendem Wandel, aber man sollte sich keine Illusionen machen, ich bin doch noch immer in einem Entwicklungsland.

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Sonntag hatte ich mich zum Frühstück unten am Fluss mit anschließender Fahrradtour verabredet. Dabei erkundeten wir vor allem den Moon Hill, einen der Karstberge am Yulong-Fluss, der sich durch eine Besonderheit auszeichnet: er hat ein Loch.

Achthundert Stufen führen hinauf zum riesigen Loch, offenbar eine ehemalige Höhle, deren hinterer Teil eingestürzt ist, sodass nun der Vollmond ohne Probleme durch den Berg hindurch scheinen kann – daher der Name. Eine Menge Kletterer sind unterwegs, klar, die Gegend hier ist sowieso ein Kletterparadies, und der Mondhügel ist besonders reizvoll, wenn auch die Routen rund um das Loch enorm schwierig sind.

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Auf einem verbotenen Weg (Danke Shawn für den Tipp!) gelangen wir schließlich nach einiger Kletterei auf die Spitze des Berges, noch mal etwa 50 Meter oberhalb des Lochs. Der Ausblick ist umwerfend. Wir haben den ersten richtig sommerlichen Tag seit Wochen, die Sonne knallt, oben weht ein leichter, angenehm kühler Wind, und weil sich der ganze Dunst der letzten Tage verzogen hat, reicht der Blick weit ins Land.

Atemberaubend.

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Fazit der ganzen Aktion: ich hab einen leichten Sonnenbrand, einen leichten Schnupfen und einen fetten Muskelkater (die 800 Stufen ging es ja auch wieder hinab!) mitgenommen, aber Junge, was eine gute Tour!

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发现 – Entdeckungen

Wie erwähnt, flüchte ich Samstag in Guangzhou vor Trubel und Verkehr erst mal in den nahen Yuexiu-Park. Das bedeutet soviel wie „elegant überragen“, und der Name ist absolut Programm. Innerhalb der riesigen Anlage (quasi dem Central Park Guangzhous) überragt ein Hügel die umliegende Stadt, komplett mit kleinem Wald, Pagoden, daoistischem Tempel und Gedenkstätte auf der Spitze. Rings um dieses Kleinod befinden sich neben dem zentralen Fußballstadion viele kleine Spazierwege, Gedenkstätten, Eiscremebüdchen, Tai Chi treibende Rentner in Gymnastikanzügen, Reste der alten Stadtmauer sowie mehrere künstlichen Seen und Kanäle zum Bötchen fahren.

Überall erklingt Vogelgezwitscher, wobei das so laut, gleichmäßig und herrlich tropisch ist, dass in mir schnell der Verdacht aufkeimt, hier sei mit Lautsprechertechnik der Natur in der Großstadt auf die Sprünge geholfen worden. Aber was kümmert’s mich, tut das Geschnatter doch seinen Teil dazu, dass ich so langsam in der subtropischen Hitze ankomme und mich an den Gedanken gewöhnen kann, jetzt in China zu sein. Mir doch egal, wenn ich keinen einzigen Vogel sehe.

So spaziere ich mehrere Stunden durch die Anlage, an der man sich nicht satt sehen kann, wobei mich der schwere Rucksack schon etwas drückt. Lieber mal eine kurze Rast. Moment, was will denn der Chinese von mir? Ich soll ein Foto von ihm mit seiner Freundin machen? Ha, falsch gedacht! Seine Freundin soll ein Foto machen, wie er mit mir posiert!

Ich bin erst mal verblüfft, aber natürlich gerne dazu bereit. Ich habe ja auch schon seit einiger Zeit kein westliches Gesicht mehr gesehen – da sichert er sich gerne mal ein Erinnerungsfoto mit meiner langen Nase*. Das wird mir übrigens noch öfter passieren, dass Leute sich mit mir Fotografieren lassen wollen, 24 Stunden später wundert es mich schon nicht mehr!

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Was ich wiederum bewundere ist die Sun Zhongshan Memorial Hall, die sich ganz in der Nähe zwischen die Hochhäuser duckt. Das hölzerne Gebäude ist dermaßen typisch chinesisch, dass ich erst glaube, sie sei auch nur für den schönen Schein und den Tourismus aufgebaut worden, ähnlich wie das Vogelgezwitscher im Park. Aber nee, sie ist schon reichlich alt, und bildet nun einen wunderbaren Kontrast zum modernen Guangzhou, das ringsum vor sich hin tost.

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So oder so bin ich nun wieder im Reinen mit mir und China und kann mich auf den Rückweg zum Bahnhof machen. Unterwegs überlege ich, wenn Calvin Klein ein Parfüm „Guangzhou“ kreieren würde, dass es wohl vor allem aus Dieselabgas bestünde, mit dem Geruch der glimmenden Kohle aus den fahrenden Garküchen in der Kopfnote und einem gelegentlichen Spritzer öffentliche Latrine. Wird wohl kein Renner werden. À propos Garküchen, am Bahnhof kaufe ich mir auch noch so eine Art Wrap mit Salatfüllung und zwei Mal so eine Art Fladenbrot für nachher im Zug. Beides sehr lecker, das Fladenbrot schmeckt fast wie Lahmacun.

Am Bahnhof angekommen, hat sich die Fantastrilliarde Menschen mittlerweile verzogen, sodass nur noch tausend vor mir anstehen. Endlich halte ich mein Ticket in den Händen, registriere erleichtert, dass ich ein unteres Bett habe, und bin bald auch durch die Kontrolle. Ganz recht, hier wird beim Check-In der Rucksack durchleuchtet und der Reisende abgetastet, bevor man in den Warteraum für Zug K952 darf. Wie im Flughafen hier, außer dass es keine Durchsagen auf Englisch gibt und die Leute im Warteraum rauchen – am liebsten unter dem „No smoking“-Schild.

Die Fahrt im Nachtzug ist sehr angenehm, zumal ich ja auch entsprechend k.o. bin. Zunächst habe ich noch ein nettes Gespräch mit meinen Nachbarn von obendrüber und gegenüber, einem Landvermesser aus Guangzhou und einer Außenhandelskauffrau aus Guilin, und dann kuschle ich mich an den Rucksack und bin weg.

Mein erster Blick am nächsten Morgen fällt auf die Berge von Guilin. Atemberaubend. Der zweite auf den Bahnhofsvorplatz der Stadt. Ebenfalls atemberaubend. Alle hatten mir immer erzählt, Guilin sei eine Kleinstadt!? Hier ist aber alles voller Hochhäuser! Später lese ich, dass die Stadt immerhin doch circa 500.000 Einwohner hat. Nach chinesischem Ermessen durchaus noch eine Kleinstadt…

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Auch hier wieder ein Stadtbummel. Aus einem See wachsen die beiden Zwillings-Pagoden, gegenüber kann man für ein unverschämtes Eintrittsgeld den Elefantenrüsselberg, eine Felsformation fotografieren. Rentner machen unter Anleitung einer drahtigen Tanzgruppe Frühsport im Park, außerdem überall winzige Geschäfte, kartenspielende Alte, bummelnde Junge und gigantische Felder parkender Mofas.

Unvermittelt gerate ich in eine katholische Kirche, wo gerade die Sonntagsmesse gelesen wird. Das gibt es in China ja auch nicht so oft. Die Gemeinde schnarrt irgendeinen Psalm auf Chinesisch, und mit mir am Eingangstor steht eine Gruppe Kinder, die gleich irgendetwas zum Altar tragen sollen, und an deren Kleidern eine chinesische Nonne die ganze Zeit zupft. Sie scheint aufgeregter zu sein als die Jungs.

An einem großen See mit Pagoden und steinernen Bogenbrücken spricht mich Liu an, der hier studiert. Wir reden über Deutschland und China und die Unterschiede, dann zeigt er mir das Gebäude seiner Universität, immerhin ein alter Prinzenpalast. Ohne ihn hätte ich mich sicher auch nicht getraut, mit dem knallvollen Doppeldeckerbus wieder zum Bahnhof zu fahren (Städtische Busse kosten einen Yuan, egal wie weit man fährt. Außer sie sind klimatisiert, dann kosten sie zwei Yuan. Immer noch ein fairer Preis.). Und dann besteigen wir gemeinsam den Überlandbus, den er nach einer Viertelstunde wieder verlässt, wogegen ich bis zur Endhaltestelle sitzen bleibe. Willkommen in Yangshuo.

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Dann nix wie schnell die Sprachschule suchen, mein Appartement beziehen, den Schweiß und Staub abduschen, und dann hinlegen und kurz die tosende Welt um mich herum ignorieren. Die Stadt scheint spannend zu sein, die Landschaft ist atemberaubend, aber mein Rucksack war schwer und meine Reise lang – ich verlasse das Bett heute sicher nicht mehr.