Im langsamen Zug nach Norden

Bangkoks Bahnhof wirkt wie etwas aus der Zeit gefallen. Die Eisenbahn ist hier schon lange nicht mehr das wichtigste Verkehrsmittel, dementsprechend rustikal ist alles. Investitionsstau erster Güte.

Aber für mich als Romantiker, Liebhaber von abgenutzten Edelhölzern und Extra-Wartebereichen für Mönche kommt diese Zugfahrt von Bangkok nach Norden wie gerufen.

Schon die Bahnhofshalle ist vielversprechend, mit überdimensionalem Königs-Portrait und kleinen Snackshops. Als ich endlich im Zug sitze, übermannt mich wieder einmal die Reiselust. Wie gut, dass es gleich losgeht!

Zuerst bewegt der Zug sich langsam aus dem Bahnhof raus. Dann wieder zurück. Dann wieder weiter vor. Nochmal ein Stück zurück. Und irgendwann zieht tatsächlich der abgestellte Waggonschrott an uns vorbei, dann kommen die Vororte Bangkoks mit kilometerlangen mehrstöckigen Autobahnen, dann der kleinere der beiden Flughäfen, und irgendwann fahren wir tatsächlich am ersten Reisfeld vorbei.

Es ist nach wie vor angenehm heiß, aber durch den Fahrtwind streicht eine kühle Brise durch meine Frisur. Die Spurweite hier beträgt nur einen Meter, dementsprechend stark schlingert der Zug hin und her und kann auch nicht allzu schnell fahren. Ich schaue mir die gemächlich vorbeiziehenden Dörfer an, die Reisfelder, die Flussarme, und bin gerade tausend Mal lieber hier als in einem ICE. Ab und an erschlägt jemand eine Mücke oder geht auf die offene Waggonplattform zum Rauchen, sonst passiert hier erst mal wenig.

Bis ich irgendwann mit einer blonden Backpackerin zwei Reihen weiter ins Gespräch komme. Nachdem wir uns eine Weile auf Englisch unterhalten haben, stellen wir schließlich fest, dass wir beide aus Deutschland kommen – und noch keinen Plan haben, was wir nach der Ankunft machen werden.

Und so kommt es, dass wir einige Zeit später zusammen in Ayutthaya am Bahnsteig stehen, die Fähre über den Chao Praya ins historische Zentrum nehmen, und schließlich auf einer Terrasse mit Billardtischen und eiskaltem Bier enden werden…

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Nachtzug nach Belgrad

Längs der Donau, Tag 25, Vidin-Diitrovgrad.

Ich frühstücke irgendwo im bulgarischen Nichts zwischen Garagenhof und Umspannwerk, und trotzdem könnte es mir nicht besser gehen. Für den Morgen steht die Innenstadt von Vidin auf dem Programm, die doch einiges mehr zu bieten hat als nur sozialistischen Plattenbau-Chic, Shopping-Malls und Umspannwerke. Die alte Hauptstadt Bulgariens verfügt über eine hübsche Donaupromenade, viel alte Bausubstanz im Zentrum, über orthodoxe Kathedralen, eine Moschee und eine orientalische Konaka sowie über die mittelalterliche Donaufestung „Baba Vida“. All dies erkunde ich ausführlich, dann ist es Zeit, den Bahnhof zu suchen. Ich habe schon wieder Glück, in einer halben Stunde fährt ein Zug nach Sofia. Fünf Stunden Fahrt!

Also muss ich dringend noch Verpflegung besorgen, Fahrkarten für mich und mein Fahrrad kaufen, und dann sitze ich auch schon in einem alten Bundesbahn-Silberling, der holpernd und schaukelnd sich auf den Weg durch die Berge und Ebenen macht.

Und was für Berge das sind! Die Strecke führt nämlich zuerst durch hügelige Felder, dann durch steinigere und weniger fruchtbare Gegend, und von weiter entfernt sieht man die ganze Zeit schon das Balkan-Gebirge sich nähern. Dass diese Bergkette der ganzen Region ihren Namen gegeben hat, kommt nicht von ungefähr, dominant ragt sie über der Ebene auf und zieht meine Blicke auf sich. Diejenigen Blicke jedenfalls, die nicht von meiner Reiselektüre – immer noch Georg Forster – oder von der spektakulären bulgarischen Eisenbahn beansprucht werden. Immerhin ist der altertümliche Zug schon großartig, an jeder Station unterwegs steht ein Schaffner in schmucker Uniform, und auch die zusammengezimmerten Schranken werden selbstverständlich von keiner Automatik, sondern von Schrankenwärtern heruntergelassen. Bahnfahren wie vor fünfzig Jahren, oder sind es hundert?

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Egal, die Landschaft wird ohnehin immer beeindruckender, was kümmert mich die Eisenbahnromantik. Aufgrund seiner Topographie hat Bulgarien wenige Nord-Süd-Verbindungen, und die wenigen sind umso beeindruckender. Die Bahnstrecke Vidin-Sofia jedenfalls gräbt sich nun tief in das Balkan-Gebirge ein und nutzt dazu die Schlucht des Flusses Iskar, der im Rila-Gebirge entspringt, die Hauptstadt und das Balkan-Gebirge durchquert und irgendwo weiter nördlich in die Donau mündet. Er hat sich durch die Kalkstein-Felsen einen beeindruckenden Weg gesucht, dem nun auch meine Bahnstrecke folgt. Ein paar Dörfer, ein paar Stauwehre, sonst nur Felsen und Berge, nur steinige Täler und spärlich bewaldete Klippen. Auf meiner Reise habe ich schon einige grandiose Landschaften gesehen, aber dennoch hänge ich hier an der Scheibe, kann mich kaum sattsehen an den vorbeifliegenden Panoramen, und mein Zeigefinger entfernt sich kaum vom Auslöser meiner Kamera. Welch ein Glück, dass der Zug so langsam fährt, nun ärgere ich mich auch keineswegs mehr über die lange Fahrzeit, sondern bin dankbar, dass die Strecke so schlecht ausgebaut ist und ich die Landschaft umso länger genießen kann.

Aber alle guten Dinge finden einmal ihr Ende, und jenes der Bahnfahrt heißt Sofia. Der Hauptbahnhof empfängt mich als grauer Betonklotz, aber das kenne ich ja schon von Bulgarien. Auch der Leerstand in den ehemaligen Geschäften, die defekten Aufzüge und der beißende Geruch der Unterführung erschrecken mich nicht. Aber was mir gleich auffällt, ist die Dichte an Bettlern. In Vidin war mir das schon aufgefallen (zum ersten Mal auf der gesamten Reise, obwohl ich nun wirklich einige arme Ecken Kroatiens, Bosniens und Rumäniens gesehen habe) – aber hier ist die Bettelei omnipräsent, aufdringlich und unerträglich. Ist das schon wieder die Arroganz des westlichen Touristen, der ja schon weiß, dass er in zwei Tagen in seinen deutschen Wohlstand zurückkehren wird? Eine solche Arroganz entspricht eigentlich nicht meinem Naturell, ich wollte sie ja wirklich vermeiden, was mir auch bisher hoffentlich einigermaßen geglückt ist. Aber die hiesigen Bettler sind so aufdringlich, dass man sie nicht ignorieren und schon gar nicht bemitleiden kann. Einer wird mir später versuchen, den Fahrradhelm vom Kopf zu ziehen, um ein Trinkgeld dafür zu bekommen, und mit meinen portugiesischen Reisebekanntschaften mache ich später Witze über den „Gypsy luggage service“, dem zu entkommen schlechterdings unmöglich ist. Man muss sich also tatsächlich wehren, und das ständig.

In der Schalterhalle habe ich jedenfalls auch gleich einen Schatten, der mir permanent weiterhelfen möchte. Das gelingt zwar kaum, schließlich finde ich mich auch so gut zurecht, weiß besser was ich eigentlich möchte, und der Sprachkontakt beschränkt sich auf „no problem“ – aber als ich bald meine Fahrkarte in der Hand halte, komme ich doch nicht umhin, eine Lewa Trinkgeld zu geben. Danke für nichts auch.

Besagt Fahrkarte ist ein Liegeplatz im Nachtzug Sofia-Belgrad, das klingt schon einigermaßen abenteuerlich. Zuvor habe ich aber noch einige Stunden Zeit, die ich dazu nutze, auf einer Hauptverkehrsstraße (das kümmert mich mittlerweile nicht mehr) in die bulgarische Hauptstadt einzufahren. Die ist teils ganz ansehnlich, teils aber auch ein Freilichtmuseum für die schlimmsten Bausünden realsozialistischer Architektur. Nur die stets am Horizont präsente Bergkette versöhnt mich doch mit der Ansicht der Stadt. Dafür gestaltet sich das Fahren umso anstrengender, neben der rein kyrillischen Beschilderung und der völlig auf Autos ausgerichteten Straßen ist daran aber auch der bulgarische Autofahrer schuld. Hier fährt man nämlich nicht los, wenn die Ampel auf grün springt; auch nicht wenn die Ampel vorraussichtlich gleich auf grün springt; sondern man fährt, wenn man der Meinung ist, dass die Ampel für die eigene Fahrtrichtung nun aber wirklich mal auf grün zu springen hat. Das führt zu einem herrlichen Verkehrschaos, viel Gehupe und Geschreie, und dazu dass der Fahrradtourist mal wieder seine grelle Warnweste anzieht.

Wie reagiert man am Besten, wenn die Großstadt zu laut, zu viel, schlichtweg überfordernd ist? Man setzt sich auf einen zentralen Platz, isst ein Eis und beobachtet die Menschen. In meinem Fall ist das Eis ein grellgelbes Zitroneneis, meine Warnweste wirkt fast blass dagegen, dafür ist aber sehr lecker und zitronig, und wird statt in Kugeln pro hundert Gramm abgewogen und verkauft. Der örtliche Kulturpalast und das Arbeiterdenkmal passen schon sehr gut in mein Ostblock-Klischee, die Stadt aber ist wiederum lebhaft und mit Leuchtreklamen zutapeziert. Eine alte orthodoxe Kathedrale, eine Moschee, Einkaufsstraßen und eine stark am stalinistischen Architekturstil orientierte Meile von Regierungsgebäuden schaue ich mir später noch an, und hieran sieht man auch schon deutlich die Mischung, die dieses Land so spannend macht: Bulgarien erscheint mir immer wieder irgendwo am Berührungspunkt zwischen Balkan und Orient, zwischen Marktwirtschaft und altem Kommunismus gelegen. Gerne hätte ich diese Kombination noch weiter erkundet, doch als ich an einem Lebensmittelladen vorbeifahre, erinnere ich mich, dass mein Zug demnächst noch fährt und ich mir noch Proviant besorgen muss. Der Joghurtbecher platzt kurz darauf in meinem Rucksack, weshalb ich immerhin gezwungenermaßen Joghurt löffelnd auf einer Brücke noch einmal Bulgarien auf mich wirken lassen kann.

Im Bahnhof schaffe ich es mit Mühe, mein Rad zum richtigen Bahnsteig zu bugsieren. Besagter „Gypsy luggage service“ tritt gleich auf den Plan, ein Fahrradabteil oder auch nur einen Fahrradtarif gibt es nicht, und so muss ich doch mehr Bakschisch verteilen, als erwartet, um mein Fahrrad mit in den Zug nehmen zu dürfen. So werde ich zwar einerseits meine letzten Lewa los, andererseits muss ich aber doch irgendwann böse werden, um die dienstbaren Geister wieder zu vertreiben. Allen anderen Fahrgästen geht dies aber ebenso. Mit meinen Mitreisenden kann ich schnell wieder darüber lachen – und diese Mitreisenden sind auch schon ein buntes und interessantes Völkchen. Der Nachtzug quer über den Balkan, so erkenne ich bald, scheint bei Interrail-Reisenden sehr beliebt zu sein, und ich bin zwar alleine in meinem Sechser-Abteil, meine Nachbarn sind aber Portugiesen und Finnen, Türken und Belgier, eine bunte und lustige Mischung.

Für meinen Geschmack sogar etwas zu lustig, schließlich habe ich eine ernsthafte und anstrengende Tour hinter mir und bin auf wilde Saufereien auf dem Gang eigentlich gar nicht aus. Irgendwann schaffe ich es aber, mich der transeuropäischen Partygesellschaft zu entziehen – ich brauche einfach mal etwas Gelegenheit, alleine zu sein und nachzudenken. Das klingt komisch, war ich doch fast einen Monat alleine unterwegs. Aber nach all den Eindrücken und Begegnungen der letzten Wochen, nach den bezaubernden und erschütternden Erlebnissen, nach der Intensität, die eine solche Reise mit sich bringt, ist mir die Interrail-Party tatsächlich schon wieder zu oberflächlich, die Bierseligkeit zu platt, und der besoffene Spanier zu aufdringlich.

Also esse ich, lese ich, denke ich nach – die drei Dinge, die ich vielleicht am besten kann. Der Zug ist ohnehin eher laut als schnell, der serbische Schlafwagen hat sich als uralter französischer entpuppt. An der Grenze stehen wir nachts enorm lange, alle Winkel werden mit Taschenlampen ausgeleuchtet, dazu zweimalige Passkontrolle. Stundenlanger Stillstand, unfreundliche Grenzbeamte, wehende Flaggen, und dann bin ich wieder zurück in Serbien. Ein wenig Schlaf versuche ich noch zu erhaschen, gar nicht so leicht, und ich muss erkennen: der letzte Tag meiner Tour ist angebrochen. Das letzte Land, die letzte Stadt, die vorletzte Nacht, und ich bin mir noch nicht sicher – bin ich erst ganz kurz oder doch schon eine Ewigkeit unterwegs?

Schwäb’sche Eise’bahne und Passau

So eine Zugfahrt ist zwar lustig, aber nur die ersten paar Stunden. Heut morgen in Saarlouis gestartet, dann Neustadt, Karlsruhe, Stuttgart, Ulm und schließlich München. Die ersten drei Fahrten habe ich sehr lustige Gesellschaft von drei heimischen Radlern, die dann aber leider zum Neckarradweg abbiegen, die schwäbische Alb verschlafe ich erst mal komplett. In Ulm kann ich einen Blick aufs Münster erhaschen, und das Gefühl, schon mal an der Donau zu sein, ist auch eher beruhigend. Rund um Augsburg lese ich noch schnell meine Zeitung (die heut morgen aus München geliefert wurde, haha) und bestaune das hübsche Alpenvorland vor dem Zugfenster.
Dann endlich München. Die erste Metropole auf dem Weg, es braucht wohl auch etwas Übung, hier Fahrrad zu fahren. Dafür ist alles sehr lebhaft, sehr voll und ich verfluche meine viel zu vollen Satteltaschen. Quer über den Stachus, dann ab in die Altstadt. Die ist hart an der Grenze zwischen Einkaufszentrum und Disney Land, der Kaffeepreis sprengt auch meinen Finanzplan, und ein urbayerischer Zitherspieler zithert für die spanischen und japanischen Touristen urbayerische Weisen von Frank Sinatrasberger und Sepp Clayderman. Ich umradle schnell noch einmal die Frauenkirche und suche den Zug nach Passau. Das war ja schließlich auch nicht, was ich mit von dieser Tour erhofft habe.

Dann endlich Passau. Endlich ist gar kein Ausdruck! Aber was für eine Stadt!!! Donau und Inn rahmen hier eine Altstadt ein, die von manchen Regisseuren als zu perfekt oder zu malerisch abgelehnt worden wäre. Die Gassen sind brechend voll, und ich habe Mühe, mich mit meinem bepackten Rad zur Ortsspitze durchzuschlagen. Dort an der Innmündung besuchen wir zwei Reisegefährten grad mal noch ein Konzert der Sportfreunde Stiller, und dann geht es durch Altstadtgassen über Kopfsteinpflaster zu meiner Couch, die diese Nacht bei Katharina steht. Die ist ziemlich cool, und war vor allem auch so spontan, mich so kurzfristig noch aufzunehmen.
Morgens schlendern wir noch zum Dom, und dann noch ein wenig durch die Gassen der Altstadt. Das Summen der Trocknungsgeräte ist zwar noch allgegenwärtig, aber ebenso das enorme Zusammengehörigkeitsgefühl der Passauer. Gerade sitze ich auf dem toskanisch anmutenden Rathausplatz, und nur die Klänge der Blaskapelle und der Dialekt der Passanten erinnert mich daran, dass ich noch in Bayern bin.
Jetzt noch schnell zurück zu Katharinas Wohnung, mein Fahrrad holen, und dann ab nach Österreich!